Lass es raus!

30. Oktober 2022. Ein depressiver Vater, zwei mutterlose Söhne, die sich zu früh um sich selbst kümmern müssen, und ein abgehalfterter European-Song-Contest-Verlierer. Klingt trist, ergibt aber in der Regie von Suna Gürler eine gefühlsduselige Katharsis.

Von Mirja Gabathuler

30. Oktober 2022. Kennen Sie den Song "My Heart Is Full of Na-Na-Na"? Das war einmal ein richtiger Hit, erfahren wir gleich zu Beginn des Stücks. Erzählen tut uns das sein Urheber, Tearjerker. Er trat vor Jahren damit beim Eurovision Song Contest auf – und kehrte, so titelte eine Boulevardezeitung, als "Schande von Belgrad" zurück. Switzerland: Zero Points.

Erwachsene Jugendliche, jugendliche Erwachsene

Nun hat Tearjerker (Maximilian Reichert), im Silber-Overall, mit heruntergerockten Engelsflügeln und verschmierten Glitzertränen im Gesicht, seine 15 Minuten Ruhm längst hinter sich. Der Marktwert der Kissen, die mit seinem Konterfei bedruckt sind, ist auf 9,99 Euro gesunken und sein Selbstvertrauen im Keller.

Nur der 13-jährige Bilge (Finnigan Inan) verehrt Tearjerker noch und zupft auf der Gitarre die Ohrwurm-Melodie. Na-na-na, wo soll er auch sonst hin mit seinen Gefühlen? Bilges Mutter ist vor nicht allzu langer Zeit bei einem Unfall gestorben. Sein älterer Bruder Timur (Onur Can) hat seither das Weite gesucht, der Vater Alain (Lukas Vögler) verbarrikadiert sich in mürrischer Distanziertheit. Statt sich mit seinem Sohn oder stapelweise offener Rechnungen abzugeben, will er sich "auf das Wesentliche konzentrieren". Definitiv nicht dazu gehört das Sprechen über Trauer. Stattdessen versinkt er mit Radiohead in Melancholie, drückt sich Zigaretten auf dem nackten Arm aus und sprayt das Parfüm der Mutter in alle Winkel der verwahrlosten Wohnung. Es ist der Teeniesohn, der ernsthaft-fürsorglich auf den Vater aufpasst und Kuchen backt für den eigenen Geburtstag, an den sonst keiner denkt.

Als Tearjerker mit seinen Engelsflügeln unfreiwillig auf das Dach der Familie segelt – Ist das der Himmel? Nein, es ist nur Oerlikon! – bringt er als eine Art trashiger Deus-ex-Machina die vermurkste Vater-Söhne-Konstellationen in Bewegung. Er macht es zu seiner Mission, die "Emotions-Mussolinis" aus der Reserve zu locken. Mit der Strategie, die er als ESC-Veteran am besten beherrscht: Drama, Lautstärke, Ehrlichkeit.

Emotionale Verstocktheit

Das Stück von Lucien Haug kreist um Männlichkeit, Verletzlichkeit und Fürsorge, sehr kurzweilig serviert von Hausregisseurin und Theaterpädagogin Suna Gürler. Während in ihrer Zürcher Inszenierung "Flex" (2019) nur Frauen auf der Bühne standen, sind es diesmal nur Männer (und Jungs). Sie verheddern sich in Seilen und hadern mit ihren Gefühlen. Oder genauer gesagt: mit ihrer richtigen Dosierung.

Wie ein Sinnbild für die erlernte emotionale Verstocktheit hängen auf der Bühne rote Seile von der Gitterdecke. Diese fährt immer wieder hoch und runter. Wer unten zwischen den Seilen durchmuss, muss sich ein wenig winden. Oben auf dem Gitterdach ist es freier.

My Heart 5 Zoe AubryFinnigan Inan im Kostüm von Mariana Vieira Grünig © Zoé Aubry

Oben und unten treffen die Figuren aufeinander: Da ist zum einen der Typ Tearjerker, der es – ganz in Übereinstimmung mit seinem Namen – als sein großes Talent sieht, Menschen zu Tränen zu rühren. Der Typ, der Feng Shui praktiziert, Céline Dion anhimmelt und ohne Hafermilch einfach nicht er selbst sein kann. Bei dem jede Gefühlsregung das Zeug zur Performance hat, selbst wenn es sich um etwas Profanes wie Hunger handelt. Am anderen Ende der Skala steht der Typ Alain, der eine Mauer um seine Emotionen gezimmert hat. Der einsilbig antwortet und sich das Bedürfnis nach Nähe nicht eingestehen kann. Dazwischen: die beiden Jugendlichen, die sich erwachsener verhalten als die Erwachsenen. Alle sind auf ihre eigene Art ziemlich betrübt.

Soap Opera

Die beiden Ensemblemitglieder und die beiden jugendlichen Darsteller verkörpern diese Typen hervorragend, lebendig. Das macht Freude. Schade ist, dass sie genau das bleiben, ziemlich typenhaft. Themen wie Trauer, Depression und Suizid dienen eher als Vehikel für eine etwas gar plakative und didaktische Erzählung, die gradlinig Richtung Happy End schreitet, als dass eine Auseinandersetzung damit stattfindet. Zwischendurch lässt dieses Stück, das sich dezidiert auch an Jugendliche richtet, daher etwas an eine Soap Opera denken.

Dafür punktet es mit unterhaltsamen Momenten und einem recht unbeschwerten Zugang zur Frage, wie sich eigentlich starke Gefühle mit männlicher Sozialisation vertragen. Etwa als der ebenso kitschige wie catchy ESC-Hit "Euphoria" durch den Raum schallt und Tearjerker mit Bilge übt, seine Gefühle rauszulassen. Das Publikum geht mit, applaudiert, johlt. Gerade in der an Peinlichkeit grenzenden Übertreibung der Emotionen wird klar, wie verkorkst da alle rumdrucksen. Und am Ende kann man fast nicht anders, als sich von Tearjerker – dem Prozessionsmeister der tränenreichen, gefühlsdusligen Katharsis – mitreißen zu lassen.

My Heart Is Full of Na-Na-Na
von Lucien Haug
Inszenierung: Suna Gürler, Bühne: Moïra Giliéron, Kostüme: Mariana Vieira Grünig, Musik: Yanik Soland, Licht: Gerhard Patzelt, Dramaturgie: Fadrina Arpagaus.
Mit: Maximilian Reichert, Finnigan Inan, Lukas Vögler, Onur Can, Sven Epiney (Stimme).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, ohne Pause

www.schauspielhaus.ch

 
Kritikenrundschau

Die Inszenierung habe Seifenoper-Potential, so Fabienne Naegeli im  (31.10.2022). Sie ist unterhaltsam, wenn die beiden Hauptfiguren Gefühle üben und Eurovision-Song-Contest-Lieder performen. Die Figuren bleiben aber typenhaft, und folglich bleibe auch die Beschäftigung mit ihren Problemen oberflächlich. "Gelungen ist aber die Leichtigkeit und der Spaß, mit denen Emotionen und Mannsei zusammengebracht werden." 

 

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