Die Jugend tobt in Trance

18. September 2022. Diese Bakchen haben allen Grund, gegen das alte Herrscherhaus anzurennen: Die Welt brennt, die Apokalypse naht, Depressionen zeichnen den Pfad der Jugend. Julia Wissert hat die Euripides-Tragödie "Die Bakchen" zum Generationenporträt umgebaut. Und taucht es in rauschhafte Bilder.

Von Sarah Heppekausen

18. September 2022. Dionysos schiebt sich quälend langsam durch die Reihen der Zuschauenden, drückt sich an die Saalwand. Hautenge Kleidung, lange blonde Haare. Bei Antje Prust ist der Gott des Rausches in Menschengestalt einer, der sich nicht sicher fühlt in seiner Haut. Dionysos schwankt, seine Identität steht zur Disposition: "Say my name!", schreit er. Oder sie. Das Geschlecht spielt da keine Rolle. Diese Bakchen-Geschichte ist vielmehr eine der Generationen.

Julia Wissert inszeniert einen bilderreichen Konflikt der menschlichen Gemeinschaft. Dafür hat Dramaturgin Sabine Reich eine eigene Version der Euripides-Tragödie geschrieben. Es ist ihre fürs erste letzte Produktion am Theater Dortmund. Als Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin hat sie das Haus „aus persönlichen Gründen“ im Sommer verlassen (siehe auch den jüngsten nachtkritik-Bericht zur Lage).

"Ich kann nicht atmen"

Dionysos geht gnadenlos gewaltvoll gegen Theben und dessen Herrscher Pentheus vor. Weil er dort nicht als Gott, nicht als ein Sohn des Zeus anerkannt wird. In seiner zähen Wut, gezwungen zur Bewegung in Zeitlupe, ist Dionysos Jugendlichen ähnlich. So zeigen es Wissert und Reich. Euripides’ Bakchen sind die Frauen Thebens, rasende Mänaden, die mit Dionysos exzessiv feiern. Hier sind es junge Menschen, die am gesellschaftsbedingten Perfektionismus zugrunde gehen. "Ich bin das seltsame Mädchen, das immer nur lacht" – "Ich kann nicht atmen" – "Es ist wie Ertrinken… Wie eine schwere Decke, die auf mir liegt und mich daran hindert aufzustehen". Ein bedrückendes Stimmenrauschen. Dem Chor der Kinder hat Sabine Reich Zitate aus einem "Depressions-Tagebuch" von der eBook-Plattform wattpad.com eingeschrieben. Es sind Zeugnisse einer "verlorenen Generation", die mit Dionysos Befreiung im Rausch findet. Hier darf sie ihre Narben zeigen.

 Bakchen1 805 Birgit Hupfeld uDie Bakchen nahen: Yotam Schlezinger (Musiker) mit Physical Theatre Student*innen der Folkwang Universität der Künste © Birgit Hupfeld

Kostümbildnerin Mascha Mihoa Bischoff hat die Physical Theatre Student*innen der Folkwang Universität, die den Chor der Jungen bilden, zunächst in adrett hippe Tennis-Outfits gekleidet. In verlangsamten Bewegungen mäandern die Angepassten über die Podeststufen der Bühne, hier mal ein Kopfstand, da mal eine Beuge. Ausdruckslos lächelnde Gesichter, die gemeinsam mit Pentheus’ Tochter (Valentina Schüler) die entscheidende Frage stellen: "Vater, siehst du mich?" Zur Techno-Party entkleiden sie sich dann bis zu einem hautfarbenem, engen Anzug, der Körperstränge nachzeichnet. Das ist visuell schon alles sehr eindeutig.

Sinnlicher Überschwang

Auch die Bühne von Nicole Marianna Wytyczak scheut keine großen, fast schon pathetischen Bilder. Ein abgerissenes Autodach, umgestürzte Säulen, ein halbierter Pferdekörper zeugen vom zerstörten Theben, von einer kaputten Gesellschaft. Dazu die fetten Farben: Große Videoeinspielungen auf der Bühnenhinterwand leuchten lodernd rot-orange, wenn schemenhaft die Wälder brennen. Bunte, verschwimmende Muster zelebrieren psychedelische Trance. Und wenn die ausbrechenden Jugendlichen bunte Blumen setzen, dann wird die Lichtstimmung auch mal rosa-rot. Zusammen mit Yotam Schlezingers sphärischem E-Gitarrensound knallt die Inszenierung im sinnlichen Überschwang.

Ankämpfen gegen das Bilderrauschen

Dagegen kommen die Schauspieler*innen nur schwer an. Adi Hrustemocić gibt einen bewusst lässigen Pentheus im lila Anzug, unterkühlt, aber doch stets bereit zum verbalen Austeilen. Alexander Darkow ist als Großvater Kadmos barfuß unterwegs. Beim ersten Auftritt verdeckt gezierte Witzigkeit noch jede Tiefe seiner Sätze. Aber wunderbar ist es, wenn er von den sich hemmungslos hingebenden jungen Städtern berichtet. Dann wird dieser Kadmos zum emotionalen Tier, kann seine Glieder kaum noch kontrollieren, überrollt vom Schwall seiner eigenen Worte. Pentheus' Tochter dagegen bleibt bei Valentina Schüler auf Distanz, zu sich, zu den anderen, zur ganzen Geschichte. Als sie sich, die im Wahn Verblendete, die ihren Vater für einen Löwen hält und im Techno-Rausch erwürgt, anschließend durch Kadmos ihrer Tat bewusst wird, bleibt ihre Regung oberflächlich. Ihre Worte nicht. In der Dortmunder Fassung antwortet sie mit Heiner Müller: "Ein toter Vater wäre vielleicht ein besserer Vater gewesen…".

Bakchen4 805 Birgit Hupfeld uDüstere Feier: Antje Prust (vorn im Ganzkörperanzug) im Kreise der dionyischen Jugend © Birgit Hupfeld

Dionysos hat sich mit der jungen Generation verschwistert. Nicht rationale Ordnung gegen ein blumig-buntes Chaos (oder nur ein bisschen), nicht die Angst vor allem Weiblich-Wilden, hier ist der Konflikt ein Kommunikationsproblem, ein Nicht-Wahrnehmen des anderen. "Ich bin die Vielfalt des Kosmos" verkündet Dionysos am Ende mit dem Philosophen und Queer-Theoretiker Preciado. Aber viele Worte verlieren sich an diesem Abend im Bilderrauschen.

 

Bakchen – die verlorene Generation
nach Euripides
in einer Fassung von Sabine Reich
Regie: Julia Wissert; Bühne und Video: Nicole Marianna Wytyczak; Kostüm: Mascha Mihoa Bischoff; Musik: Yotam Schlezinger; Choreografie: Keelan Whitmore; Videotechnik und Live-Kamera: Tobias Hoeft, Daniela Sülwold; Dramaturgie: Sabine Reich; Licht: Sibylle Stuck.
Mit: Antje Prust, Valentina Schüler, Adi Hrustemović, Alexander Darkow sowie als Kinder die Physical Theatre Student*innen der Folkwang Universität der Künste: Milena Cestao Kolbowski, Akasha Daley, Melanie Geldner, Goa-Louisa Kollewijn, Meret König, Gaia Pellegrini, Juliette Roussennac, Valentin Schwerdfeger, Carla Wyrsch.
Premiere: 17. September 2022
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

Kritikenrundschau

Intendantin und Regisseurin Julia Wissert setze "stärker als zuvor (...) auf die Klassiker-Karte", bilanziert Sven Westernströer die Dortmunder Spielzeiteröffnung in der WAZ (18.9.2022), wo nach dem "Woyzeck" nun die "Bakchen" folgen. Distanz sei "garantiert das Letzte, was die Regisseurin mit diesem Abend erreichen möchte". Wisserts Inszenierung strotzer "vor farbenfrohen Bildern, satten Beats und pulsierendem Licht". Videoanimationen und die sich dauernd bewegende Drehbühne seien "eine Augenweide". Wissert gehe "etwas couragierter als bislang gesehen zu Werke" und die Schauspieler:innen – vor allem die vom Rezensenten besonders hervorgehobene Antje Prust – folgten ihr auf diesem Weg "bereitwillig". 

Dramaturgin Sabine Reich habe "den antiken Text klug mit Teilen eines Depressionstagebuches von Nikxxo kombiniert", um den "Konflikt von einsamen Kindern und desinteressierten Eltern" herauszuarbeiten, schreibt Bettina Jäger in den Ruhr Nachrichten (18.9.2022). Das sei "deutlich zeitgemäßer". "Fatal" hingegen sei "das allzu
liebe Bühnenbild von Nicole Marianna Wytyczak, das ein Ausbund an Harmlosigkeit ist". So werde dem Stück letztlich "alle Drastik ausgetrieben".

 

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