Düster leuchten die Utopien

8. Dezember 2022. She She Pop öffnen noch einmal die "Schubladen", in denen sie 2012 den Ost-West-Dialog suchten. Heute fragen sie: Was lässt sich von dem, was uns einst an- oder aufregte, für eine eher finster grundierte Zukunft retten?

Von Georg Kasch

8. Dezember 2022. Einmal in ein Foto steigen? Auf der Bühne geht auch das: Riesig strahlen die Motive auf einer Gaze, zeigen eine bröckelnde Ostberliner Mietskaserne der Wendezeit, die verlassenen Gebäude von Tschernobyl, aufgeworfene Erde vor sowjetischer Platte. In diese "Mauern" steigen die Performer:innen hinein, schlüpfen hinter die Gaze, wo sich aus Tüchern und Rampen eine dunkle Landschaft formt, leuchten dort auf oder lassen sich dank einer Kamera ins Bild montieren. So entstehen Schichten, in denen sich die Menschlein auf der Bühne verirren wie auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Befinden sie sich in der Vergangenheit? Gegenwart? Zukunft?

Nach zehn Jahren haben She She Pop am Berliner HAU noch einmal die "Schubladen" geöffnet, in denen sie autobiografisch den Ost-West-Dialog suchten. Unter den Büchern von einst, die sie aufteilen in das, was weg kann und das, was bleiben soll, finden sie auch alte Utopien. Welche gehen uns heute noch etwas an, mitten in einem Krieg und einer immer sichtbarer werdenden Klimakatastrophe, nach all den identitätspolitischen Debatten und einem gewachsenen Bewusstsein dafür, dass unsere weiße mitteleuropäische Wohlstandsperspektive vielleicht selbst mehr Problem als Lösung ist?

Für die Zukunft retten

Dass die Zeiten andere sind, wissen natürlich auch She She Pop, die seit nunmehr knapp 30 Jahren eigene Biografieschnipsel und aktuelle Diskurse miteinander verweben, ohne Angst vor den großen Fragen. Entsprechend holen sie – bei der Premiere sind das Johanna Freiburg, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf – sich einerseits (wie schon 2012) Annett Gröschner und Peggy Mädler als Ost- (also: Ex-DDR-)Expertinnen dazu, andererseits Natasha Borenko und Jahye Khoo als Stimmen aus dem europäischen und dem fernen Osten.

MAUERN DorotheaTuch 8408Im Austausch mit Vergangenheit und Zukunft: She She Pops "Mauern" © Foto: Dorothea Tuch / Projizierte Fotografie: © Wenke Seemann (Detlef Seemann)

Da ändert sich dann auch das heitere Ost-West-Geplänkel, das in seiner Pointenlust da weitermacht, wo "Schubladen" 2012 aufhörten. Während "Schubladen" danach forschte, wie wir über das uns Trennende produktiv ins Gespräch kommen können, heißt die Frage nun: Was lässt sich von dem, was uns einst an- und aufregte, für eine wie auch immer geartete Zukunft retten?

Utopiefreudig angesichts schlimmer Aussichten

Einmal erzählt Borenko von früher in der UdSSR, vom gemeinsamen Leben, Essen, Feiern, als Grund und Boden allen gehörte und alle im Frühjahr Kartoffeln steckten, schon aus Angst vor Hunger und Krieg. Gleich torpedieren die anderen die Erzählung: Was ist, wenn jemand keine Kartoffeln pflanzen möchte? Wenn jemand ein Stück Land besitzen will? Dazu stapfen sie durch die Foto-Landschaft und sehen sehr utopiefreudig aus in ihren seiden blühenden Gewändern und den lustigen Strickkreationen an Köpfen und Füßen.

Schon davor schien auf, warum es heute geradezu mutig ist, sich Utopien zu widmen, wenn die zwei realistischen Zukunftsoptionen sind: schlimm. Und: katastrophal. Nur sind diese Utopien – und die sie umgebenden, zugleich titelgebenden "Wände", siehe oben – nur ein Teil eines etwas konfusen Abends, der sich in seinem Versuch verzettelt, möglichst viel unterzubringen, Kritik an westlichen Zuschreibungen zum Beispiel, Genderdiskurse, die Frage, wer spricht und wer schweigt.

Spiel im Schichten-Bild

Gegen Ende etwa lässt sich Jahye Khoo in einer Art Totenritual feiern, mit in Khoos Bild hineinmontiertem menschlichem Schnurbart (da legt sich eine Performerin quer) und Muskelarmen. Ein anderes Mal versuchen die Performerinnen – angelehnt an eine einst zukunftsträchtige Konservierungsmethode der DDR – die Zurücknahme, das Schrumpfen angesichts westlicher Dominanz, aber auch aggressiven Raubbaus an so ziemlich allem (da kugeln sich alle zusammen und machen die Himbeere).

MAUERN DorotheaTuch 2399 2Spiel mit den visuellen Ebenen © Foto: Dorothea Tuch / Projizierte Fotografie: © Andreas Rost, Courtesy Collection Regard, Berlin

Konfus wirken auch die – von She She Pop oft genutzten, hier ständig neu definierten – Spielanordnungen und -verabredungen, das wilde Mäandern durch die Themen, die natürlich alle irgendwie zusammengehören und sich auch halbwegs sinnvoll in die Ost-West-Schubladen einsortieren lassen. Und klar, man kann diesen Abend auch als Sinnbild dafür nehmen, wie unübersichtlich alles geworden ist.

Man kann aber auch einfach feststellen, dass "Mauern" ein wenig müde geraten ist, ein wenig ziellos, ein wenig traurig auch. Am Ende macht eine nach der anderen das Licht aus. Schade eigentlich. Zwischendrin hatten die alten Utopien durchaus vielversprechend geleuchtet.

 

Mauern
von She She Pop
Dramaturgie: She She Pop, Annett Gröschner, Peggy Mädler, Künstlerische Mitarbeit: Rodrigo Zorzanelli Cavalcanti, Video: Benjamin Krieg, Video Mitarbeit: Rocío Rodriguez, Bühne: Sandra Fox, Kostüm: Lea Søvsø, Kostüm Mitarbeit: Lilli Hillerich, Musik: Max Knoth mit Maria Schneider, Ton: Xavier Perrone, Technische Leitung und Licht: Sven Nichterlein.
Von und mit: Sebastian Bark, Natasha Borenko, Johanna Freiburg, Annett Gröschner, Jahye Khoo, Alexandra Lachmann, Katharina Lorenz, Lisa Lucassen, Peggy Mädler, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Wenke Seemann, Berit Stumpf.
Premiere am 7. Dezember 2022

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

"Das Schöne an She She Pops erzählerischem Experimentiertheater aber ist ja, dass ideologische Zuspitzungen immer nur als eine Initiation für deren Auflösung dienen", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (9.12.2022). "Und an diesem Abend schaffen sie diese Auflösung mit nur wenigen und wunderbar spielerischen Kunstgriffen. Immer, wenn der Dialog in eine Sackgasse gerät, geben sie sich neue Sprechregeln: erst atmen, dann sprechen, zum Beispiel. Oder: diejenige leicht berühren, die spricht. Neues Spiel, neuer Zusammenhalt – zumindest als Versuch."

Mit Sympathie für diesen Abend schreibt Eva Behrendt in der taz (12.12.2022). "Wie überhaupt weitermachen, wenn man keinesfalls so weitermachen kann? 'Mauern' zeigt, dass She She Pop auf diese Frage noch keine zufriedenstellende Antwort haben, sich aber bei der Suche danach tief ins Kartenchaos gucken lassen. Und immerhin setzt sich für wenige Augenblicke ein wirres, aber nicht unsympathisches Wimmelbild zusammen, eine wacklige Zukunftsassemblage. Ein Hoffnungsschimmer sozusagen."

"Es ist ein ziemlich melancholischer Abend geworden, der mehr Verluste als Verheißungen entdeckt – und so ein stimmiges Gegenwartsbild zeichnet", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (11.12.2022).

Die "Versuchsanordnung“ von She She Pop ist für Andreas Montag von der Mitteldeutschen Zeitung (10.12.2022) "pointiert". An dem Abend könne es "herrlich direkt und giftig zugehen: Müssen die Ostdeutschen, entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil am großen Ganzen, nicht mit weniger Aufmerksamkeit zufrieden sein? (...) Wie nebenbei wird auch die Frage beantwortet, ob Frauen die Dinge besser – oder eben anders auszufechten vermögen als Männer, von denen hier gar keine Rede ist. Und man vermisst sie auch nicht."

In der Welt (14.12.2022) findet Jakob Hayner, dass der Abend im Gegensatz zu "Schubladen" inhaltlich und künstlerisch stark abfalle. "Den pseudokritischen Mainstream nicht verlassend, sehnsüchtelt man lieber wirklichkeitserschöpft vor sich hin, auch hier ein getreues Abbild der verschreckten Intelligenzija. Und das soll alles sein?" Sein Fazit: "Leider ja."

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#1 Mauern, Berlin: Ausgestellte RatlosigkeitKonrad Kögler 2022-12-11 22:01
Von Beginn an gibt Peggy Mädler, die auch eine der Dramaturginnen des Abends war, den Ton vor. Immer wieder lamentiert sie, dass sie als Ostdeutsche an den Rand gedrängt werde und als einzige Ost-Frau aus der „Schubladen“-Produktion einer West-Übermacht gegenüberstehe. Wortreich beklagt sie den Ausverkauf des Ostens durch die Treuhand. Empört verlässt sie die Bühne und zieht sich hinter die Gaze-Wand zurück, auf die immer wieder Fotos bröckelnder Fassaden aus der Zeit des Mauerfalls oder die verstrahlten Landschaften um Tschernobyl projiziert werden.

„So kommen wir nicht weiter“, werfen die anderen drei ein. Den historischen Fakten des Ausverkaufs haben sie nichts entgegenzusetzen, aber die Geschichte lässt sich auch nicht einfach zurückdrehen. Eine tiefe Ratlosigkeit liegt über dem Abend. Eine Ratlosigkeit, die gut zur Zeitstimmung einer von Corona, Krieg und Energiekrise gebeutelten Gesellschaft passt.

Das Problem der „Mauern“-Produktion ist jedoch, dass sie nicht darüber hinauskommt, diese Ratlosigkeit immer wieder zu betonen und auszustellen. Stattdessen verzettelt sie sich: sehr aufwändig werden die schon erwähnten historischen Bilder projiziert, zwischen denen die Spieler*innen herumspazieren und in Folklore-Gewändern später auch tanzen. Die Aufnahmen werden aber nicht für einen spannenden Diskurs genutzt, der Erkenntnisgewinn bleibt gering. Noch magerer ist das Ergebnis der Videoschalten zu zwei Außenposten des She She Pop-Kollektivs: wie Fremdkörper in einer nicht zu Ende gedachten Inszenierung wirken Natasha Borenko (zugeschaltet aus Sibirien) und Jahye Khoo aus Südkorea, die sich in einem merkwürdigen Bestattungsritual mit aufprojiziertem Schnurrbart beisetzen lassen will. Spätestens bei diesem Schlusspunkt wirkt der 90 Minuten kurze Abend nur noch bizarr.

„Mauern“ ist eines der enttäuschendsten Stücke von She She Pop und nur eine Fußnote zu „Schubladen“, einer ihrer interessantesten Arbeiten.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2022/12/11/mauern-she-she-pop-theater-kritik/

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