Das Großvatertum auf dem silbernen Tablett

9. Dezember 2022. Zwei Tage nach seinem 80. Geburtstag wird Peter Handke mit einer Uraufführung beehrt: Sein "Zwiegespräch", eine Selbstbefragung des alten Dichters, kommt am Wiener Akademietheater heraus. Aber diese Erstinszenierung von Rieke Süßkow nimmt sich alles andere als ehrfürchtig aus.

Von Andrea Heinz

9. Dezember 2022. Kein schlechter Schnitt für einen nun 80-Jährigen: 3 Bücher hat Peter Handke heuer bei Suhrkamp bzw. Jung und Jung veröffentlicht, "Innere Dialoge", Tagebuchaufzeichnungen und schließlich das "Zwiegespräch". Wobei – wer Handkes Schaffen, zumal das späte, kennt, weiß, dass so ein "Zwiegespräch" in Wahrheit natürlich eher ein Selbstgespräch mit verteilten Rollen ist. Eine Selbstbefragung, -bespiegelung, ein Spiel mit der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Schaffen, dem Theater. Wobei das Theater auch nicht mehr das ist, was es mal war, wenn man Handke glauben darf: "Und so, kommt mir manchmal vor, hat auch das Theater seinen Moment verloren, vorderhand, oder für immer?"

Begegnung mit dem älteren Herren

Das "Zwiegespräch" ist freilich sogleich ans Theater weg engagiert worden, weshalb sich quasi Handke mit Handke befragen lässt: "Filme wie Theater: schneller aus dem Sinn als eine Schneeflocke auf einem frischgebackenen heißen Brotwekken – was sage ich: So eine Schneeflocke, die vergeht eben nicht, kommt nie und nimmer aus dem Sinn." Gilt das auch für Rieke Süßkows Uraufführung des Zwiegesprächs am Wiener Akademietheater? Die Setzung ist klug: Süßkow hat sich einen Namen gemacht mit unkonventionellen, durchaus auch feministischen Zugängen – was einem Text, den ein älterer Herr zwei anderen älteren beziehungsweise toten Herren gewidmet hat (Otto Sander und Bruno Ganz) und in dem Frauen nur als "Schöne, die das Haar zurückwarf" vorkommen, nur gut tun kann.

Süßkow macht aus dem intimen Zwie- beziehungsweise Selbstgespräch eine polyphone Komposition, die nicht zuletzt auf die musikalische Qualität des Textes abstellt. Sie verteilt ihn auf fünf Sprechrollen, neben Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski und Martin Schwab auch Elisa Plüss und Maresi Riegner. Daneben gibt es noch eine Handvoll weitere Personen, sowie ein Kind (alternierend Adam Hadj Mabrouk, Thomas Kern und Levi Powell), das immer wieder suchend, neugierig mit einer Taschenlampe, einem Suchscheinwerfer über die Bühne zieht. Handke nähert sich in seinem Text erinnernd und erzählend der Figur seines Großvaters, dem "Großvatertum" im Allgemeinen, und im Besonderen der "Variante des Großvatertums hierzulande".

Zwiegespraech c Susanne Hassler Smith HP 137Bacchantisches Fest: Hannah Pichler, Julia Wachsmann, Maresi Riegner, Elisa Plüss und Sara Abci umringen Martin Schwab © Susanne Hassler-Smith

Süßkow findet ihren eigenen, so gar nicht ehrfürchtigen, aber eben auch deshalb anschlussfähigen Zugang: Bei ihr wird der Text kurzerhand zum ziellosen, vielstimmigen Geplapper von Senioren im geriatrischen Wartesaal. Makellos die Eingangsszene, die dieses Marthalerhafte, der Zeit entrückte Pflegeheim aufbaut: Da schiebt sich zuerst ein schier endlos erscheinender Paravent über die Bühne (Mirjam Stängl). Wie ein Lebewesen, ein eigener Spieler steht dieser Paravent auf der Bühne, faltet sich manchmal oder zieht sich auseinander, schiebt die Schauspieler*innen zusammen, treibt sie in eine Ecke. Als er sich fertig ausgebreitet hat, zieht zu perlender Klaviermusik streng choreografiert das Pflegepersonal ein und verteilt traurige Topfpflanzen.

Auf der in sepiafarbenes Licht getauchten Bühne schieben sie den Senior*innen (neben Knebel, Samarovski und Schwab ein weiterer Mann und eine Frau) wie Flugbegleiter*innen Tischchen hin, auf denen sich Utensilien zur Morgentoilette finden. Beim Anziehen wird dann schon deutlich, wie das Verhältnis der Generationen sich gestaltet: Schwab wirft sich den Seidenschal um den Hals (die knalligen Bonbonfarben der stimmigen Kostüme von Marlen Duken sieht man nur bei den kurzen Lichtwechseln), reckt das Kinn in die Höhe – aber es ist die Pflegerin, die den Schal noch einmal zurecht zupft. Die Selbstinszenierung der Alten, sie braucht die Jungen.

Todesspiele

Stimmig fügen sich in der ersten Hälfte Text und Inszenierung zusammen, das Altern ist bestimmendes Thema, so tragisch wie komisch: Beiläufig trägt eine Pflegerin ein Tablett mit Urnen über die Bühne, wie als Reminiszenz an Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten." Dann wird es aber schnell todernst, die Pflegerinnen singen "La Paloma“ (das auch im Text vorkommt), die Senior*innen müssen "Reise nach Jerusalem" spielen – wer verliert, ist allerdings dem Tod geweiht, muss all seine Habseligkeiten abgeben und wird rabiat durch eine Tür im Paravent hinaus bugsiert. In seiner bedrohlich bestimmten Art erinnert das Pflegepersonal bisweilen an die "Mordschwestern" aus dem Krankenhaus Lainz in Wien, die in den 80ern zahlreiche Patient*innen umbrachten.

Verkehrtes Machtgefälle

Diese parallel zur Textebene wortlos erzählten Geschichten machen den Abend zumindest in der ersten Hälfte unterhaltsam, fügen dem Text Assoziations- und Bedeutungsebenen hinzu, die durchaus verfangen: Fragen nach dem (Macht-)Verhältnis zwischen den Generationen etwa, aber auch zwischen den Geschlechtern. Immer wieder nehmen Elisa Plüss und Maresi Rieger als Pflegerinnen im Schlächterschurz den Männern das Wort aus dem Mund, doch ist das wohl nur so einfach möglich, weil sich die Machtpositionen eindeutig vertauscht haben: Die Männer sind alt, abhängig von den Frauen, die sie versorgen.

Zwiegespraech c Susanne Hassler Smith HP 069Altenpflegerinnen im Schlächterkittel: Elisa Plüss und Maresi Riegner © Susanne Hassler-Smith

Doch spätestens ab der Hälfte verpuffen mögliche Assoziationen, wird zunehmend offenbar, dass der Text sie nicht hergibt, zu sehr der Autorenpersona Handke verhaftet ist, als dass man ihn von ihr ablösen könnte. Sehenswert macht den Abend die Atmosphäre, die aus dem stimmigen Zusammenspiel von Bühnenbild, Kostümen, Musik (Max Windisch-Spoerk) und gut getimter Choreographie (Daniela Mühlbauer) entsteht. Über die Länge von fast zwei Stunden trägt das zwar nicht. Aber Süßkow ist es mit dieser Uraufführung immerhin gelungen, eine Vorstellung davon zu geben, wie man Handke auch inszenieren kann: Weniger sakral und demütig, weiblicher, jünger.

Zwiegespräch
von Peter Handke
Regie: Rieke Süßkow, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüme: Marlen Duken, Musik: Max Windisch-Spoerk, Licht: Marcus Loran, Choreographie: Daniela Mühlbauer, Dramaturgie: Sandra Küpper.
Mit: Hans Dieter Knebel, Elisa Plüss, Maresi Riegner, Branko Samarovski, Martin Schwab. Sowie Sara Abci, Nikolas Altmann, Katharina Franzel, Kolja Gerstmann, Hannah Lou Harrison, Katharina Hochreiter, Karla Howorka, Marko Jovanovic, Willfried Kovárnik, Edmund Lobinger, Hannah Pichler, Maximilian Schwertführer, Sara Siedlecka, Felix Von Gässler, Julia Carina Wachsmann, Brigitte Weinberger und Adam Hadj Mabrouk, Thomas Kern, Levi Powell.
Uraufführung am 8. Dezember 2022
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

Mehr zum Thema: Bei seinem Erscheinen im März 2022 hat Gabi Hift das Buch "Zwiegespräch" von Peter Handke für nachtkritik.de besprochen. Hier geht es zu ihrer Rezension.


Kritikenrundschau

Von allem, was Peter Handkes neuen Text auszeichne, sei bei der Uraufführung am Wiener Akademietheater "nichts zu sehen", schäumt Simon Strauß von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.12.2022). "Stattdessen: Dumpf vorgeführtes Alter. Abfällig parodierte Jugend. Der hoffentlich bald aus seinem Amt scheidende Burgtheater-Intendant Martin Kušej hat das Stück aus leicht durchschaubaren PR- Gründen einer 1990 geborenen Jungregisseurin gegeben, die die in sie projizierten Erwartungen pflichtschuldig erfüllt: nämlich so gar nicht ehrfürchtig zu sein. Sondern: desinteressiert am Text, desinteressiert an seiner Stimmung. Nicht einmal Gegnerschaft oder Aufbegehren, sondern einfach läppisches, lustloses Wegperformen."

"Ein In-sich-Gehen, Erinnern und Reflektieren, eine Selbstverortung des Dichters, der in dieser Woche seinen 80. Geburtstag feierte, eine Befragung all dessen, was sein Erzählen ausmacht", habe Handke vorgelegt, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (10.12.2022). Rieke Süßkow erweise sich mit ihrer Uraufführung "als eine ausgesprochen form- und bildstarke Regisseurin, die den Text selbstbewusst rahmt und darin buchstäblich zur Schau stellt". Jedoch: "Die Boshaftigkeit des Abends verläppert sich aber, Handkes Poetisierung der Welt verlangt dann doch nach ihrem Recht, und so siegt die Jugend nur halb."

Rieke Süsskow versuche, "dem Text Spielbares abzugewinnen", berichtet Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (10.12.2022). "Das ging nicht ab ohne Verrenkungen, ohne Eingriffe in die Struktur einer Prosa, die sich eigentlich gegen das Theater stemmt: Was Peter Handke an Erinnerungen, Kopfgeburten, Querverweisen, Innerlichkeiten da angesammelt hat, mag nett für einen Nachmittag im Garten des Dichters sein, der ein bisschen sein Leben, seine Fehler und seine unerfüllten Wünsche an sich vorbeiziehen lässt – ein Lebensabend-Geplauder abseits aller Widrigkeiten; wirklich 'dramatisch' ist das alles nicht."

Margarete Affenzeller vom Standard (10.12.2022) lobt: "Rieke Süßkow hat bei ihrem Burgtheaterdebüt ganze Arbeit geleistet und für diese schmale Gedankenflatterei ein ganzes Stück erdacht. Das war auch notwendig. Bekanntlich ringt in Handkes Texten auf weiter Flur oft und vor allem die Sprache bzw. der Sprechende mit sich selbst. Handlungsdynamiken? Fehlanzeige." Süßkow habe "das Beste aus dem Text herausgeholt und Handkes luftiges Gesprächstheater vor allem in neue Inszenierungsfahrwasser gebracht. Weg von ehrerbietenden Partiturfeiern, hin zu einer konkreten Raumlandschaft, in der die Sätze neuen Widerhall finden."

Rieke Süßkow habe mit ihrer Inszenierung "wirklich alles auf den Kopf gestellt", aber es funktioniere, berichtet Bettina Steiner in der Presse (10.12.2022). Süßkow "hat Handkes zartes, mäanderndes 'Zwiegespräch' über den Abschied und das Theater, das Sein und den Schein und den Großvater einfach gepackt und erzählt mit seiner Hilfe ihre eigene Geschichte. Und die ist nicht zart, die ist brutal, sie zeigt den Verfall und endet mit dem Tod, den Handke trotz allem ausspart, der in 'Zwiegespräch' so fern ist, dass er eben nur den Großvater ereilt. "Alter, du hast da was vergessen', scheint sie ihm zuzurufen. Und irgendwie stimmt es. Irgendwie stimmt auch die Inszenierung. Man fragt sich wie."

"Süßkow hat hier nicht nur eine kluge und formsichere Inszenierung geschaffen, sondern auch eine, die selbst sehr genau in den Text hineinlauscht", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (11.12.2022). "An vordergründigen Statements ist die Regisseurin dabei nicht interessiert. Vielmehr schafft sie Komplexität, indem sie clever mit den beidseitigen Zuschreibungen spielt; die aktuelle Theater-Konstellation – Nachwuchsregisseurin inszeniert 80-jährigen Literaturnobelpreisträger – schwingt implizit mit."

"Zwiegespräch" ist für Jakob Hayner von der Welt (10.12.2022) "ein tastender, erratischer und in sich gekehrter Text", der bei der Wiener Uraufführung im "Theaterbudenzauber" verschwinde. Besonders den Einstieg in den Abend findet der Kritiker "wundervoll choreografiert", die "Christoph-Marthaler-Gedächtnismomente reihen sich wie auf einer Perlenschnur auf. Selten wird in Kritiken ein Wort über die Beleuchtung verloren, an diesem Abend wäre das schlicht ignorant." Doch "Handkes Sprache hat es immer schwerer, sich gegen das Konzept der Inszenierung zu behaupten. Das ist noch immer hübsch anzuschauen. Doch reißt der Faden des Gesprächs zwischen den Generationen ab?"

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