Die Wirklichkeit der U-Bahnhöfe

1. Oktober 2022. Später Triumph über die Sch…Nazis: Anna Gmeyners Stücke leben auf deutschen Bühnen weiter. Das Theater Oberhausen bringt ein wiederentdecktes Stück der Exilautorin zur Uraufführung, "Welt überfüllt", inszeniert von Thomas Ladwig. Und das ist sehenswert.

Von Karin Yeşilada

30. September 2022. Die Lebens- und Wirkungsgeschichte der österreichisch-jüdischen Autorin Anna Gmeyner (1902-1991) ist für sich genommen schon ein Drama: Die aus gutbürgerlichem Hause stammende und bestens mit den entsprechenden Kulturgrößen der Weimarer Republik vernetzte, aufstrebende Autorin lebte bereits im Exil, als sie 1933 von den Nazis verfemt und ihr Bühnen- und Prosawerk verbrannt wurde. Obgleich sie dann noch eine Weile im Amsterdamer Exilverlag Querido publizierte, erstickte das Abgeschnittensein im französischen und später englischen Exil ihre dramatische Kreativität. Sie verlegte sich auf spirituelle Publikationen und verstummte schließlich ganz. Eine Verlegerin spürte sie in den 1980er Jahren auf, doch erst die "Spielplanänderung" der FAZ 2019 und Sasha Marianna Salzmanns Plädoyer, die Autorin wiederzuentdecken, bewirkten, dass Gmeyners volkstheatertaugliches "Automatenglück" preisgekrönt 2020 in Wien und 2022 in Köln auf die Bühne kam. Aufregend, dass nun ein weiteres, bislang unbekanntes Stück der Autorin in Oberhausen uraufgeführt wird.

Der Verlag der Autoren hatte das Stück schon länger im Programm, bot es dem Theater Oberhausen als perfektes Ensemble-Stück an, und es war "Liebe auf den ersten Blick", so Dramaturgin Saskia Zinsser-Krys. Im hervorragenden Programmheft kommen sowohl die Verlagsinhaberin des Persona Verlags, Lisette Buchholz, die Anna Gmeyner 1983 per Annonce aufspürte und neu herausbrachte, zu Wort und schildert das Zusammentreffen, als auch die Gmeyner-Expertin Heike Klapdor, die den Entstehungskontext der Texte aufschlüsselt. Lisette Buchholz und Thomas Maagh vom Verlag der Autoren sind zur Uraufführung anwesend. Im Publikum warten Gymnasiast:innen des Oberhausener Heinrich-Heine-Gymnasiums darauf, das Stück, dessen Probe sie für ein Schulprojekt beobachten durften, nun in ganzer Länge zu sehen. Drei Stunden und sieben Applaus-Runden später werden sie erschöpft, aber inspiriert sagen: "Das ist schon was anderes, so mit Kostümen und Licht".

U-Bahn-Krimi und Gesellschaftspanorama

Was die jungen Zuschauer:innen gleich zu Beginn des Stücks lernen können: Wie man sich (in den 1930er Jahren) auf die U-Bahn wartend "in echt" miteinander unterhält. Keine Daddel-Einsamkeit am Handy, sondern Plauderei, Anteilnahme, erste Freundschaftsbekundungen und spontane Verabredungen zum gemeinsamen Picknick am See. Hans und Nelly auf dem Weg nach Hause, Ursel und Erich im ersten Meet-Cute, Paul Immergrün bereits in Macherpose. Der aufregende Kriminalfall – eine U-Bahn wird angehalten, im Dunkeln werden die Insassen ausgeraubt – bildet die Exposition: Das gesamte Stück hindurch wird Hans nun nach dem Dieb fahnden, von Immergrün hinters Licht geführt, und erst am Ende wird er ihn stellen können.

Welt2 Jochen Quast uExistenzen stehen auf dem Spiel: "Welt überfüllt", v.l.n.r. Regina Leenders, Philipp Quest, Ronja Oppelt, Khalil Aassy, Daniel Rothaug © Jochen Quast

Dazwischen verliert er seine Arbeit und seine Braut, wird für den Täter gehalten und eingesperrt werden, an sich verzweifeln und über sich hinauswachsen. Nelly wird sich fast verkaufen, um ihr ungeborenes Kind abzusichern, Ursel wird notgedrungen in Immergrüns Kneipe musizieren und ihren Erich nach dessen Absturz vor dem Schlimmsten bewahren. Das Stück erzählt die Geschichten all jener Figuren, die auch am Oberhausener Bahnhofsvorplatz zu finden sind: Gut Gekleidete, die noch Arbeit haben, Ruhelose, die auf der Suche sind, Abgestürzte. Gmeyners Kosmos aus den 1930er Jahren kommt den 2020er Jahren verdächtig nahe.

Bonbonfarbene Optik einer grauen Realität 

"Haben Sie Arbeit?" fragen sich die Figuren gegenseitig immer wieder, und kaum geht sie ihnen verloren, stehen ihre Existenzen auf dem Spiel. Dann müssen sich Frauen prostituieren und Männer ins Wasser gehen. Gmeyners Zeitenpanorama ist beunruhigend. Noch stärker als im inzwischen bekannten Stück "Automatenbüffet" wird in "Welt überfüllt" der verzweifelte Existenzkampf der Nachkriegsgesellschaft in Zeiten der Weltwirtschaftskrise deutlich. Hier stürzen fast alle Figuren ab, erleben den materiellen und seelischen Zusammenbruch, müssen sich korrumpieren, und ringen doch um moralische Integrität angesichts der Zumutungen. In menschlicher Wärme erspart ihnen ihre Autorin jedoch stets das Äußerste.

 Welt1 Jochen Quast uEin wenig menschliche Nähe: Ronja Oppelt, Philipp Quest © Jochen Quast

Die Inszenierung des für die Uraufführung mutig gestrafften, bisweilen dennoch mit Längen behafteten Stückes am Theater Oberhausen macht durchweg Freude. Zu Beginn vor dem Vorhang am Bühnenrand postiert, aber auch später in der zumeist dunkel gehaltenen Bühne, wirken die in bonbonfarbenem Pastell gekleideten, auf Belle Époque gestylten Schauspieler:innen (Bühne und Kostüme: Franziska Isensee) mit ihren merkwürdigen Stirntollen und riesig schwarzgeschminkten Augen wie Comic-Figuren, eine eigenartige, ansprechende Ästhetik.

Die Bühne ist klug genutzt, so geben Licht und Bühnengraben in der Anfangsszene den U-Bahnschacht, durch den in der anschließenden Actionsequenz erst der Dieb, dann seine Opfer hasten. Schier zum Verlieben ist der geniale Bühnenbau, ein über drei Ebenen in Marius Escher-Manier verschränktes, durch Leuchtelemente strukturiertes Regal-Raum-Treppenwerk, das auf der Drehbühne wechselnd mehrere Räume und Richtungen freigibt und gefühlt mindestens fünfdimensional genutzt wird. Da laufen die gut aufgelegten Schauspieler:innen des Oberhausener Ensembles mehrere Treppen parallel oder gegenläufig rauf und runter, verbergen sich in den Nischen und treten aus schattigen Ecken hervor – eine wunderbare Choreografie, deren Rhythmus durch Licht und Ton mitbestimmt wird. Mit solcher Dynamik überspielen sie auch einige Längen des Stücks.

Was die Nazis verpassten, was wir gewinnen

Anna Gmeyners Stück "Welt überfüllt" ist eine Entdeckung, und in der Oberhausener Inszenierung sehenswert, gerade auch weil es die heutige Krisenzeit spiegelt ("Die Welt an sich ist gut, aber in schlechten Händen"). Das Ideal der bürgerlichen Autorin, die von der verbrecherischen Nazi-Ideologie an den Rand gedrängt wurde, wird im Stück von Doktor Bach verkörpert. Seine Vision zum Schluss ist es, "vor einem Baum in Blüte" zu stehen und sich "nicht schämen [zu müssen], dass man ein Mensch ist". Nicht das Schlechteste eigentlich.

Welt überfüllt
Von Anna Gmeyner
(Uraufführung)
Regie: Thomas Ladwig, Dramaturgie: Saskia Zinsser-Krys, Bühne und Kostüme: Franziska Isensee, Licht: Stefan Meik, Musikalische Leitung & Sound: Juri Kannheiser. Mit: Philipp Quest, Ronja Oppelt, Tim Weckenbrock, Daniel Rothaug, Franziska Roth, und in weiteren Rollen Torsten Bauer, Jens Schnarre, Khalil Aassy, Anke Fonferek, Simin Soraya, Regina Leenders.
Premiere am 30. September 2022
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Die Wiedererweckung des Theaters Oberhausen glückt mit der so werkgetreu wie hingebungsvoll gespielten Nachlass-Entdeckung von Anna Gmeyner, so Ralph Wilms in der WAZ (4.10.2022). Dass es ein großteils bezwingender Abend sei und keine literaturhistorische Anstrengung, "ist das Verdienst vieler", schreibt der Kritiker.

"Auf einem Bühnengerüst, in modern angehauchtem Kostüm entfaltet sich ein Panorama der Verzweiflung", schreibt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhr Nachrichten (4.10.2022). Gerade von Ronja Oppelt und Philipp Quest werde das eindringlich gespielt. "Aber: Dramatisches Feuer lodert inmitten allgemeiner Misere selten auf. Bei 150 Minuten könnte das Stück Straffungen verkraften, es erzählt in die Breite. Gmeyners humanistischer Impetus ist allerdings zeitlos."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Welt überfüllt, Oberhausen: 5 SterneUlrich 2022-10-01 18:20
Äußerst sehenswert und meiner Meinung nach nicht mit zu langen Szenen inszeniert. Meine fast zweistündige Anfahrt zur Uraufführung hat sich gelohnt, auch dank der großen Spielfreude des Ensembles vor einem gelungenen Bühnenbild.

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