Das Durchdringen von Theater und Zeit

26. Oktober 2022. Es ist das Finale eines Mammutprojekts, das seinesgleichen sucht: Posthum ist Günther Rühles dritter und letzter Band deutscher Theatergeschichte erschienen. Sicher: Das mit 800 Seiten vergleichsweise schmale Werk trägt das bürgerliche Theater zu Grabe. Es enthält aber auch Déjà-vus und Anekdoten, die einen geradezu romantisch glotzen lassen.

Von Georg Kasch

26. Oktober 2022. Kann man das machen? Kann man in einem Jahr, 1887, einen Pflock einschlagen und gut hundert Jahre später, 1995, einen weiteren und sagen: Das ist das Dezennium des bürgerlichen Theaters? Kann man dieses Jahrhundert auspinseln mit ungeheurer Belesenheit, dem Glauben an die Theaterkritik und eigener Seherfahrung? Kann man all die Namen, Entwicklungen, Inszenierungen in einen Erzählstrom zwingen, so elegant wie vorwärtsdrängend formuliert, einfühlsam und zugleich hochinformativ?

Günther Rühle hat es versucht in seinem dreibändigen "Theater in Deutschland". Staunend sind wir ihm dabei gefolgt durchs Kaiserreich, die Republik und die Nazidiktatur (1887-1945), durch den Wiederaufbau und die Adenauerjahre (1945-1966). Jetzt, ein knappes Jahr nach Rühles Tod, liegt der dritte und letzte Band vor. Er umreißt die Jahre 1967 bis 1995 – von Peter Handkes und Claus Peymanns "Publikumsbeschimpfung" am 8. Juni 1966 bis zum Tod Heiner Müllers.

Marathon mit Ausfallschritten

Damit hat ein Mammutprojekt sein Ende gefunden. Auf insgesamt über 3600 Seiten schreitet Rühle gut einhundert Jahre deutscher, manchmal auch deutschsprachiger Theatergeschichte ab (nämlich mit Ausfallschritten nach Wien, Basel, Zürich), vom Erscheinen Henrik Ibsens und der Geburt des Regisseurstheaters bis zu Peter Steins "Faust" (den Rühle zusammen mit Müllers Tod als "Epitaph des bürgerlichen Theaters" wertet). Dass Theater dabei nie im luftleeren Raum existierte, sondern immer schon eine in gesamtgesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklungen eingebettete Kunst war, hat Rühle so panoramatisch beschrieben wie niemand sonst. Bei ihm begreift man, warum einzelne Inszenierungen so herausragten, was bestimmte Namen so wichtig macht, wie gesellschaftliche und künstlerische Ereignisse aufeinander reagierten und wie eng Theater in der Provinz und den Metropolen in Deutschland miteinander verzahnt sind.

Cover Ruhle

Was also bringt das mit 800 Seiten vergleichsweise schmale Finale? Konrad Adenauer ist tot, die Studierenden revoltieren, und all die Großen der nächsten Jahre stehen in den Startlöchern: Peter Weiss, Peter Stein, Hans Neuenfels, Peter ZadekKurt Hübners Bremer Intendanz, die Berliner Schaubühne, Peter Zadeks Hamburger Schauspielhaus, Einar Schleef, Frank Castorf, klar. Aber auch: Friedrich Dürrenmatt als Regisseur, Hanns Anselm Perten in Berlin Ost und Rostock, Ulrich Brecht in Kassel und Düsseldorf.

Wie fruchtbar damals das Theater wirkte, wie weit in die Gesellschaft hinein! Geradezu romantisch glotzt man bei der Anekdote, dass die Eröffnung des Düsseldorfer Schauspielhauses 1970 von Protesten begleitet war, weil die Premieren nur für geladene Gäste zugelassen waren. Dass Menschen dafür demonstrieren, reingelassen zu werden, passiert heute eher selten (zuletzt bei der Volksbühnenbesetzung). Oder 1989: "Heiner Müller, Volker Braun, Christoph Hein: Wohl nie hat sich die Auflösung einer Diktatur so bildstark im Theater angekündigt; dabei wurden die Stücke begonnen, ohne die Situation zu meinen, in der sie sich jetzt befanden", schreibt Rühle. "Selten hat man das schöpferische Durchdringen von Theater und Zeit so deutlich gespürt wie hier." Natürlich, politisch aufwühlende Zeiten sind dankbar fürs Theater. Zugleich ist es beruhigend zu lesen, dass es schon in den 1970er Jahren einen bemerkenswerten (Abo-)Publikumsschwund und ähnlich heftige Angriffe auf ästhetische Programme von rechtskonservativen Medien gab wie gerade wieder.

Band mit Warnhinweisen

Rühle selbst hat sich, so berichten Menschen, die ihn gekannt haben – und so referiert auch das Nachwort –, besonders schwergetan mit diesem dritten und letzten Band. Denn Rühle ist jetzt nicht mehr nur der belesene Zusammenträger von Informationen, die er mit Haltung und präziser Eleganz in oft frappante Zusammenhänge setzt. In den umrissenen knapp 30 Jahren war er teilnehmender Beobachter, als Kritiker, Feuilletonchef, Intendant. Beschreibungen klingen oft, als hätte er auf eigene Kritiken zurückgegriffen. Wenn er zu seiner eigenen Frankfurter Intendanz kommt, dann spürt man förmlich, wie kurzatmig der Stil wird, als ob Rühle schnell durchkommen und kein Wort zu viel verlieren wollte. Dass Rühle über sich in scheinobjektiver dritter Person schreibt, wirkt dabei aus der Perspektive einer Epoche, die von den Sprechenden fordert, ihre Position offenzulegen, etwas problematisch.

Der Band ist mit allerlei Warnhinweisen versehen, im "Vorwort zu einem Fragment", im letzten Teilkapitel, in der "Editorischen Nachbemerkung". Denn mitten an der Arbeit hat Rühle die Fähigkeit zum Lesen verloren, musste die Arbeit an Hermann Beil und Stephan Dörschel übergeben. Obwohl sie als Herausgeber etliches ergänzt und oft ganze Rühle-Kritiken und -Aufsätze eingefügt haben, betonen sie, dass der Band ein Fragment geblieben sei: "Einzelne Theaterentwicklungen sind breit ausgeleuchtet, einige, auch bedeutsame, bleiben dabei unterbelichtet. Einzelne Persönlichkeiten werden in ihrer Entwicklung ausführlich geschildert, andere finden über eine kurze Erwähnung hinaus nicht den ihnen zustehenden Raum." Das stimmt. Ein Beispiel von vielen: Während Perten ausführlich vorkommt, wird Christoph Schroth, der in Schwerin in den 70ern und 80ern ein auf die gesamte Republik ausstrahlendes Theater machte, nur drei Mal kurz erwähnt. Theater scheint für Rühle außerdem nahezu gleichbedeutend mit Stadt- und Staatstheater zu sein – die freie Szene wird auf kaum zwei Seiten grob umrissen.

Sinnbild des Zerbröselns

Je näher die Entwicklung an die Gegenwart rückt, desto größer scheint Rühles Abschiedsschmerz zu werden. Am Ende trägt er pathetisch die 250-jährige "Epoche des bürgerlichen Theaters, des emanzipierenden, humanisierenden und kulturstiftenden Bildungstheaters" zu Grabe. Insofern passt das Fragmentarische ja auch ganz gut: als Sinnbild des Zerbröselns (wenn man denn Rühles End-These folgen will). Natürlich kann man sich darüber ärgern. Man kann sich aber auch freuen: Denn diese so lustvoll geschriebene Theatergeschichte ist nun vollständig in der Welt. Man begreift an ihr, warum Theater heute so aussieht, wie wir es erleben. Und man ahnt, wie viel Liebe und Begeisterung es braucht, um das alles zusammenzutragen. Bei aller Kritik, bei aller Einschränkung bleibt am Ende so das Gefühl von Dankbarkeit. So schnell wird es eine vergleichbar gewaltige Unternehmung sicher nicht geben.

 

Theater in Deutschland 1967-1995
von Günther Rühle
Herausgegeben von Hermann Beil, Stephan Dörschel
S. Fischer Verlag 2022, 800 Seiten, 98 Euro

Kommentare

Kommentare  
#1 Buchkritik Rühle: Ein Mann wird älterWilhelm Roth 2022-10-26 12:16
Ich habe Rühles Vorläufer-Buch "Ein alter Mann wird älter" gelesen, sehr bewegend. Er schildert seinen mühseligen Alltag, und gibt zugleich einen Einblick in seine Theaterlaufbahn, vor allem seine Intendanz in Frankfurt, Damals habe ich ihn interviewt. Während meiner Lektüre starb Rühle. Von dem Augenblick an habe ich das Buch anders gelesen. Offensichtlich ist diese Fassung nicht veröffentlicht worden. Zu intim. zu persönlich? Schade?! Ich bin 85 Jahre alt, lebe im Pflegeheim. Ich war Redakteur beim Evangelischen Pressedienst, epd Film. Jetzt noch gelegentlich freier Autor, so ein Nachruf auf Herbert Achternbusch,
#2 Buchkritik Rühle: Postum nicht posthumMarcus 2022-10-31 12:18
Liebe Redaktion,
auch wenn es inzwischen überall falsch geschrieben wird, stimmt es einfach nicht: Der Band ist postum (von lateinisch postumus, der Nachgeborene) erschienen. Posthum geht vielleicht davon aus, dass es erschienen ist, nachdem Günther Rühle bereits unter der Erde war, so makaber waren die alten Römer allerdings nicht.
Beste Grüße! :-)

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(Lieber Marcus,

die Schreibweise "posthum" ist laut Duden gleichermaßen gültig.
www.duden.de/rechtschreibung/posthum
Herzliche Grüße aus der Redaktion
Janis El-Bira)

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