Lauf um dein Leben

3. Dezember 2022. Auf Bühnen werden immer wieder Frauen ermordet – auch bei Georg Büchner. Pia Richter stellt zusammen mit ihrem Ensemble die Woyzeck-Figur in ein anderes Licht und stellt heraus, dass auch Täter sein kann, wer in anderem Zusammenhang das Opfer ist.

Von Sascha Westphal

3. Dezember 2022. Marie ist eine Gefangene. Sie sitzt fest in der Falle, die ihr von den anderen, vor allem natürlich von den Männern, aber auch von den Frauen um sie herum, gegraben wurde. Sie kommt nicht heraus aus dieser ein wenig an ein Grab erinnernden sandigen Grube im Zentrum von Julia Nussbaumers Bühne. Die zum Teil auch mit Sand bedeckten Schrägen, die sie auf drei Seiten umgeben, lassen sie immer wieder abrutschen. So bleiben die Häuser und Zimmer, die diese Grube umgeben, für Marie unerreichbar.

Ausweg: unmöglich

Es gibt in Pia Richters Inszenierung von Georg Büchners Fragment gebliebenem Drama "Woyzeck" keinen Schutz für die von Simin Soraya gespielte Marie, keine Zuflucht und auch kein Ausweichen. Sie ist den Blicken der Gesellschaft ebenso ausgeliefert wie der Eifersucht und den Gewaltausbrüchen Woyzecks. Für sie gibt es wahrhaft kein Entkommen, und das ist es, was sie von Daniel Rothaugs Woyzeck unterscheidet. Auch er steckt meistens in der Sandgrube im Zentrum der Bühne fest und wird von allen ständig beobachtet und taxiert. Aber anders als die Mutter seines kleinen Kindes kann er die Wände gelegentlich erklimmen. Dann begegnet er den anderen, Regina Leenders' Ärztin und Klaus Zwicks Hauptmann, Elias Baumanns Tambourmajor und Franziska Roths Andres, für kurze Momente auf Augenhöhe und könnte sich ihnen widersetzen. Diese Chance hat Marie nicht.

Pia Richter hat letztlich nur recht moderat in Büchners Text eingegriffen. Gelegentlich zitiert ihre Inszenierung das Gutachten, das der Mediziner Johann Christian August Clarus im Jahr 1824 in Leipzig über den Geisteszustand des verurteilten Mörders Johann Christian Woyzeck und damit auch über dessen Schuldfähigkeit erstellt hat. Aber schon diese kurzen Einschübe verändern den Blick auf Woyzeck und seine Tat. In Büchners Dramenfragment, das allein um die Beziehung zwischen Woyzeck und Marie kreist, bekommt der Mord aus Eifersucht eine tragische, fast schon romantische Dimension. Ein von der besseren Gesellschaft bis aufs Blut geschundener Mann, der von Visionen verfolgt wird, tötet schließlich seine Geliebte und bleibt dabei doch immer selbst das Opfer.

Von der Schuld

Davon kann in Richters Interpretation nicht mehr die Rede sein. Die Auszüge aus dem Gutachten über den realen Woyzeck, die von Klaus Zwick, Regina Leenders, Elias Baumann und Franziska Roth wie Tratsch vorgetragen werden, zeichnen ein anderes, deutlich düstereres und bedrohlicheres Bild von Woyzeck. Er wird kenntlich als ein Mann, der schon immer zu Gewalt gegen Frauen geneigt hat, der sie kontrollieren, besitzen und, wenn es ihm gefiel, bestrafen wollte. Aber diese Einschübe demonstrieren nicht nur die Vorgeschichte des Mordes, der einem klar erkennbaren Muster folgt, sie fallen auch auf die zurück, die sie sprechen. Die Selbstverständlichkeit, mit der "die Leute", wie sie im Programmheft genannt werden, über Woyzecks brutale Angriffe auf Frauen sprechen und sie wie Klaus Zwick in einer dieser Szenen auch noch verharmlosen, lässt keinen Zweifel an der Mitschuld "der Leute". Sie sehen zu und schauen doch weg. Sie klagen den Mörder an, aber kämen niemals auf die Idee, der Frau zur Seite zu stehen.

Woyzeck 1 Axel J Scherer uDie Leute helfen nicht: Simin Soraya in ihrem Grab auf der Bühne von Julia Nussbaumer © Axel J. Scherer

Gemeinsam mit Daniel Rothaug versucht sich Pia Richter an einem Porträt des Frauenmörders Woyzeck, das sowohl Georg Büchners Text und dessen Inszenierungstraditionen gerecht wird als auch deren blinde Flecken sichtbar macht. Für sie geht es nicht um die Frage, ob Woyzeck nun Opfer oder Täter war. Sie und Rothaug zeigen, dass er sowohl das eine als auch das andere ist, aber zugleich zerreißen sie auch die kausale Verbindung zwischen dem einen und dem anderen. Sobald Rothaug der Ärztin oder dem Hauptmann gegenübersteht, ist er ohne Frage das Opfer. Die Ärztin, die bei Regina Leenders zynische Menschverachtung mit technokratischem Größenwahn vereint, übergibt sich lieber, als dass sie das Wort "Natur" ausspricht. Und wenn es ihr doch einmal über die Lippen kommt, dann würgt sie es hervor und spuckt es wie etwas absolut Widerwärtiges aus. Und in diesem Ausspucken offenbart sich das unendliche Machtgefälle zwischen ihr und Woyzeck, zwischen einer Gesellschaft, die den einzelnen benutzen kann, wie es ihr gefällt, und dem, der benutzt und am Ende ausgespuckt wird. In diesen Momenten hat Rothaug etwas Verlorenes an sich. Er kommt gegen die Verhältnisse nicht an. Selbst in den Szenen mit Franziska Roths Andres wird er zum Opfer. Franziska Roth flößt ihm ständig Schnaps ein und singt Popsongs wie "Run for Your Life" von den Beatles, in dem das lyrische Ich des Sängers einer Frau den Tod androht, sollte sie ihn betrügen.

"Das Grab, das ihr Leben ist"

Aber sobald Woyzeck mit Marie zusammen ist, ändert sich sein ganzes Auftreten. In diesen Szenen ist nichts mehr von seiner Opferrolle zu spüren. Ihr gegenüber tritt Rothaug als Herrscher auf, der jederzeit über Maries Schicksal entscheiden kann. Es liegt in seiner Hand, ob sie lebt oder stirbt. "Run for Your Life", lauf um dein Leben, scheint er ihr mit jeder seiner Umarmungen und jedem seiner Wutausbrüche zu sagen. Aber Simin Sorayas Marie kann nirgendwo hinlaufen. Sie ist eine starke Frau, die genau weiß, dass sie Woyzeck ausgeliefert ist. Sie hat ihren eigenen Kopf, und sie kämpft mit ihren Gefühlen, denen für Woyzeck wie denen für den Tambourmajor. Doch es gibt keinen Weg aus dem Grab, das ihr Leben ist. Für sie und all die Frauen wie sie ist, wie es in dem Märchen der Großmutter heißt, das in dieser Inszenierung zweimal von Marie erzählt wird, "die Erd ein umgestürzter Hafen".

So kommt es, wie es kommen muss. Woyzeck schneidet Marie die Kehle durch und sticht dann immerzu auf sie ein. Ein Ende, wie es immer noch gang und gäbe ist. Aber eben auch ein Ende, dem Pia Richter etwas entgegensetzen muss. Also steht Simin Soroya schließlich wieder auf und tritt auf die Vorderbühne. Als Tote kann sie das Grab verlassen und im Namen all der ermordeten Frauen sprechen. In dem kurzen, von Pia Richter gemeinsam mit dem Ensemble entwickelten Monolog, der sich an einige Passagen aus Christa Wolfs "Kassandra" anlehnt, rechnet Simin Soraya mit Woyzeck und all den anderen Mördern ab. Das ist ein notwendiger Akt der Emanzipation. Endlich bekommt Marie das letzte Wort und zerstört den Nimbus des Mannes als Opfer. Und doch stellt sich das Gefühl ein, dass dieser Epilog nur verdoppelt, was die Inszenierung vorher schon alles in ihren Bildern erzählt hat.

 

Woyzeck
von Georg Büchner
Regie: Pia Richter, Bühne und Kostüme: Julia Nussbaumer, Musik: Maria Moling, Mitarbeit Musik: Nicolas Sierig, Licht: Stefan Meik, Dramaturgie: Laura Mangels.
Mit: Daniel Rothaug, Simin Soraya, Klaus Zwick, Regina Leenders, Elias Baumann, Franziska Roth.
Premiere am 2. Dezember 2022
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

"Erfreulich unplakativ" ziehe sich das Thema Femizid "durch die optisch karge Handlung", schreibt Sven Thielmann in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (5.12.2022). Mit ihrem Perspektivwechsel gewinne Pia Richter dem "Dauerbrenner" von Büchner neue Aspekte ab und stelle ihre Relevanz für die Gegenwart "erfreulich frisch" dar. Im schlichten, symbolhaften Bühnenbild von Julia Nussbaumer lenke nichts vom Textgeschehen ab. "Lautstarke Begeisterung nach 70 kurzweiligen Minuten für ein starkes Ensemble" verzeichnet die WAZ.

"So eindrucksvoll und kühl Julia Nussbaumers Bühnenbild wirkt, so kalt bleibt auch die Inszenierung." Pia Richter analysiere rational die Faktoren, durch die Woyzeck immer weiter verunsichert werde, so Stefan Keim von WDR 5 (5.12.2022). Der Kritiker bezeichnet die Inszenierung als "klar, konsequent, aber nicht besonders mitreißend".

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Woyzeck, Oberhausen: Eindrückliches WechselspielHanna 2022-12-03 13:47
Ich habe schon viele Inszenierungen oder Verfilmungen von „Woyzeck“ gerade in den letzten Jahren gesehen, aber diese ist die eindrücklichste. Wie in der Kritik beschrieben, machen gerade die Stärke der Marie sowie Woyzecks ständiges Wechselspiel vom Täter zu Opfer diesen Abend so sensationell. Simin Sorayas und Daniel Rothaugs Zusammenspiel ist ein wahres Ereignis. Danke dafür.

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