Medienschau: Stuttgarter Zeitung – Schauspielintendant Kosminski zum Fall Caryl Churchill

Unerklärliche Dinge

Unerklärliche Dinge

10. November 2022. Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung (€) äußert sich Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiels Stuttgart, zur Aberkennung des Europäischen Dramatikpreises an die britische Autorin Caryl Churchill wegen Antisemitismusvorwürfen, die an Churchills Engagement für die antiisraelische Bewegung BDS und an ihrem Drama "Seven Jewish Children" aus dem Jahr 2009 festgemacht wurden.

"Die Betroffenheit über den Schaden, den wir dem Preis zugefügt haben, ist so groß, dass mich das jeden Tag beschäftigt", gesteht Kosminski, dessen Haus die mit 75.000 Euro dotierte Auszeichnung für ein dramatisches Gesamtwerk alle zwei Jahre verleiht.  

Wie es zu dem Fehler in der Preisvergabe kommen konnte, kann der Schauspielintendant sich der Zeitung zufolge selbst nicht erklären: "Es wurde übersehen, und zwar von allen. … Manchmal geschehen Dinge, die man sich hinterher kaum erklären kann", äußert er im Gespräch mit Jan Sellner.

Die Frage, ob die Auszeichnung unter diesen Umständen überhaupt noch eine Zukunft habe, bejaht Kosminski nachdrücklich: "Es ist der einzige europäische Preis für eine Dramatikerin oder einen Dramatiker für deren Lebenswerk. Baden-Württemberg hat hier eine auffallende Lücke geschlossen."

(Stuttgarter Zeitung / cwa)

Kommentare

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#1 Medienschau Churchill: BetroffenDr. Schön 2022-11-11 02:16
Ach wie schön. "Die Betroffenheit über den Schaden, den wir dem Preis zugefügt haben, ist so groß, dass mich das jeden Tag beschäftigt." Da wissen wir nun immerhin, was den Herrn Direktor jeden Tag innerseelisch beschäftigt. Thomas Bernhard hat solche Preise sowieso abgelehnt mit der Begründung, dass sie ohnehin nur an Leute verliehen würden, die ihrer nicht mehr bedürften. Das erste Stück von Churchill, das ich gesehen habe, hieß CLOUD NINE. Das war um das Jahr 1980 herum. Es war ein dekonstruktiver Ramp avant la lettre des britischen Kolonialismus. Bloody funny. Bloody bitter. Very efficient. Immer noch aktuell. Spielt doch dieses Stück, Freunde. Von den Tantiemen würde die Autorin mehr profitieren als von diesem, na ja, Preis.
#2 Medienschau Churchill: Was Juden sagen dürfenThomas Rothschild 2022-11-11 18:49
Und wenn nun jemand auf die Idee käme, jene Antisemiten zu nennen, die aufgeklärten, antinationalistischen Juden wie Sivan Ben Yishai und Noam Brusilovsky (siehe www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=21661:israelische-kuenstler-innen-verteidigen-caryl-churchill&catid=126:meldungen-k&Itemid=100890) in den Rücken fallen wie jene, die die Vietnamkriegsgegner einst als antiamerikanisch diffamierten ? Es gibt, in Israel und außerhalb, sehr viel mehr Oppositionelle, als jene deutschen Medien melden, die den Juden wieder einmal vorschreiben, was sie sagen dürfen und was nicht -, wer hätte Grund zur Betroffenheit? Der Stuttgarter Dramatiker*innen-Preis wurde nicht durch die Vergabe an Caryl Churchill beschädigt, sondern durch deren Rücknahme. Wann werden Deutsche endlich aufhören, andere - seien es Palästinenser, sei es eine der bedeutendsten Dramatikerinnen der vergangenen Jahrzehnte - für die Sünden ihrer Väter und Großväter bezahlen zu lassen. Und wann werden sie aufhören, Juden in deren Rolle zu drängen, indem sie sie mit einem zunehmend rechtsradikalen Staat identifizieren.
#3 Medienschau Churchill: An keiner StelleDieEineSchwester 2022-11-14 23:50
(...) Das Stück "Seven Jewish Children" ist meiner Meinung nach nicht antisemitisch und es wurde an keiner Stelle bis heute erklärt, was daran antisemitisch sein soll. Wichtige lebende jüdisch-amerikanische und israelische Schriftsteller und Theaterschaffende sprechen sich für Churchill aus. Eine lebendige israelische Kultur kann mit Kritik an der israelischen Besatzungspolitik sehr gut umgehen; es gibt eine progressive, israelische Linke, deren Kritik an der eigenen, aktuell zunehmend rechtsradikal werdenden Regierung um einiges schärfer ausfällt als das, was die britische Dramatikerin in ihrem Stück formuliert. Deutsche wie Volker Beck, der ja bei dieser Kampagne gegen Churchill federführend war, verstehen immer noch nicht, dass eine auf komplexe Weise geführte künstlerisch Kritik an der israelischen Besatzungspolitik nicht per se antisemitisch ist, sondern eben Teil einer Auseinandersetzung darüber, was eine angemessene und vor allem zukunftsversprechende Politik sein kann. Und natürlich geht es ja auch um Fragen der Menschenrechte und der Menschenwürde. Leider hat auch Kosminski die Auseinandersetzung nicht offen geführt, auch die Jury hat sich ja auch nicht wirklich inhaltlich tiefergehend geäußert. (...) Niemandem ist mit dem Canceln des Preises für Churchill geholfen. Absolut niemand. Das Theater trägt einen großen Schaden davon. Deutschland macht sich lächerlich in der Welt. Die duckmäuserische Jury macht sich unglaubwürdig. (...)

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