Schwarze Erfahrungen erzählen

17. November 2022. Autorin Golda Barton hat Anton Tschechows Konversationsstück "Drei Schwestern" in die 90er Jahre und auf eine US-Militärbasis in Berlin verlegt. Die Schwestern sprechen im plüschigen Berliner Zimmer nun auch über ihre Rassismus-Erfahrungen. Inszeniert hat die neue Version die Schauspielerin und Regisseurin Isabelle Redfern.

Von Gabi Hift

17. November 2022. Dich besetzt doch niemand in Tschechow. – Doch natürlich, ich kann alles spielen. – Drei Schwestern, oder was? – Vielleicht. – Und du meinst, die besetzen den Rest der Schwestern dann auch Schwarz? – Meinetwegen. – Und worum geht’s dann? Gibt’s einen Clou?

Den Clou gibt es bei der Volksbühnen-Inszenierung von "Sistas!", eine verblüffend einleuchtende Idee: Von der Militärbasis in einem russischen Provinzkaff um 1900, wo der Vater als General stationiert ist, wird das Stück auf die Military base der Amerikaner ins Berlin der 90er Jahre transferiert und der Vater der Mädchen ist ein Schwarzer G.I. Auf Basis dieser perfekt passenden Idee von Isabelle Redfern hat Golda Barton eine Überschreibung der "Drei Schwestern" erstellt, die viele Pendants nah an der Story von Tschechow gefunden hat. Manchmal wird sogar der Originaltext gesprochen. Nur in einem weicht sie ab: der Vater der drei ist hier nicht gestorben, sondern nach Amerika zurückversetzt worden, hat die Mädchen bei der Mutter gelassen und sich nicht um sie gekümmert. Am Beginn des Stücks kündigt er seinen ersten Besuch nach jahrelangem Schweigen an.

Plüsch, der die Stimmen dämpft

Die Geburtstagsfeier von Ivy, der Jüngsten, findet im "Berliner Zimmer" statt, in dem eine dunkel petrolfarbene Plüschgebirgslandschaft wabert. Ringsum ein düsterer Lametta-Vorhang, auf den manchmal spießige schwarzweiß Fotos von Familien mit Vater in Uniform und Schwarzen Kindern projiziert werden. Auf dem Piano winkt ein Riege Lucky cats, mitten im Raum ein riesiges rosa Plüschbunny, trübes Licht (Bühne: Lani Tran-Duc). Dazu passend die Kostüme der drei Schwestern: ausgesucht hässlich, in allen Abstufungen von muffigem Altrosa, taillenhohe Karottenhosen, Puffärmel (Kostüme: Martha Lange, Carlotta Schuhmann). Am Anfang amüsieren diese Scheußlichkeiten der 90er Jahre. Aber nach einer Weile produziert der viele Plüsch etwas Erstickendes und dämpft die Stimmen. Und er ist auch merkwürdig für die Figuren: Die privilegierten, kunstsinnigen Schwestern hätten sich, denkt man, nie so einen Teppichboden gekauft, hätten sich nie so angezogen.

Es gibt keine große Tischgesellschaft wie bei Tschechow, nur die Schwestern, den Vater und ein Klavier spielendes Faktotum, die Pianistin Soo Jin, von dem die Schwestern die längste Zeit gar nicht wissen, dass Soo Jinperfekt deutsch spricht und aus Hildesheim kommt. Die Gespräche drehen sich um die Erfahrungen mit Rassismus, um die Suche nach Identität. Diese Dialoge sind klug, vielschichtig und erfrischend. Man findet keine Opferhaltung, keine Selbstbeweihräucherung und keine pauschalen Anklagen. Aber insgesamt ist "Sistas!" doch ein arg diskurslastiges Konversationsstück. Oft scheinen die Dinge, über die gesprochen wird, mehr ein Anliegen der Autorinnen als eins der Figuren zu sein.

Community ohne gemeinsame Kultur?

Die Darstellerinnen der Schwestern beherrschen den naturalistischen Konversationston hervorragend, aber auch das wird auf die Dauer manchmal allzu dezent – es steht zu wenig auf dem Spiel. Isabelle Redfern als Olivia, die Älteste und Lehrerin an einer Hauptschule, klagt über ihre Arbeit und sagt halbironisch rassistische Dinge über ihre türkischen und arabischen Schüler:innen. Dem Vater kann sie nicht verzeihen, dass er sie allein gelassen hat.

Sistas 1 KamilJanus uDie drei Sistas, hier noch mit Vater: v.l.n.r. Olivia (Isabelle Redfern), Masha (Diana Marie Müller), Andrew (Aloysius Atoka), Ivy (Pia Amofa-Antwi) © Kamil Janus

Mascha (Diana Marie Müller), unglücklich mit einem pseudolinken Dauerstudenten aus reichem Haus verbandelt, verliebt sich in einen Schwarzen Mann und beginnt sich auf einmal für ihre Geschichte zu interessieren. Sie beneidet die Türken, weil sie eine Community mit gemeinsamer Herkunft und gemeinsamer Kultur haben. Die Schwarzen in Deutschland hätten hingegen nur die Hautfarbe gemeinsam. Und mit der würden sie in Amerika dann auch noch "yellow" genannt und von der Schwarzen Community ausgegrenzt.

Ivy (Pia Amofa-Antwi), die jüngste, ist Schauspielstudentin, was den Dreien Gelegenheit gibt, über alle Probleme zu reden, die Schwarze Schauspieler:innen auf dem Theater haben. (Da landest du doch höchstens in der freien Szene oder im dritten Stock, sagt Mascha. Auf der Bühne im dritten Stock der Volksbühne.)

Zwischen den Szenen singt Isabelle Redfern, eine ausgebildete Opernsängerin, Kunstlieder von Schumann und Yves, sie singt wunderschön, aber verhalten und halb in der Figur, halb als Schauspielerin und das ruckelt in den Übergängen.

Leuchtend lustige Figur mit Chuzpe und Geheimnis

Als schneidend frischer Wind weht hingegen Amanda Babaei Vieira als Natty auf die Szene. Eine skrupellose, lustige Figur mit Chuzpe und Geheimnis. Natty, das Gegenstück zu Tschechows Natascha, steht am Anfang gesellschaftlich unter den Schwestern, sie ist die Blumenhändlerin unten im Haus, Türkin oder Araberin oder "irgendwas Migrantisches, egal". Sie hat sich jedenfalls eine als "Schwarz" ausgeschriebene Rolle geschnappt, weil für Schauspielerinnen derzeit gilt: "black sells". Schwarze, argumentiert sie, repräsentierten hier in Deutschland im Gegensatz zu Türkinnen oder Araberinnen nicht die Unterschicht und seien deshalb salonfähig. Natty sorgt sich als handfeste Proletin weniger um ihre Identität als um ihren gesellschaftlichen Aufstieg. Sie weiß genau, was sie will: Sex, Geld und eine schöne Wohnung.

Amanda Babaei Vieiras Natty ist Natur- und Kunstereignis. Sie ist einerseits mit allen Wassern der guten alten psychologischen Theaterkunst gewaschen – man versteht in jedem Augenblick, was sie will, und lebt mit ihr mit, wenn sie ihre Ziele durchsetzt. Gleichzeitig wuchert aber rund um ihren harten psychologischen Kern ein surrealer Überschuss (und das hätte Tschechow sicher sehr gefallen).

Sistas 2 KamilJanus uNatty, die Patente, bekommt, was sie will. V.l.n.r. Soo Jin (MING), Natty (Amanda Babei Vieira) und die drei Schwestern Olivia (Isabelle Redfern), Masha (Diana Marie Müller), Ivy (Pia Amofa-Antwi) © Kamil Janus

Ihr Tick, ihre Passion, ist das Schwertschlucken, dieses Kunststück führt sie in Gesellschaft gern an allem, was hart und länglich ist, vor. Einen Brieföffner verschluckt sie mit lüsternem Blick, zieht ihn Spucke glänzend wieder aus ihrer Kehle und schneidet damit hilfsbereit einen an die Schwestern gerichteten blauen Brief auf. Sie hat ihnen die Wohnung unter dem schöngeistigen Hintern weggekauft hat und schmeißt sie via Eigenbedarfsklage raus. Im Gegensatz zu den Schwestern weiß sie genau, wie mit Diskriminierungen umgehen, die ihr begegnen: Sie verschluckt die gegen sie gerichteten Spieße genüsslich, zieht sie heraus – und dreht sie um. In der Pause verdient sie sich als Eisverkäuferin vom Publikum noch ordentlich was dazu, die vierte Wand schmeißt sie sich dabei um die Schultern wie ein schickes Halstuch.

Amanda Babaei Viera hat in den letzten Jahren in Signa-Produktionen die merkwürdigsten Wesen zum Leben erweckt. Sie ist eine Sista! der zügellosen Jahrmarktskünstlerinnen, die zur selben Zeit drei Stock tiefer in "Ophelia's Got Talent" über die Bühne toben. Ihr zuzuschauen macht großen Spaß, was sie hier zeigt, ist nicht weniger als die Rückkehr des psychologischen Spiels durch die Hintertür der Performance.

Am Ende fordert Mascha ihre Schwestern auf, irgendwann ihren Job als Schwarze Rassismus-Expertinnen hinzuschmeißen. "Sie drücken es dir als 'dein Thema' auf. Und das ist eine Weile auch ganz hilfreich. Aber du kannst nicht 30 Jahre lang das Rassismusopfer spielen. Dann WIRST du es ja. Du brauchst die Freiheit dir etwas ganz Eigenes auszusuchen." Ein Aufruf zur Befreiung aus den identitätspolitischen Plüschgewittern am Ende eines zum Teil papierernen, aber doch sehr interessanten Abends.

 

Sistas!
von Golda Barton nach "Drei Schwestern" von Anton Tschechow
Regie: Isabelle Redfern, Katharina Stoll, Bühne: Lani Tran-Duc, Kostüme: Martha Lange, Carlotta Schuhmann, Musik: MING, Choreographie: Ute Pliestermann. Dramaturgische Beratung: Philipp Khabo Koepsell, Foto- und Videodokumentation: Kamil Janus.
Mit: Isabelle Redfern, Diana Marie Müller, Pia Amofa-Antwi, Aloysius Itoka, Amanda Babaei Vieira, MING.
Premiere am 16. November 2022
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

www.volksbuehne.berlin

Anm. Redaktion: Die letzten Absätze wurden im gemeinsamen Redigat von Autorin und Redaktion noch einmal ausgetauscht.

 

Kritikenrundschau

"Die Dialoge plätschern so dahin, mit leichter Amplitude zwischen Melodram und Sitcom. Anders als bei Tschechow braucht es für die tranige Resignation, die tunlichst verschluckte Lebensgier keine alten weißen Männer, die ergibt sich aus den durchaus organisch eingeflochtenen Diskursschleifen zum Thema struktureller Rassismus, kulturelle Aneignung, Othering, Feminismus, Identitätspolitik, Korrektheitsfallen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (18.11.2022). "Dass man genervt ist von der freudlosen Ziel- und Ausweglosigkeit des sich immer schneller drehenden und immer weiter abhebenden Diskurses, geht schon in Ordnung. Und auch wenn der Humor nicht immer zündet, ist man froh, dass er bemüht wird und man sich eingeladen fühlen darf."

Der Abend banne die Gefahr der identitätspolitischen Selbstbegrenzung, indem er das Kreisen um Fragen schwarzer Identität immer wieder reflektierend aufbricht, so Ina Beyer auf von SWR2 (18.11.2022). "Die Stärke der Inszenierung ist, dass die tollen Schauspieler:innen den lässigen Konversaitionston des Dramas hervorragend treffen." Fragen der kulturellen Aneignung, der Wunsch nach Zugehörigkeit, die Suche nach Identität und die Hoffnung auf Gleichberechtigung würden hier "so dringlich wie heiter-hintersinnig, fordernd wie frisch formuliert."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Sistas, Berlin: RegieAufmerksame Leserin 2022-11-18 06:50
Liebe Nachtkritikerin! Sind nicht zwei Namen auf der Regieposition genannt? Wäre es im Sinne der Sichtbarkeit, da die beiden es so entschieden haben, nicht korrekt auch beide in der Kritik zu erwähnen?


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Ist ergänzt, vielen Dank für den Hinweis.
Herzliche Grüsse aus der Redaktion

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