Das Ende der inneren Fahnenstange

19. November 2022. Eine alte Gasrechnung und ihre Geschichte stellt in Maya Arad Yasurs "Amsterdam" die Welt auf den Kopf, verwebt Herkunft, Geschichte, Gegenwart. Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers hat das Stück jetzt in Oldenburg inszeniert und einen schönen erzählerischen Raum geschaffen.

Von Tim Schomacker

 

 

18. November 2022. Der Text muss sich ganz schön ins Zeug legen. Denn noch ist die Bühne leer. Eine knallweiß-eckige Landschaft. Ein Treppchen hier, dort eine Tür. Podeste, Flächen, Kuben. Und niemand weit und breit, der oder die hereinstolpern könnte, damit das Spiel beginnt. Also muss sich der Text die Figur selber kneten. Zusammensetzen aus Situationen, Eigenschaften und Geschichte. Heraus kommt: nicht gleich ein Golem – aber immerhin eine Geigerin. Zunächst sind es drei Spieler:innen, gewandet in wie nicht vollständig durchgenähte Kleider und Anzüge, sie fabulieren versuchsweise drauf los. Haken sich ein und unter, widersprechen oder ergänzen einander. Bis ein erstes ungefähres Bild entsteht: Frau, Musikerin, schwanger im neunten Monat. Jung, aber nicht mehr ganz jung. Israelin. Feministin? Unklar. Wohnhaft seit kurzem in Amsterdam, von wo aus die Karriere als Geigerin und Komponistin durchstarten soll.

In "Amsterdam" erzählt Maya Arad Yasur, 1976 in Ramat Gan nahe Tel Aviv geboren, ihre eigene Geschichte. Allerdings stiebt der Text in einem Feuerwerk möglicher Fortgänge auseinander, schreitet teils selbstgewiss chorisch voran. An anderer Stelle scheint er sich höchst aufmerksam selbst zu lauschen. Um das Gesagte und Gehörte wiederum in sich selbst einzuspeisen. 2018 wurde der Text mit dem Werkauftrag des TT-Stückemarkts ausgezeichnet.

Weißblaue Last

Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers gibt der in sechs Stimmen verkörperlichten erzählerischen Polyphonie reichlich luftigen Raum zur Entfaltung. Und formt mit der dezidiert zurückgelehnten Haltung ihres oft federnd-tänzerischen Schauspieler:innen-Sextetts einen reizvollen Gegenpol zu gleich zweierlei: dem klingelnden Spiel mit Identitäten und Geschichtlichkeit. Und dem dramaturgisch eher saftigen Plot, der sich nach und nach auf erzählerischen Umwegen und Nebenstrecken herauskaleidoskopiert aus dem Text.

Amsterdam 2 StephanWalzl uLeerstellen, die sich in der Kleidung zeigen (Kostüme von Sam Beklik): mal fehlt ein Ärmel, mal eine Tasche © Stephan Walzl

Der aus dem Beziehungsreichtum der dritten israelischen Post-Shoah-Generation geschriebene Text erfährt in der Inszenierung wie auch in der Ausstattung passende Unterstützung. Ein Beispiel: Die blauen Kleider und Anzüge, die Sam Beklik den sechs Stimm-Körpern verpasst hat, illustrieren mit ihren präzisen Leerstellen – hier fehlt eine Tasche, dort ein Teil vom Ärmel – nicht nur das vielstimmig collagierte Erzählgeschehen. Vor der weißen Bühnenlandschaft evozieren die Kleider auch die israelische Flagge.

Requiem einer schwangeren Komponistin

Mithin eben jene Fahne, an der die kollektiv zusammenerzählte Zentralfigur qua Geburt reichlich zu schleppen hat. Was ihr wiederum in dem Moment besonders auffällt, da sie kurz vor der Geburt ihres eigenen Kindes steht. Im "neunten Monat, auch wenn absolut davon abgeraten wird, in ihm schwere Lasten wie eine Flagge zu tragen", wie die komponierende Geigerin im Gespräch mit ihrer Agentin anmerkt. Doch damit ist das Ende der inneren Fahnenstange noch nicht erreicht. Denn die Agentin hatte gerade vorgeschlagen, "ein Requiem für fünfhunderteinundfünfzig tote Kinder zu komponieren (…) Tote. In Gaza".

Und nicht nur die politisch gesättigte Gegenwart hält die hochschwangere wie -musikalische Zentralsprachfläche außer Atem. Da ist ja noch die Vergangenheit. Als Mieterin der coolen Amsterdamer Wohnung erreicht sie eine durch Mahn- und Verzugsgebühren auf 13.700 Euro gewachsene Rechnung der Stadtverwaltung. "Für Gas? / Was, hat sie eine Gasflaschenabfüllstation für Taucher aufgemacht? / Hat sie eine Hybridrakete ins All geschickt? / Hat sie ein Volk ausgelöscht?"

Rechnung aus dem Jahr 1944

Die ursprünglich unbezahlte Rechnung stammt aus dem Jahr 1944. Auf der Suche nach der Geschichte hinter dem amtlichen Schreiben mutiert die Figuren-Knet- zur Sinn-Konstruktions-Maschine. Die eigene, von Stereotypen, Ansprüchen und Kollektiverzählungen geprägte und mit akuten Antisemitismus- nebst Palästina-Fragen garnierte Biographie vermengt sich nun mit der Geschichte der NS-Besatzung der Niederlande und der Deportation der niederländischen Juden.

Und verdichtet das Bühnengeschehen (im mehrfachen Sinn) zu einem klaustrophobischen wie phantasmatischen Erzähl- und Reflexions-Raum. Die Wände der – realistisch ja nie sichtbar werdenden – Wohnung, die sich auch noch als Anne-Frank-mäßiges Ex-Versteck plus Ort des Verrats in Reihen des holländischen Widerstands entpuppt, scheinen sich gleichzeitig frei zu verschieben und immer bedrohlicher näher zu kommen.

Amsterdam 5 Stephan Walzl Klaustrophobischer wie phantasmatischer Erzählraum: "Amsterdam" in Oldenburg © Stephan Walzl 

Ebru Tartıcı Borchers erschafft hier szenisch einen aufnahme- wie tragfähigen Gegenraum. Fast wie in der kühlen Lethargie eines Clubs, in dem zu gediegenen Cocktails sanfte Technomusik läuft, scheinen (Choreographie: Azahara Sanz Jara) die Stimm-Körper bisweilen zu schweben. Geben so dem Text Raum, schaffen aber auch Distanz und Konzentration. So wird etwa eine Text-Sequenz über das Echo der Schritte übers Amsterdamer Pflaster von Spinoza über SS-Oberscharführer bis zum heutigen eigenen, genau nicht im (naheliegenden) trappenden Wortsinne durchexerziert. Sondern szenisch in einer runtergedimmten Slow-Motion-Sequenz aufgenommen. Zu dezenten Vibraphon-Figuren und langsamen Keyboard- und Elektro-Patterns des Musikers Dani Catalán wird nicht selten das stockende Voranpreschen des Texts durch fließende Winz-Choreos und superentspannte Tanzeinlagen sinnig konterkariert.

Wenn man dem präzise und variantenreich durch die Gemeinschaftserzählung navigierenden Schauspieler:innen-Sextett abschließend noch etwas zu wünschen gehabt hätte, wäre es wohl dies: dass der Text tatsächlich bis zum Ende so komplex bliebe, wie er sich die ganze Zeit fröhlich selbst behauptet – und die historische Back-Story eben gerade nicht komplett aufginge.

Amsterdam
Von Maya Arad Yasur
Aus dem Hebräischen von Matthias Naumann
Regie: Ebru Tartıcı Borchers, Ausstattung: Sam Beklik, Choreographie: Azahara Sanz Jara, Musik: Dani Catalán, Dramaturgie: Verena Katz.
Mit: Dani Catalán, Meret Engelhardt, Thomas Kramer, Caroline Nagel, Tobias Schormann, Manuel Thielen, Helen Wendt.
Premiere am 18. November
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.de


Kritikenrundschau

"Genial" sei die Grundidee des Stücks und "passend" die Inszenierung, sagt Markus Behrens auf Bremen 2 und empfiehlt den Besuch. Das Ensemble mache unterschiedliche unscharfe Erinnerungen zu einer Gesamtgeschichte: "Man wird reingesogen, es ist spannender als jeder Krimi."

"So schwer das Thema, so leicht ist zuweilen der Sprachduktus, der Gesagtes kontrapunktiert - gleichsam einer Bach'schen Fuge", findet Dennis Schrimper in der Nordwestzeitung (22.11.2022). Besonders beeindrucke die nonverbale Vehemenz, mit der in pantomimischen Sequenzen dem Gesagten Nachdruck verliehen werde. "Regisseurin Ebru Tartici Borchers entwickelt starke Bilder, die zur kritischen Selbstreflexion einladen und in Fragen nach Schuld, Verantwortung und bewusstem oder auch unbewusstem Rassismus nachklingen. Ein intensiver, ein wichtiger Theaterabend!"

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