Keine Ruhe vor dem Ende

24. September 2022. Seinen "Platonow" schrieb Anton Tschechow noch als Gymnasiast. Eine Komödie um die Machenschaften eines Don Juan auf dem Lande. Regisseur Timofej Kuljabin erzählt ihn nun mit einem künstlich vergreisten Ensemble als Reise an die Ränder des Todes – und ruft die leeren Bühnen Russlands vor Augen.

Von Michael Wolf

24. September 2022. Die Maske hat ganze Arbeit geleistet. Wohin man blickt Krähenfüße, Falten, hängende Augenlider, dazu falsche Buckel und Bäuche, weißes Haar. Das Ensemble scheint über Nacht um Jahrzehnte gealtert. Frappant ist der Anblick besonders bei den jüngeren Schauspielern. Max Thommes und Linn Reusse sind kaum wiederzuerkennen. Der Ort der Handlung ist ein heruntergekommenes Seniorenheim für Künstler, irgendwo in der russischen Provinz. Doch die eigentliche Reise, die sie am Deutschen Theater an diesem Abend antreten, ist eine durch die Zeit, in die Nähe des Todes. 

Versprechen auf tiefe Empfindungen

Manuel Harder betrachtet zu Beginn Katrin Wichmann, wie sie regungslos auf ihrem Stuhl sitzt. Er hält ihr seine Brille vor den Mund, prüft, ob sie beschlägt, fühlt dann noch ihren Puls, bevor sie endlich erwacht. Die beiden lachen, beginnen eine Runde Schach, während am Nebentisch einer von früher erzählt, ein anderer die alten Kamellen nicht hören will. Bald nicken sie alle wieder ein, erschöpft von einem Leben, das längst vergangen scheint. Erst ein Neuankömmling wird diese Ruhe vor dem Ende stören, wird in einigen Hoffnung wecken, um sie alle schließlich ins Unglück zu stürzen.

Regisseur Timofej Kuljabin hat Anton Tschechows erstes Stück zusammen mit Roman Dolzhanskij stark gekürzt und die Handlung in jenes Seniorenheim verlegt. Tschechow hatte "Platonow" noch als Gymnasiast geschrieben, das Manuskript tauchte nach seinem Tod im Nachlass wieder auf. Ein Dorfschullehrer bringt darin die Damen um den Verstand. Sie sehen in ihm einen Ausweg aus der Einöde, ein Versprechen auf tiefe Empfindungen und intellektuelle Abenteuer. Doch er meint es nicht ernst, spielt nur mit ihnen. 

Etwas anderes als Realismus

Am Deutschen Theater gibt Alexander Khuon die Hauptrolle, hier als gealterter Schauspieler. Er flirtet aus Langeweile mit seinen Verehrerinnen, rutscht im Spaß vor ihnen auf Knien und stößt sie brüsk wieder von sich. Ein Zyniker und Sadist ist er, der immerzu nach Macht über die Menschen strebt. Hat er sie erst, weiß er jedoch nichts mit ihr anzufangen. Wenn Brigitte Urhausens Sofia ihn halb prügelt und halb anfleht, Birgit Unterwegers Maria vor seinen Augen zerfließt oder Katrin Wichmanns Anna ihm an die Wäsche will, sehnt er sich nur nach dem nächsten Glas Wodka. Ihre Begierde nach einem Neuanfang ist ihm fremd, wohl, weil er selbst nie wirklich gelebt hat und sich nur an der Energie der anderen labte, um für einen weiteren Tag seine innere Leere ignorieren zu können. 

Platonowvon Anton Tschechow in einer Fassung von Timofej Kuljabin und Roman Dolzhanskij Regie: Timofej KuljabinBühne: Oleg GolowkoKostüme: Vlada PomirkovanayaDramaturgie: John von Düffel, Roman DolzhanskijLicht: Robert Grauel, Oleg GolowkoAuf dem Bild: Manuel Harder, Enno Trebs, Katrin Wichmann  Copyright Arno Declair    arno@iworld.deBirkenstr.13b     10559 Berlinmobil  +49 (0)172 400 85 84Konto 600065 208 Blz 20010020    Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFFHonorarfrei für Rezensionen und Vorankündigungen. Bitte lesen und beachten Sie das Copyright!Mehrwertsteuerpflichtig 7 %   USt-ID Nr. DE118970763St.Nr. 34/257/00024       FA Berlin Mitte/Tiergarten Vorab ProbenfotoStark gealtert: Manuel Harder, Enno Trebs, Katrin Wichmann © Arno Declair

Man tut gut daran, das konzentrierte Spiel des Ensembles nicht mit Realismus zu verwechseln. Anderenfalls müsste man sich über die Darstellung der Senioren, ihrer Gebrechen und ihrer Verzweiflung, ärgern, die hier mit einer gewissen Freude an der Drastik daherkommt. Nicht das Alter ist das eigentliche Thema, durchaus aber der Tod, wenngleich in einem abstrakten Sinne: als eine Gegenwart, in der sich jeder Glaube an die Zukunft verbietet. Man blinzelt an diesem über weite Strecken durchaus humorvollen Abend hin und wieder in die Tiefe der menschlichen Seele und entdeckt darin Einsamkeit, Angst und Verlust.

Russlands verwaiste Bühnen

Damit verbunden ist "Platonow" auch eine Meditation über das Theater selbst. Am Ende wischt eine Putzfrau den Veranstaltungsaal des Heims, die Bühne über ihr ist verwaist. Man darf das Bild als Fingerzeig des im Exil lebenden Regisseurs Kuljabin auf die russischen Theater verstehen, die gerade reihenweise unliebsame Künstler vor die Tür setzen. Als Totenfeier für die Kunst erscheint der Abend da. Doch was gibt es an ihr zu feiern? Mit der Hauptfigur zeichnen Kuljabin und Khuon ein erstaunlich kritisches Bild des Schauspielers. Bei ihm läuft Spiel nur auf Verstellung hinaus, es will keine Wahrheit ergründen, sondern resultiert nur in der tiefen Enttäuschung, die alle Figuren überfällt, wenn sie verstehen, dass sie die ganze Zeit belogen wurden. 

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. In einer Szene verführt Platonow reihenweise die Damen, während die anderen Insassen auf der Bühne kurze Showeinlagen vorführen. Sie können es nicht lassen. Selbst Maria, eine frühere Ballerina, die inzwischen kaum noch zwei Meter ohne ihren Rollstuhl zurücklegen kann, tritt schließlich noch einmal auf. Der Tanz ist ihr eine Möglichkeit, mindestens aber ein Anlass, die Fesseln zu lösen, das schwache Fleisch in etwas anderes zu verwandeln. Der Wunsch zu leben und die Kunst erscheinen an diesem Abend als Zwillinge. Wer diesen Gedanken für sentimental hält, hat natürlich völlig recht, könnte ihn aber auch einfach schön finden.

Platonow
von Anton Tschechow in einer Fassung von Timofej Kuljabin und Roman Dolzhanskij
Regie: Timofej Kuljabin, Bühne: Oleg Golowko, Kostüme: Vlada Pomirkovanaya, Dramaturgie: John von Düffel, Roman Dolzhanskij, Licht: Robert Grauel, Oleg Golowko.
Mit: Alexander Khuon, Linn Reusse, Katrin Wichmann, Enno Trebs, Brigitte Urhausen, Manuel Harder, Max Thommes, Birgit Unterweger, Jonas Holupirek, Mathilda Switala. 
Premiere am 23. September 2022
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

"Kuljabin hat eine klare Schneise in das fragmentarische Tschechow-Drama mit den zahllosen Themen geschlagen und sich auf das Liebesvakuum und die Einsamkeit der Menschen bis zum Tod konzentriert", sagt Barbara Behrendt im rbb Inforadio (gesendet am 24.9.2022). Das sei konsequent, führe aber auch dazu, dass der Abend ziemlich handlungsarm und absehbar umhersegele. "Ein Vergleich mit der Isolation russischer Künstler in der Gegenwart ist, anders als der Regisseur im Programmheft nahelegt, nicht auszumachen", so Behrendt, die sich außerdem irritiert zeigt von der Besetzungsidee. "Einerseits machen die Schauspieler:innen immer wieder deutlich, dass sie alte Menschen weder naturalistisch imitieren möchten noch sie parodieren. Andererseits wird hier Komödie gespielt und der Gehstock voller Zorn in die Luft gereckt, werden die Hände parkinsonhaft zum Zittern gebracht. Bieder und trutschig wirken die naheliegenden Alters-Zoten dann eben mitunter doch. Trotzdem: Der Irrsinn des wahllos nach Liebe gierenden, leeren, verzweifelten Menschen wird einem an diesem Abend plastisch vor Augen geführt."

"Im ersten Teil des Abends ist das Ganze noch ein bisschen sehr komödiantisch angelegt", urteilt Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (24.9.22). Aber nach der Pause werde die Inszenierung "tragischer und deutlich stärker auch, weil berührender". Es handele sich zudem um "ein Stück übers Spiel, übers Theater, über die Kunst", so die Kritikerin. Am Ende sei die Bühne leer: "Sie wird nicht mehr gebraucht. Entweder weil keiner mehr gucken kommt. Oder weil jetzt keiner mehr spielt."

"Die metaphorische Lesart vom Ende der Kunst und Sterben der Kultur", die Regisseur Kuljabin im Programmheft vorschlage, klinge auf dem Papier plausibel, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (25.9.22). Ihr tatsächlich zu folgen, sei angesichts dessen, was auf der Bühne stattfinde, allerdings eine Herausforderung: "Es ist erstaunlich, wie wenig sich der Verfremdungseffekt dieses Spiels im Spiel tatsächlich transportiert – und wie gering der Mehrwert des Seniorenheim-Settings bleibt." Die Diagnose vom Sterben des Theaters und der Kunst, die die Inszenierung laut Konzept stellt, würde noch härter treffen, wenn beide an diesem Abend tatsächlich einen großen Auftritt hätten, so das Fazit der Kritikerin.

Es sei "prinzipiell keine unraffinierte Idee", Tschechows Jugendwerk in ein Altenheim zu verlegen, findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (25.9.22). Denn im Stück herrsche "Endzeit", und immer halte "ein unsichtbares Bleiband alle tatenlos darin gefangen" – worin der Regisseur laut Programmheft eine Parallele zum heutigen Russland sehe. "Wirklich glaubhaft aber entfaltet sich diese Aktualität nicht", urteilt die Kritikerin. Eine "nette Künstlertragikomödie" sei es vielmehr, was man auf der Bühne tatsächlich zu sehen bekomme. "Von Gesellschaftskritik keine Spur. Und das in Zeiten des Krieges", resümiert Meierhenrich.

Eine "feine, behutsame Inszenierung", die "mit ihren empathischen Fragen, nicht mit schnellen Antworten" berühre, hat Irene Bazinger von der FAZ (25.9.22, €) gesehen. "Wehmütig wie überzeugend" erzähle Kuljabin, "indem er Tschechows Personen unerbittlich dem Tod entgegentreibt, dass die Menschen nichts aus der Geschichte lernen."

Alle seien so sehr damit beschäftigt sind, 'alt' zu spielen, dass der eigentliche Inhalt des Stückes dabei zur Nebensache werde. "Und auf der anderen Seite der Rampe wird man als Zuschauerin so davon in Anspruch genommen, die Diskrepanz zwischen dem künstlich greisen Agieren und dem jüngeren Stimmklang der DarstellerInnen zu verarbeiten, dass es daneben kaum noch möglich ist, die behaupteten zwischenmenschlichen Probleme dieser verkleideten Personen ernstzunehmen", schreibt Katharina Granzin von der taz (28.9.2022).

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Platonow, Berlin: Keine überzeugende IdeeKonrad Kögler 2022-09-24 08:59
Ja, Zustimmung zum ersten Absatz der Kritik: Ein gelungener Regie-Einfall sind die Masken, hinter denen die DT-Ensemble-Spieler*innen und die beiden Gäste der koproduzierenden Luxemburger Bühne (Birgit Urhausen und Max Thommes) fast bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. Timofej Kuljabin verlegt Tschechows fast noch pubertären Erstling „Platonow“, der erst nach seinem Tod erschien, in eine russische Senioren-WG ehemaliger Künstler*innen. Vor allem die jüngeren Spieler*innen wie Enno Trebs und Linn Reusse sind so geschickt auf alt getrimmt, dass sie erst auf den zweiten Blick und vor allem an ihren Stimmen zu erkennen sind.

Doch leider war das bereits alles, was an dem Abend zu loben ist. Das größte Manko bleibt, dass Kuljabin und Roman Dolzhanskij (neben John von Düffel Dramaturg des Abends) für ihre gekürzte Fassung von Tschechows ausuferndem Frühwerk keine überzeugende Idee entwickeln. Vor allem die ersten knapp 75 Minuten sind eine Zumutung: die Dialoge der Spieler*innen klingen hohl. Die „Platonow“-Fassung bleibt so dünn wie die Buzzwords im Programmheft-Interview zu Liebe und Vergänglichkeit. Zu keinem Moment gelingt es aber den Spieler*innen oder der Textfassung überzeugend klar zu machen, was an dem narzisstischen Typen, der einige Gemeinheiten raushaut, so begehrenswert und aufregend sein soll, dass ihm die Frauen reihenweise verfallen.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2022/09/23/platonow-timofej-kuljabin-deutsches-theater-berlin-kritik/

Kommentar schreiben