Lustvoller Kampf

18. Dezember 2022. Wie so viele weibliche Theaterfiguren diente die "Jungfrau von Orleans" lang und oft als Projektionsfläche. Leonie Böhm hat nun aus Schillers Erzählung eine Schlacht der Selbstbehauptung herauskristallisiert, die auch aufgrund ihrer grandiosen Schauspielerinnen gelingt.

Von Stefan Forth

18. Dezember 2022. Ein riesengroßer kahler, grauer Baum hat sich im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg breit gemacht. Überreste einer Trauerweide vielleicht, mit Verästelungen, die an überdimensionierte Krakenarme erinnern. Ein albtraumhafter Ort müsste das sein, wenn er nicht von vier fantastischen Gauklerinnern bevölkert wäre. Sie stellen sich vor als erstaunlich lebenslustige Wiedergängerinnen der "Jungfrau von Orleans", frei nach Friedrich Schiller.

Heilige oder Hexe, Freiheitskämpferin oder Fanatikerin, Heilsbringerin oder Hysterikerin – die historische Figur der Jeanne d'Arc hat eine jahrhundertelange Karriere als Projektionsfläche für alle möglichen Ideen und Ideale hinter sich. Diesen ganzen Ballast räumt Regisseurin Leonie Böhm mit lässiger Entschiedenheit beiseite und entdeckt einen Menschen hinter der Ikone. Ihre "Johanna" lebt nicht im Hundertjährigen Krieg und kämpft für Frankreich gegen England. Hier geht es um eine viel unbestimmtere Bedrohungslage. Wer genau die Feinde von Freiheit und Frieden sind, bleibt bis zum Schluss offen.

Eine Erkundung

Stattdessen lotet der Abend die inneren Zerrissenheiten, Sehnsüchte, Leidenschaften, Selbstzweifel und Ängste seiner Titelfigur aus. Eine Seelen- und Herzenserkundung voller Poesie, Musikalität und Spielfreude. Maja Beckmann, Wiebke Mollenhauer (beide vom co-produzierenden Zürcher Schauspielhaus) und Josefine Israel haben sichtlich Spaß daran, in diese Schlacht der Selbstbehauptung zu ziehen. Den musikalischen "Streitwagen" zieht Fritzi Ernst, die mal Teil des Hamburger Indie-Pop-Duos Schnipo Schranke war. Sie alle sind Johanna – und wollen uns und sich selbst beschützen.

Nur: Wie geht das? Der Verweis auf Gott wird schnell beiseite gewischt. Das Quartett versucht's mit der nötigen Aura aus Klarheit, Unschuld und Leuchten. "Ich hab' zwar schon einen Sohn, aber ich bin trotzdem Jungfrau. Das geht", gibt Schauspielerin Maja Beckmann zu Protokoll. Und trotzdem braucht es mehrere slapstickhafte Anläufe, bis ein halbwegs charismatischer Auftritt in greifbare Nähe zu rücken scheint. Allerdings bleibt genau in diesem Moment das Hamburger Ensemblemitglied Josefine Israel virtuos unbeholfen in einem Astloch stecken. "Du hast die Aura gequetscht," brüllt ihr Maja Beckmann daraufhin verzweifelt entgegen.

Johanna 12 SinjeHasheiderDie vierfache Johanna: Wiebke Mollenhauer, Maja Beckmann, Fritzi Ernst und Josefine Israel © Sinje Hasheider

Wo Schiller Pathos triefen lässt, hinterfragt dieser Abend mit gekonnter Komik. Nah kommen sich Textvorlage und Inszenierung besonders in den leisen, liedhaften Momenten: Mal lässt Fritzi Ernst auf ihrem Keyboard Brahms' Wiegenlied anklingen, dann wieder "Can't help falling in love" nach Elvis Presley. Direkt zu Anfang setzt ein Song des israelischen Folk-Rockers Asaf Avidan den Ton: "Different Pulses" erzählt von einem verletzlichen Menschen, der sich in der Welt verloren fühlt und Liebe für die einzig mögliche Hoffnung hält. Und es berührt schon sehr, wenn Josefine Israel sich angesichts dieser Diagnose um einen gemeinsamen Pulsschlag zwischen Ensemble und Publikum bemüht.

Solche Szenen könnten in fürchterlichem Kitsch enden, wenn Leonie Böhm nicht für eine ordentliche Portion Brüchigkeit und Selbstironie gesorgt hätte. Und natürlich muss – wie schon bei Schiller – Herzenswärme auch mal ins Gegenteil umschlagen. Grandios, wie sich Wiebke Mollenhauer in einen verbalen Gewaltexzess hineinsteigert, davon fabuliert, wie sie als Adler ihren Feinden die Augen herausreißen und ihnen die Nase abbeißen würde. Angesichts dieses famosen Furors wäre die historische Jeanne d'Arc auf dem Schlachtfeld wohl vor Neid erblasst. Eine überragende Schauspielerin irgendwo zwischen Wahnsinn und augenzwinkernder Methode. Kein Wunder, dass die drei anderen Ensemblefrauen erstmal schwer gegen dieses Energiepaket ankommen, als sie auf bunten Plastikblockflöten Schuberts "Ave Maria" anhauchen. Gegen solche Wut helfen wohl nur Wunder.

Mit Mut ins Offene

Die hat Regisseurin Leonie Böhm allerdings trotz aller Theaterpoesie nicht im Angebot. Sie stellt viele Fragen, aber umkreist allenfalls mögliche Antworten, begibt sich auf die Suche und beschreibt kein Ziel, hat den Mut, sich ins Offene zu begeben – und sieht so etwas wie Rettung in stürmischen Zeiten möglicherweise in der Kunst, im Spiel. "Was wir vermochten, haben wir getan. Wir haben uns dargestellt", sagt Maja Beckmann irgendwann gegen Ende dieses Abends. Und bei aller Bescheidenheit ist das dann doch eine ganze Menge.

Hier glaubt ein Inszenierungsteam an die Kraft und Poesie des Theaters. Die wunderbar verspielten Kostüme von Magdalena Schön und Helen Schön geben die Richtung vor: Jede Darstellerin hat ihre eigene knallige Farbe, Rot, Blau oder Gold-Grün, die Puffärmel und Gazespitzen lassen leise verpoppt alte Zeiten aufblitzen, während Jogginghose und betont robuste schwarze Schuhe bestens für die urbanen Lebenskämpfe des 21. Jahrhunderts geeignet sind. Ein überzeugendes ästhetisches Crossover für vier Vagantinnen unserer Zeit.

Ein Kreisen um sich selbst

Auch dramaturgisch ist der Abend mit Bedacht gebaut: In der vervierfachten Johanna verschmelzen mühelos unterschiedliche Rollenmuster und Positionen. Diese Frau muss sich deshalb gar nicht erst (wie bei Schiller) in einen englischen Offizier verlieben, um zwischen (vermeintlicher) Pflicht und Neigung, zwischen Funktionieren und Lust, zwischen Wut und Güte hin- und hergerissen zu sein. In dieser Inszenierung macht Johanna sowas mit sich selbst aus.

Der große Befreiungsschlag bleibt dabei allerdings aus. Johanna wird weiter um sich selbst kreisen, auch wenn sie zwischendurch mal eine Pause vom anstrengenden Ich-Sein nimmt. Als innere Zustandsbeschreibung fehlt dem Abend ein Spannungsbogen, der von Szene zu Szene trägt, eine Perspektive, die über Johanna hinausweist. An diese Stelle tritt die suggestive, leicht melancholische Musik. Sie wird zum Kitt eines sehenswerten Theaterabends mit tollen Spielerinnen in Höchstform. Ein lustvoller Kampf gegen ein Leben wie im Albtraum. Verzweiflung mit großem Spaßfaktor.

 

Johanna

nach Friedrich Schillers "Die Jungfrau von Orleans"
Regie: Leonie Böhm, Bühne: Zahava Rodrigo, Kostüme: Lena Schön, Helen Stein, (Live-)Musik: Fritzi Ernst, Licht: Björn Salzer, Dramaturgie: Helena Eckert.
Mit: Josefine Israel, Maja Beckmann, Wiebke Mollenhauer.
Premiere am 17. Dezember 2022
Dauer: ca. 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de
www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Was am Anfang wie ein Workshop für Charisma-Training klingt, entpuppt sich als geschickte und vielschichtige Interpretation eines Klassikers", bemerkt Peter Helling beim NDR (18.12.2022). Vier Seiten der Johanna-Figur zeigten die Spielerinnen: Wiebke Mollenhauer den fanatischen Charakterzug, Maja Beckmann die clowneske, beinahe kindliche Johanna. Eine Zuschauerin fand an Böhms "Johanna"-Interpretation "die innere Bewegung zwischen den verschiedenen Anteilen, die sich mal gestützt und mal gegeneinander gelaufen sind, sehr spannend", eine andere das Feministische. Helling zufolge kommuniziere der Abend "etwas überdeutlich", dass sich Krisen nur gemeinsam meistern ließen. "Leider verhebt sich die Inszenierung gegen Ende dann doch, wenn sie zu einer privat-niedlichen Therapiesitzung wird".

Leonie Böhm, kluge Dekonstrukteurin mit Gespür für Entertainment, befasse sich, als Spezialistin "für ein Theater, das klassische Stoffe als Ausgangspunkt für intensive Problembefragungen nimmt und dabei von den Vorlagen kaum noch etwas übrig lässt", in ihrer "Johanna" mit der Vielgesichtigkeit der Figur und den Problemen, die sich daraus ergäben, so Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (19.12.2022). Für Zuschauer:innen, die Theater vor allem als Geschichtenerzählen schätzten, sei das natürlich nichts. Aber wenn man sich auf dieses Diskurstheater einlasse, "auf dieses Einerseits-Andererseits, diese Achtsamkeitsübungen und dieses ständige Kreisen um sich selbst", dann schlage Böhms "kluge, berührende, lustige und streckenweise auch nervige Inszenierung" Funken.

"Jede Form der echten Konfrontation wird in dieser undramatischen Johannaaufstellung lächerlich gemacht“, bemerkt Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (19.12.2022): "Es gibt zwei sehr unterschiedliche Möglichkeiten diese Konfliktabschaffung bei Schiller zu lesen. Entweder als Preisung des Lahmen und Ehrgeizlosen, geltend gemacht als feministischer Einspruch gegen den zerstörerischen Willen des Männlichen, sich mit anderen Männern und Reichen zu messen. Dann ist Leonie Böhms Lob von Therapie und permanenter Umarmung vielleicht ein konstruktiver Appell, Kommunikation endlich gewaltfrei zu probieren.“ Betrachte man Böhms kategorische Distanzierung von gewalttätigen Auseinandersetzungen aber vor dem Hintergrund aktueller Krisen, dann schaffe diese Inszenierung mehr das Abbild eines naiven Egoismus. "Der Rückzug ins Nette ist dann nichts anderes als die Ignoranz der Privilegierten, die nicht mitmachen wollen, weil sie es gar nicht müssen."

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