Horror in der Holzhütte

27. November 2022. Ein Häuschen, mitten im Wald, ohne Fenster und ohne Tür. Anna Tenti lässt ihre Inszenierung von Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" fast wie in einem Hexenhäuschen spielen. Ein Bühnenbild, das eigentlich für eine Inszenierung von Bonn Park gedacht war. Aber es ist der genau der richtige Ort für den Horror à la Yasmina Reza.

Von Karin Yeşilada

27. November 2022. Vier Wochen bis zur Premiere, und dann erkrankt der Regisseur – eine Horrorvorstellung. Im doppelten Wortsinn, denn genau das sollte Bonn Park eigentlich am Theater Schauspiel Dortmund als Stückentwicklung ursprünglich inszenieren. Kulissen und Schauspieler:innen standen schon bereit, dann musste innerhalb kürzester Zeit umdisponiert werden. Und irgendeine Gottheit fügte es, dass im für seine Progressivität verschrienen Theater Dortmund statt des koreanisch-deutschen Avantgardisten nun eine iranisch-französische Klassikerin aufs Programm kam. Yasmina Rezas Wohnzimmer-Drama "Gott des Gemetzels", ein Stück aus dem neuen Kanon, erweist sich als hervorragender Horror-Ersatz mit Spaßfaktor.

Der Konflikt zweier gutsituierter Ehepaare, deren Söhne in eine Prügelei verwickelt waren, aus der einer mit zwei ausgeschlagenen Schneidezähnen hervorgeht und der andere mit einer moralischen Bringschuld, entwickelt sich im Verlauf der Begegnung zum Fiasko. Anfangs noch höflich, sorgen Sticheleien und Gemeinheiten für wechselnde Fronten zwischen den Paaren, zwischen Opfern und Tätern, Männern und Frauen, bis es richtig eskaliert. Die Eltern des "Opfers", Michel und Veronique, sind gar nicht so harmlos, wie es scheint, immerhin hat Michel einen unschuldigen Hamster auf dem Gewissen und Veronique hegt trotz ethischer Grundsätze insgeheim Gewaltfantasien.

Der Stärkere gewinnt

Die Eltern des prügelnden Knaben sind auch nicht besser, und vor allem der zwielichtige Anwalt Alain vertritt seine sozialdarwinistische Haltung – Jungens prügeln sich eben, der Stärkere gewinnt – beruflich und privat. Am Ende des Nachmittags sind Vasen verschüttet und Ehen zerrüttet, Tischtücher zerrissen und Ehemänner geprügelt, und von den zwei Buben übrigens keine Spur. Ein herrlich fieses Anschauungsstück menschlicher Abgründe in der postmodernen Bourgeoisie, ein Dauerbrenner auf Theaterbühnen und inzwischen hollywoodreifer Filmstoff.

Da steht auf der von Jana Wassong schlicht gestalteten Bühne nun also die ursprünglich für Parks Horror-Stück gebaute Holzhütte alias Hexenhäuschen Nebel-umwabert im imaginären Wald, fensterlos und ohne Tür, so dass sich die vier Figuren aus einer winzigen Kellerluke auf den Bühnenboden winden müssen. Was, trotz beschwingter Musik (die Yotam Schlezinger sparsam einstreut) schon mal schön schaurig daherkommt. Endlich aufrecht, steuern die Vier das hübsch mit Loungemöbeln und blühenden Kirschbäumen bestückte Vorgärtlein an, wo sich die erste Hälfte des Stücks abspielt. Später dreht sich das Häuschen um 180 Grad und gibt Küche und Wohnzimmer frei.

Bröckelndes Holzhüttenparadies

Die ursprünglich konzipierte Geisterhaus-Optik stört überhaupt nicht, sondern unterstreicht vielmehr den heimlichen Horror des Stücks. Gastgeberin Veronique holt überdimensionale Schaumstoffbrötchen aus dem außen angebauten Hexenhäuschen-Ofen, und niemand zweifelt daran, dass es sich dabei um ihre berühmten Clafoutis handelt. Die in der postmodernen Gegenwart lebenden Bildungsbürger-Figuren sind pastellfarben-elegant gekleidet und tragen, netter Einfall, ehepaar-weise Perücken der gleichen Haarfarbe in jeweils blond und brünett, gescheitelt oder onduliert (Kostüme: Pina Starke), was ein wenig an die Optik früherer Loriot-Sketche erinnert.

Gott des Gemetzels 1 BirgitHupfeld uPastellfarbene Eleganz: "Der Gott des Gemetzels" mit Christopher Heisler, Linus Ebner, Lola Fuchs, Linda Elsner © Birgit Hupfeld 

Sehr witzig sind die überraschenden Szenenstörungen, oder Störszenen, die Veroniques Wut oder Michels Verachtung ausdrücken und das eigentliche Geschehen für einen kurzen Augenblick unterbrechen und konterkarieren: Dann wechselt das Licht (Sibylle Stuck lässt es flackern und blitzen), es erklingen schräge Synthie-Geräusche (Christoph Waßenberg und Gertfried Lammersdorf lassen es schön quietschen, ziepen und schnarren), und die jeweilige Figur zieht dann eine Fratze oder bewegt sich grotesk außer der Rolle. So beißt die höflich lächelnde Veronique während des Gesprächs plötzlich wutverzerrt ins Tischtuch, oder Annette erleidet, während sie höflich beteuert, es gehe ihr gut, plötzliche Zuckungen und Zusammenbrüche. Diese Cuts sind frech und witzig und sorgen zusammen mit reichlich Slapstick für gute Laune im Saal.

Chaos unter Kirschblüten

Aber die gute Laune kommt natürlich auch (und hauptsächlich) von Yasmina Rezas scharfzüngigen Dialogen, die von den vier Schauspieler:innen souverän und mit gutem Timing dargebracht werden. Sie schlagen sich prächtig, allen voran Lola Fuchs als Veronique, die ernsthaft um die Wiedergutmachung ihres blessierten Kindes kämpft mit kaum verhohlener Wut: Mal schmollt sie, dann wieder trumpft sie auf, wird zunehmend hysterisch und prügelt schließlich ihren Mann Michel (Linus Ebner). Der fällt allmählich aus seiner freundlich-friedfertigen Jovialität, dann aber gehen auch ihm die Nerven durch, und dabei haut Linus Ebner herrlich impulsiv die rosa Kirschblüten-Girlanden vom Ast. Christopher Heisler hat seine Paraderolle als schmierig-neoliberaler Anwalt Alain, der gefühlt alle zwei Minuten sein Handy zückt und damit alle nervt. Linda Elsner wiederum gibt sich als verständnisvolle Annette zunächst elegant-zurückhaltend, kotzt später aber besinnungslos alles voll. Dazu trinkt sie erst Haferschleim aus einer großen Milchflasche und prustet alles wieder raus, und jedes Mal, wenn sie zur Flasche greift, zieht das Publikum feixend die Köpfe ein. Als im großen Chaos alle versuchen, den kostbaren, vollgekotzten Kokoschka-Bildband abzuspülen und trockenzuföhnen, bleibt kein Auge mehr trocken.

Offensichtlich erkennen wir uns alle wieder in den menschlichen Abgründen und genießen das moralisch-menschelnde Gemetzel auf der Bühne. Der Horror à la Reza in der Inszenierung von Anna Tenti macht großen Spaß. Ob die nörgelnden Herren das gemeint hatten, als sie unlängst "mehr Klassiker" für Dortmunds Bühnen forderten? Wer weiß. Jedenfalls war es eine hervorragende Entscheidung von Intendantin Julia Wissert und ihrer neuberufenen Dramaturgin Marie Senf, den Gott des Gelächters, äh, des Gemetzels auf den Spielplan zu setzen, und eine Meisterleistung, ihn nach so kurzer Vorbereitungszeit so schmissig zu spielen.

 

Der Gott des Gemetzels
von Yasmina Reza
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Anna Tenti, Dramaturgie: Marie Senf, Bühne: Jana Wassong, Licht: Sibylle Stuck, Ton: Christoph Waßenberg, Gertfried Lammersdorf.
Mit: Lola Fuchs, Linus Ebner, Linda Elsner, Christopher Heisler.
Dauer: 1 Stunden 20 Minuten, keine Pause
Premiere am 26. November 2022 im Theater Dortmund

www.theaterdo.de

Kritikenrundschau

Dass Regisseurin Anna Tenti "auf Überzeichnung" setze, helfe dabei, dass die "pointierte Dialog-Schlacht" auch im recycleten Bühnenbild von "Das Haus im Wald (Horror)" funktioniere, findet Britta Helmbold in den Ruhr Nachrichten (27.11.2022). Es sei "ein amüsanter Theaterabend", der zeige, "wie schnell die Fassade der zivilisierten Umgangsformen bröckeln kann".

"Wie die Darsteller (die Schauspielerinnen eindrucksvoller als ihre männlichen Kollegen) das Geschehen vermitteln, das sorgt für permanente Lachanfälle und nach 80 Minuten für stürmischen Applaus", schreibt Wolfgang Platzeck in der WAZ (28.11.2022). Dennoch bleibe in Anna Tentis Inszenierung der "ernste Aspekt" des Stücks auf der Strecke. Schleißlich sei Rezas Text "kein Boulevard, (...) kein Volkstheater und schon gar keine grell-laute Brachial-Klamotte", so der Kritiker einschränkend.

Das Stück sei nicht umsonst ein moderner Klassiker, so Christoph Ohrem von WDR 5 Scala (28.11.2022) "Das ist einfach wirklich ein schöner Text mit bissigen und wirklich komischen Dialogen, die hier in der Inszenierung auch gut zum Tragen kommen." Anfangs kontrastierten die boulevardesken Elemente und die Menge an Erbrochenem gut die Ernsthaftigkeit des Ensemble-Spiels. "Am Ende wird das dann doch alles so ein bisschen viel und die Hintergründigkeit geht etwas verloren, denn im Grunde sind es hier ja tragische Menschen, die ihrem Leben hilflos und frustriert gegenüberstehen." Der Kritiker versteht die Inszenierung als ein Angebot an das Dortmunder Publikum, sich hier mal einen leichten Theaterabend zu genehmigen.

 

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