Gaben für die Schwaben

von Arnim Bauer

Heilbronn, Dezember 2008. In der schwäbischen Kreisstadt Heilbronn, etwa 50 Kilometer nördlich von Stuttgart, passieren Dinge, die einem vorkommen wie ein Weihnachtsmärchen. Aber was am dortigen Stadttheater passiert, ist Realität: Dieses Theater erwacht aus einem jahrelangen Koma. Der Therapeut, der diese Wiedergeburt in die Wege geleitet hat, heißt Axel Vornam und ist seit dieser Spielzeit der neue Intendant des Theaters mit einem Großen Haus (702 Plätze), dem 2002 eingeweihten Logentheater Komödienhaus (300 Plätze) und den Kammerspielen (120 Plätze).

Der neue Mann kommt aus dem thüringischen Rudolstadt und scheint Spezialist für solche Reanimationen zu sein. Dort hat er von 2003 bis 2008 auch schon das in der Presse ausgerufene "Wunder von Rudolstadt" vollbracht und die Besucherzahlen um ein Drittel gesteigert.

Ähnliches strebt der 1956 in Castrop-Rauxel geborene und in Leipzig aufgewachsene Vornam nun in Heilbronn an. Schon in den ersten fünf Monaten seiner Amtszeit hat er trotz eines dicht gepackten Spielplans einen Überschuss von fast 50.000 Euro erwirtschaftet, hat 5.500 Zuschauer mehr als im Vergleichzeitraum des vorigen Jahres ins Theater gebracht und die Auslastung somit um 11 Prozent auf rund 70 Prozent gesteigert. Er hat frischen Wind gebracht, hat den Versuch einer politischen Denunziation seines Schauspieldirektors überlebt und nicht nur die Zuneigung des Publikums, sondern auch die der Kritiker und Kritikerinnen errungen.

Der Vorgänger hinterließ einen Scherbenhaufen

Das ist zweifellos das, was man eine Erfolgsgeschichte nennt. Dabei hat der jetzige Intendant und Geschäftsführer, der nach der Schule eine Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann absolvierte, ehe er von 1980-1985 Schauspiel-Regie an der Hochschule "Ernst Busch" in Berlin studierte, ein Haus vorgefunden, dessen Situation Chancen, aber auch Risiken in sich trägt. Das Wirken seines Vorgängers Martin Roeder-Zerndt gehört zu den Chancen. Der nämlich, ein eloquenter Theatermanager, der noch nie ein so großes Theater geleitet hatte, hinterließ einen Scherbenhaufen. Von den rund 12.000 Abonnenten, die das Theater vor seiner Amtsübernahme an die diesbezügliche Spitze der deutschen Stadttheater gebracht hatte, waren gerade einmal gute 6.000 übrig geblieben.

Roeder-Zerndt stand für ein seelenloses Kopftheater von kalter Ästhetik, gekennzeichnet vor allem durch die Inszenierungen seines Hausregisseurs Andreas Nathusius. Er galt als ehrgeiziger Planer, der die "richtige" Theaterwelt nach Heilbronn bringen wollte und dabei beständig über die finanzielle Ausstattung des Hauses jammerte. Dass die Inszenierungen nicht angenommen wurden, lastete er ebenso dem Publikum selbst an, das er für überaltert und provinziell hielt, wie den Kritikern, in deren Redaktionen er anrufen ließ, um sich zu beschweren. Auch der Verdacht angeblicher Intrigen der Anhänger des vorangegangenen Intendanten Klaus Wagner gehörte dabei zu seinem rhetorischen Repertoire.

Das Heilbronner Publikum ist keineswegs provinziell

Aber wer den alten Intendanten kannte, wusste natürlich, dass dieser keinen Fluch hinterlassen, sondern die Latte einfach hoch gehängt hatte. Als Wagner 2003 als 73-Jähriger in den Ruhestand ging, hatte er im Laufe von 23 Jahren mit Sachverstand, Durchsetzungskraft, dem Instinkt für das Publikum und sehr viel Engagement ein Publikum herangezogen, das die Bezeichnung provinziell nicht verdient. Offen und neugierig gingen die Heilbronner in "ihr" Theater. Wagner mutete diesem Publikum manches zu, sei es das Skandalstück "Corpus Christi" von Terrence McNally, das 1999 hier seine Europäische Erstaufführung erlebte, oder jedes Jahr ein Stück aus dem Nahen Osten.

Dieses Publikum also war es, das nach anfänglicher Geduld, die es dem Neuen entgegenbrachte, schroff auf den angeblich neuen Stil reagierte und das Haus oft murrend verließ. Am Ende war Roeder-Zerndt kläglich gescheitert und hat, wie man heute weiß, in den beiden letzten Jahren seiner Amtszeit ein Defizit von zwei Millionen Euro angehäuft.

In diese Tristesse hinein wurde nun Axel Vornam zum neuen Intendanten gekürt. Und schon sein erster Auftritt vor der Presse war beeindruckend. Statt über die schlechten Finanzen zu jammern, kündigte er 23 Eigenproduktionen für die erste Spielzeit an. Zudem hatte er sich zur Einstellung einer Theaterpädagogin entschlossen und versprach die Wiederbelebung des unter Roeder-Zerndt de facto abgeschafften Kinder- und Jugendtheaters. Auf die Frage, woher er das Geld nehme, kam die Antwort, man müsse überall ein wenig abknapsen, und künftig werde es eben ein paar Hochglanzbroschüren weniger geben.

Ein fulminantes Auftaktwochenende

Das beeindruckte im sparsamen und arbeitsamen Schwaben. Erst recht, nachdem einige namhafte Kandidaten wie der nun nach Salzburg wechselnde Intendant der Stuttgarter Schauspielbühnen, Carl Philip von Maldeghem, wegen der für sie schlechten finanziellen Ausstattung des Theaters frühzeitig abgewinkt hatten. Der Etat des Hauses, mit eigenem rund 20-köpfigen Schauspielensemble und Gastspielen der Sparten Tanz und Oper, beträgt 11,05 Millionen Euro, davon schießen die Stadt 5,95 Millionen und das Land Baden-Württemberg 3,08 Millionen zu.

Die Frage, ob den Worten auch Taten folgen würden, beantwortete Vornam mit einem fulminanten Auftaktwochenende. Da war zunächst Lessings "Nathan", den der neue Schauspieldirektor Alejandro Quintana inszenierte. Das Bühnenbild einfach, mit sich hebenden und senkenden Stelenelementen und einer phantasievollen Lichtregie. Die Bearbeitung behutsam, aber nachhaltig. Ein Nathan, der absolut kein Held, schon gar nicht der Tugendbold ist, als der er gerne auf die Bühnen gestellt wird. Und um ihn herum Menschen, als wären sie von heute.

Auch Esther Hattenbachs Interpretation von Fassbinders "Angst essen Seele auf" und die skurrile Inszenierung des Hitchcockthrillers "39 Stufen" von Martina Eitner-Acheampong im Komödienhaus überzeugten. Und inzwischen gibt es noch das Erfolgsstück "Elling", inszeniert von Carl-Herrmann Risse. Das Heilbronner Publikum war im Sturm erobert. Zumal sich Vornam auch vor Freundes- und Theaterkreisen zeigt, unermüdlich Rede und Antwort steht und auch Anregungen aufnimmt. Schon kann der Theaterchef vermelden, dass der übliche Abonnentenschwund bei einem Intendantenwechsel aufgefangen ist, dass die Neueinzeichnungen die Kündigungen überholt haben, und an den Tageskassen müssen Zuschauwillige auch schon mal abgewiesen werden.

Solidarischer Sonderapplaus

Wobei die Heilbronner sofort gleich Gelegenheit hatten, das Gegebene zu vergelten. Denn zwei Tage vor der "Nathan"-Premiere konfrontierte der freie Journalist Rudi Fritz, der Heilbronner Korrespondent der Stuttgarter Zeitung, Quintana im Rahmen eines Interviews, bei dem es um die Inszenierung gehen sollte, mit der Frage, ob er eigentlich jemals für die Stasi gearbeitet hätte.

Der überrumpelte Regisseur verneinte. Tatsächlich, ließ die Birthler-Behörde daraufhin verlauten und hat Fritz im Übrigen wohl lange vor dem Premierenwochenende gewusst, gibt es sehr wohl eine Akte, die belegt, dass Quintana, frisch vor dem Militärregime in seiner Heimat Chile ins Exil der DDR geflüchtet, von 1978 bis 1982 offenbar als Stasi-Mitarbeiter geführt wurde. Seit der Regisseur sie offen gelegt hat, weiß man aber auch, dass er sich der Mitarbeit immer wieder entzogen hat und dass er sich kaum darüber im Klaren war, wem er bei Gesprächen gegenüber saß. Entsprechend haben sich auch die Stadt und das Theater hinter Quintana gestellt.

Die Heilbronner und die lokale Heilbronner Stimme sprangen nicht auf den Karren der Regionalzeitung auf. Der Fall wurde nicht aufgebauscht, sondern vielmehr kam die Gegenfrage auf, warum die Vorwürfe denn ausgerechnet kurz vor der Premiere publik gemacht wurden. Und nach der Premiere des "Nathan" zeigte sich das Heilbronner Publikum mit einem dicken Sonderapplaus mit Quintana solidarisch. Auch dessen zweite Arbeit, eine so leichte wie elegante Inszenierung des Musicals "Cabaret" wurde Ende November freudig aufgenommen. Was immer sich also hier weiter entwickeln wird: Einen gelungeneren Einstand als den des Vornam-Teams in Heilbronn muss man erst einmal suchen.

 

Der Autor ist Mitarbeiter der Ludwigsburger Kreiszeitung

ww
w.theater-heilbronn.de


Mehr lesen? Ende Oktober wurde der Stasi-Verdacht gegen den Heilbronner Schauspieldirektor Alejandro Quintana entkräftet.

 

 
Kommentar schreiben