Das Eigelb der Existenz

12. November 2022. Magda Toffler hieß die Großmutter der Schweizer Theatermachers Boris Nikitin, und sie war Jüdin. Das allerdings erfuhr Nikitin erst nach ihrem Tod. Und macht sich nun in seinem neuen Stück Gedanken darüber, wie Lebensgeschichten sich zusammensetzen aus dem, was erzählt, und dem, was nicht erzählt wird.

Von Christian Muggenthaler

12.11.2022. Der Einbruch des Fiktionalen ins Wirkliche, die Unmöglichkeit, ein Leben anhand der Notenschrift der tatsächlichen Ereignisse entlang zu erzählen, das Dokumentarische als regelrecht propagandistische Form der Darstellung: Boris Nikitin ringt als Regisseur ganz offenbar um die Erkenntnis der Unmöglichkeit einer Beschreibung von biografischer Wirklichkeit auf der Bühne. Wie das Eiweiß umgibt die Erzählung das Eigelb der Existenz. Niemand erzählt sich selbst – und um so weniger anderen – sein Leben so, wie es wirklich war. Erinnerung ist – auch – Dichtung. Wie geht man als Autor, als Regisseur damit um, gerade mit dokumentarischem Material ein Individuum so festzuschreiben, dass es fürderhin am Falschen klebenzubleiben verurteilt ist?

Selbst-Entblätterung

Der Schweizer Boris Nikitin macht sich jetzt am Staatstheater Nürnberg an den Eigenversuch. Wie diese tapferen Wissenschaftler, die irgendwelche Seren erst einmal am eigenen Körper ausprobieren, testet er die Erzählung eines biografischen Wendepunkts an sich selbst. Nikitin, Mutter Slowakin, Vater halber Franzose und halber Ukrainer mit russischen Wurzeln, erfährt nach dem Tod seiner Großmutter mütterlicherseits, dass sie Jüdin war, dass er Jude ist. Und jetzt sitzt er da, auf der nackten Bühne der Kammerspiele, mit weißem T-Shirt, weißen Schuhen, dunkler Hose, und liest, auf einem Stuhl sitzend, die Geschichte dieser autobiografischen Erfahrung vor, legt Blatt für Blatt gelesen neben sich ab. Er entblättert sich.

Magda Toffler heißt die Oma, nie hatte sie vor ihrem Tod erwähnt, Jüdin zu sein. Weshalb dieser Bühnen-Eigenversuch "Magda Toffler. Versuch über das Schweigen" heißt. Das Schweigen ist hier enorm wichtig, weil schließlich erst die Stille zur Gesamtheit der Rekonstruktion beispielsweise von Bühnenwerken beiträgt – und auch einer Biografie. Man erzählt jemandem von sich, oder aber: Man schweigt über sich; beides trägt bei zur Lebensgeschichte. Nikitin verknüpft nun auf der Bühne diese zwei Seiten, das Erzählen und das Schweigen, zu einem haltbaren Erzählstrang, der aber immer verbunden bleibt mit dem Rätsel, was da ist und was fehlt.

Der Mensch als "eingefrorenes Dokument"

Im Kern könnte man diesen 70-minütigen Abend auch eine Lesung nennen, wäre er nicht zugleich auch eine weitestmögliche Reduktion dessen, was Nikitin in seiner Theaterarbeit anstrebt: das Bewusstsein, dass der Mensch im Zeigen seines Lebens auf der Bühne ein "eingefrorenes Dokument" sei; so heißt es in seinem seiner früheren Statements von vor gut zehn Jahren, das er mit liest. Er misstraue dem Dokumentarischen auf der Bühne zutiefst, sagt er, und macht sich nun an besagten Selbstversuch. Es ist sehr still im Theater. All das Schweigen, das im Backstage des Leben unbedingt dazugehört: Hier funktioniert es schon mal.

Reißverschluss zwischen Biografie und Fiktion

Nikitin bettet die biografische Episode ein in einen Bericht von der Posener Rede von SS-Reichsführer Heinrich Himmel im Oktober 1943, wo drastisch und deutlich vom Plan des Genozids die Rede ist – und der für alle ersichtlich auf Tonträger gebannt wurde. Auch hier, so Nikitins These, wurde explizit das Schweigen aufgenommen. Und wenn sich währenddessen seine Oma in ihrer tschechoslowakischen Heimat in Todesangst verstecken musste, ergibt sich verständlich, warum sie dieses Versteck in sich für den Rest ihres Lebens quasi nie mehr aufgegeben hat und über ihr Jüdischsein nie sprach. Geschichte und Schicksal sind ineinander verwoben.

Und das Publikum lauscht der Erzählung als einer Geschichte. Nikitin betätigt sich sozusagen als Reißverschluss zwischen Biografie und Fiktion. Es gibt da auch kein "Guten Abend" und "Auf Wiedersehen", sondern nur ein ansatzloses Kommen und Gehen. Und zwischendrin werden die Seiten des Lebens ausgebreitet, vorgelesen, durchkostet, durchdacht.

Magda Toffler. Versuch über das Schweigen
Konzept, Text, Performance: Boris Nikitin
Produziert von Staatstheater Nürnberg, steirischer herbst 22 und It’s The Real Thing, in Koproduktion mit Kaserne Basel, Ringlokschuppen Ruhr, Théâtre Vidy Lausanne, HAU - Hebbel am Ufer Berlin, Frascati Amsterdam, Theater Chur und Omanut
Premiere in Nürnberg am 11. November 2022
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de/


Kritikenrundschau

"Boris Nikitin ist mit 'Magda Toffler' zurückgekehrt zu seiner eigenen Familiengeschichte und damit zu sich selber und seinem Verhältnis zu fremden Erinnerungen", so Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten (14.11.2022). Er "sitzt allein auf einem Stuhl auf der leeren Bühne, hat einen Stapel Blätter in den Händen". Kein Wort sei zuviel, "keines dürfte fehlen, wenn Boris Nikitin da sitzt im schwarzen Nichts, zwischen den Zeilen Halt suchend ins grelle Licht blinzelt, den Faden wieder aufnimmt, selber staunt über das Ungeheure, das ihm – und seinen Zuhörern plötzlich so furchtbar nah gekommen ist." Behutsam tastend gehe er vor, "stets auch mit dem Zweifel an der Richtigkeit, im Theater dokumentarisch zu arbeiten."

"Nikitins Abende sind Abstandsmesser und Tiefenbohrungen zugleich, die das Gerät im Privaten ansetzen, um anderswo hinzugelangen", schreibt Sabine Leucht in der Süddeutschen Zeitung (16.11.2022). Im Kern stehe das "Identitätsgewitter" und das selektive Schweigen von Nikitins Großmutter Magda Toffler über ihre jüdische Herkunft. Das Misstrauen gegen jede Form des Dokumentartheaters, das sich durch alle seine Arbeiten ziehe, sei auch hier präsent. Leuchts Fazit: ein kleiner, anregender Abend, "dem man viele Zuschauer wünscht".

 

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