Versuchs mal mit Gemütlichkeit

von Georg Kasch

München, 31. Mai 2007. Familienfeiern können so grauenhaft sein: Ein Gang folgt dem nächsten, dazwischen Lieder, Reden, peinliche Anekdoten und Alkohol. Oft sind sie eine ziemlich verlogene Angelegenheit. Eine kleinere Katastrophe kann da sehr befreiend wirken.

In seinem Film "Das Fest" hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg eine große Katastrophe über seinen Familienpatriarchen Helge Klingenfeldt hereinbrechen lassen. Alle sind sie zu seinem 60. Geburtstag gekommen, Kinder, Verwandte, Freunde. Der Selbstmord von Tochter Linda kurz zuvor allerdings wirft seinen Schatten. Helge beauftragt seinen Sohn Christian, auf dem Fest etwas über sie zu sagen. Dieser willfahrt anders als gedacht und berichtet, dass Helge ihn und Linda jahrelang sexuell missbraucht habe.

Wie die Festgesellschaft darauf reagiert, wie sie Christian ignoriert, wie seine Eltern ihn als psychisch krank denunzieren, wie Helge dementiert, aber am Ende doch einbricht, erzählt Vinterberg in dichten Bildern. Er schafft eine klaustrophobische Enge, in der Rassismus, Gewalt und viele kleine Lebenslügen fruchtbaren Boden besitzen. So sehr sich die Lage auch zuspitzt, die Feier folgt ihrer eigenen Logik mit Wein, Weib und Gesang.

Maulende Mette
"Das Fest" wurde vor neun Jahren auf den Filmfestivals gefeiert, das Stück nach dem Drehbuch eroberte die Bühnen. Nun ist es auch am Volkstheater angekommen, dem kleinsten der staatlich subventionierten Häuser Münchens. Hier zoomt Regisseurin Jorinde Dröse zu Beginn auf die Brüder Christian und Michael. Noch im Hof des Volkstheaters macht Michael seine Frau Mette runter, und nachdem er sich durch das im überfüllten Foyer wartende Premierenpublikum gedrängt hat, treffen sich die Brüder auf der Treppe zum Rang.

Andreas Tobias spielt den hyperaktiv-aggressiven Michael als prollige Karikatur, und auch Stephanie Schadewegs maulende Mette ist grob gemeißelt. Auf der Bühne geht das zunächst so weiter, finden die Schauspieler in den ersten Minuten selten zu einem unaufgeregten Ton, drehen sie in Slapsticknummern viel zu laut auf. Nur Werner Haindl, der seinen Patriarchen Helge als beherrschten Geschäftsmann anlegt und mit kleinen Gesten überzeugt, hat die Lage im Griff. Nonchalant macht er das Publikum zum Komplizen, indem er es als Gäste begrüßt und ihm beim Abgang zuzwinkert. Ein sympathischer Erfolgsmensch, der erst durch die Enthüllung seines Sohnes monströse Züge bekommt.

Anschwellender Alarmglockenton
Als dann das stets präsente Personal die Tafel aufbaut und beim Eindecken kunstvoll mit Gläsern und dem Silber hantiert, kommt das Fest in Gang. Denn nach der Suppe trägt Leopold Hornungs Christian, der vorher in sich gekehrt in die Ferne gestarrt hat, seine Rede vor. Zunächst im Stile einer Anekdote, dann mit anschwellendem Alarmglockenton in der Stimme. Helge versteinert schon beim Titel "Vater nimmt ein Bad", aber die Gäste stimmen "Versuchs mal mit Gemütlichkeit“ an, während Christian erzählt, wie er und seine Schwester sich ausziehen und es sich bequem machen mussten. Das anschließende Schweigen, das Lachen des Vaters, das erleichterte Einstimmen der Festgesellschaft, all dies ist in seiner Wirkung überwältigend.

Von nun an läuft die Geschichte rund, auch weil Jorinde Dröse Möglichkeiten findet, die Besonderheiten des ersten Dogma-Filmes auf die Bühne zu übertragen. Denn "Das Fest" wurde, dem Reinheitsgelübde von Vinterberg, Lars von Trier und anderen entsprechend, mit der Handkamera gefilmt, bleibt nahe an den Personen, arbeitet nur mit natürlichem Licht und Ton. Oft verliert die Kamera den Überblick, fühlt sich wie die Tischgesellschaft von den Ereignissen überrumpelt und wird Teil des Spiels.

Hommage ans Dogma-Kino
Auf der Bühne von Julia Scholz verbreiten sanft geschwungene Wände im Mahagoni-Look großbürgerlichen Charme. Hier klappt ein Bett aus und öffnet sich die Rückseite, um den Blick auf eine Leinwand freizugeben, die zeigt, was Benjamin Mährleins Zeremonienmeister auf seine Digicam bannt: Den hereinschreitenden Jubilar, die Redner, Szenen hinter der Szene, wie die, in der Michael von den anderen Gästen verprügelt und gefesselt wird. Neben dieser Reverenz an die Handkamera verschränkt Dröse Szenen, Orte und Dialoge, suchen Helene und der Angestellte Kim nach dem Brief der Schwester, während Mette Michael oral befriedigt oder beginnen Christian und seine Jugendliebe Pia ein Gespräch mitten im mehrstimmigen Geburtstagschor. Gezoomt wird auch hier: über die Sprache.

Jorinde Dröse macht die beeindruckende, bewegende Film-Geschichte auf der Bühne erfahrbar, schafft und hintergeht identifikatorische Momente und lässt den Emotionen ihr Recht – eine überzeugende Hommage ans Dogma-Kino.

 

Das Fest
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukow
Inszenierung: Jorinde Dröse, Bühne: Julia Scholz, Kostüme: Video: Benjamin Mährlein, Dramturgie: Katja Friedrich.
Mit: Leopold Hornung, Stephanie Schadeweg, Andreas Tobias, Werner Haindl, u.a.

www.muenchner-volkstheater.de

Alles über Jorinde Dröse auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Gewalt, Verzweiflung und Emotionalität, bemängelt Michael Staadler in der Münchner Abendzeitung (2.6.2007) würden in Jorinde Dröses Inszenierung ins Off verbannt. Dank des Ensembles gelängen dann jedoch auch "packende Szenen".

In der Süddeutschen Zeitung (2.6.2007) schreibt Anne Fritsch, der Regisseurin gelänge eine "treffende Mischung aus Tragik und Komik, aus Leichtem und Schwerem". Das Ensemble führe sie auf ein "geschlossen hohes schauspielerisches Niveau, das man in dieser Qualität am Volkstheater sonst manchmal vermisst". Als "Meisterin der Simultaneität" lasse sie drei Szenen gleichzeitig ablaufen, in denen sich unterschiedliche Gefühlszustände widerspiegelten.

Einen solchen Beifallssturm habe das Volkstheater schon lange nicht mehr erlebt, schreibt Alexander Altmann in der tz, dem anderen Münchner Boulevardblatt (2.6.2007). Jorinde Dröse liefere eine "handwerkliche Meisterleistung". Jedoch werde in "schnörkellosem psychologischen Realismus" nicht mehr geboten, als das "Mitfühl-Theater von vorgestern", das aber könne man im Kino billiger haben. Es fehlten Interpretation und neue "Erkenntnisfacetten".

Auf Merkur online (2.6.2007) lobt Christine Diller die großen schauspielerischen Leistungen, "Dichte und Kraft der Aufführung" und die Könnerschaft der Regisseurin.  Doch ginge durch die Übertragung vom Film auf die Bühne einiges verloren. Das Theater behaupte "untergründige Entwicklungen nur", es zeige sie nicht. "Das Ergebnis grenzt ans Boulevardtheater, wovor diese Inszenierung nur durch die Wucht des Stoffes bewahrt wird. Ein Dramatiker aber hätte das, was die Bildsprache im Film vermag, mit einer anderen Dramaturgie erzählt."

 

 
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