Das Bild wackelt

13. November 2022. 3,5 Millionen Menschen starben ukrainischen Schätzungen zufolge beim Holodomor, Stalins Versuch, die selbstständigen Groß- und Mittelbauern in der Kornkammer Europas zu liquidieren. Die Gruppe Futur3 hat den Massenmord jetzt am Schauspiel Köln aufgearbeitet – und zieht Parallelen zum Heute.

Von Gerhard Preußer

13. November 2022. Holodomor ist das ukrainische Wort für Hungertod, für das massenhafte Sterben der ukrainischen Bauern 1932/33. Was wissen wir davon? Wenig oder gar nichts. Auch die Darsteller:innen des Projekts "Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern" im Schauspiel Köln beginnen den Abend mit dem Eingeständnis ihrer Unkenntnis. Die Behörden der Sowjetunion unter Stalin schotteten die Hungergebiete in der Ukraine in den 1930er Jahre rigoros ab und schwiegen diesen Massenmord tot, obwohl er bewusstes Ziel ihrer Politik war.

3,5 Millionen Tote

Aber der Hungertod von Millionen von Bauern in Europa ließ sich nicht völlig verheimlichen: Bauernsterben in der Kornkammer der Welt? Das politische Ziel der "Liquidierung der Kulaken als Klasse" war nur durch die Liquidierung der Angehörigen dieser Klasse, der selbstständigen Groß- und Mittelbauern, zu erreichen. Auch 1932/33 waren die Erträge der ukrainischen Bauern noch hoch genug, aber sie wurden ihnen gewaltsam abgenommen und ans Ausland verkauft, um den Aufbau der Schwerindustrie zu finanzieren. Durch diese Getreiderequirierung und die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft starben nach ukrainischer Schätzung etwa 3,5 Millionen Menschen.

Revolution3 Ana Lukenda uZahlen, Zitate, Sentenzen – Ukrainische Geschichtsvermittlung  © Ana Lukenda

Nötige historische Kenntnisse werden uns also vermittelt durch das Projekt, das die Kölner freie Gruppe Futur3 mit dem Schauspielhaus entwickelt hat. Regisseur André Erlen, drei ukrainische Darsteller:innen, zwei deutsche Mitglieder von Futur3 und Stefko Hanuschevsky, Ensemblemitglied im Kölner Schauspiel und Österreicher mit ukrainischem Hintergrund, ziehen alle Register der Geschichtsvermittlung. Drei schmutzigbraune Wände dienen als Projektionsfläche für historische Filmaufnahmen. Ein Fotograf macht auf der Bühne Fotos der Schauspieler:innen, die sofort so verfremdet auf den Projektionsflächen erscheinen, als ob sie historische Fotos der dargestellten Personen wären.

Gesungene Gefühle

Zahlen, Zitate, Sentenzen werden auf Deutsch und Ukrainisch präsentiert. Vier Zeitzeugen stehen im Zentrum: Gareth Jones (Stefan H. Kraft), ein britischer Journalist, der als einer der wenigen über den Hungermord berichtete und dafür von den amerikanischen und britischen "fellow travellers" der jungen Sowjetunion kritisiert wurde. Stephan Podlubnyj (Oleksii Dorychevskyi), ein Kulakensohn, der als Mitglied der Geheimpolizei ein Tagebuch schrieb, in dem er die Ereignisse aus seiner zwiespältigen Sicht genau notierte. Magda Homann (Anja Jazeschann), eine Deutsche, die einen ukrainischen Bauern geheiratet hatte und nun verzweifelte Briefe an ihre Angehörigen in Deutschland schrieb. Schließlich Lew Kopelew (Stefko Hanuschevsky), der in Köln noch gut bekannte emigrierte sowjetische Schriftsteller, der als junger überzeugter Kommunist an der Getreiderequirierung in der Ukraine beteiligt war, später aber als Humanist in Widerspruch zum sowjetischen Regime kam.

Das Theater ist nicht nur eine Informationsvermittlungsapparatur. Der große Gewinn dieser Inszenierung ist ihre Emotionalität durch Gesang. Nachdem zunächst nur elektronisch produzierte Musik hörbar ist, die kaum als Klang wahrgenommen wird und nur als Emotionsverstärker wirkt, singt die gesamte Truppe mehrstimmig das Lied "Testament" des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko, eine Art inoffizieller Hymne der Ukraine. Der nur in den Kostümen der Frauen und den Liedern angedeutete Folklorismus bleibt dezent.

Wenn die Erinnerungsarbeit mit der Gegenwart kurzschließt

Mariana Sadovska und Yahia Sayenko kontrastieren immer wieder das Geschehen mit Liedern, die sie meist selbst geschrieben oder bearbeitet haben. Am eindringlichsten am Höhepunkt des genau abgezirkelten Spannungsbogens des Abends: Der junge Kopelew streitet mit seinem Vater und setzt dann gewaltsam die Abgabe des Getreides einer hungernden Bauernfamilie durch. Am Boden liegen die Darsteller:innen und summen in der typisch ukrainischen modalen Harmonik mit Sekunddissonanzen und melancholisch abfallenden Schlusstönen, während am Mikrofon Stalin seinen Sieg über die Kulaken verkündet.

Revolution4 Ana Lukenda uLivemusik als Kommentar: Mariana Sadovska und Yasia Sayenko © Ana Lukenda

Dann sieht man einen heutigen Bauern, der in einem Video erzählt, was ihm seine Großmutter über den Holodomor berichtet hat. Kannibalismus sei häufig gewesen. Mitten in der Erzählung fallen im Originalton Schüsse, Artilleriefeuer, Detonationen, das Bild wackelt, der Bauer flüchtet mit dem Kamerateam in einen Unterstand. So schießt uns die Inszenierung am Schluss plötzlich aus der Erinnerungsarbeit in die Gegenwart. Der Widerstand der Ukraine gegen die russische Aggression heute speist sich auch aus dieser Erinnerung.

 

Die Revolution lässt Ihre Kinder verhungern
von FUTUR3 in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Köln und Orangerie Theater Köln
Künstlerische Leitung: André Erlen, Stefan H. Kraft, Regie: André Erlen, Bühne & Kostüm: Michaela Muchina, Video & Live-Kamera: Valerij Lisac, Übertitel: Andrew Clarke (Panthea), Live-Musik: Mariana Sadovska, Jörg Ritzenhoff, Yasia Sayenko, Produktionsleitung: Theresa Heussen, Künstlerische Mitarbeit: Pavlo Yurov, Licht: Jürgen Kapitein, Dramaturgie: Lea Goebel.
Mit: Oleksii Dorychevskyi, Stefko Hanushevsky, Anja Jazeschann, Stefan H. Kraft, Mariana Sadovska, Yasia Sayenko.
Premiere am 12. November 2022
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

"Eine großartige Geschichtesstunde" hat Stefan Keim erlebt, wie er auf WDR3 (14.11.2022) sagt, voller dramatischer Momente. Vor allem die Musik transportiere Emotionen. Die Spieler:innen träten in ihre Rollen hinein und wieder heraus.

Der Abend erinnere "mehr an eine szenische Lesung, als an eine dramatisierte Bühnenfassung", so Rolf-Ruediger Hamacher in der Kölnischen Rundschau (14.11.2022), "aber offensichtlich hatten weder Regie noch Dramaturgie da eine zündende Idee, um aus dem sich immer mehr im Kreise um sich selbst drehenden, politischen Krippenspiel herauszufinden". Das Ensemble sei eher als Nachrichtensprecher gefragt, bleibe unterfordert.

"Ein wichtiger Abend, der historische und poetische Tiefe in mediale Fakten bringt", schreibt Dorothea Marcus in der taz (21.11.2022). Beeindruckend sei, wie hier mit historischen Dokumenten eine Bildungslücke geschlossen werde. Außerdem machten die Musiker:innen den Abend "zu einem grandiosen Klangerlebnis".

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