Magischer Wald hinterm Lehrerzimmer

18. Dezember 2022. Einmal im "Sommernachtstraum" auf der Bühne stehen und unsterbliche Shakespeare-Zeilen sprechen – der Traum aller Theater-AGs. Antù Romero Nunes hat die Verhältnisse jetzt umgedreht und lässt sein Basler Spitzenensemble eine Gruppe Lehrer:innen spielen, die den Klassiker in einer Schulaula aufführen. Ein Theaterfest!

Von Julia Nehmiz 

18. Dezember 2022. Licht an im kahlen Raum mit dem blauen Spannteppich. Nackte Betonwände, Gestänge hängt an der Rückwand, als wäre es ein Lager einer Turnhalle. Es treten auf: Acht Lehrpersonen, verhuscht, zuvorkommend, übereifrig. In flieder, lila, beige, blau, grau gekleidet, Pullunder, Pullover, Bluse. Der Oberlehrer begrüßt das Publikum in der Schulaula, er sei der Fabio, "wir bleiben heute beim Du". Veronica schwäbelt, sie hat "Äschtle" mitgebracht, die sie im Publikum verteilt, um später den Wald spielen zu können. Cordula informiert auf Schulhochdeutsch mit Schweizer Färbung, nachher, wenn man zum Mitmachen aufgefordert werde, solle man sich reinwerfen mit Körper und Stimme, "das macht Spaß". Geschichtslehrer Dominik hofiert als Regisseur dem Sportlehrer Patrick, der jede Rolle auch noch spielen will. Und wir sind mittendrin in der peinlich-grandiosen Lehreraufführung, die zum Laientheater der Superlative wird.

Fest des Laientheaters

Der "Sommernachtstraum" gehöre zu den meistgespielten Werken Shakespeares, und: er sei ein Klassiker für Laien- und Schultheateraufführungen, heisst es auf Wikipedia. Am Theater Basel feiert Regisseur Antú Romero Nunes ein Fest des Laientheaters, ein Fest der Realitäten und der Fantasie, die die Wirklichkeit verändern kann. Wenn zuletzt in den Feuilletons lamentiert wurde, das Theater habe nach der Pandemie sein Publikum und seine Wirkmächtigkeit verloren – in Basel zeigen sie, was die ureigene Kraft des Theaters ist und was sie kann.

Bei Shakespeare gibt es eigentlich schon genug Handlungsstränge: Athener Hofstaat,  junge Liebende, Elfenwelt, Handwerker. In Basel kommt noch eine Ebene drauf, und sie ist bestechend: Die Schauspieler:innen spielen Laien, die spielen, dass sie Theater spielen. Und die sich, mitgerissen von der Spielwut, plötzlich mitten in einem Sommernachtstraum finden. Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Und was kann die erspielte Wirklichkeit bewirken, wenn sie auf der Bühne Realität wird?

Spielen und Scheitern, aber mit Größe

Antú Romero Nunes braucht nur sieben Schauspieler:innen und einen Musiker, um das lebendig werden zu lassen. Dazu ein paar griechische Säulenattrappen, eine Buchsbaumkugel, drei Bänke im Halbrund (Bühne und Kostüme: Matthias Koch). Gleich zu Beginn die Probenszene der Handwerker. Wir sehen den Laienspielern dabei zu, wie sie die Rollen für das Spiel von Pyramus und Thisbe verteilen. Die Schauspieler:innen karikieren schrullige Lehrer:innen mit Eigenheiten und Macken.

ein sommernachtstraumcingo hoehn 256Licht an und bitte! Ensemble © Ingo Höhn

Das Spiel im Spiel beginnt. Antike Theaterhelme für Theseus und Hippolyta, das Jackett wird umgeknotet zum Rock für Helena, die Ethiklehrerin stülpt sich als Egeus weiße Flusenhaare auf den Kopf. Es gibt wildes Getrommel und überkandidelte Pantomime, hehren Pathos und Standbein-Spielbein, Blätterrauschen und Tiergeräusche (das Publikum soll mitmachen), dazu privaten Ehestreit und Anbandelungen – die Schauspieler (also die echten) spielen, wie Laien am Theaterspielen scheitern, mit einer Größe und mit Witz und Lust, dass das Scheitern schon das große Spielen selbst ist.

Hochzeit? Gestrichen!

Und dann passiert es, im Wald, im Zauberwald natürlich, aus den Laien werden Figuren. Elfen, Liebende, Oberon, Titania, Puk – die Fantasie wird Theaterwirklichkeit. Zarte Vorhänge kommen aus dem Schnürboden herab, das Portal fährt herunter, Nebel, waldgrünes Licht. Die Elfen reden "elfisch" und tragen insektenartige Kostümverschnitte, als wären sie einem Science-Fiction-Film entsprungen. Und immer wieder feine Verweise auf die Laien, die hier ja eigentlich Theater spielen: Mal eine Dialektfärbung, da ein Kostümteil, dort eine Geste. Theater auf dem Theater auf dem Theater. Und ja, ein großer Spaß, überragend gespielt. Auch wenn manches im Slapstickfeuerwerk untergeht: Macht nichts, die Spiellust überstrahlt alles.

Dass die Liebespaare sich finden, dass geheiratet wird? Gestrichen. Es geht um Größeres als Liebesschnulzen. Wenn Lehrer Patrick nach dem wilden Eselsritt mit Titania nicht weiss, was passierte, Traum oder Wirklichkeit, wenn die anderen Lehrer:innen derangiert wie nach einer wilden Party in die Aula kommen und das Spiel von Pyramus und Thisbe aufführen, wenn es zwischen dem armselig-heiligen Theaterlaienton tief und echt und wahrhaftig wird – dann erlebt man, was Fantasie bewirken kann. Die acht roten Lichtfäden, die am Schluss aus dem Bühnenhimmel immer tiefer und tiefer herabhängen, sie pulsieren wie Adern. Das Herz des Theaters, es schlägt.

Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare
Deutsch von Angela Schanelec in Zusammenarbeit mit Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens, in einer Fassung von Antú Romero Nunes und Ensemble
Regie: Antú Romero Nunes; Bühne und Kostüm: Matthias Koch; Musik: Anna Bauer; Ton: Jan Fitschen/Christof Stürchler; Dramaturgie: Timon Jansen/Inga Schonlau.
Mit: Michael Klammer, Aenne Schwarz, Gala Othero Winter, Sven Schelker, Anne Haug, Nairi Hadodo, Fabian Krüger, Luzius Schuler.
Premiere am 17. Dezember 2022
Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Ganz im Sinn und Geist des "grossen Barden" sei der "Sommernachtstraum" angelegt: "Shakespeare wollte unterhalten", schreibt Markus Wüest in der Basler Zeitung (18.12.2022). Nunes’ Inszenierung unterhalte und verzaubere. Ein Reiz liege "in der Texttreue und dem kreativen, totalen Bruch damit", und vor allem aber die Schauspieler:innen hebt Wüest hervor.

Wiedererkennen soll das Publikum den (Schul-)Stoff, und unterhalten werden soll es hier auch, schreibt Jürgen Reuß in der Badischen Zeitung (19.12.2022). Gern sehe man dem tollen Ensemble dabei zu, wie es "hochmotiviert und mit offenbar riesigem Spaß die Laienschar mimt". Für 'echte' Laien müsse es allerdings deprimierend sein, dass selbst amateurhafte Unbeholfenheit besser rüberkomme, wenn sie von Profis hergestellt werde. so Reuß. Gute Laune sei das Ergebnis des an Klamauk reichen Theaterabends. Einige Längen stellten sich ein, doch "bevor die Frage auftaucht, was der Blödsinn soll, kommt der nächste Gag, und man denkt: egal, Hauptsache gut gemacht".

"Eine Ode an die Fantasie und eine Liebeserklärung an das Laientheater" hat Dominique Spirgi von der BZ Basel (18.12.2022) gesehen. Mit der Handwerkerszene, gespielt von den Lehrer:innen stelle Nunes programmatisch die einfachen Leute ins Zentrum seiner Interpretation. "Schrullenhaft unbeholfen" spielten hier die Laien, trotz ihrer Unzulänglichkeiten, weil sie "ihrer Fantasie freien Lauf lassen wollen". Mit Hilfe des Multiinstrumentalisten Luzius Schuler und der sich langsam in den Zauberwald verwandelnden Bühne von Matthias Koch entwickle sich das Spiel des Lehrerkollegiums mehr und mehr zur theatralen Traumwelt, so Spirgi. Zu erleben sei ein wunderbares Ensemble, "das von Spiellust nur so sprüht" – das Publikum danke mit frenetischem Applaus für den "herzerwärmenden Spass".

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Sommernachtstraum, Basel: Ist das nicht immer so?Puck 2022-12-18 09:57
“In Basel kommt noch eine Ebene drauf, und sie ist bestechend: Die Schauspieler:innen spielen Laien, die spielen, dass sie Theater spielen. Und die sich, mitgerissen von der Spielwut, plötzlich mitten in einem Sommernachtstraum finden.”
Kann ja sein, dass das toll war - aber ist das so nicht in jedem Sommernachtstraum der Fall? Mal besser, mal schlechter?
#2 Sommernachtstraum, Basel: Spiel im SpielValeria 2022-12-19 16:06
Der Witz ist, dass die Lehrer:innen gleich auch alle anderen Rollen übernehmen, dass sie also nicht nur die Handwerker-Laienszenen spielen (wie sonst), sondern alle. Es gibt nicht 21 Schauspieler:innen, sondern nur 7.
#3 Sommernachtstraum, Basel: Kein MutFlask 2022-12-19 19:29
Es war in der Premiere im Saal sehr zu spüren, wie Menschen sich über das gefreut haben, was auf der Bühne und im Saal gespielt wurde. Ich hatte eine anderes Gefühl beim Zusehen, dass ich hier nicht teilen will, um die hohe handwerkliche Qualität der Inszenierung in Frage zu stellen, sondern die unterschiedlichen Empfindungen um meine zu ergänzen. Was mich an sogenannten „Laien“-Theater berührt, ist der Mut der Menschen, etwas vor anderen Menschen zu tun, was sie nicht perfekt „können“ (in den Kritiken zur Inszenierung „Unzulänglichkeit“, „Unbeholfenheit“, „armselig-heiliger Theaterlaienton“ benannt). Mut zum Risiko. Und diesen Mut zum Risiko habe ich in der Premiere überhaupt nicht gespürt, für mich (das geht anderen Menschen vielleicht anders). Ich habe hoch-virtuose Schauspieler*innen wahrgenommen, die sich hinter den „Unzulänglichkeiten“ von durch sie verkörperte Laien verstecken. Kein Mut, kein Risiko. Alles abgesichert durch Handwerk, Ironie und lustige Nummer über lustige Nummer. Niemand macht sich im Spielen verletzlich, riskiert als „unzulänglich“, „unbeholfen“ oder mit „armselig-heiligen Theaterlaienton“ sprechend bewertet zu werden. Das funktioniert alles prächtig und virtuos, perfekt gemachtes Unterhaltungshandwerk. Aber wenn Menschen beim Spielen ins Risiko gehen, den Mut haben auf der Bühne etwas zu tun das sie nicht „können“ weil sie „Laien“ sind, da berührt mich etwas bei manchem „Laien“-Theater, von ich in der Premiere nichts gespürt habe. In dem Sinne habe ich Unterhaltungs-Handwerk auf hohem Niveau erlebt, aber ohne den Mut der Spielenden sich selbst im Spielen aufs Spiel zu setzen.

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