Machtkampf in weißkalt

11. November 2022. Medea ist der zeitgenössischen Lesart nach Täterin und als Mörderin ihrer eigenen Kinder zugleich das Opfer einer patriarchalen Gesellschaft. Eine ambivalente Erscheinung ist Euripides’ Figur auch in der Fassung des Autors und Regisseurs Simon Stone, der aus ihr ein Psychiatrie-Opfer der gutbürgerlichen Gesellschaft macht. Die litauische Regisseurin Kamile Gudmonaite inszeniert Stones Antiken-Aktualisierung als Familienhölle mit Videobeweis.

Von Reingart Sauppe

11. November 2022. "Medea": 2014 hat der Autor und Regisseur Simon Stone für die Toneelgroep Amsterdam den antiken Stoff von Euripides mit dem realen Fall einer amerikanischen Kindsmörderin verwoben. Aus der grausamen Rächerin wurde ein weibliches Psychiatrie-Opfer der gutbürgerlichen Gesellschaft. 2018 folgte die Erstaufführung in deutscher Übersetzung am Wiener Burgtheater. In Freiburg inszeniert die junge litauische Regisseurin Kamile Gudmonaite nun Simon Stones zeitgenössische Medea-Übersetzung als abgrundtiefes Familiendrama, in dem die Beteiligten Opfer und Täter zugleich sind.

Medea, die Ausgestoßene, sucht ihren Platz. Zielstrebig zwängt sie sich zwischen die Zuschauerreihen. Verteidigt lautstark ihren Anspruch auf den Sitzplatz und entschuldigt sich gleichzeitig mit übertriebener Höflichkeit. Hat sie sich in der Stuhlreihe geirrt, sitzt da nicht ein anderer auf ihrem Platz, stimmt mit ihrer Karte etwas nicht oder ist sie gar im falschen Stück? Kamile Gudmonaite braucht nicht mehr als diese kurze Szene, bevor das eigentliche Stück beginnt, um ein Psychogramm dieser widersprüchlichen Medea zu erstellen: Wir haben es hier mit einer willensstarken und gleichzeitig zutiefst verunsicherten Frau zu tun, die ihre ganze Energie darauf verwenden wird, sich ihren Platz zurückzuerobern – als Ehefrau, Mutter und Wissenschaftlerin.

Hinter der Fassade tickt der Zusammenbruch

Im weißkalten Bühnenraum stehen stellvertretend die drei Dinge, die Medeas Leben ausgemacht haben: Ihr Ehebett, das Familiensofa und ein verglastes Labor, in dem sie als Ärztin und Wissenschaftlerin an Potenzmitteln forschte. Alles hat sie verloren, nachdem sie ihrem Mann Gift ins Essen mischte – nur so viel, dass er immer wieder krank aufs Ehebett mit Frau und Kindern geworfen war, aus dem er gerade ausbrechen wollte: mit Clara, der jungen, zarten Tochter des Laborchefs, die nicht nur bessere Muffins backen kann als Medea, sondern mit weiblichem Gespür der Betrogenen auf die Schliche kommt und dafür sorgt, dass Medea für längere Zeit in der Psychiatrie landet.

Medea4 805 Amelie Amei Ackermann Kahn uVerstrickt in nur scheinbar überwundene Konflikte: Lukas T. Sperber als Lucas und Laura Palacios als Medea © Amelie Amei Ackermann-Kahn

Jetzt aber ist Medea zurück und hat gelernt: Ihre negativen Gefühle zu kontrollieren und sich mit offensiver Freundlichkeit Sympathiepunkte zu erarbeiten, um ihre Ungefährlichkeit unter Beweis zu stellen. Wieviel Energie sie dafür aufbringen muss, wie groß die Anspannung und wie nah doch die Brüchigkeit in ihr ist, um als "Geheilte" Mann und Kinder zurück zu erobern, stellt Laura Palacios als Medea von der ersten Minute an so überzeugend dar, dass man förmlich die Luft anhält. Medea wirkt so sympathisch und gleichzeitig ahnt man die tickende Zeitbombe hinter der fröhlichen, Verständnis heischenden Fassade. Begeistert zeigt sie ihrem Mann Lucas (Lukas T. Sperber) ein Bild, das sie in ihrer Therapie gemalt hat: Die Arche Noah, leider gesunken und alle Insassen tot, kann ja mal vorkommen, ist doch nur ein Bild. Darauf der Ehemann im ebenso Verständnis heischenden Psychologen-Sprech: "Gut, dass du das so ausdrücken kannst."

Ehehölle mit Videobeweis

Auch dieser emphatisch wirkende Lucas versucht jetzt alles richtig zu machen und bietet Medea seine Hilfe bei der Wiedereingliederung an. "Ich bin für dich da", verspricht er und weckt damit Erwartungen, die er nicht erfüllen kann. Der Ehemann ist in der Inszenierung von Kamile Gudmonaite weder Arschloch, noch Waschlappen und Medea nicht – wie so oft – bedauernswertes Opfer, das, von der patriarchalen Gesellschaft dazu getrieben, zur Rächerin Mörderin ihrer Familie wird.

Hier wollen alle das Richtige tun und Konflikte vermeiden, um genau deshalb in der Tragödie zu landen. Ingmar Bergmann lässt grüßen: Die junge litauische Regisseurin steigt in seine Fußstapfen und seziert mit hohem psychologischem Gespür die Machtkämpfe, die zunächst nur latent und schließlich immer offener und brutaler, aber stets mit hoher manipulativer Intelligenz ausgetragen werden.

In dieser Ehehölle scheint Medea zunächst die Überlegene zu sein: Sie macht ihre Söhne Edgar und Georg zu Komplizen, verspricht ihnen, dass die Familie jetzt zusammenbleiben werde. Die Kinder sitzen wie Verbündete zu dritt auf der Bettkante und sind doch hin- und hergerissen im Loyalitätskonflikt zwischen der bedürftigen Mutter, dem verlässlichen Vater und der netten, verwöhnenden Clara.
Mit einer Videokamera halten Edgar und Georg die Familienepisoden fest, die gleichzeitig auf einer großen Leinwand zu sehen sind. Die Szene, als Medea unter Anwendung all ihrer körperlichen Überlegenheit Lucas zurück ins Ehebett zwingt, ihn fast vergewaltigt, wird schließlich zur medialen Waffe. Edgar und Georg zeigen der Geliebten des Vaters das bearbeitete Video – als Beweis der ewigen Elternliebe. Danach steuert die Tragödie rasant auf ihr Finale zu. Medea wird wieder verlieren. Denn jetzt zieht Clara alle Register, schildert genüsslich der Betrogenen ihren Sex mit dem Ehemann, wird schwanger, sorgt mithilfe ihres Vaters dafür, dass die Karriere von Lucas ins Ausland verlagert wird.

Moderner Psychothriller der archaischen Emotionen

"Es tut mir leid", beteuert Lucas, dessen Leben stets von Frauen gesteuert wird, zum wiederholten Mal. In diesem Moment drischt Medea hasserfüllt auf ihn, den Konfltikvermeider, ein. Ohnmächtig sind sie beide, nur hat er Verbündete, sie dagegen keine mehr. In der Rückschau erzählt Medea nüchtern-protokollierend wie im antiken Botenbericht die Details ihrer Tat: Wie sie in Trance zum Messer greift, Clara ersticht und schließlich das Haus samt Kindern in Brand setzt.
 In Blutrot sprüht Medea schließlich die Buchstaben "Forever" an die Glasscheibe. Im Abgesang ertönt der harmlose Popsong "Do you believe in life after love?". Medea hat die Frage konsequent mit Nein beantwortet.

Kamile Gudmonaite ist ein moderner Psychothriller gelungen, der unter die Haut geht und zeigt, wie wenig zivilisatorische Maßnahmen zur Konfliktvermeidung archaische Emotionen wie Verlust und Trauer bändigen können – im Gegenteil. Ihre differenzierte und einfühlsame Darstellung der Figuren, die dem Zuschauer keine einfache Parteinahme erlaubt, kann man nur loben. Laura Palacios als Medea und Lukas T. Sperber als Ehemann Lucas gebührt an diesem Premierenabend der größte Applaus: So realistisch und überzeugend spielen sie ein Paar, das wir irgendwie alle zu kennen scheinen.

Medea
von Simon Stone nach Euripides
Regie: Kamile Gudmonaite, Choreografie: Stabacinskas Mantas, Bühne/Kostüme: Barbora Sulniute, Musik: Dominicas Digimas, Dramaturgie: Rüdiger Behring.

Mit: Laura Angelina Palacios, Gian Mutschlechner, Mani Müller, Lukas T.Sperber, Laura Friedmann, Holger Kunkel, Hartmut Stahnke, Charlotte Will.
Premiere am 10. November 2022

Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater.freiburg.de


Kritikenrundschau

Einen "sehr überzeugend gespielten, intensiven Psychokrimi" hat Heidi Ossenberg gesehen und hebt in der Badischen Zeitung (12.11.2022) besonders die Leistung der Hauptdarstellerin hervor: "Ein Ereignis ist Laura Palacios. Ihre Anwandlung an Anna ist eine mit Haut und Haar; mal kommt sie uns raffiniert und intrigant, dann impulsiv und tief verzweifelt vor. Immer wieder wird sie mit der Wucht ihres absoluten Verlusts konfrontiert – sie rennt dagegen an, wie ein Tier, das waidwund noch unglaubliche Kräfte mobilisiert. Absolut überzeugend."

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