Ein Parsifal in Paris

18. November 2022. Hervé Guiberts autobiographischer Roman "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" (von 1990) erzählt vom Leben in den 80ern, von Aids und schwuler Liebe, und vom Tod Michel Foucaults. In Bochum kommt das Buch erstmals auf die Bühne, sensibel inszeniert von Florian Fischer.

Von Andreas Wilink

18. November 2022. "Der Tod ist die Sanktion von allem, was der Erzähler berichten kann. Vom Tode hat er seine Autorität geliehen." Schreibt Walter Benjamin. Hervé Guibert ist solch ein Erzähler und solch ein Leihnehmer. Bei seinem Erscheinen 1990 in Frankreich fand "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" ungeheure Aufmerksamkeit: das intime Protokoll eines jungen HIV-infizierten Mannes, Künstlers, Autors und Freundes von Michel Foucault, der unter dem Pseudonym Muzil auftritt. Guibert in seinem kunstaristokratischen Radikalismus war zu seiner Zeit für das kulturelle Paris das, was heute Édouard Louis repräsentiert.

Guiberts literarische Ich-Untersuchung berührt mehrere existentielle Themen: Aids und wie die Öffentlichkeit in der Phase 1985/1990 damit umging, indem sie den infizierten Außenseiter sozial, moralisch und erotisch stigmatisierte; der Skandal, das Sterben Foucaults publik zu machen, der ebenfalls an Aids starb, obgleich offiziell an Krebs. Und das Leiden an einer Krankheit zum Tode, das sich im sprachlichen Akt seiner selbst bewusst wird und sich seiner selbst versichert, das gewissermaßen erzeugt wird in der Formulierung: als "Exorzismus gegen die Ohnmacht", wie Guibert schreibt.

Einsamkeit, Isolation, Angst vor Berührung

Während Susan Sontag seinerzeit diagnostizierte, dass die Krankheit Aids zum Ausdruck "beschädigter Identität" geworden sei, betont Hervé die Identitätsverstärkung im Sinn von Foucaults angewandten "Selbsttechniken". Indes, was bleibt, sind: Einsamkeit, Isolation, Angst, auch die Angst vor Berührung, Scham und deren Überwindung im krassen Ausleben und Darstellen von Sexualität und körperlicher Vorgänge – vielleicht darf man von heroischer Leidenschaft sprechen.

Der Homosexuelle ist geübt und genötigt (womöglich darin sogar privilegiert), seine libidinösen und emotionalen Energien aufzuteilen. Für Guibert sind es der Lebensfreund Vincent, die Vaterfigur Foucault/Muzil, der Arzt Dr. Chandi in seiner Fürsorge sowie der amerikanische Freund Bill, ein hohes Tier in der Pharmaindustrie, der seine nahezu gottgleiche Position nutzt, um Abhängigkeiten und sich selbst Nähe zu verschaffen.

Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat2 c Jorg Bruggemann Ostkreuz Frühgereift und zart und traurig: Risto Kübar als Hervé vor einem Foto des Schriftstellers Hervé Guibert © Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Florian Fischer konzentriert sich in seiner Inszenierung – die erste, die den Roman auf die Bühne bringt – auf diese Grundkonstellation und teilt den Abend in die Kapitel: Freiheit – Gleichheit – Schwesterlichkeit ('brüder' wurde durchgestrichen). Disco und der weißpulvrig fiebrige Hedonismus der Achtziger. Zwei schlanke lockenköpfige Jünglinge tanzen und lieben sich: Vincent (William Cooper) und Hervé, den Risto Kübar verträumt, sanft und etwas verpeilt spielt: "frühgereift und zart und traurig", wie Schnitzler über seinen Anatol sagt. Hervé Guibert, ein Parsifal in Paris. Freiheit meint die Freiheit zur Lust als körperaufreibende Praxis und als Traumzustand. Aber der Überschwang wird schon vom Gedanken des Vergeblichen in die Abwärtsbewegung gezogen.

Ambulanter Eingriff

Eine Schautafel blendet Zitate ein und verschriftlicht Reflexionen Guiberts, ebenso Zeitungs-Schlagzeilen oder schlimme Äußerungen damaliger CSU-Politiker, die Schwule als Aussätzige brandmarkten. Auch Fotografien erscheinen und stellen sich wie unter dem Entwickler scharf: Porträts von Guibert, die damals zumindest in der Szene ikonisch geworden sind. Und noch etwas: In der Verlängerung zur Gegenwart behaupten sich Hinweise auf die Corona-Pandemie und wie sich die aktuelle Medikamenten- und Impfstoff-Entwicklung zur Aids-Forschung in Beziehung setzt.

Die Aufführung lässt uns teilhaben am Entwurf der Fragmente einer Sprache der Liebe und an Guiberts Versuch, ihr ABC zu erfassen zum Zwecke der Selbstanalyse, Dokumentation – und Literarisierung. Fischers offener Erzählform scheint es wesentlicher, Körper statt Sprechakte zu inszenieren; sie ist eher essayistisch, verspielt beiläufig und peripher, nicht dramatisch, sondern installativ. Hervés Wohnung und Krankenzimmer mit Möbel-Modulen gleicht einem Raumlabor, durch das elektronische Klangwellen ziehen. So vollzieht sich die Operation am offenen Herzen, die das Buch sezierend unternimmt, in Bochum als ambulanter Eingriff. Der aber tut nicht weniger weh.

Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat4 c Jorg Bruggemann OstkreuzSchwerelose Nähe: Gina Haller als Ärztin und Risto Kübar als Hervé © Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Im Kapitel "Gleichheit" begegnen wir Muzil (Foucault), der sich das Virus vermutlich in den Verließen der Ledermänner von L.A. geholt hat: Thomas Huber bringt ihn markant in Position wie eine David-Mamet-Figur. Mit ihm steigert sich der Zornes-, Klage- und Leidensfuror, der auch Momente der Lähmung kennt. Guiberts Poetik der Krankheit und Beredtheit des Sterbens sind formbewusst gestochene Setzungen und gestalten sich hier dennoch gleichsam als Sound.

Der Weg in die Passionsgeschichte

Das dritte und letzte Kapitel widmet sich besonders der distanzierten und zugleich intimen Beziehung zwischen dem Patienten Hervé, der vergebens hofft, Versuchsperson einer Testreihe werden zu können, und seiner Ärztin. Sie ist (bei Gina Haller: professionell und mitfühlend) ausgeschlossene Dritte im mann-männlichen Bezugssystem, obgleich es gerade häufig Frauen waren, die HIV-Kranke pflegten, begleiteten und ihnen einen anderen Liebesdienst leisteten. In den letzten Minuten des Abends schenken sich Haller und Kübar jedoch eine anmutig schwerelose Nähe.

Ohne theatrales Statement darf die Aufführung nicht enden: Ein blutendes Lamm weist den Weg zur Passion, und das sich raumhoch enthüllende Bildnis des jung Verstorbenen kommt einer Epiphanie gleich. Florian Fischer in der Gnade der späten Geburt legt mit 'seinem' Hervé Guibert ein Bekenntnis ab.

Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat
nach dem Roman von Hervé Guibert
aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Florian Fischer, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüm: Alexander Djurkov Hotter, Dramaturgie: Vasco Boenisch, Jasmin Maghames, Musik: Romain Frequency.
Mit: William Cooper, Gina Haller, Thomas Huber, Risto Kübar.
Premiere am 17. November 2022
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de


Kritikenrundschau

"Regisseur Florian Fischer erzählt nicht Guiberts Roman nach, sondern entwickelt die Geschichte eines persönlichen Leidens, getragen von Risto Kübar, der sich mit vollem Einsatz in die Rolle gibt", schreibt Edda Breski im Westfälischen Anzeiger (19.11.2022). Leider sei Kübar manchmal nicht so gut zu verstehen, weil sein Mikro öfter verrutsche und er oft eher raune als spreche. Außerdem findet die Rezensentin den Bogen zur Corona-Pandemie, den die Inszenierung am Ende schlägt, verkürzend. "Dafür ist das Thema zu wichtig."

"Ein bewegender Abend" schreibt Sven Westernströer in der WAZ (19.11.2022). Hauptdarsteller Risto Kübar habe in dem Stück "seinen bislang besten Auftritt in Bochum". "Diese ergreifende, aber keinesfalls unanstrengende Inszenierung hätte mehr Zuschauer verdient."

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