Sehnsuchtslöcher in Allerweltsseelen

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 18. Dezember 2008. Kasimir und Karoline gehören zu den verzweifelsten Liebespaaren auf dem Theater, und das nicht nur, weil es mit ihrer Liebe schon aus ist, kurz nachdem sich der Vorhang hebt. Kasimir ist ganz unten angekommen, gerade hat er seinen Job als Chauffeur verloren und Karoline möchte nichts so sehr, wie weit hinauf. So können sie freilich nicht zueinander kommen. Ödön von Horváth lässt sie auf dem Münchner Oktoberfest aneinandergeraten wie zwei Wagen beim Autoscooter.

Am Ende finden sie sich in den Armen neuer Gefährten wieder. In Frankfurt schauen sie dabei so traurig aus der Wäsche, dass einem ganz wund ums Herz werden könnte. Das aber verhindert die Regisseurin Simone Blattner, die Horváths Volksstück in aufgekratzter Traurigkeit inszeniert.

Im Bühnenvordergrund steht ein glitzernder und blinkender Rahmen, eine Art Schaukasten, in und hinter dem sich das Stück abspielt. Dort versammelt sich zu Beginn das ganze Personal. Und dort auch spricht Karoline zu Kasimir: "Vielleicht sind wir zu schwer füreinander". Susanne Buchenberger in der Rolle der Karoline nuschelt den Satz beiläufig zur Seite, so dass ihm all seine trostlose Dramatik abhanden kommt und Alltagstrauer sich breitmacht. Kurz darauf bandelt sie schon mit dem Schürzenjäger Schürzinger an.

Lümmelnde Unterschicht

Rainer Frank spielt ihn im popelgrünen Anzug als hinreißenden Jammerlappen, der immer auf der Kante zur Parodie agiert. Wo bei Horváth noch das Kleinbürgertum seinen großen Auftritt hatte, lümmelt sich jetzt die Unterschicht: Arbeitslose, Karussellschubser, Ballermänner und Boxenluder, die nicht wissen, wohin mir ihrer Wenigkeit. Blattner führt sie aber nicht vor, macht sich auch nicht lustig über sie, sondern schaut teilnahmsvoll in ihre Allerweltsseelen. Ihre Karoline steht meistens schön x-beinig im zu engen Rock und mit Laufmasche überm Knie in der Gegend herum und starrt Sehnsuchtslöcher in die Luft. Kasimir, ein bullig lieber Kerl, zwängt sein Hemd in Achtziger-Jahre-Manier in die Hosen, dass es keine Art hat.

Joachim Nimtz verkörpert ihn als gemütlich tumben Loser, der sich mit Bier tröstet und seiner Ex-Braut wie ein Hund nachläuft, ehe er sich mit der windschnittigen Erna zusammentut. Die holt ihm zwar auch keine Sterne vom Himmel, weiß aber zumindest, wo Orion und Großer Bär zu finden sind. Nicht einmal eineinhalb Stunden nimmt sich Blattner Zeit, um zu erzählen, wie leicht das Leben auf die schiefe Bahn gerät. Und damit wir nicht vergessen, wo wird sind, ertönt immer mal wieder Achterbahn-Kreischen und Rummel-Gebrummel, mal leise, mal lauter.

Taumelnde Buchstaben auf Leinwänden

Dabei ruckelt der Abend zu Beginn etwas schwerfällig an, bekommt dann aber doch noch die Kurve. Ursprünglich wollte Karoline ja bloß ein Eis essen, lernt dann aber über Schürzinger den Kommerzienrat Rauch kennen und beginnt sofort, den alten Traum vom sozialen Aufstieg zu träumen. Rauch indes sucht selbstverständlich nur einen warmen Weiberpopo für die Nacht. Matthias Redlhammer spielt ihn mit der schmierigen Penetranz eines Autoverkäufers, der sich ohne Hemmung und Verstand an potentielle Wies'nbräute heranaalt. Sein Kompagnon Speer ist selbst dazu schon zu blau, mit dem Singen à la Tom Waits klappt es aber noch ganz wunderbar. Hoch oben, auf einer sich in kühnem Schwung emporhebenden Schanze formiert sich die bierselige Jahrmarktsgesellschaft zur umwerfenden Polonaise.

Immer wieder taumeln Buchstaben über Leinwände, gruppieren sich zu Wörtern: Zeppelin steht dann dort oder Luftballon. Imaginationshilfen. Später fahren Podeste aus dem Bühnenboden, illustrieren das bunte Treiben auf der Wiesn, und zum Ende hin verengt sich alles zu einem düsteren Parkhaus. Ohne das beeindruckend raumgreifende Bühnenbild von Alain Rappaport wäre der Abend wohl nur die Hälfte wert. Zum Schluss stehen dann Karoline und Schürzinger eng beisammen, daneben drängt sich Erna an Kasimir. Die vier schauen in ihre Zukunft wie in einen leeren Bierkrug: trunken und traurig. Schlagartig wird es dunkel. Danach ist man kurz ergriffen und pfeift schon auf dem Nachhauseweg ein Lied.

Kasimir und Karoline
Volksstück von Ödön von Horváth
Regie: Simone Blattner, Bühne: Alain Rappaport, Kostüme: Sabin Fleck, Musik: Christopher Brandt. Mit: Roland Bayer, Susanne Buchenberger, Rainer Frank, Nicola Gründel, Christian Kuchenbuch, Joachim Nimtz, Julia Penner, Matthias Redlhammer, Sylvia Schwarz.

www.schauspielfrankfurt.de


Mehr Kasimir und Karoline, das speziell in Zeiten wackeliger Wirtschaft verstärkt auf den Spielplänen erscheint: im November 2008 inszenierte Stephan Kimmig den melancholischen Sozialklassiker ganz unmelancholisch im Hamburger Thalia Theater. Im Mai 2008 dagegen inszenierte Julia Hölscher im Theater Magdeburg die Sache noch mit Melancholiezuschlag.

 

Kritikenrundschau

Nicht wirklich zündend findet Peter Michalzik von der Frankfurter Rundschau (20.12.) Simone Blattners Inszenierung. Zwar ist es aus seiner Sicht grundsätzlich "schön gedacht, die Geschichte einmal "ganz von der mitfühlenden Seite" zu nehmen und in diesem Kontext auch das berühmte Sauflied "Trink, Brüderchen, trink" als eine liebliche Ballade zu singen, statt damit "hohe Wellen der grölenden Besinnungslosigkeit zu schlagen" - was den erfahrenen Theaterbesucher Michalzik natürlich gleich an Christoph Marthalers berühmte Horváth-Liederabende erinnert. Doch fehlt Michalzik an diesem Abend die Schärfe "der anderen Seite", was er im Wesentlichen darauf zurück führt, dass die Regisseurin ihre Figuren "zu klein" denkt und kaum ein klares Profil für sie findet. Alain Rappaports Bühne hingegen kommt an.

Tilmann Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.12.) ist mit der Aufführung auch nicht ganz glücklich. Zwar ist Simone Blattners Regie aus seiner Sicht "gewohnt raumgreifend", füllen die Figuren die Bühne in allen drei Dimensionen aus, rennen Rampen hoch oder balancieren auf dem rotglitzernden Schaukastenrahmen, der "das Ganze einfasst und damit vom Zuschauer entfernt". Trotzdem verhallt für ihn die Grundfrage des Stücks, "ob uns nämlich die Wirtschaftskrise über den Druck der Verhältnisse "automatisch zu schlechteren Menschen macht", weil es ihm schwerfällt, mit den Figuren der Inszenierungen mitzugehen, die manchmal gerade noch zu Typen werden, aber sonst kaum Kontur gewinnen. Außer Joachim Nimtz als Kasimir.

Anders sieht es Jens Frederiksen im Wiesbadener Kurier (23.12.). "Anderthalb Stunden nur - aber sie sind ein einziges Vergnügen." Mit einem bestens aufgelegten Ensemble habe Blattner einen Horváth inszeniert, "der dem schönen Flitter ebenso seinen Platz lässt wie dem großen Gefühl." Und das, "obwohl das deutsche Regietheater Horváths Figuren längst besserwisserisch zu lauter Heuchlern und Bestien erklärt hat - und sich und dem Publikum also in der Regel von der ersten Minute an Tristesse pur verordnet. Nicht so jetzt in Frankfurt." Der grellbunte Revue-Rahmen des Bühnenbildes signalisiere die Lust am Tingeltangel. "Im Zusammenklang mit dem seligen Geschrammel von hoch oben wird aus der Geschichte vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Anverlobten Karoline, die im Oktoberfestgedränge auf Abwege geraten und nicht wieder zueinander finden, eine wonnige Berg- und Talfahrt voll vertrackter Lebensgier.

"Kasimir und Karoline" sei zwar "das Stück der Stunde", "Simone Blattner allerdings nicht die Regisseurin zum Stück", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (30.12.), auf den deren Horváth "wie eine weichgespülte Finanzkrisen-Elegie" wirkt. Dass liege vor allem daran, "dass die Regisseurin beim Transport des Stückes ins Hier und Jetzt vergessen hat, die Figuren mitzunehmen". Bis auf Nimtz als Kasimir wisse man bei kaum einer Figur, warum sie auf der Bühne stehe – "verlorene Schauspieler". "Zu sehen sind Schlafwandler, die sehr viel singen dürfen, aber vorwiegend das Genre Schlaflied bedienen".

 

 
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