Eine ausgeklügelte Dreistigkeit

25. Oktober 2022. Tomatensuppe für van Gogh, Kartoffelbrei für Monet? Die jüngsten Protestaktionen junger Klimaaktivist:innen greifen die Schönheit der Kunst an und spielen medial wirksam mit Empörungsimpulsen. Dabei sind sie alles andere als kunstfeindlich – aber schlau, findet unser Kolumnist.

Von Janis El-Bira

25. Oktober 2022. Vor anderthalb Wochen wurde in der Londoner National Gallery eine Dose Tomatensuppe auf Vincent van Goghs "Sonnenblumen" gekippt und am Sonntag nun eine sehr üppige Portion Kartoffelbrei gegen einen der Monet'schen Heuschober im Museum Barberini geklatscht. Tomatensuppe für van Gogh, Kartoffelbrei für Monet? Falls geheime Rezepturen dahinterstecken, habe ich sie zumindest noch nicht durchschaut. Womit würde man wohl einen Dürer, womit einen Bruegel bewerfen? Wahrscheinlich wird man es noch herausfinden.

Dass man sich derlei Fragen aber überhaupt stellen möchte, hat mit der ausgeklügelten Choreographie und medialen Inszenierung der jüngsten Protestaktionen junger Klimaaktivist:innen zu tun. Sie sind die obszönste, drastischste und gleichzeitig faszinierendste Form politischen Theaters, die mir seit langer Zeit untergekommen ist. Sorry, liebe Regisseur:innen, aber da kommt ihr gerade alle nicht ran. Und wie jedes gelungene politische Theater lösen auch die Gemäldespritzereien eine vielsagende Welle der Empörung aus. Dabei gehen die jüngsten Aktionen auch Sympathisant:innen radikalerer Gangarten beim Klimaprotest mehrheitlich zu weit. Das Hauptargument: Die Aktivist:innen schadeten ihrer eigenen Sache und Angriffe auf die Kunst seien sowieso außerhalb jeder Diskussion. Eine verständliche, aber auch allzu gemütliche Vorstellung davon, wie Protest auszusehen habe. Stattfinden solle er natürlich, nur wehtun möge er bitte nicht. Und wenn doch, dann wenigstens den Richtigen, die natürlich niemals wir selbst sind. Ein netter Berliner Taxifahrer (ja, ich weiß…) sagte mir neulich, er fände die Klimaproteste ja nachvollziehbar, deretwegen er am Morgen zwei Stunden im Stau gestanden und somit kein Geld verdient hatte. Nur warum zögen "die" nicht einfach vor ein Ministerium? Das würde doch mehr bringen. Eben nicht.

"Kunstfeindlichkeit" sieht anders aus

Das verstörende Wesen der Besudelungen von Kunstwerken liegt gerade in der brutalen Übertretung ihrer auratischen Wirkung. Es tut fast körperlich weh, diese Bilder so behandelt zu sehen. Man schämt sich doch schon, wenn man im Museum einen Schritt zu nah an den Rahmen herantritt und so den Alarm auslöst. Die Kunst, so meint man, ist unberührbar und überzeitlich. Wer sie angreift, greife "uns alle" an, denen sie ein zivilisatorisches Fundament bietet, Trost und Inspiration spendet. Das stimmt zwar, unterstellt aber, dass die Aktionen der Aktivist:innen kunstfeindlich seien oder die Kunst um der reinen Aufmerksamkeit willen missbrauchten. Das Gegenteil ist der Fall. Auch in der präzisen inhaltlichen Auswahl der so "angegriffenen" Werke scheinen die Aktionen vielmehr zu sagen: Die Darstellungen dieser Bilder werden gegenstandslos, ja die Kunst selbst, so großartig sie auch ist, wird keinen Bestand haben, wenn wir jetzt nicht handeln. Weil die Welt dieser Bilder verschwinden wird und mit ihr der Bezugsrahmen, in den sie eingelassen sind.

Ein Theatertrick

Das argumentiert aber gerade nicht gegen die Bedeutung der Kunst, sondern mit ihr. Die Klimakatastrophe wird neben allem noch viel Schlimmeren eben auch einen Verlust an Schönheit mit sich bringen. Die Aktionen der Aktivist:innen erinnern an beides: An das kommende Schlimmere, das unser Entsetzen über ein paar Farbspritzer auf einem Bild lächerlich erscheinen lässt. Aber auch an das Schöne, das verlorengeht, und dessen Verlust in der Besudelungsaktion symbolisch vorweggenommen wird. Das funktioniert auch deshalb in eindringlicher Ambivalenz, weil bisher kein einziges Bild bei diesen Aktionen tatsächlich dauerhaft beschädigt worden ist. Eine sehr theatrale Verabredung: Für den Moment ist alles erlaubt, aber über das Ende der Vorstellung hinaus darf kein Schaden zurückbleiben. Die Verletzungen müssen unmittelbar heilbar sein – wie der Kartoffelbrei auf der schützenden Glasscheibe vor einem Monet abwaschbar, wie der Kleber an den zittrigen Händen der jungen Protestierenden löslich sein muss. Noch ist das alles nur ein Effekt, ein Theatertrick. Noch.

Es ist ein ausgeklügeltes, dreistes Stück Artivismus, das gerade in den Museen gegeben wird. Da letztere aber verständlicherweise nicht sonderlich glücklich über die ungebetenen Gastspiele sind, gilt, was auch für weniger gefährliche Einfälle in der Kunst immer gelten sollte: Bitte nicht nachmachen.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne El-Bira: Weitermachen!Thorsten Weckherlin 2022-10-25 11:15
Irgendwie ist das alles zum Schmunzeln. Auch so brav: Kartoffelbrei (bio?) oder Tomatensuppe (bio?). Warum kein Benzin oder Salzsäure? Diese Protestaktionen der Klimaaktivistinnen und -aktivisten funktionieren jedenfalls bestens. Für große Aufmerksamkeit ist gesorgt. Und dass es diesmal die Kunst betrifft, ist nicht überraschend. Das nächste Mal werden es die Mercedes-Benz-Werke sein, oder der Hamburger Container-Hafen oder ein Konzert mit Helene Fischer.

Wir sollten die Kunst nicht so wichtig nehmen. Der Zwang, kulturelle Werke unangetastet zu bewahren, ist historisch eine eher neuere Erscheinung. Problemlos übermalten Künstler in früheren Jahrhunderten ihre Gemälde, wenn sie sich etwa keine neuen Leinwände leisten konnten.
Ich glaube, van Gogh oder Monet hätten über diese Aktion geschmunzelt. Und der Schredder-Künstler Banksy nur gegähnt.

Weitermachen!
#2 Kolumne El-Bira: Gruseligmartin baucks 2022-10-25 12:07
Die Idee, der Klimawandel sei hässlich, ist keineswegs schlüssig. Man kann auch der Eiszeit nicht ihre ganz eigene Schönheit absprechen. Zu meinen, Ästhetik sei an die heutigen Lebensbedingungen geknüpft und nur unter ihnen möglich, ist schlicht borniert. Das wahrhaft Hässliche am Klimawandel ist ja der Mensch selbst, der in einer unvergleichlichen Weise die Erde kahl frisst, wie eine biblische Heuschreckenplage. Wären wir nur zwei Milliarden statt sieben, könnten wir wahrscheinlich mit dieser Erde anstellen was wir wollten und würden sie trotzdem nicht klein kriegen. Aber auch so wie es jetzt ist, wird die Schönheit der Natur sicherlich überleben. Und es wird sich immer jemand finden, der sie ästhetisch abbildet. - Nein. Der Gedanke von dem Verlust der Schönheit durch den Klimawandel ist zu simpel und recht possierlich und auch ein wenig kleinbürgerlich. Die Schönheit lebt weiter. Viele Menschen nicht. Das ist hart und sagt sehr viel über unsere Existenzberechtigung aus. Von daher wäre es sehr viel sinnvoller das Hässliche anzugreifen, statt die Schönheit. Und warum überhaupt klassische Gemälde von toten Malern? Warum nicht einen Amseln Kiefer oder Rebecca Horn? Oder wie wäre es damit Abramovic mit Brei zu übergießen? Die können sich wenigstens noch zu so einer Aktion verhalten. Tote können sich nicht wehren und werden hier einfach vereinnahmt. Das ist schrecklich, weil es sich innerhalb der selben Logik derer bewegt, die die Werke für Museen kauften. Teure Gemälde amortisieren sich meist recht schnell, weil das Museum und somit die Stadt in der es steht mehr Aufmerksamkeit und Besucher erhält. Die selbe merkantilistische Rechnung eröffnen auch diese AktivistenInnen. Gruselig. Eine neue Form des Missbrauch von toten Künstlern, vielleicht. Mehr nicht.
#3 Kolumne El-Bira: Die Logik des KunsthandelsLuchino Visconti 2022-10-25 19:06
Meiner Ansicht nach ist Kunstfeindlichkeit ohnehin weit verbreitet, nur war es eine Errungenschaft westlicher Demokratien, Kunst zu schützen (etwa durch staatliche Sammlungen) und dem allzu populistischen Diskurs klug zu entziehen. Wobei eine gewisse Skepsis gegenüber Kunst typisch für Politik und Ideologien jeglicher Couleur ist. Ob rechts oder links: überall gibt es mehr oder weniger ausgeprägte Tendenzen, Kunst zu reglementieren und möglichst nur die jeweils gewünschte Kunst existieren zu lassen. Bestenfalls wird Kunst als Transportmittel für willkommene "Botschaften" oder "Mahnungen" gesehen - mehr an tieferem Verständnis ist von der Politik meistens nicht zu erwarten (entsprechend eindimensional fällt politisch gewollte oder für gut befundene Kunst nicht selten aus). Und genau auf diese dienende, subalterne Funktion wird Kunst eben auch in diesem aktivistischen Zusammenhang reduziert. Dementsprechend werden auch vorrangig teuere, berühmte Werke attackiert, ohne jeglichen inneren Kontext. Es die Logik des Kunsthandels und der Kunstauktionshäuser. Es geht um Sensationen und Geld. Es geht um kunstferne und kunstlose Selbstdarstellung. Es geht um Narzissmus.
#4 Kolumne El-Bira: DankeKunstundfreiheit 2022-10-26 10:01
#3 ...treffender und vor allem freundlicher kommentiert, als ich es je selbst gekonnt hätte - danke.
#5 Kolumne El-Bira: DankLuchino Visconti 2022-10-26 20:04
@#4 Kunstundfreiheit: Ich bedanke mich für Ihre Worte!

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