Weinen in der Winterkälte

von Georg Petermichl

Wien, 10. Dezember 2008. Ein Aktenordner, ein Aschenbecher, eine Mineralwasserflasche. Manchmal braucht das Theater nur den Bruchteil seiner üblichen Requisite, um den Bogen zum wahrhaftigen Leben zu schließen. Das Wiener Theater in der Josefstadt ist zwar berüchtigt für gut ausstaffierten, farbenfrohen Boulevard mit Nostalgieeffekten. Mit der Eröffnung seiner Probebühne hat es aber soeben einen neuen Seitenweg eingeschlagen. Raphael Schuchter steht hier auf den roh belassenen Brettern einer Sockelbühne, wenn er als Friedrich Zawrel aus dem Leben eines Folteropfers der NS-Kinder-Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund" berichtet.

Es ist eine minutiös recherchierte Geschichte über Friedrich Zawrel, die uns gezeigt wird; und dieser Friedrich Zawrel sitzt auch im Premierenpublikum. Das Stück zeigt seine wahre Geschichte: Während des Dritten Reiches standen sich der Psychiater, Gerichtsgutachter und überzeugte Nationalsozialist Dr. Heinrich Gross und Friedrich Zawrel, der als Kind in die Fänge der nationalsozialistischen Psychiatrie geraten war, gegenüber. Der eine Arzt und Täter, der andere Patient und Opfer. Friedrich Zawrel wurde später, in den 70er Jahren, als Dieb und Räuber verurteilt, war Wiederholungstäter und saß abermals einem psychiatrischen Gutachter gegenüber, und wieder war es Dr. Heinrich Gross. Zawrel musste sechs Jahre ins Gefängnis, Gross wurde für seine unmenschlichen Taten in der NS-Zeit nie rechtskräftig verurteilt.

Wenige Schritte zur Wahrheit

Regisseur Stefan Geszti gibt in 33 Short-Cuts einen Einblick in das Leben Zawrels. Mit minimalen Mitteln: Ein paar Schritte zur Wasserflasche bestimmen den Rhythmus des Abends, einige Zigarettenzüge besorgen den Rauch, der die Figur vor den harten Fakten aus dem Off schützt, und aus dem Aktenordner werden hastig Zitate aus Gerichtsunterlagen und Krankengutachten gefingert. Diese zurückgenommenen Elemente besorgen den Bindfaden zwischen Theater und Realität. Dazu wird der Ein-Mann-Vortrag mit Standmikrofon verstärkt. Das Publikum ist somit in die Atmosphäre eines unbequemen, inneren Monologs eingeschlossen, in ein sehr persönliches Biografietheater

Derzeit steht im Theater in der Josefstadt also zeitgenössisch anspruchsvolle Geschichtsaufarbeitung auf dem Programm, und nicht deren Umschiffung. Die Position des Theaters zur Zeit der Nationalsozialisten wurde Ende November bei einem Symposion aufgearbeitet: Joseph Goebbels nannte das Theater einst angeblich ein "KZ auf Urlaub". Die vormaligen Intendanten Otto Preminger, Max Reinhardt und Ernst Lothar waren da schon im Exil; das hatte zu dieser Zeit aber nur ein Teil der jüdischen Belegschaft geschafft. 1944 war das Theater dann regimetreu eingeschworen: Es erhielt einen Sonderstatus in der allgemeinen Theatersperre.

Die Vorgeschichte der Wahrheit

Das Theater widmet sich nun also seinen braunen Flecken, und keine Marketingstrategie – keine Premiere von Feydeau, kein neuer Nestroy – verblenden das Ergebnis. Mehr noch: Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung setzt das Theater mit "In der Psychiatrie ist es nicht so schön..." ein Theaterstück an, das quer zur leicht verständlichen Geschichtschronologie läuft. Nur in Nebensätzen erzählt Schuchters Zawrel vom offenen Antisemitismus, vom Leiden entlang der Idealvorstellungen der Nazis. Und das Kriegsende wird völlig ausgelassen.

Wenn überhaupt, dann setzt für Friedrich Zawrel das Ende der NS-verwandten Demütigung erst 1979 ein. Zu diesem Zeitpunkt stemmt sich die österreichische Öffentlichkeit endlich gegen jenen Dr. Heinrich Gross, der als Stationsarzt der "Wiener städtischen Jugendfürsorgeanstalt" misshandeln und ermorden ließ. Gross genoss seinerzeit den Ruf eines angesehenen psychiatrischen Gerichtssachverständigen. Seine Vergangenheit wurde mit politischer Unterstützung vergraben. 1976 konnte er deshalb seinem ehemaligen Opfer Zawrel ein vernichtendes Urteil für dessen Strafgerichtsprozess auszustellen. Zawrel brauchte daraufhin drei Jahre, um den Skandal publik zu machen, und fünf, um von der Haft entlassen zu werden.

Mehr als die Wahrheit

Um von diesem Kampf zu berichten, steigt Schuchters Zawrel von der Bühne und dreht im gleißenden Saallicht seine Vortragsrunden direkt vor dem Publikum. Dieser Darstellungsaktionismus hebt sich deutlich von den Momenten davor ab: Schuchter ist jetzt völlig in seinen Vortrag vertieft. Die Hände graben in den Taschen des Nadelstreifanzugs herum, die Haare sind feinsäuberlich nach hinten gekämmt. "Ich habe vom Dr. Gross geträumt." Und: "Nacht für Nacht hab ich das Wimmern und Weinen von den kranken Kindern gehört, die auf den Balkonen der Winterkälte ausgesetzt wurden, bis Minusgrade ihr Leben beendet haben."

Regisseur und Autor Stefan Geszti konzentriert sich allerdings nicht auf atmosphärische Schockmomente. Sein Friedrich Zawrel spricht aus dem Leben, also im Dialekt. Mit manchmal bohrendem, oftmals beiläufigem Erzählduktus gleitet er über seine schwierige Pflegekindheit, wie über die Misshandlungen im "Spiegelgrund", seine Liebe zu Nietzsche, wie über seine strafrechtlichen Vergehen. Somit beschränkt sich der Abend nicht auf die Aufarbeitung der NS-Gräuel, die parallel zur Theatergeschichte verlaufen; ihm gelingt eine intime Wiederbelebung ihrer Umstände.

"Probebühnen sind Orte der Selbstbefragung", hat der Intendant des Theater in der Josefstadt, Herbert Föttinger, gesagt. Dieser Abend legt ein großartiges Fundament für künstlerische Weiterentwicklung.


"In der Psychiatrie ist es nicht so schön ..."
33 Short Cuts aus dem Leben des Friedrich Zawrel
von Stefan Geszti, Uraufführung
Regie: Stefan Geszti. Mit: Rafael Schuchter.

www.josefstadt.org

 

Zuletzt sahen wir am Theater in der Josefstadt Halpern & Johnson von Lionel Goldstein in der Inszenierung des Intendanten Herbert Föttinger.

 

Kritikenrundschau

bp von der Wiener Tageszeitung Die Presse (Printausgabe vom 12.12.) berichtet, dass es sich bei dem NS-Kinderheim Am Spiegelgrund um das heutige Otto-Wagner-Spital auf der Baumgartner Höhe handle und dass das Thema bereits von Christoph Marthaler und Johann Kresnik aufgegriffen worden sei. Die "spezielle Aura" des Abends in der Josefstadt sei Rafael Schuchter "zu verdanken", der "Zawrels unermesslich schreckliche Erinnerungen" im smarten Outfit und Auftreten eines "Bankangestellten" "wieder aufleben lässt": "Hier redet kein einfacher Mensch von seinem privaten Leid. Hier werden allgemeine Phänomene in dem Anlass gemäß wuchtiger, dann aber auch wieder nachdenklicher Weise verhandelt (...)". "Die Aufführung hebt das Geschehen über die Konfrontation Zawrels mit seinem Peiniger hinaus." Zawrel habe neben Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der ersten Reihe gesessen. "Föttinger umarmte am Ende den weinenden alten Mann, der wie ein Bindeglied zwischen Bühne und Leben wirkte. Manchmal sind Worte zu arm, ein Theatererlebnis zu beschreiben.

Michaela Mottinger im Wiener Kurier (11.11.) ergänzt, dass es zum Fall Zawrel auch einen Spiefilm von Elisabeth Scharang sowie ein Buch gebe – "Eine Geschichte, die erzählt werden muss. Immer wieder.": "Rafael Schuchter tut es auf die ihm eigene Weise. Erst nachdenklich, fast lapidar, dann zunehmend wütend, traurig. Ein Holzpodium, ein Aktenordner, ein Aschenbecher genügen ihm beim Versuch, die unfassbare Erzählung eines der NS-Euthanasie Entronnenen fassbar zu machen. Wenn sich Schuchter mit dem Taschentuch über die Augen fährt, tut es ihm der in der ersten Reihe sitzende Zawrel gleich."

Dass der Film von Elisabeth Scharang "Meine liebe Republik" heißt, erfährt man wiederum von Petra Rathmanner in der Wiener Zeitung (12.11.). Auch sie empfand Rafael Schuchter auf der Probebühne der Josefstadt als "virtuosen Rezitator der Lebens- und Leidensgeschichte Zawrels": "Der Akteur steht auf einem Podest; die minimalen Effekte – dezentes Licht, einige Takte Musik – reichen aus, um einen einstündigen Theaterabend mit Sogkraft zu erzeugen."

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