Gegen das Vergessen

6. November 2022. Mit Mitteln des Films und des Theaters begibt sich das niederländische Kollektiv De Warme Winkel auf eine Erinnerungsfahrt. Zum Konzentrationslager Dachau. "Der Bus nach Dachau" erzählt vom Holocaust und wie man ihn in Bildern zu fassen kriegt. Ein schmerzlicher, intelligenter Abend.

Von Sarah Heppekausen

6. November 2022. Was für eine Geschichte! 29. April 1945 – das KZ Dachau wird durch die US-Armee befreit. In den Tagen danach werden die überwiegend politischen Häftlinge von Repräsentanten ihrer Heimatländer abgeholt, die Widerstandskämpfer wie Helden gefeiert. Nur aus den Niederlanden kommt niemand. Einige Wochen später chartern ein paar der Insassen einen Bus, fahren in die Niederlande, verharren dort erst mal in Quarantäne, werden später wieder von der Polizei behelligt.

Ward Weemhoff ist 10 Jahre alt, als sein Vater in den 90ern diesen Teil der niederländischen Geschichte als Anlass für ein Filmskript nimmt: Er lässt die ehemaligen niederländischen KZ-Häftlinge per Bus zur KZ-Gedenkstätte reisen. Der Film wurde nie gedreht. Aber 30 Jahre später bringt sein Sohn diesen fiktiven Filmdreh auf eine deutsche Theaterbühne.

Einfühlung ins Grauen

Mit Vincent Rietveld gehört Weemhoff zum niederländischen Theaterkollektiv De Warme Winkel, das mit der Uraufführung "Der Bus nach Dachau" im Bochumer Schauspielhaus zum ersten Mal in Deutschland eine Premiere feiert. Dass es eine Herausforderung, sogar eine Zumutung ist, über den Zweiten Weltkrieg im Land der Täter ein Stück zu entwickeln und zu spielen, thematisiert die Inszenierung gleich mit: "Hände weg von unserem Holocaust", drohen die deutschen Darstellenden dem niederländischen Filmemacher (Vincent Rietveld), der im Film selbst einen SS-Mann im Ledermantel spielt, zum Ende hin.

Aber von vorn. Da sitzt zunächst eine Besuchsgruppe auf der Bühne und lässt sich informieren, über diesen Abend und die ganze Geschichte(n) dahinter. Und darf dann zum Probe-Fühlen in einen aus Holz gebauten, fensterlosen Kulissen-Raum. Eng sei es da drin, bedrückend und aufregend, hören wir die Stimmen aus dem Inneren. Geräusche werden simuliert, das Stöhnen während der Arbeit im Lager, Peitschenhiebe – und dann die Schreie. Black. Was für ein plötzlicher Überfall des realen Grauens, allein in diesem Soundeffekt.

Mix von Filmsprachen

So funktioniert diese Inszenierung. Zeitliche Ebenen und unterschiedliche Performance-Formate überschlagen sich ebenso schnell wie die Emotionen beim Zuschauen. Lachen, Erschrecken, Staunen, Neugier, Beklemmung wechseln sich ständig ab. Wir hören die Schauspieler*innen über Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" und Stanley Kubricks unvollendetes Holocaust-Projekt fachsimpeln (heute). Und folgen der Kamera dann ins Innere des Lagerraums, sehen die Hungernden in Nahaufnahme, die nach einem Löffel Suppe mehr flehen (Live-Filmdreh der Kriegszeit). Beobachten dann den Schauspieler Risto Kübar, wie er sich als Gefangener, der überlebt hat, mit Albträumen und einem nagenden schlechten Gewissen plagt – "Ich habe ihm ein Stück Brot geklaut" (1993). Alles ragt ineinander, überfordert und überzeugt.

Der Bus nach Dachau 8 Isabel Machado RiosSet für den Filmdreh zum KZ Dachau: Bühnenbild von Theun Mosk © Isabel Machado Rios

Es ist der Versuch, Erinnerung auch weiterhin möglich zu machen. Ein Versuch, der sein Scheitern immer schon mitdenkt. Denn jeder Film ist eine Form der Geschichtsverfälschung, heißt es auf der Bühne. Also verträgt er auch zeitgemäßere Kommunikationsformen und verfremdet die Gesichter der Leidenden mit Cartoon-Augen wie in einer Snapchat-Szene. Der Abend lässt aber genauso Rührung zu, wenn Vater (Vincent Rietfeld) und Sohn (Ward Weemhoff, in Wirklichkeit wie auf der Bühne) das Schubertlied "Am Tage Aller Seelen" singen und sich dabei gegenseitig filmen. Ein inniger Moment, absurd und wohltuend gleichermaßen.

Ledermäntel und Langhaarperücken

Rietveld und Weemhoff erarbeiten mit dem Ensemble (Marius Huth, Mercy Dorcas Otieno, Lukas von der Lühe, Lieve Fikkers und Risto Kübar) sehr genau Szenen, die einen angehen, in ihrer Brutalität ebenso wie in ihrer Beiläufigkeit. Lauter Brennpunkte, die vor sich hin glimmen und ab und an hochflammen. Die Nazis tragen nicht nur Ledermantel, sondern auch blonde Langhaarperücken. Das ist zum einen die Anspielung auf die rasierten Köpfe der Insassen. Zum anderen ist es fies komisch, wenn die SS-Leute erst noch ihre Haare richten müssen, bevor sie die "Judenschweine" aus ihren Wohnungen holen.

Aber der Abend ist keine Persiflage, dafür ist er zu berührend. Er ist keine moralisch steuernde Erzählung, dafür ist er zu vielgestaltig. De Warme Winkel bietet uns einen anderthalbstündigen Gegenentwurf an, gegen das Vergessen, gegen fiktionale Einseitigkeit, gegen ein bloß schweres Gefühl, gegen Unwissenheit, gegen das Schweigen. Und mit reichlich unbeantworteten Fragen. Das ist eine ziemliche Zumutung. Gut so.

 

 

Der Bus nach Dachau
Ein 21st Century Erinnerungsstück
von De Warme Winkel
Konzept und Regie: Vincent Rietveld, Ward Weemhoff (De Warme Winkel); Bühne: Theun Mosk; Kostüm: Bernadette Corstens; Sounddesign: De Warme Winkel, Richard Alexander; Lichtdesign: Jan Hördemann; Dramaturgie: Dorothea Neweling.
Mit: Lieve Fikkers, Marius Huth, Risto Kübar, Mercy Dorcas Otieno, Vincent Rietveld, Lukas von der Lühe, Ward Weemhoff.
Premiere: 5. November 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, ohne Pause

www.schauspielhausbochum.de
dewarmewinkel.nl

 

Kritikenrundschau 


"Es ist eine Menge schräger, riskanter Humor im Einsatz bei der Produktion 'Der Bus nach Dachau' am Schauspielhaus Bochum", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (7.11.2022) Vincent Rietveld und Ward Weemhoff vom niederländischen Kollektiv De Warme Winkel arbeiteten in ihrer Inszenierung "mit einer Fülle von Zeitebenen und Meta-Reflexion in der Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit." "Wie werden die Bilder erzeugt? Welche Beweiskraft hat ein trauriger Film?", fasst der Kritiker Fragestellungen des Abends zusammen. Aus seiner Sicht steht darin "die ästhetische Erinnerungsarbeit selbst (...) auf dem Prüfstand."

"Diese Inszenierung ist tatsächlich keine stromlinienförmige, film- und publikumstaugliche Erzählung des Holocaust", schreibt Ronny von Wangenheim in den Ruhr Nachrichten (7.11.2022). Der Kritiker ahnt, "wie sehr die Gruppe während der Entstehung Mittel, Formen Themen ausprobiert und ausdiskutiert hat." Doch: "Wurde zu viel versucht, zu viele Sichtweisen hineingepack, soll sich der Zuschauer überfordert fühlen?" Am Ende bleiben für von Wangenheim "offene Fragen und der Gedanke des Scheiterns."

"Die Aufführung will zu viel und weiß manchmal nicht wohin", schreibt Jens Westernströer in der WAZ (7.11.2022). Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Holocaust fehlt die Tiefe, für eine Persiflage der Witz." Trotzdem entdeckt der Kritiker immer wieder stark gespielte Szenen.

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