Bitte keine Frösche küssen

27. September 2022. Demokratien sind fortschrittlicher als Monarchien. Das scheint Konsens in unserer liberalen Gesellschaft zu sein. Doch unser Kolumnist beobachtet trotzdem eine sture Faszination für alles Königliche. Diese wird besonders bei Kindern gefördert – auch im Theater. Wissen wir es mittlerweile nicht besser?

Von Wolfgang Behrens

27. September 2022. Neulich beim Theaterfest: Kurz vor einer Veranstaltung im Großen Haus unseres Theaters erklimmt ein kleines Mädchen – es wird drei oder vielleicht vier Jahre alt gewesen sein – die Bühne und stapft zielstrebig, ein bisschen stolz und irgendwie wirkungsbewusst der Mitte zu. Dort dreht es sich um, schaut in den Zuschauerraum und erblickt den riesigen Kronleuchter, der über dem Saal sein Licht verströmt (denn natürlich befinden wir uns in einem Theaterbau aus der Kaiserzeit, einem dieser Repräsentationshäuser, mit denen die Architekten Helmer und Fellner Europa von Zürich bis Odessa überzogen). Das Mädchen hält ehrfürchtig inne und ruft dann: "Boaaah, wie im Schloss!" Und glücklich respondiert die Mutter, die unten vor der ersten Reihe steht: "Ja, und du bist die Prinzessin!"

Wie süß, werden viele derjenigen gedacht haben, die diese kleine Szene miterlebten. Ich hingegen fragte mich (ohne jedoch den Mut zu haben, diese Frage auch zu artikulieren), warum eigentlich kleine Mädchen immer noch so häufig auf die Rolle Prinzessin ausgerichtet werden – ein "role model", wie ich es mir blöder nicht denken kann. Es entführt die Mädchen gedanklich in eine glitzernde Scheinwelt, in welcher in der Regel ein patriarchales Gesetz herrscht: Prinzessinnen werden vom Fleck weg von einem Prinzen geheiratet, der im Zweifelsfall irgendwann die Arbeit erledigen und als König herrschen wird. Die Prinzessin indes ist nur dazu da, schön zu ein und in Luxus zu leben. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie dort noch heute.

Faszination Krone

Es ist doch überhaupt merkwürdig, wie sehr unsere liberale Gesellschaft auf Kaiserlich-Königliches fixiert bleibt. Über hundert Jahre, nachdem die letzten deutschen und österreichischen Kaiser zum Teufel gejagt bzw. zur Abdankung gezwungen wurden, ist es nach wie vor fast schon Ehrensache zu wissen, was bei den "royals" in der weiten Welt so abgeht – eine ganze Illustrierten-Branche lebt davon. Ein englischer Prinz und seine Frau streiten sich mit ihrer Familie, und der Welt stockt der Atem. Eine sehr alte Königin stirbt, und eine Woche lang verliert jedes andere Ereignis seinen Nachrichtenwert. Bei der Proklamation des neuen Königs ruft ein Mann: "Who elected him?" (Ja, wer hat ihn eigentlich gewählt?) und wird von der Polizei abgeführt, ohne dass es jemanden stört. Fasziniert blicken die Demokraten der Welt auf die Monarchen, als ob sie die häufigen Regierungswechsel in ihrer Staatsform nicht mehr aushielten und endlich mal wieder etwas Verlässliches an deren Stelle setzen wollten: Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben.

Wo die Prinzessinnen noch leben

Als ich noch ein Kritiker war, habe ich viele Kritiken über Stücke mit Königen, Prinzen und Prinzessinnen geschrieben, aber vergleichsweise wenige über solche mit Bundeskanzlern, Ministerpräsidenten oder sonstigen demokratisch gewählten Regierungschefs. Gibt es da vielleicht etwas aufzuholen? Immerhin muss man den Autor:innen vieler Königs-, Prinzen- und Prinzessinnendramen zugestehen, dass sie Ihre Majestäten oft nicht gut wegkommen ließen – bei Richard III. oder bei Claudius und Gertrud möchte man nicht gerne zum Staatsbankett geladen sein.

Im Kinder- und Kasperletheater allerdings überleben die Königinnen, Könige, Prinzessinnen und Prinzen vielerorts nahezu unbeschadet als mustergültige Vorbilder. Ich gestehe es ja, auch ich liebe – zum Beispiel – den "Sängerkrieg der Heidehasen". Aber ist es nicht fatal, dass dort die arrangierte Ehe mit der Prinzessin der Preis eines Wettsingens ist? Und dass der trottelige, aber grundgütige König, der am Ende beinahe den falschen Bräutigam ausruft, natürlich doch nur von seinem Minister hintergangen wurde?

Politische Kinder

Es gibt ein wunderbares, so gut wie nie gespieltes Kindertheaterstück. Es stammt von Einar Schleef, heißt "Das lustigste Land" und spielt im traurigsten Land. Denn dort lebt eine Königin, die sich zu Tode langweilt und ihre Untertanen dafür buchstäblich in Haft nimmt: Sie lässt nämlich die zuschauenden Kinder ins Gefängnis sperren. Mit Hilfe eines Clowns können die Kinder jedoch fliehen und entwickeln nun in gemeinsamer Diskussion mit den Schauspielern die Vision eines Landes, in dem man gut leben könnte. Am Ende werden König und Königin verjagt, und das Publikum errichtet seine eigene Demokratie. Über die Uraufführung des "Lustigsten Landes" 1984 in Wilhelmshaven war in "Theater heute" zu lesen (1984 schrieb "Theater heute" tatsächlich über Kindertheater in Wilhelmshaven!), dass das Stück "vom politischen Vermögen der Kinder" ausgehe. Das ist doch etwas, denn es traut den Kindern etwas zu, anstatt sie für dumm zu verkaufen. Die Rezension schließt mit den Worten: "Es [das Stück] sollte nachgespielt werden." Das will ich jetzt mal unterstreichen. Und alle kleinen Prinzessinnen und Prinzen müssen sich das anschauen.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Behrens: Prinzessinnenrolle?Luchino Visconti 2022-09-27 17:53
Ich könnte nicht behauptet, dass die Monarchien Dänemark oder Schweden weniger fortschrittlich sind als die Nicht-Monarchien Deutschland oder Frankreich. Auch die lange Zeit sehr starken schwedischen Sozialdemokraten haben nie ernsthafte Schritte gesetzt, um die Monarchie abzuschaffen. Vermutlich gibt es unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Kulturen und Traditionen zu unterschiedlichen Zeiten, die unterschiedliche Formen von Politik und Herrschaft benötigen oder ermöglichen. Und es gibt sicher auch einen Grund, weshalb Theater keine demokratische Strukturen aufweisen. Das Publikum wählt nicht die Intendanzen und stimmt nicht über den Spielplan oder die Besetzung ab. Warum eigentlich nicht? In Berlin an der Schaubühne oder in Frankfurt in den 1970ern wurde das zumindest mit der Beteiligung aller Beschäftigten versucht. Man könnte ja darauf zurückgreifen und - bei Bedarf - die jeweilige Intendanz verjagen wie den König bei Schleef. Wobei mich das Gefühl umschleicht, dass soviel demokratisches Bewusstsein und Handeln in den Theatern dann doch nicht willkommen sein werden.

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