Schattenflug nach Seoul

von Elena Philipp

Berlin, 11. Dezember 2008. Miriam Stein und Park Yung Min stehen auf der Bühne des Berliner HAU 3. Sie sind ein und dieselbe Person: Als Park Yung Min in Korea geboren und wenige Monate nach dem – vermuteten – Geburtsdatum 5.4.1977 ausgesetzt, wird sie mit acht Monaten von einer deutschen Familie in Osnabrück adoptiert und heißt fortan Miriam Dorothee Stein.

Deutsch sozialisiert, macht ihr der koreanisch aussehende Körper immer wieder den Bruch in ihrer Identität bewusst: "Du bist nie ganz innen, passt nie ganz nach außen." Unter der Anleitung von Helgard Haug und Daniel Wetzel, zwei Dritteln der Theaterformation Rimini Protokoll, berichtet Stein in "Black Tie" von der Suche nach ihren Wurzeln. Sie liefert die Puzzleteile ihrer Biographie, aus denen auch nach eineinhalb Stunden keine kohärente Erzählung werden will. Das im Programmheft erwähnte "schwarze Loch der Herkunft" gähnt im Zentrum ihrer Erzählung wie der Aufführung.

Überall Enden und kein Anfang

Steins Recherchereise nach Seoul im Jahr 2007 erweist, dass ihr von der Adoptionsagentur überlieferter Geburtsmythos – "Du wurdest in Südkorea 1977 in einer Schachtel gefunden, umhüllt von Zeitungspapier" – in den 70er Jahren ein Standardsatz war. Ein vertrauliches Adoptionsdokument belegt, dass sie in Daegu gefunden wurde, nicht in Seoul. Also kein mosaischer Mythos des zu einem besseren Leben erretteten Findelkindes, sondern ein präformierter Erinnerungsbaustein. Auch die weitere Spurensuche bleibt ergebnislos: Das Archiv des Waisenhauses, in das sie aufgenommen wurde, verbrannte in den 80er Jahren. Und an einer Fernsehshow, die Adoptierte in einer rührseligen Zeremonie mit ihren leiblichen Eltern zusammenführt, möchte sie dann doch nicht teilnehmen.

Nächster Schritt: Eine Genanalyse. Zwei beauftragte Biotech-Firmen sind sich darin einig, dass Stein ein leicht erhöhtes Prostatakrebsrisiko geerbt hat, ordnen die mütterlichen Gene jedoch unterschiedlichen und sich gegenseitig ausschließenden Gruppen zu. Überall lose Enden und kein Anfang. Wie kann man eine Biographie darstellen, die sich nicht erzählen lässt?

Sag ruhig du zu dir

So privat die Schilderungen sein mögen (Rimini Protokoll betonen, dass der Wahrheitsgehalt dessen, was ihre Protagonisten berichten, nicht überprüft wird) – sie wirken unpersönlich, wie ein fremder Text, zu dem die Sprecherin keinen emotionalen Bezug herstellen kann. Stein verschanzt sich hinter den Worten, spricht von sich immer wieder in der zweiten Person Singular ("Du denkst..."), ihr Gesichtsausdruck bleibt unverändert freundlich-neutral. Ein verblüffender Umkehreffekt zu herkömmlichem Schauspieltheater, in dem eine Rolle angenommen und mit Leben erfüllt wird.

Auch der Bruch mit den Adoptiveltern wird angedeutet, doch ob er für Stein schmerzhaft oder befreiend war, wird nicht mitgeteilt. Sich selbst begegnet sie, scheint's, selbstironisch-distanziert. Nur der Wut über die westliche Altruismusmaschinerie verleiht sie deutlich Ausdruck: "Ich bin nicht undankbar, aber internationale Hilfe kotzt mich an." Sie selbst ist schließlich ein Beispiel für die Verheerungen, die die vermeintlich selbstlosen Adoptionsakte in einer Biographie anrichten können.

Suchbewegung auf dem Bühnenboden

Miriam Stein, auf der Bühne charmant und gelassen, ist Journalistin und gewohnt, sich schriftsprachlich zu äußern. Frontal ans Publikum gewandt, rezitiert sie ihren Text, korrigiert sich nach einem Versprecher und setzt neu an. "Black Tie" ist eine Performance Lecture, hybrid wie die Herkunft der Protagonistin, eine äußerst untheatrale Aufführung: Gelegentlich eine neue Lichtstimmung oder ein anderes Soundambiente, Fotos und Dokumente per Scan oder Steuerung mit einem Datenhandschuh eingeblendet, gelegentlich ein Video.

Diese Elemente bringen ein wenig Bewegung auf die Bühne, markieren aber letztlich nur die Themenwechsel. Eine einzige längere Spielszene gibt es, in der Stein und ihr koreanisches Alter Ego Hye-Jin Choi – die Person, die sie hätte sein können, wäre sie in Korea aufgewachsen – den Flug nach Seoul mimen: Zwei Lampen als Scheinwerfer nach vorne gerichtet, jeweils einen Arm zur Seite ausgestreckt, gehen sie nebeneinander dem Geburtsland entgegen; anschließend leuchten sie suchend ihre Körper ab und betrachten im Lichtkegel lange die Gensequenzdiagramme auf dem Bühnenboden. Doch Miriam Stein oder Park Yung Min sind so nicht zu finden.

Die Suche ermüdet, weil die auf assoziativen Verknüpfungen beruhende Rimini-Methode versagt: Die Assoziationen zünden nicht und die Inszenierung verkommt zu einer Aneinanderreihung von googlebaren Fakten. Vielleicht ist das ja ein Verweis auf die zeitgenössische Conditio humana: Den Verlust von Identität im Haufen zusammenhangloser Informationen, die rastlose Suche nach einem Ursprung und die Unmöglichkeit, die Erkenntnisschnipsel zu einer stimmigen Erzählung zu reihen? Sollte das die angestrebte Aussage sein, ist die Umsetzung in "Black Tie" gelungen.

 

Black Tie
von Rimini Protokoll
Inszenierung und Bühne: Helgard Haug & Daniel Wetzel.
Mit: Miriam Yung Min Stein, Hye-Jin Choi und Ludwig. Musik: Peter Dick (Ludwig / The Noe’s have it).

www.hebbel-am-ufer.de

in Koproduktion mit der Gessnerallee Zürich und den Wiener Festwochen.

 

Zuletzt besprachen wir von Rimini Protokoll Breaking News im Januar 2008 im Berliner HAU, Peymannbeschimpfung im September 2007 in Stuttgart sowie das Buch zur Künstlergruppe von Florian Malzacher und Miriam Dreysse.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=OTsNoTaUG_E}

 

Kritikenrundschau

Enttäuscht wirkt Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (13.12.) über das neue Stück von Rimini Protokoll. Zwar handelt es sich aus ihrer Sicht um einen "scharfsichtigen Vortragsabend mit eleganter Filmtechnik" und entlarvenden Momenten. Auch die Alltagsexpertin Miriam, an deren Identitätsproblematik als koreanisches Adopitvkind einer deutschen Familie der Abend aufgehängt ist, beeindruckt sie durchaus. Insgesamt aber bemängelt die Kritikerin, dass Rimini Protokoll mit dem Thema Adoption zu einseitig polemisch umgegangen ist, statt wie in früheren Produktionen durch subtile Arragements unterschiedlichster Positionen Widersprüche zu entwickeln. Hier haben Haug/Wetzel sich die Sache wohl mitunter ein bisschen zu leicht gemacht und zu stark die unversöhnliche Richterposition ihrer Protagonistin eingenommen.


Im Berliner Tagesspiegel (13.12.) schreibt Patrick Wilderman: Die "Rimini-Dokumentaristen" hätten sich "bei ihren Navigationen durch die prekären Bühnenrealitäten selten verirrt", aber diese Inszenierung zähle "zu ihren stärksten überhaupt". Das liege daran, dass "die herkunftslose Frau Stein eine überaus talentierte Performerin ihrer selbst" sei. Ihre Geschichte werfe "eine Reihe inspirierender Kollateralfragen auf: Nach dem tatsächlichen Altruismus von Adoptionsjunkies und anderen Erste-Welt-Helfern zum Beispiel. Und vor allem nach den Grenzen des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns." Denn Frau Stein habe ihr Erbgut analysieren lassen. Nun wisse sie, "dass ihre Mutter von einer Gruppe von Frauen abstammt, die vor 60 000 Jahren von Afrika nach Arabien gezogen sind". Der Abend, schreibt Wildermann, stelle die Frage, "woraus wir gemacht sind". Näher, schließt er, könne Theater "ja kaum bei sich selbst sein".


Elisabeth Nehring berichtete am Abend nach der Premiere für Deutschlandradio Kultur (11.12.) über Miriam Stein von "Brüchen zwischen der äußeren Realität und dem inneren Gefühl, die sich in so einem Leben abspielen". Einige der angerissenen Konflikte weisen dabei "exemplarisch über ihre individuelle Geschichte hinaus". Doch hätte man sich "bei aller Sympathie genau an diesen Stellen mehr Tiefe gewünscht; die Herausarbeitung, Verschärfung, Zuspitzung der spezifischen Konflikte, die in einem Leben durch das 'schwarze Loch der Herkunft' entstehen". Denn die "widerstreitenden Prinzipien des Dokumentarischen, das auf der Bühne zwar echtes Leben erzählen, aber zugleich niemanden bloßstellen will" und das des Theater, "das immer den Konflikt sucht und herausstellt", vermögen Daniel Wetzel und Helgard Haug dieses Mal zwar "in einem netten Abend, nicht aber in einer wirklich tiefenwirksamen Inszenierung aufeinanderprallen zu lassen".

 

 
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