Medienschau: Welt / SZ / Freitag – Zur Antisemitismusdebatte um "Vögel"

"Dont touch my Gedächtnistheater!"

"Dont touch my Gedächtnistheater!"

23. November 2022. In mehreren Beiträgen beschäftigen sich die WELT und die Süddeutsche Zeitung mit den Antisemitismusvorwürfen gegen Wajdi Mouawads Stück "Vögel". Jüdische Studierendenvertretungen hatten in einem offenen Brief am 8. November dem Stück anlässlich einer Inszenierug am Münchener Metropoltheater vorgeworfen, es mache "Holocaust-Relativierung sowie israelbezogenen Antisemitismus salonfähig". Das Metropoltheater hatte am 18. November nach Gesprächen mit jüdischen Bürger:innen und Vertreter:innen der jüdischen Gemeinde erklärt, "Vögel" nicht mehr spielen zu wollen – "um weitere Gräben in der Gesellschaft zu verhindern und um ein klares Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen", so Theaterleiter Jochen Schölch. 

Juden und Israel "dämonisiert"

"Don’t touch my Gedächtnistheater!", so ließe sich die Kritik an den Vorwürfen in deutschsprachigen Medien zusammenfassen, kommentiert Anna Staroselski, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, in einem Gastbeitrag in der WELT. Dass Theaterleiter und Regisseur Jochen Schölch von einem Stück über "Versöhnung" spreche, erscheine "verlogen", "wenn Juden als rassistische Kindsmörder dargestellt werden, die noch dazu den Holocaust für ihre Zwecke missbrauchen". In dem Stück würden "unter dem Vorwand von Toleranz und Frieden jüdischen Figuren Shoa-Relativierungen in den Mund gelegt" und "Juden und Israel dämonisiert". Das sei "zwar Kunst, aber eben antisemitische Kunst, Antisemitismus im Kulturbetrieb".

In derselben Zeitung entgegnet Jakob Hayner, die "skandalisierten Stellen" ließen sich "aus der Handlung und der Figurenpsychologie beispielsweise auch so verstehen, dass sie gerade nicht die Shoah relativieren, sondern die traumatischen Nachwirkungen dieses unfassbaren Verbrechens bis in die Gegenwart zeigen". Verglichen mit Caryl Churchills Stück "Seven Jewish Children", dem im Zuge der abgesagten Verleihung des Europäischen Dramatikerpreises an die Autorin ebenfalls Antisemitismus vorgewurfen wurde, sei Mouawad Stück "geradezu überkomplex". 

"Geistige Waffen der Kritik schärfen"

Dabei sei "Vögel" dennoch, aber vor allem künstlerisch zu kritisieren: Die "zerfaserte Handlung" springe "zwischen Orten und Zeiten, die Dialoge sind langatmig und hölzern, Humor ist dem Stück in großen Teilen fremd, die Figuren sind meist wenig überzeugend entwickelt und haben nur Ansätze einer eigenen Sprache, in der Drastik vor Feinheiten kommt". Aber: Ein "trotz aller Mängel komplexes Kunstwerk" lasse sich "eben nicht auf eine ideologische Botschaft herunterbrechen". Daher sollten "kulturpolitische Waffen wie Subventionskürzungen wohlverstaut bleiben, während sich die geistigen Waffen der Kritik gerne weiter schärfen dürfen". 

Die Süddeutsche Zeitung fasst darüber hinaus den Stand der Verhandlungen zwischen Theater, Stadt und den jüdischen Studierendenvertretungen zusammen: Demnach soll am Dienstag, den 23. November auf Einladung der Grünen-Fraktion im Rathaus ein Treffen zwischen Kulturreferent Anton Biebl, Theaterleiter und Regisseur Jochen Schölch sowie Vertretern der Studierendenvertretungen stattfinden. Ziel sei eine rasche Aufarbeitung, "damit es nicht die ganze Zeit hin und her geht", zitiert die SZ Katrin Habenschaden (Grüne). Die Studierendenverbände forderten zudem, "eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk, zu der Wissenschaftler auf dem Gebiet der Antisemitismusforschung hinzugezogen werden sollen".

Die Süddeutsche Zeitung (22.11.2022) nimmt außerdem die Reaktionen auf die Debatte in Israel auf und zitiert einen Artikel aus der israelischen Tageszeitung Haaretz, in dem es heiße, dies sei "die seltsame Geschichte eines Theaterstücks, das in Israel allgemeine Bewunderung hervorrief und das von BDS ins Visier genommen wurde wegen finanzieller Förderung aus Israel - nun wird es in Deutschland abgesetzt wegen Antisemitismus-Vorwürfen". 

Ebenfalls in der SZ (23.11.2022) meldet sich Natalie Zemon Davis zu Wort. Die Historikerin, selbst jüdischer Herkunft, war als Beraterin an der Entstehung des Stücks Vögel von Wajdi Mouawad beteiligt. In der Süddeutschen Zeitung zeigt sie sich bestürzt über dessen Absetzung. "Als internationaler Beobachter muss man sich schon fragen, was wohl in Deutschland vor sich geht, wenn ein Stück, das überall sowohl vom jüdischen als auch vom nichtjüdischen Publikum so hochgelobt wurde, nun in München als antisemitisch abgesetzt wird." 'Vögel' sei weit davon entfernt, antisemitisch zu sein. Das Stück plädiere wie Lessings "Nathan der Weise“ für Toleranz und kulturelles Verständnis. "Wenn diese Botschaften im heutigen Deutschland nicht salonfähig sind, dann müssen sich internationale Beobachter wie ich wohl fragen, welche Art von Ideen dort noch genehm sind."

Leander F. Badura vom Freitag (23.11.2022) kommentiert: "Vielleicht haben die jüdischen Studierenden etwas gesehen, was weder das Theater Cameri in Tel Aviv, wo Vögel ebenfalls aufgeführt und überwiegend positiv aufgenommen wurde, die israelische Botschaft in Paris noch die Tageszeitung Haaretz gesehen haben. Das kann durchaus sein. Was auch sein kann: Anstatt das Stück wie üblich viersprachig – Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch – aufzuführen, entschied man sich in München für eine rein deutsche und gekürzte Fassung. Vielleicht liegt hier das Problem." Feststellen lasse sich all das nicht mehr. "Was also bleibt, ist das Scheitern einer Debatte ist das Scheitern einer Debatte, bei der viele eine Meinung haben, der durch die Absetzung jedoch jede Grundlage entzogen wurde."

(WELT / Süddeutsche Zeitung / jeb)

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Meldung vom 22. November: Verlag der Autoren kritisiert "Vögel"-Absetzung

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