Eiertanz im Museumsdepot

16. Oktober 2012. Um Beutekunst geht es in dem gemeinsamen Abend "Les statues rêvent aussi" des westafrikanischen Choreografen Serge Aimé Coulibaly und des Regisseurs Jan-Christoph Gockel im Rahmen der "Sisterhood" der Münchner Kammerspiele. In Lomé und München wird simultan zugeschaut.

Von Sabine Leucht

16. Oktober 2022. 4.773,23 km Luftlinie liegen zwischen München und Lomé. Und doch kann man derzeit in der bayerischen Metropole und der Hauptstadt von Togo gemeinsam Theater gucken. Die "Sisterhood" zwischen den Münchner Kammerspielen und dem Festival La fabrique de Fictions macht's möglich. Und die Vielzahl an Live-Kameraleuten und Technikern, die Serge Aimé Coulibaly und Jan-Christoph Gockel am Ende auf die Bühne rufen. Der hierzulande bekannteste Choreograf Westafrikas und der Hausregisseur der Kammerspiele stehen dabei beide auf fremdem Terrain. Die letzten Probe-Wochen ihrer ersten gemeinsamen Regiearbeit haben sie mit einem Teil des internationalen Ensembles getrennt voneinander auf dem jeweils anderen Kontinent verbracht, von wo sie bei der Premiere in die Heimat hinüberwinken. Das Publikum, das im Musée Paul Ahyi Lomé unter Bäumen sitzt, winkt nach München; und die Münchner Hälfte des Splitscreens winkt zurück.

Recht ausgiebig wird sich so anfangs versichert, dass man einander live und in Farbe beim Zuschauen zuschaut. Es ist aber auch herrlich, zumal hier wie dort das Auditorium voll und die Stimmung bombig ist. Dabei ist das Thema des Abends ernst. Es geht um das afrikanische Kulturgut, das massenhaft in den Kellern europäischer Museen verstaubt. Um Beutekunst, Restitutionsansprüche und den über Jahrzehnte erfolgten megagründlichen Raubbau der Kolonialmächte am kulturellen Gedächtnis Afrikas, dessen Rückübereignung die krudesten Begründungen verhindern.

Geschichte einer Entführung

Abschiebungen sind easy. Bei Bronzen und Musikinstrumenten knarzt die Bürokratie. Das Hopsen und Wedeln, mit dem Martin Weigel die hohldrehende Argumentation seines Museumsmitarbeiters flankiert, bevor er sich "keine Vision" rufend spektakulär in den Spagat fallen lässt, lassen keinen Zweifel daran, was für einen verbalen Eiertanz er da aufführt: "Provenienzforschung… bla… rechtmäßige Eigentümer blabla…" - und wären die wertvollen Artefakte in Afrika überhaupt gut untergebracht?

LesStatuesReventAussi 1 ArminSmailovic uStumme Schreie, expressive Bewegungen: Ida Faho in München, Nancy Mensah-Offei auf der Leinwand © Armin Smailovic

Während von Lomé aus der Abend mit Fragen eröffnet und erzählend begleitet wird, will die Storyline, dass wir Münchner im Museumskeller sitzen, in den auch die Tänzerin Ida Faho Einlass gefunden hat. Sie kommuniziert auf illustren Wegen mit Nancy Mensah-Offei in Lomé. Nämlich mehr mit den stummen Schreien und expressiven Bewegungen, die für Coulibalys Tanzsprache typisch sind, denn durch Worte. Im Programmheft liest man von einer Rahmenhandlung, in der die beiden Frauen eine Statue entführen. Und ein-, zweimal sieht man sie auch vor der Projektion einer Pinwand grübeln, die aussieht wie beim "Tatort" oder bei "Ocean's 11".

Die meiste Zeit aber wirken die beiden Aktivistinnen eher wie Augenzeugen der Selbstbefreiung zweier wundersamer Geschöpfe. Das eine ist ein sehr kleines Pferd, das sich in Togo nach seiner Reiterin sehnt. Das andere ist die fiktive Statue der eigensinnigen ghanaischen Prinzessin Yennenga aus dem 12. Jahrhundert, die die Geldgier zweier Kunsthändler von ihrem geliebten Fluchttier abgeschnitten hat ("Zwei Objekte bringen mehr ein als eines").

Rückkehr-Träume

Wenn es laut in den Kisten rappelt, die auf der Bühne der Therese-Giehse-Halle stehen, eine Stimmen-Kakophonie anhebt und die Menschen sich ausnehmend seltsam benehmen, dann träumen die Artefakte und sinnen nach Lösungen, wie es der Titel des Simultan-Theater-Experiments "Les statues rêvent aussi. Vision einer Rückkehr" nahelegt.

Die bezaubernde Idee, den von Michael Pietsch und Guy Hounou geführten Puppen-Figuren, von denen es gerne mehr hätte geben können, ein eigenes Leben zuzugestehen, verhindert nicht nur, dass der Abend zur reinen Lecture in Sachen Restitutionsdebatte gerät. Sie sorgt auch für einige der schönsten Szenen. So sieht man etwa aus der Sicht eines offenbar beliebten Exponats die Jahrzehnte vergehen, in denen sich Ethnologen mit kleinen Brillen und gezwirbelten Bärten über sie beugten, Nazis auf sie spuckten und nach der Mode der Zeit gekleidete Paare Analog-, Polaroid- und Handyfotos schießen. Doch derartige Haupt- und Neben-Ideen zerdehnen auch die Geschichte, retardieren so lange, bis man kaum noch weiß, was. Und dann geht plötzlich ganz schnell ein finaler Budenzauber ab.

Eine hochsympathische Produktion und ein spannendes transnationales Begegnungsformat, dem zum großen Theaterabend aber noch einiges fehlt.

 

Les statues rêvent aussi. Vision einer Rückkehr
Eine Simultanaufführung zwischen Westafrika und München von Serge Aimé Coulibaly, Jan-Christoph Gockel und Ensemble (UA) unter Verwendung von Texten von Nii Kwate Owoo und seinem Film "You Hide Me" (1970)
Regie: Serge Aimé Coulibaly, Jan-Christoph Gockel, Bühne & Kostüme: Julia Kurzweg, Licht: Charlotte Marr, Christian Schweig, Markus Sousssoukpo, Musik: Sven Kacirek, Live-Kamera und Bildgestaltung: Eike Zuleeg, Live-Kamera: Lilly Pongratz, Puppenbau: Michael Pietsch, Yakouba Magassouba, Puppenspiel: Michael Pietsch, Guy Hounou, Dramaturgie: Olivia Ebert. Mit: Ramsès Alfa, Ida Faho, Guy Hounou, Nancy Mensah-Offei, Michael Pietsch, Komi Togbonou, Martin Weigel.
Premiere am 15. Oktober 2022
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritkenrundschau

"Der Themenkomplex koloniale Raubkunst und Restitution drängt nicht unbedingt auf die Bühne. Wenig Handlung und Handelnde, viel Debatte, sehr heikel", so Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (online 16.10.2022, 16.45 Uhr). Jan-Christoph Gockel und Choreograf Serge Aimé Coulibaly haben es trotzdem versucht und es gehe kaum etwas schief. "Es entwickelt sich ein kleines, bewegendes Spiel über die Suche nach Gerechtigkeit im Umgang mit kolonialer Raubkunst, fast nicht belehrend." Nur einmal kippe das Stück in Aktivismus als Schauspieler Komi Togbonou auf die Straße vor den Kammerspielen stürmt. Fazit: "Man kann dem Abend Kitsch vorwerfen, weil er träumerische Lösungen für sehr komplexe Probleme anbietet. Aber es steht ja auch 'Vision einer Rückkehr' im Titel. Und wo, wenn nicht im Theater, darf man auch mal mit einer Utopie spielen?"

Ein länderübergreifendes Simultanprojekt wie dieses vermittle "immer ein leicht ergreifendes Gefühl von Menschheitsfamilie, das hier aber nie in Sentimentalität rutscht, sondern beiderseits von Humor getragen wird", schreibt Alexander Altmann im Merkur (17.10.2022). "Und das, obwohl sich da ja die Nachfahren von Beraubten mit den Nachfahren der Räuber via Bildschirm begegnen, denn schließlich geht es an dem Abend um Raubkunst im weitesten Sinn". Erlebt hat Altmann ein gelungenes Fern-Theater-Experiment, dessen Drall ins Absurde noch deutlich stärker hätte sein dürfen, "um eine Gefahr zu bannen, die trotz (oder wegen) bester Absichten stets in solchen Projekten lauert: als bloße Emanzipationsattrappen das Bestehende zu zementieren".

"Geschickt changieren der burkinische Choreograph Serge Aimé Coulibaly und der deutsche Regisseur Jan-Christoph Gockel in ihrer 'Vision einer Rückkehr' zwischen ekstatischem Tanz und zartem Puppenspiel", findet Sven Ricklefs im BR (16.10.2022). Auch wenn die Botschaft klar sei, so habe "Vision einer Rückkehr" "in seiner kontinental-übergreifenden Simultanität, in der Kultur zu einer Gemeinsamkeit wird indem sich zwei Publica in einer Videokonferenz live begegnen, zugleich etwas utopisch Versöhnliches und lässt einen vielleicht deshalb so beeindruckt zurück".

"Schon vom Ansatz her hat diese Produktion einigen Charme, weil sie dem Traum eines kreativen Austauschs zwischen den Kontinenten entschlossen nachgeht", so Michael Stadler in der Abendzeitung (17.10.2022). "Geträumt wird dann auch auf der Bühne, worauf der Titel 'Les statues rêvent aussi' ja bereits hinweist, wobei in diesem Traum ein Schmerz liegt, den der europäische Kolonialismus ins kulturelle Gedächtnis Afrikas eingeschrieben hat." Der vorgeschobenen europäischen Restitutions-Skepsis stehe hier ein Furor entgegen, der gegen Ende auch noch einiges an Magie entwickle.

 

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