Vergessene Dissidentinnen

3. Dezember 2022. Frauen kämpfen: heute und damals. Eine "site-specific Performance" schafft in Berlin-Lichtenberg Raum für persönliche und historische Realitäten verdrängter Aktivistinnen aus der DDR und zieht eine direkte Linie zu gegenwärtigen Aufständen.

Von Michael Wolf

3. Dezember 2022. In den Achtzigerjahren setzten sich in mehreren europäischen Ländern Frauengruppen für Abrüstung und Gleichberechtigung ein. Was wenig bekannt ist: Auch in der DDR traten die "Frauen für den Frieden" in Aktion. Anders als ihre Verbündeten im Westen hatten die ostdeutschen Aktivistinnen jedoch nicht vor allem mit Geringschätzung in der männerdominierten Politik zu kämpfen, sondern mit politischer Verfolgung. Angehörige der Gruppe wurden bespitzelt, bedroht, weggesperrt und zur Ausreise gedrängt.

2019 widmete sich ein bei Ch. Links erschienener Sammelband mit dem Titel "Seid doch laut!" den in Vergessenheit geratenen Dissidentinnen. Erstmals in Erscheinung traten sie 1982, als die SED plante, auch Frauen zum Dienst an der Waffe heranzuziehen und Kinder im Krisenfall in Heimen unterzubringen. Die DDR-Bürgerinnen Bärbel Bohley, Irena Kukutz, Katja Havemann, Karin Teichert, Bettina Rathenow, Almut Ilsen und Ulrike Poppe reagierten mit einer Eingabe an Erich Honecker, die zahlreiche Mitstreiterinnen unterschrieben. Sie lehnten nicht nur persönlich den Dienst an der Waffe ab, sondern verstanden sich auch als Pazifistinnen und damit als Gegnerinnen der militarisierten Gesellschaft.

Kraftvolle Resonanzen an historischem Ort

30 Jahre nach der Gründung der Gruppe erzählt nun ein Team um Schauspielerin Alexandra Finder ihre Geschichte als Zweikampf: mit den Frauen auf der einen und der Staatssicherheit auf der anderen Seite. Und zwar in einem Gebäude der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Als "site-specific Performance" ist der Abend angekündigt, was aber nicht bedeutet, dass Museumsräume oder die tatsächlichen Verhörzellen von damals bespielt würden.

Tatsächlich könnte der Saal im ersten Stock von Haus 22 des Komplexes auch als gewöhnlicher Theaterraum für Freie-Szene-Bedürfnisse durchgehen. Das Publikum sitzt in Bögen gruppiert, die Schauspielerinnen bespielen den Korridor in der Mitte und tanzen hin und wieder auf einer kleiner Bühne. Site-specific – oder etwas linkisch übersetzt: ortsspezifisch ist diese Performance vor allem dadurch, dass jede Geste und jeder Satz der Darstellerinnen an Kraft und Ausdruck dadurch gewinnt, dass sie genau hier spielen, hier sprechen.

Platz in der Geschichte

Agnes Mann verkörpert eine der Frauen. Stasi-Beamte lauern ihr auf, als sie mit ihren fiebrigen Kindern gerade ein Krankenhaus verlässt, man durchsucht ihre Wohnung, nimmt sie fest und bringt sie zur Stasi. "Also, hierher", sagt Mann, und die Jalousien öffnen sich, geben den Blick frei auf das gegenüberliegende Gebäude, auf 15 Stockwerke grauen Plattenbau, eine Festung zur Abwehr innerer Feinde. Die Protagonistinnen des Abends dürften es als Genugtuung verstehen, dass ihr Kampf ausgerechnet an diesem Ort die Würdigung erfährt, den er verdient.

Seid doch laut 4 KarenStuke uVerdrängte Geschichte am Ort ihres Geschehens ausgraben © Karen Stuke

Aber "Seid doch laut!" will nicht nur die Geschichte dieser mutigen Frauen erzählen, sondern ihnen auch einen Platz in der Geschichtsschreibung zuweisen. In der ersten Szene sitzen sich die Performerinnen im Kreis gegenüber, referieren die Funktionen, die Frauen für den Frieden an den Runden Tischen der Wendezeit einnahmen und nennen ihre damaligen Forderungen für eine zeitgemäße Gesellschaftspolitik. Darunter: "Abbau rollenspezifischer Erziehung", "Quotierung auf allen Gebieten in Politik und Wirtschaft" oder "Schaffung von Bedingungen, die die Vereinbarkeit von Mutterschaft als auch Vaterschaft und Berufstätigkeit möglich machen".

Feministische Kämpfe

Die Botschaft ist eindeutig: Die Frauen für den Frieden haben die deutsche Revolution mitgestaltet und zudem schon damals für die Ziele gekämpft, die sich auch junge Feministinnen von heute auf die Fahnen schreiben. Gegen Ende fügen Video-Projektionen anderer Frauenproteste – der Iran darf hier nicht fehlen – die ostdeutsche Gruppe in den Kontext eines weltweiten Kampfs um Rechte und Freiheit.

Es gehört zu den Stärken dieser Arbeit, dass sie die Figuren dabei nicht in Entschlossenheit erstarren lässt, sondern ihnen auch Furcht und Zweifel zugesteht. Vor allem die Musik sorgt immer wieder für emotionale Akzente. Das Ensemble singt Stücke unbequemer ostdeutscher Künstlerinnen wie Nina Hagen oder Bettina Wegner. In deren Kinderliedklassiker "Sind so kleine Hände" heißt es: "Sind so kleine Münder / sprechen alles aus. / Darf man nie verbieten / kommt sonst nichts mehr raus". Damit ist, wenn schon nicht alles, so doch bereits viel Wichtiges gesagt.

 

Seid doch laut!
nach dem gleichnamigen Buch von Almut Ilsen und Ruth Leiserowitz (Hrsg.)
Künstlerische Leitung, Konzept, Dramaturgie, Projektleitung: Alexandra Finder; Co-Künstlerische Leitung, Konzept, Text-Dramaturgie: Nancy Biniadaki; Regieassistenz: Sophia Sachs; Technische Leitung/Lichtdesign: Maria Huber; Technische Assistenz: Marvin Zurmühl; Video und Projektion: Elisa Purfürst; Bühne und Kostüm: Lorena Díaz Stephens; Musikalische Leitung und Komposition: Lizzy Scharnofske; Produktionsleitung: Jasna Witkoski.
Mit: Alexandra Finder, Julia Glasewald, Claudia Graue, Agnes Mann, Ulrike Panse.
Premiere am 3. Dezember 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.seiddochlaut.de

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