Hommage ans ausgeflippte Leben

21. Oktober 2022. Aus dem besten Film wird bestes Schauspiel. Regisseur Leander Haußmann ist ins inklusive Theater RambaZamba aufgebrochen, um mit "Einer flog über das Kuckucksnest" vom Glanz und Elend der Psychiatrie zu erzählen. Eine Bühnenparty, die ihresgleichen sucht.

Von Christine Wahl

21. Oktober 2022. Theoretisch hat das Theater in diesem Fall gar keine Chance. "Einer flog über das Kuckucksnest" – Milos Formans Tragikomödie aus der geschlossenen Psychiatrie von 1975 – ist ja so etwas wie der Hollywood-Superlativ schlechthin. Bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller, beste Hauptdarstellerin: Nicht nur, dass der Film bei den Oscars 1976 sämtliche Hauptpreise abräumte. Er dürfte auch den öffentlichen Psychiatrie-Diskurs auf ewig mit dem Gesicht des Schauspielers Jack Nicholson verbunden haben. Der kommt im Film als Strafgefangener McMurphy zwecks mentaler Überprüfung aus dem Gefängnis in die Geschlossene und wirft mit seinem unsterblichen Provo-Grinsen die dort proklamierten Kategorien von Norm und vermeintlicher Abweichung geradezu buchstäblich über den Haufen.

Ein Bühnen-Hit

Das Theater hat also, man kann das nur noch mal betonen, eigentlich keine Chance. Aber: Es nutzt sie. Jedenfalls am inklusiven Berliner Theater RambaZamba, wo Leander Haußmann sein Regie-Debüt gibt und mit dem Ensemble aus dem "Kuckucksnest" eine Bühnenparty macht, die im dramatischen Segment tatsächlich ein ähnliches Hit-Potenzial birgt wie der Filmklassiker im cineastischen.

Kuckucksnest4 805 Andi Weiland uKurze Rast in der Anstalts-Turbulenz: Nele Winkler, Norbert Stöß und Franziska Kleinert spielen in "Einer flog über das Kuckucksnest" © Andi Weiland

Das Problem, dass der Film mit seinen fast 50 Jahren punktuell nicht mehr ganz up to date ist – nicht nur wegen der martialischen Elektroschock-Therapien, die in ihm wiederholt praktiziert werden, sondern auch bezüglich des in tiefen Kellerregionen wandelnden McMurphy-Machismo – löst die Regie überaus elegant: Haußmann lässt die zentralen Film-Szenen, quasi als Folie aus dem kollektiven Kulturgedächtnis, immer wieder auf die Wände projizieren. Da marschiert Jack Nicholson im Hintergrund breitbeinig in die Anstalt ein und schaut sich triumphierend um, während sich vorn auf der Bühne Jonas Sippel, der McMurphy-Darsteller vom RambaZamba, lieber mit einer spektakulären HipHop-Choreografie in den Abend einführt. Man sieht den Spieler:innen praktisch live dabei zu, wie sie sich den Stoff aneignen. So vermessen sie en passant die historische Distanz und emanzipieren sich gleichzeitig spielend vom Filmklassiker – völlig unverkrampft, wohltuend hintergründig und im Gestus der Hommage statt blinder Dekonstruktion. Großartig!

Cameo-Auftritt von Detlev Buck

Davon abgesehen, gibt Norbert Stöß als Gastspieler des Premierenabends gleich zu Beginn dessen Stoßrichtung vor. Er spielt den Anstaltsarzt (oder denkt das zumindest von sich, denn die Kategorien sind hier, wie gesagt, programmatisch im freien Fluss). Es gehe bei ihnen nicht grausam zu, sondern "heiter", verspricht Stöß. Das kann man wohl sagen – vor allem für die Szene, in der die Psychiatrie-Insassen die Anstalt undercover für einen Ausflug verlassen. Im Hollywood-Film kapern sie erst einen Bus und dann ein Schiff. Im RambaZamba haben sie stattdessen ein Kiez-Movie gedreht: Christian Behrend, Anil Merickan, Dirk Nadler, Jonas Sippel, Sebastian Urbanski – sie alle marschieren durch den Prenzlauer Berg vor ihrer Theaterhaustür. Statten sich, immer zur Musik von gespenster, in einem einschlägigen Vintage-Laden mit Klamotten aus, werden von Franziska Kleinert und Nele Winkler als den taffen Anstaltsschwestern verfolgt, klauen dem Regisseur, der – an einem Zuhälterkettchen nestelnd – höchstselbt am Kiezmäuerchen lehnt, das Auto und schleichen sich an Detlev Buck vorbei, der seinerseits (was sonst) einen Kiezpolizisten mimt. Ein Riesenspaß – und von den Akteur:innen, die in dieser Szene auf der Treppe im Zuschauersaal Platz nehmen, live kommentiert.

Genialer Meta-Kommentar

Es ist gar nicht so einfach, einzelne Passagen herauszugreifen aus diesem vielschichtigen Bühnenparty-Gesamtkunstwerk. Aber die Stelle, an der Jonas Sippel einmal direkt mit der Ärzte-Kommission aus dem Film in Dialog tritt und Jack Nicholson nachspielt, ohne ihn zu imitieren, bringt dieses Konzept der eigenständigen Film-Aneignung, das ja auch generell ein großartiger Theater-Meta-Kommentar ist, in seiner Komplexität schon ziemlich genial auf den Punkt. Mehr geht eigentlich nicht.

 

Einer flog über das Kuckucksnest
von Dale Wasserman nach dem Roman von Ken Kesey
Regie, Bühne und Kostüme: Leander Haußmann, Musik: gespenster, Video: Marco Casiglierim, Licht: Andrei Albu, Amelie Boitz, Martin Wolter, Ton: Gary Scully, Fatemeh Ghasamipour, Dramaturgie: Steffen Sünkel, Mitarbeit Kostüme: Kunigunde Kuhl, Schneiderei: Juan Antonio Dimateo López, Regieassistenz: Michael Geißelbrecht.
Mit: Christian Behrend, Franziska Kleinert, Anil Merickan, Dirk Nadler, Jonas Sippel, Sebastian Urbanski, Nele Winkler, Phil Haussmann, Amon Wendel, Matthias Mosbach / Norbert Stöß sowie Detlev Buck, Tanju Bilir, Claudia Graue, Kunigunde Kuhl, Leander Haußmann, Clara Metzger, Karla Sengteller (im Film).
Premiere am 20. Oktober 2022
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.rambazamba-theater.de

 

Kritikenrundschau

Mit "kleinen hellen Glückshicksern im Herzen" ging Ulrich Seidler an seinen Schreibtisch bei der Berliner Zeitung (21.10.2022). Die "Feieratmosphäre" der Premiere verdanke sich zu einem wichtigen Teil den Musikern der Formation "Gespenster", Amon Wendel und Phil Haußmann. Es gäbe "Triggerwarnungen" als "Gruß an die spitzen Finger der politischen Korrektheit" und mit Norbert Stöß auch eine Corona-Umbesetzung, "was für die Beteiligten sichtlich nervenaufreibend war, aber, wie oben beschrieben, den Charme eher noch steigert". Und das RambaZamba-Ensemble gehe in der Rolle der Patienten "(e)rstaunlich locker und fast schon routiniert" mit dem "fulminanten Despotismus" der Anstalts-Oberschwester (Franziska Kleinert) um.

Haußmann sei kein braver Nacherzähler, sondern "er geht immer mitten hinein, forciert das Spektakel, dabei Machtmechanismen mit anarchistischer Verve von innen aufsprengend", schreibt Gunnar Decker im Neuen Deutschland (21.10.2022). In der Inszenierung setze er auf Tempo, Aktion, Komödie. "Die knapp zwei Stunden funkeln von Pointen und Slapstick nur so, vorangetrieben von einem Ensemble in Hochform." Und doch vermisst Gunnar Decker den ernsten Unterton, schließlich habe die Psychiatrie "als Machtmittel, hartnäckige Kritiker stumm zu machen", auch heute nicht ausgedient.

"Stoff, Regie, Darsteller:innen – es passt alles zusammen an diesem tollen Abend in der Kulturbrauerei", jubelt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (23.10.2022). "Ein stimmiger Grad an anarchischer Energie herrscht, der die Geschichte trägt und befeuert, ohne dass die Anschlussfähigkeit verloren ginge." Regisseur Leander Haußmann habe "nicht nur offensichtlich selbst ein großes Vergnügen an dieser Arbeit“ gehabt. "Er schafft auch den Raum für die Spieler:innen, sich in voller Autonomie bei dieser freundlichen Übernahme des Kuckucksnestes zu entfalten. Entstanden ist eine der besten RambaZamba-Produktionen der jüngeren Vergangenheit."

"Haußmann und die Schauspieler machen sich so gut gelaunt und gekonnt einen Spaß, dass selbst der älteste Psychiatriewitz der Welt für einen Lacher gut ist", schreibt Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (24.10.2022). Herauskomme ein unglaublich charmanter und in seiner Menschenfreundlichkeit umwerfender Abend. "In der verspielten Leichtigkeit wirkt das wie die Inszenierung eines sehr jungen, sehr begabten Regisseurs, der eine strahlende Zukunft vor sich hat und von dem man unbedingt mehr sehen will."

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Kuckucksnest, Berlin: Unbeschwerte KindsköpfigkeitKonrad Kögler 2022-10-22 22:35
Am Ende dieser 100 Minuten kommt Haußmanns typischer Stil ganz bei sich an: zu Pop und Rock brechen die Insassen der Psychiatrie aus und rasen in einem vorproduzierten Anarcho-Slapstick-Video durch den Prenzlauer Berg. Die Flucht vor Schwester Ratched (Franziska Kleinet) ist unterhaltsam gemacht und bietet einige Insider-Running-Gags wie den Detlev Buck-Auftritt als überfordertem Streifenpolizisten, der seit der „Sonnenallee“ durch Haußmanns Werk geistert. Auch typisch Haußmann ist die unbeschwerte Kindsköpfigkeit, mit der sich einen Gastauftritt als Zuhälter und schmieriger Kleinkrimineller gönnt.

Ein Haußmann-Auftritt kommt auch nie ohne eine Rampensau aus. Am BE übernahm diese Rolle oft Matthias Mosbach, der seit einigen Jahren als Schauspieler und mittlerweile auch als Regisseur mit dem RambaZamba-Ensemble arbeitet und diesmal die Rolle eines Patienten, der sich für den Anstalts-Arzt hält, spielen sollte. Leider musste er Corona-bedingt passen: im vorproduzierten Film ist er zwar dabei, in den wesentlich längeren Live-Passagen sprang Norbert Stöß, ebenfalls ein bekanntes Gesicht aus der Peymann-Ära am BE, für ihn ein. Den Rampensau-Auftritt legt diesmal Jonas Sippel aufs Parkett, einer der bekanntesten RambaZamba-Spieler und auch regelmäßig in Koproduktionen am Deutschen Theater Berlin zu sehen. Er spielt die Rolle von McMurphy, entert die Bühne mit einer kleinen Breakdance-Choreographie und bekommt auch Szenenapplaus, wenn er sich als Alter ego von Jack Nicholson in einzelne Szenen des Hollywood-Films einklinkt, die über die Leinwand flimmern.

Die Kritik an Auswüchsen wie der Lobotomie, die in der Anti-Psychiatrie-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre angeprangert wurden und mit diesem Film auch ein breites Publikum erreichten, kommt in der RambaZamba-Komödie nicht zu kurz. Allerdings ist die erste Stunde streckenweise etwas zu sehr Film-Nacherzählung, erst auf der Zielgeraden löst Haußmann die Handbremse und lässt der Spielfreude freien Lauf.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2022/10/22/einer-flog-uber-das-kuckucksnest-theater-rambazamba-kritik/

Kommentar schreiben