Verdammt sind sie alle

26. November 2022. Die Tragödie der Phaedra, die sich in ihren Stiefsohn verliebt und von ihm abgewiesen wird, hat Thomas Jonigk überschrieben und zu einem Kommentar aufs Theater und seine oft toxischen Rollen-Zuschreibungen gemacht. Ersan Mondtag macht mit einem brillanten Benny Claessens in der Titelrolle einen Theater-Comic-Strip draus.

Von Sascha Westphal

26. November 2022. Als sich der rote Vorhang öffnet für Ersan Mondtags Uraufführungsinszenierung von Thomas Jonigks "Phaedra"-Überschreibung, fällt der Blick auf eine Szenerie wie aus einem knallbunten Comic-Strip. Drei Häuser, die auch aus einer eklektischen Spielzeugeisenbahn-Landschaft stammen könnten, deuten eine Seitenstraße irgendwo in einer US-amerikanischen Vorstadt an. Auf der Hinterwand und an den Seitenwänden zeigt der Breitwand-Bühnenkasten des Depot 1, der großen Spielstätte des Schauspiel Köln, einen an Mordillo-Zeichnungen erinnernden, von Schäfchenwolken gesprenkelten blauen Himmel.

Die Abgründe von Suburbia

Die drei Häuser evozieren ganz verschiedene ikonische Gegenden der Vereinigten Staaten. Auf der linken Seite repräsentiert ein auf hochherrschaftlich getrimmtes Anwesen mit zwei pseudo-griechischen Säulen als Portal die alten Südstaaten. In der Mitte weckt ein sich modern gebender kleiner Bungalow Erinnerungen an die Glasfronten der Häuser in den Hügeln von Los Angeles. Und rechts steht ein Haus, das wie eine umgebaute Scheune wirkt und direkt aus dem Mittleren Westen stammen könnte, so wie ihn Grant Wood in seinem Gemälde "American Gothic" verewigt hat. Zusammen ergibt dieses Ensemble ein Idyll, das einem das Blut in den Adern gefrieren lassen kann. Hier ist alles so bunt, so friedlich und so fröhlich, dass alle, die in dieser Welt leben müssen, eigentlich nur an ihr verzweifeln können und irgendwann verrückt werden müssen. Ein Eindruck, den die Live-Videobilder aus dem Bungalow, die auf eine über der Bühne hängende Leinwand projiziert werden, sogleich bestätigen.

Phaedra 1 lBirgitHupfeld uLola Klamroth und Benny Claessens als Desperate Housewives straight from the Dramenkanon © Birgit Hupfeld

Phaedra und ihre beste Freundin Oenone, verkörpert von Benny Claessens und Lola Klamroth, feiern hier eine nächtliche Party. Sie vertreiben sich ihre Langweile, indem sie Unmengen Alkohol und Kokain konsumieren und sich kindische Streiche ausdenken, um ihre von Margot Gödrös gespielte Nachbarin ärgern zu können. Es ist alles genau so, wie es das Bühnenbild andeutet: Das künstliche Paradies der 1950er/60er Jahre-Vorstadt ist ein einziger Abgrund, in dem alle längst versunken sind, auch wenn einige noch versuchen, den Traum von der heilen Welt krampfhaft aufrechtzuerhalten. Es sind starke, teils wüst groteske, teils aber überraschend anrührende Bilder, die Ersan Mondtag aus dieser Comic-Landschaft heraus erschafft. Bilder, die eine eigene Geschichte erzählen, die sich nie ganz mit Thomas Jonigks Überschreibung der klassischen Phaedra-Tragödien von Seneca und Racine in Einklang bringen lässt.

Die Figuren des Dramenkanon als Gefangene ihrer Rollen

Jonigk schreibt die Geschichte Phaedras, die sich in ihren Stiefsohn Hippolytos verliebt und von ihm zurückgewiesen wird, nicht noch einmal neu. Er kommentiert sie vielmehr, indem er Passagen aus den klassischen Stücken von Figuren sprechen lässt, die in jedem Augenblick wissen, dass sie in einer Maschinerie gefangen sind, die sie nach und nach zerstören wird. Sie kennen den Ausgang der Ereignisse und finden trotzdem keine Alternativen. So verschiebt Jonigk die Perspektive. Es geht bei ihm nicht mehr um die Tragik der Figuren, um den großen Schmerz und die Läuterung im Moment des (selbstgewählten) Todes. Er richtet den Blick auf das Theater selbst, seine seit Jahrtausenden bestehenden Konventionen und Bilder von Menschen, die Gefangene ihrer Rollen sind. Wenn seine Phaedra gleich zu Beginn des Stücks das Theater regelrecht verflucht und anschließend doch ihrer festgeschriebenen Rolle gerecht wird, steckt darin natürlich eine implizite Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und Ordnungen. Für Jonigk gibt es in den alten Stücken keine Freiheit, weil sie Ausdruck alter Machtverhältnisse sind, an denen wir alle immer noch viel zu sehr hängen.

Jonigks Überschreibung wagt also einen Angriff auf die (dramatische) Kunst, der in eine ähnliche Richtung weist wie manche Aktionen der "Letzten Generation". Seine selbstreflexiven Kommentare, in denen Phaedra über ihre Rolle nachdenkt und klagt, sind quasi das literarische Pendant zum Kartoffelbrei auf den Glasscheiben, die die Gemälde der alten Meister schützen. Ein solcher Aktivismus liegt Ersan Mondtag allerdings denkbar fern. Er inszeniert lieber eine Pop-Art-Show, die die Verhältnisse so weit überzeichnet, dass sie in aller Klarheit erkennbar werden. So wird der Text noch einmal überschrieben mit den Mitteln der Bühne.

Verräterischer hoher Ton

In Mondtags Inszenierung gibt es keine echte Tragik mehr, auch keine gespielte und in sich gebrochene Tragik. Hier ist alles Zitat, Readymade und seriell im Sinne Warhols. Das gilt für Yvon Jansen, die Hyppolytos als naiven jungen Helden verkörpert, der überhaupt nicht weiß, was es eigentlich bedeutet, ein Held zu sein, ebenso wie für Lola Klamroths Oenone, eine gelangweilte Vorstadt-Hausfrau aus einer beliebigen Vorabendserie. Sie alle flüchten sich in überhöhte Gesten und einen ins Absurde gehenden hohen Ton, die nichts mehr aussagen, aber doch alles verraten.

Zugleich erschaffen sie aber auch den Hintergrund, vor dem Benny Claessens erst richtig brillieren kann. In der Rolle der Phaedra zitiert auch er ständig die Emphase klassischer Tragödinnen, um dann gleich wieder in den Tonfall der vulgären, betrunkenen Vorstadtfrau zu verfallen. Bewusst billige Kopien, die Claessens mit seiner ironischen Spielweise zu kleinen Kunstwerken veredelt, um sie dann gleich wieder zu zerstören und als Kitsch zu entlarven. In diesem Spiel, das bewusst verlogen und doch zutiefst ehrlich ist, verwandeln sich Jonigks Angriffe auf das Alte auf dem Theater in wahrhaft zeitgemäße Bühnen-Comic-Kunst.

Phaedra
frei nach Seneca & Racine von Thomas Jonigk
Regie, Video & Bühne: Ersan Mondtag, Künstlerischer Mitarbeiter: Alexander Naumann, Musikalische Einrichtung & Komposition: Beni Brachtel, Kostüme: Teresa Vergho, Licht: Jan Steinfatt, Video & Schnitt: Einspieler: Krzysztof Honowski, Dramaturgie: Sarah Lorenz, Live-Kamera: Nora Daniels / Chantal Bergemann.
Mit: Benny Claessens, Lola Klamroth, Kristin Steffen, Yvon Jansen, Benjamin Höppner, Kei Muramoto, Margot Gödrös, Statisterie: Britta Seydler / Hilke Kluth, Malchus C. Giersch / Jochen Meyn, Jan Junghardt / Nicolai Stegmaier, Tim Sellien / John Rupprecht.
Premiere am 25. November 2022
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

Kritikenrundschau

"Theater, das nichts will und nichts aussagt" hat der Kritiker Stefan Keim gesehen, wie er in der Welt berichtet. Das Kölner Ensemble sei "technisch virtuos" und lasse "vom Kunstkoten bis zu softpornoesken Beischlafszenen" nichts aus: "Ein Pipikackafickifurz-Getöse", urteilt der Kritiker.

"Das Theater sollte doch ein Ort der Möglichkeiten sein. Stattdessen stellt es immer und immer wieder die Ausweglosigkeit ins Rampenlicht", seufzt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (28.11.2022) und interpretiert immerhin "Mondtags queere Inszenierung" als "Utopie von Jonikgs am Theater verzweifelnder Überschreibung".

"So viel zu gucken und so viel zu lachen gibt es nicht immer im Schauspiel", schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (28.11.2022). "Und man taucht nur zu gerne ein in diesen Strom des kalkulierten Unsinns." Auch wenn nicht jede Assoziation nachvollziehbar sei und der "ausufernde Klamauk" irgendwann ermüde: "Das Premierenpublikum jubelte nicht zu unrecht."

Cornelia Fiedler von der Süddeutschen Zeitung (30.11.2022) schreibt, Ersan Mondtag zelebriere Trash, Persiflage und Porno. "Die textkritischen Kommentare der Figuren wirken da nurmehr wie Feigenblätter für ein bisschen Political Correctness." Und dann gebe es da noch ein Problem: "Um Theseus' Zorn zu entgehen, verbreiten Oenone und Phaedra die Lüge, Hippolytos sei in Phaedra verliebt, nicht umgekehrt. Mondtag macht daraus eine detailliert auserzählte Fake-Vergewaltigung inklusive ‚Rapist‘-Schmiererei auf dem Garagentor. Kein besonders kluges Signal in einer Inszenierung, die vorgeblich mit misogynen Narrativen aufräumen will.“ Einziger Lichtblick an diesem "ziellos krawalligen Abend" ist für die Kritikerin die Schauspielerin Margot Gödrös.

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