Geschichte wiederholt sich

13. November 2022 Beim sechsten Dresdner Jahrgang des "Fast Forward"-Festivals für junge europäische Regie gibt's ein ziemlich junges, die Säle füllendes Publikum. Auf der Bühne werden derweil in Produktionen aus Ungarn, Schweden und Österreich bleibende Werte verhandelt.

Von Michael Bartsch

13. November 2022. Vor aller Kritik hat das Festival "Fast Forward" in diesem sechsten Dresdner Jahrgang schon gewonnen. Allein durch den Wegfall aller Corona-Beschränkungen und der Online-Kompromisse nämlich. Die acht Wertungsinszenierungen sind durchweg live erlebbar. Nach der Resonanz auf die ersten drei von ihnen zu urteilen, scheint das Publikum dieses direkte Angebot junger europäischer Regie auch zu goutieren. Es füllt Säle wie das kleine Haus des Staatsschauspiels oder das Festspielhaus Hellerau beinahe. Und nicht nur die teilnehmenden Regisseurinnen und Regisseure sind jung, auch das Durchschnittsalter der Besucher dürfte auf den ersten Blick unter 30 Jahren liegen. Folgerichtig bewertet in diesem Jahr erstmals auch eine Jugendjury die Inszenierungen.

Anders als das in Krisenzeiten umworbene Sicherheitspublikum muten sich diese Besucher offenbar auch Unbekanntes zu. Von der Vielzahl streitbarer Handschriften lebt das von Intendant Joachim Klement aus Braunschweig mitgebrachte Festival ohnehin. Klement erinnerte in seiner Eröffnungsansprache an derzeit thematisierte Grundbedürfnisse und fragte, ob nicht auch Werte, Menschenrechte oder soziales Handeln zu diesen gezählt werden müssen. Die "Auszeiten" der Reflexion, die das Theater biete, müssten auch als systemrelevant gelten. Die langjährige Kuratorin Charlotte Orti von Havranek meinte Ähnliches, wenn im derzeitigen Lebensgefühl jede Form von Normalität wie eine andere Wirklichkeit erscheine. Sie sprach von der "Illusion, die als dünnes Brett über den Katastrophen dieser Welt liegt“.

Erschreckende ungarische Systemvergleiche

Es scheint, als suche eine junge Generation nach der Fixierung bleibender Werte, von deren Warte aus den Verwerfungen und Verbrechen dieser Welt zu begegnen sei. Der Festivalauftakt würde eine solche Annahme rechtfertigen. Einmal mehr kommt aus der freien Szene Ungarns Erstaunliches. Man versuche gar nicht erst, "Singing Youth" in Kategorien einzuordnen. Sechs junge Gesangssolisten bewegen sich zugleich in einfacher Choreografie vor einer Großleinwand. Die zeigt Bilder des 1953 erbauten Nepstadions in Budapest, das 2019 für mehr als eine halbe Milliarde Euro als die ungarische Sportarena im neuen chauvinistischen Geist rekonstruiert wurde. Und sie stellt Zitate damaliger kommunistischer Agitation heutigen von Staatschef Viktor Orbán gegenüber und damit frappierende Analogien her.

In die Rolle der vor dem Stadion platzierten Figurengruppe "Singende Jugend" schlüpfen die zwei Sängerinnen und vier Sänger. Sie zelebrieren das Lied als Glückssimulator und als Mittel des Kampfes. "Die singende Jugend verbreitet ein Gefühl des Glücks“ steht neben dem Zitat: "Jetzt ist das Lied eine dröhnende Waffe". Das galt damals und es gilt heute, nur etwas poppiger aufgemotzt. "Wer in den Kampf zieht, singt immer“, lautet eines der auf Ungarisch gesungenen und auf Deutsch und Englisch an die Leinwand projizierten Zitate.

FaFo22 singingyouth 03"Singing Youth" vorm Stadion © Fast Forward Festival

Wie der 1984 geborene Komponist Máté Szigeti entweder Lieder der 1950er arrangiert oder Redetexte vertont, zeugt von hintersinniger Ironie. Viele Sätze könnten von Schütz oder Monteverdi stammen und erzeugen eine archaische Stimmung. Immer geht es um Kulturkampf, um geschürte Bedrohungsängste und nationalen Verteidigungswahn, um Feindbilder, den "gerechten Hass". Damals war es die böse Bourgeosie, heute sitzt der Feind in Brüssel oder in den USA wie George Soros, von dem Orban paradoxerweise einst ein Stipendium erhielt.

Leidenschaftslos und mit unbewegter Miene tragen die Sänger die Sätze vor. Das Konzept von Judit Böröcz und Beence György Pálinkás scheint in der Mischung aus alarmierenden Texten und neutral-zeitlosem Sound auf eine makabre Parodie zu setzen. Passt auf, die Geschichte vollzieht sich in Schleifen, und es ist schon wieder soweit! Es hätte sehr interessiert, aber natürlich den Rahmen gesprengt, wenn die Systemvergleiche über das Vehikel des Liedes sich noch auf eine dritte Ära zuvor bezogen hätten, auf das Regime des heute wieder verehrten Miklós Horthy nämlich.

"Ich brauche nichts zu verstehen"

Dieses Niveau erreichten die anderen beiden bislang erlebten Beiträge kaum. Eine originelle Idee allein genügt eben nicht. Die darf man dem Schweden Karl Sjölund erst einmal zubilligen, wenn er aus einer tatsächlich erlebten Notsituation eine Tugend machen will. Es soll tatsächlich in Stockholm vorgekommen sein, dass für die Abschlussinszenierung eines Schülers an der Theaterakademie keinerlei Mittel vorhanden waren. Also weicht man auf eine Low-Budget-Produktion aus und souffliert den vier Spielern per Headset den sogleich umzusetzenden Text. Der Titel "Mute Compulsion“, also etwa "stiller Zwang", ist dem "Kapital" von Karl Marx entlehnt.

FaFo22 mutecompulsion 03"Mute Compulsion": Rätselhafte Gespräche bei Tisch © Fast Forward Festival

Das hätte eine vergnügliche Stehgreifnummer werden können, wenn sie nicht kryptisch bemüht allmählich eingetrocknet wäre. Eine Tischgesellschaft hat ihr Essen beendet und unterhält sich nun sprunghaft. Es geht irgendwie ums Essen, und das komödiantische Talent Holger Hübner als einer von vier Dresdner Staatsschauspielern darf anfangs noch Lacher genießen, wenn er den "Kochtopf als Ursprung aller Dinge" preist. Die ersterben allmählich, weil niemand mehr weiß, was die pseudophilosophischen Platitüden meinen. "Ich brauche nicht zu verstehen", parodiert eine Textstelle ungewollt. Ein Gast ist möglicherweise vergiftet worden, seine Leiche verschwindet im Schrank. Die Rede ist von einem mysteriösen Raum, "in dem wir immer weniger wissen“.

Davor kapituliert leider ein Teil des Publikums in einer viel zu langen und völlig unnötigen Umbaupause. Überhaupt nicht nach Low Budget sieht danach eine Landschaft mit einem Müll- oder Muschelberg aus. Wieder stirbt einer, nun einer von drei angeschlagen umhertorkelnden Affenmenschen, die zunächst mit einem Schädel Ball spielen. Irgendwie skandinavisch nekrophil. Wäre nicht die kaum zu dechiffrierende Pointe einer sich durch den Berg bumsenden Sexmaschine …

Inspirierende Vielfalt

Ehrlich gemeint, aber kaum erhellend wirkte auch der österreichische Beitrag "Playing Earl Turner". Nach dem im Vorjahr auf 14 deutsche Bühnen verteilten Projekt Kein Schlussstrich, ein Jahrzehnt nach Enttarnung der Terrorgruppe "Nationalsozisalistischer Untergrund", nach Beate Uwe Uwe Selfie Klick 2016 in Chemnitz, kann man sich bei der dramatischen Befassung mit dem NSU-Thema eigentlich nicht mehr auf das hauptsächliche Referieren von Protokollen des fünfjährigen Zschäpe-Prozesses in München beschränken.

FaFo22 playingearlturner 02Neonazis auf der Spur: "Playing Earl Turner" © Fast Forward Festival

Aufschlussreich bleiben die vorgeführten Analogien zwischen dem Vorgehen des NSU und den Turner-Tagebüchern des amerikanischen Nazis William I. Pierce. Interesse weckt auch das im Trend liegende Medium Theaterfilm. Dessen einzige künstlerische Verfremdung ist ein durch Leuchtstoffröhren markierter Kubus, in dem drei uniform maskierte und kostümierte Gestalten agieren. Die hält man anfangs für das NSU-Trio, ehe langsam dämmert, dass es sich um Imaginationen amerikanischer Ultrarechter handelt.

Ehe am Sonntagabend die Festivalpreise verliehen werden, wecken einige Beiträge noch Interesses. Das Publikum darf sich bei "El Candidato" in das politische Spiel einmischen, in "Ambient Theatre Fury" geht es um unsere Dialogfähigkeit, und der litauische Beitrag lässt die antiken Sirenen schweigen. Fraglich, ob man nach diesem Ausschnitt der Arbeiten des europäischen Theaternachwuchses Trends erkennen kann oder ob nicht vielmehr wie in den vergangenen Jahren schon die inspirierende Vielfalt zu resümieren bleibt.

Fast Forward 2022
10. bis 13. November 2022

www.fastforw.art

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