Wie Maggie Thatcher die Proletarier prügelt

22. September 2022. Gruselstunde am Berliner Ensemble: Zwischen Totenschädeln lugen Helden des 20. Jahrhunderts hervor, um mit Bertolt Brecht die Arbeiterklasse zu suchen oder das "Lob des Kommunismus" zu singen. Jux, Dallerei und Dialektik mit Puppenspiel-Virtuosin Suse Wächter.

Von Janis El-Bira

22. September 2022. Das Berliner Ensemble arbeitet weiter emsig an der Diversifizierung seines Portfolios. Postdramatische Trümmerlandschaften, poppige Soli, VR-Geschichten, mehr oder weniger gut abgehangene Klassiker oder eine stets ausverkaufte "Dreigroschenoper" als Beispiel gelungener Denkmalpflege – im Haus am Schiffbauerdamm gibt es mittlerweile viele Wohnungen.

Meisterin des V-Effekts

Eine der besonders gemütlichen hat hier nun die Puppenspielerin Suse Wächter eingerichtet. Es raucht, tönt und leuchtet an diesem Abend, der sich "Brechts Gespenster" nennt und dessen freundliche Dunkelheit fortwährend Traumgestalten mit Klappmaul und Nackeneingriff gebiert. Wächter ist seit Jahrzehnten eine unbestrittene Meisterin jenes Spiels, das den V-Effekt gleichsam automatisch integriert hat. Als doppelte Performerin des eigenen wie des Puppenkörpers fallen bei ihr der Effekt und dessen Herstellung zusammen, bleiben aber gleichzeitig sichtbar getrennt.

In den schönsten Momenten ihrer Kunst entsteht so eine Transparenz, die den Zauber der Illusion nicht bricht, sondern um das Wunder seines Zustandekommens multipliziert. Und die alte Berliner Puppenkiste, die Wächter für "Brechts Gespenster" zusammen mit Hans-Jochen Menzel sowie den Musikern und Co-Spielern Matthias Trippner und Martin Klingeberg ein bisschen knarzend auftut, kann in ihrer ganzen Virtuosität noch immer vergessen lassen, dass vorne die Gemachten und dahinter die Macher:innen stehen.

Brechts Gespenster 2 Joerg Brueggemann uLehrstunde in Neoliberalismus: der Geist von Maggie Thatcher (geführt von Suse Wächter) spaltet die Arbeiterklasse © Jörg Brüggemann

Wie von einem Windhauch getragen fliegt das leibhaftige Gespenst des Kommunismus samt Totenschädel und Bettlaken an den vorderen Saalreihen vorbei. Es wird viel und schön gesungen, mitunter sogar Brechtlieder. Eine Manfred-Wekwerth-Puppe mit hummerroter Kommunistenbirne erklärt das epische Theater am Anti-Beispiel Hamlets und stolpert über den eigenen Wikipedia-Eintrag. Der Hausherr selbst – mit Zigarre und rollendem R seit jeher ein Klassiker des Wächter'schen Puppenstamms – zitiert am liebsten die eigene Person und legt dabei den Kopf in den Nacken und stemmt die Hände in die Hüften, als säßen dort Fleisch und Knochen und nicht etwa Stoff und Nähte. Schauerlich fast, wenn diese Lebensechten anschließend wieder an ihren Haken auf der Vorderbühne des Großen Hauses hängen, stumm neuer Beseelung harrend.

Talentschau mit Pavarotti, Kafka und Sigmund Freud

So reiht sich Trick an Trick auf der Perlenkette einer Nummernrevue, die selbst für Luciano Pavarotti, Franz Kafka, Wächter-Urgestein Sigmund Freud oder die doch arg am Brecht-Kitsch klebende Zwergengruppe der "kleinen Leute" mit dem "kleinen Portemonnaie" noch irgendwie Platz findet. Es herrscht die Dramaturgie einer Talentschau: Was kann, das muss.

Einzig eine durch Wächters Stimme im schönsten Queen-Englisch parlierende, großartig mumifizierte Margaret-Thatcher-Puppe stellt annähernd dialektische Verhältnisse her, indem sie den Beweis antritt, dass sich das "Lob des Kommunismus" ohne größere Verrenkungen kapitalistisch wenden lässt. Dass sie dann noch den uniformen Gliederpüppchen des Proletariats das Gift des Individualismus einimpft, bevor sie die so Vereinzelten scheppernd von der Klippe schubst – man hat’s schneller verstanden, als die Szene dauert.

Freundliche Theatergruselnacht

Wohin aber mit all den ungerufenen Geistern dieser kurzen Theatergruselnacht? Wohin mit Karl Marx und seinem schlecht gealterten Zwilling, dem lieben, kalauernden Gott? Wohin mit Henry Ford und Schrödingers Katze, die tot über Freuds Couchlehne hängt? Es wuchert hier kein Wahnsinn, der sich in Verschwendung gefällt. Stattdessen kommen aus der Pandorabüchse lauter Übriggebliebene, die auch noch einmal freundlich hui buh sagen wollen. Vielleicht ist es aber dieses spezielle Haus selbst, das sie dann doch irgendwie eingefangen bekommt. Als Angebot an alle, für die Brecht in Berlin draufstehen, aber nicht gleich komplett drin sein muss. An Gespensterfans und Magieempfängliche. Portfoliodiversifizierung wäre ein zu hässliches Wort dafür.

 

Brechts Gespenster
von Suse Wächter
Regie: Suse Wächter, Bühne: Konstanze Kümmel, Musik: Matthias Trippner, Martin Klingeberg, Dramaturgie: Bernd Stegemann.
Mit: Hans-Jochen Menzel, Suse Wächter, Matthias Trippner, Martin Klingeberg.
Premiere am 21. September 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (22.9.2022) ist dieser Abend "ein leicht und fröhlich konsumierbares, lange nachwirkendes Nummernprogramm, ein windschiefes Wunschkonzert von abgenudelten und unsterblichen Brecht-Liedern und ebenso abgenudelten und unsterblichen Widersprüchen des klassischen Materialismus sowie des Verwandlungs- und Verfremdungstheaters".

Nicht "Brechts Leben steht im Zentrum, sondern die Glaubenssätze seines Theaters", berichtet Barbara Behrendt für rbb|24 (22.9.2022). Sie hat für Momente "große Puppenspiel-Kunst" erlebt (etwas im Auftritt von Hans-Jochen Menzel mit der Manfred-Wekwerth-Puppe); der Abend sei in seinem Musical-Ansatz "ungeheur charmant". Jedoch: "Besonders tiefschürfend ist es allerdings nicht." Das Stück im Ganzen fühlt sich für die Kritikerin etwas nach Auftragsarbeit an; "nicht Suse Wächters stärkster Abend".

Die "wunderbare und sowieso nicht genug zu preisende" Suse Wächter unternehme "eine ziemlich lustige Geisteraustreibung", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (22.9.22). Wenngleich der Abend "Brechts Gespenster" heiße, habe hier "die halbe Geisteswelt der jüngeren Geschichte" ihren Auftritt. Und gegen Ende komme "zwischen all dem Spott für Brechts Klassenkampf-Kalendersprüche" sogar noch etwas Härte auf, urteilt der Kritiker.

Gerade für Brecht-Einsteiger biete der Abend "viele schöne Aha- und Weiterdenk-Momente", resümiert Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (22.9.22). Schwierig werde er allerdings, "als drei (Garten-)Zwerge sich als Sinnbilder der 'kleinen Leute' über mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten beklagen". Da wisse man nicht so recht, ob das eine Parodie sein solle oder ob "Gesellschaftskritik bei Wächter und ihrem Dramaturgen Bernd Stegemann wirklich so platt" sei. Dennoch tröste der Abend in seinem Reichtum "über die paar Durchhänger und Leerstellen" locker hinweg.

Generell huschten die Gespenster bei Suse Wächter, "eher harmlos-flüchtig an der Oberfläche vorüber als sich irgendwo wirklich gefährlich einzunisten", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (22.9.22). "Die Séance mit dem Hausgeist vom Schiffbauerdamm erinnert an ein Kabarettprogramm mit mehr oder weniger charmanten Nümmerchen."

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Brechts Gespenster, Berlin: Stichwortgeber Bernd StegemannKonrad Kögler 2022-09-22 09:29
Während der ersten Stunde hat der Abend den Charakter einer kulturgeschichtlichen Nummern-Revue, die Szenen sind nur lose aneinander gereiht. Am stärksten ist Suse Wächter, wenn sie bei der Lockdown-Ausgabe des Augsburger Brecht-Festivals 2021 kurze Schlaglichter und Miniaturen aufblitzen lassen kann. Über die längere Distanz wirken die Puppen-Kabarett-Einlagen dann oft redundant.

Dem letzten Drittel des Abends drückt Bernd Stegemann, Dramaturg, politischer Essayist und Stichwortgeber von Sahra Wagenknecht seinen Stempel auf. Die Puppen klagen in einer präzisen soziologischen Beschreibung über das ausbleibende Aufstiegs-Versprechen, das der Bonner Republik Stabilität verlieh. Sie legen den Finger in die Wunde der prekären Lieferdienste- und Mc-Jobs, bei denen sich viele für einen Hungerlohn abstrampeln. Zum Schluss machen sie sich noch über die Ikone des Neoliberalismus, der prägenden Ideologie der 90er und 00er Jahre lustig: Margaret Thatcher kommt als bis auf das Skelett abgemagerte Zombie-Puppe wieder auf die Bühne und darf ihre berühmten Parolen wie „There´s no such thing as society“ zum Besten geben.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2022/09/21/brechts-gespenster-berliner-ensemble-theater-kritik/
#2 Brechts Gespenster, Berlin: Feinsinnige KritikTheaterwiefergänger 2022-09-22 10:26
Was für ein schöne, feinsinnige Kritik! Danke !
#3 Brechts Gespenster, Berlin: NachfrageKunstundFreiheit 2022-09-22 10:28
#1: Inwieweit ist Bernd Stegemann ein Stichwortgeber für Frau Wagenknecht?
#4 Brechts Gespenster, Berlin: Stichwortgeber StegemannKonrad Kögler 2022-09-23 07:17
@ #3: Warum Bernd Stegemann ein Stichwortgeber für Sahra Wagenknecht ist, erklärt z.B. dieser Beitrag: www.deutschlandfunkkultur.de/aufstehen-mitinitiator-bernd-stegemann-die-linke-politik-100.html

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