Küsse aus der Anderswelt

18. Dezember 2022. Pop-Sternchen als Schauspieler:innen? Das kennt man eher aus dem Musicalbereich. Doch ausgerechnet am Wiener Burgtheater holt Regisseurin Tina Lanik nun den österreichischen Teenie-Star Oskar Haag auf die Bühne – in einem Shakespeare. Und erst einmal gilt tatsächlich: It's a match!

Von Gabi Hift

18. Dezember 2022. Rosametallic Vorhänge öffnen sich. Eine sanfte Stimme singt: "What the world needs now is love, sweet love." Mit dem Rücken zum Publikum steht eine androgyne Gestalt im violetten durchsichtigen Rüschennegligé. Mann, Frau oder Kind?  Sie hebt die Arme in die Luft, räkelt sich zur Musik, ein wenig ungelenk, aber ohne Scheu und als sie sich umdreht, ist man vollends verzaubert. Genau den, denkt man, hätte Shakespeare damals besetzt, den hübschesten unter all den Jungs, die sich für die Mädchenrollen beworben haben, den zartesten, aber auch den coolsten, den mit der schönsten Stimme. Den hätte er die Julia spielen lassen, die Viola, oder die Rosalind. 

Star aus dem Kärnter Jugendzimmer

Dieser Knabe ist Oskar Haag. Er ist 2021 mit gerade mal 15 in den österreichischen Popstarhimmel geschossen, mit einem einzigen Song, "stargazing", den er auf einem Laptop in seinem Kärntner Jugendzimmer produziert hatte. Das Burgtheater war schnell, die Regisseurin Tina Lanik hat ihn – wahrhaft mutig – nicht nur als Sänger engagiert, sondern sie hat ihn auch die gesamte Bühnenmusik konzipieren lassen. Das ist wunderbar aufgegangen, ein Coup der nicht nur ein halb, ach was, ein Viertel so altes Publikum wie üblich ins Burgtheater bringen könnte. Es ist aber auch eine starke Setzung für die gesamte Stimmung der Inszenierung, die dann leider nicht ganz durchgehalten wird.

Nach dem Intro folgt eine formal sehr gelungene Einführung. In Kürzestszenen, die jeweils mit einem Standbild beginnen und mit Schlaglicht aus dem schwarzen Raum herausgeschnitten sind, werden die Grundkonflikte erzählt: Zwei junge Mädchen stecken wie siamesische Zwillinge in einer monströsen rosa Lack-Krinoline (Kostüm: Aino Laberenz). Darunter taucht der Narr Touchstone hervor. Die Väter der beiden Mädchen sind Brüder, der böse Herzog, Vater von Celia, hat den Vater von Rosalind gestürzt. Der lebt jetzt mit Gefolge im Exil im mysteriösen Ardenner Wald.

Ein zweites verfeindetes Geschwisterpaar: Olivia hat ihren jüngeren Bruder Orlando ums Erbe betrogen. Um dem ständigen Streit auszuweichen, will sie ihn endgültig loswerden und hetzt ihn auf, gegen einen ihm weit überlegenen Ringer zu kämpfen. Orlando gewinnt gegen den Ringer. Celia und Rosalind sind im Publikum. Zwischen Rosalind und Orlando schlägt Liebe auf den ersten Blick ein. Er kriegt den Mund nicht auf und die Mädchen müssen gehen.

WIE ES EUCH GEFÄLLTWilliam Shakespeare aus dem Englischen von JÜRGEN GOSCH und ANGELA SCHANELECPremiere am 17.12.2022 im BurgtheaterRegie: TINA LANIKBühne: STEFAN HAGENEIERKostüme: AINO LABERENZMusik: OSKAR HAAGLicht: MICHAEL HOFERDramaturgie: JEROEN VERSTEELEDer alte Herzog / Frederick / Corin: MARTIN REINKEJaques: CHARLOTTE SCHWABLe Beau/ Lord 1/ Silvius: TILMAN TUPPYOrlando: CHRISTOPH LUSEROlivia: ALEXANDRA HENKELAdam: ELISABETH AUGUSTINRosalinde: NINA SIEWERTCelia: SABINE HAUPTTouchstone: ANDREA WENZLPhebe: DUNJA SOWINETZAudrey: LUKAS VOGELSANGAmiens: OSKAR HAAGTanz ums rosane Pferd: Charlotte Schwab, Tilmann Tuppy, Oskar Haag, Christoph Luser, Martin Reinke © Matthias Horn

Der böse Herzog hat genug von der Kinderliebe zwischen seiner Tochter und Rosalind und verbannt sie. Celia will sich nicht von ihr trennen lassen und will mit ihr zusammen in den Ardenner Wald fliehen, den Narr nehmen sie mit. Rosalind verkleidet sich zu ihrer aller Schutz als Mann und nennt sich Ganymed. Nun fliehen zuerst die Cousinen und dann Orlando in den  Ardenner Wald, ins Andersland der Utopien. Man erwartet, dass sich nun alles ändert. Aber stattdessen bleibt alles gleich.

Abgründe zwischen Sex und Gender

Stefan Hageneier ist mit seinem Bühnenbild dem berühmtesten Monolog des Stücks gefolgt: "Die ganze Welt ist Bühne" – daher ist sie überall gleich, sei es am Hof des Herzogs oder hinter den sieben Bergen in der Welt der Schäfer. Es gibt keine Natur, alles ist und bleibt streng künstlich: eine Manege, über der rosa Neonringe schweben, von denen Vorhänge herunterhängen, alles pinkmetallic;  an der Hinterfront ein rosa Neonrahmen. Als sich der Vorhang zum ersten Mal im Ardenner Wald öffnet, steht da ein riesiges rosa Hochglanzeinhorn im Stil Jeff Koons'.

Ebenso wie es keinen Unterschied zwischen Hof und Schäferei gibt, gibt es im Spiel von Nina Siewert fast keinen Unterschied zwischen Rosalind und Ganymed. Sie zieht sich zwar eine Hose an und sagt, sie werde sich jetzt als Mann verkleiden, aber sie behält das hautenge rosa Stretchoberteil an, das ihre Brüste betont, und sie verändert weder ihre Körpersprache noch ihre Stimme. Zwar kann ich mir als Zuschauerin natürlich vorstellen, sie werde jetzt von allen, insbesondere von Orlando, als Mann gesehen. Was aber verloren geht, ist der Spaß, aber auch die Not der Figur Rosalind, die sich von ihrer Rolle als Frau befreit, um mit Orlando in der Lüge einen wahrhaftigeren Kontakt herzustellen – von Mann zu Mann.

Die tiefe Begegnung zwischen den beiden wäre niemals möglich, wenn sie in ihren konventionellen Rollen als Mann und Frau gefangen wären. Aber dafür ist nun eine sexuelle Begegnung scheinbar unmöglich. Wie sich Rosalind/Ganymed in dieses Dilemma hineinmanövriert, davon ist kaum etwas zu ahnen. Nina Siewert bleibt als sympathische, selbstbewusste Trainerin den Abgründen fern, die zwischen Sex und Gender klaffen. Christoph Luser ist am Anfang ein wunderbar selbstmitleidiger Narziss von der sanften Sorte, der Typ, der Frauen dazu bringt, ihn retten zu wollen. Aber zwischen ihm und Ganymed entwickelt sich keine echte Freundschaft und er küsst Ganymed zwar bei einer Liebesübung, aber das bringt ihn kaum in Bedrängnis.

BurgtheaterWIE ES EUCH GEFÄLLTWilliam ShakespearePremiere am 17. Dezember 2022MitElisabeth Augustin, Oskar Haag, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Christoph Luser, Martin Reinke, Charlotte Schwab, Nina Siewert, Dunja Sowinetz, Tilman Tuppy, Lukas Vogelsang, Andrea Wenzl Regie: Tina LanikBühne: Stefan HageneierKostüme: Aino LaberenzMusik: Oskar HaagLicht: Michael HoferDramaturgie: Jeroen VersteeleMartin Reinke, Christoph Luser und Andrea Wenzl im Bühnenbild von Stefan Hageneier © Matthias Horn

Derweilen singt Oskar Haag als Amiens eines seiner selbstkomponierten Lieder: "And the flowers red or blue, they tickle all of us, in a way I just can't describe. You just have to try yourself."

Statt kopfüber in die fantasierte Anderswelt zu stürzen, begegnet sich nun ein potentielles Paar nach dem anderen in der ewig gleichen rosa Kunstwelt. Diese Nummernrevue ist dank vieler wunderbarer Schauspieler:innen oft unterhaltsam, manchmal leiert das Karussell dann aber auch vor sich hin, und langweilt auch immer wieder.

Um einen Kuss betrogen

Ein Highlight ist die Paarung zwischen dem philosophischen Narren Touchstone und der Ziegenhirtin Audrey. Andrea Wenzel spielt Touchstone geschlechtlich völlig uneindeutig – eindeutig ist allerdings das Ziel ihrer Begierde und das heißt Audrey. Die wird gespielt von Lukas Vogelgesang, einem jungen Neuzugang an der Burg. Schon in seiner ersten Rolle, als tumber Ringer mit Blinkerklunker am beachtlichen Bauch, ist er sehr lustig. Dann, als Audrey, verwandelt er seinen nicht gerade weiblich geformten Körper mit unbefangener Spielfreude durch Hüftschlenkern und kleine kokette Kiekser in ein derart süßes Mädchen, dass man sofort versteht, dass Touchstone Audrey einfach haben MUSS, obwohl sie nicht gerade dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Die Szene, in der Touchstone sie zu ihrem Verehrer Amiens (Oskar Haag) zerrt, um herauszufinden, ob zwischen den beiden noch was läuft, worauf der arglose Amiens ein Liebeslied auf Audrey singt, worauf sie sich sofort wieder in ihn verliebt, ihn dann aber umstandslos verabschiedet, weil Touchstone sie immerhin zu einer Frau bei Hof machen wird, gehört zu den schönsten des Abends.  

Das typisch ambivalente Shakespearekomödienende läuft dann wieder in einem strengen formalen Bild ab: Durch die völlig unwahrscheinliche Läuterung der beiden Bösen und durch die Vierfachhochzeit kommt scheinbar alles in Lot und konventionelle Tücher. Aber es ist auch offensichtlich, dass niemand damit glücklich werden wird (außer vielleicht Touchstone mit seiner Audrey).

Nach einem letzten, melancholischen Song von Oskar Haag, kommt Rosalind zu einem Epilog auf die Bühne. Shakespeare lässt darin den Knaben, der damals Rosalind spielte, sagen: "Wäre ich eine Frau, dann würde ich jeden von Ihnen küssen, dessen Gesicht ich mag." Bei Nina Siewert bleibt davon nur: "Ich würde jeden von ihnen küssen." Kein frivoles Gedankenspiel, das sagt: "Liebes Publikum, ihr dürft euch jetzt zum Abschied für einen Augenblick meinen realen Körper vorstellen, der unter diesem Kostüm steckt." Wie es euch gefällt, geht nicht mehr. Jedenfalls nicht am Theater, nur noch bei Popkonzerten. Aber was war das dann gerade? In solch flirrender Verwirrung der Phantasien wird man nach Hause entlassen.* 

* Anm. d. Redaktion: Der letzte Absatz wurde nach Erstveröffentlichung noch einmal überarbeitet.

 

Wie es euch gefällt
von William Shakespeare (Deutsch von Jürgen Gosch und Angela Schanelec, in einer Fassung von Tina Lanik, Jeroen Versteele und dem Ensemble)
Regie: Tina Lanik, Bühne: Stefan Hageneier, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Oskar Haag, Licht: Michael Hofer, Dramaturgie: Jeroen Versteele.
Mit: Nina Siewert, Sabine Haupt, Andrea Wenzl, Lukas Vogelsang, Christoph Luser, Alexandra Henkel, Elisabeth Augustin, Charlotte Schwab, Oskar Haag, Tilman Tuppy, Martin Reinke, Dunja Sowinetz.
Premiere am 17. Dezember 2022
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause 

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Die elegischen Lieder des österreichischen Rising Stars Oskar Haag machen der Melancholie unglücklicher Verliebtheit Platz", so Margarete Affenzeller im Standard (19.12.2022). Tina Laniks Inszenierung "besteht aus 30 Prozent Oskar-Haag-Konzert, 51 Prozent Shakespeare-Übersetzung, zehn Prozent Endlosvorhang – und der Rest ist pink". Dem in Rosarot, Fuchsia und Violett gehaltenen Kostümen könne man die Message "Think pink!" unterstellen. "Zum Beispiel nicht gleich auszurasten, wenn ein Mann ein Kleid trägt. Zumal es sich dabei ja um treuestes elisabethanisches Gebaren handelt." Lanik unterstreiche die Magie der Komödie und feiere nicht nur mit dieser intensiven und reizvollen Vorhangperformance den schönen Schein. Die Inszenierung schäle einige temperamentvolle Charaktere heraus. Fazit: "Laniks Konzept überzeugt.

Tina Lanik setze die komplexe Shakespeare-Komödie kurzweilig in Szene, schreibt Julia Danielczyk in den Salzburger Nachrichten (19.12.2022). Viel Rosarot sei eingerichtet, und "rosarot gefärbt ist der Blick der Liebenden, die erst nach zahlreichen Irrungen und Täuschungen zueinander finden". Es brauche eine Vielzahl an Verkleidungen und Verdoppelungen, bis die Wünsche wahr werden. "Die Schwierigkeit, die komplexen Zusammenhänge stringent zu erzählen, spürt man in Laniks Inszenierung auch im ersten Teil." Aber die kurzweilige, verspielte Inszenierung steigere sich im zweiten Teil, ein derzeitiges Highlight des Burgtheaters". 

"Die kunstvolle Poesie hat die Regisseurin simplifiziert, die Geschlechter-Ebene mutig und genderfluid verkompliziert", schreibt Norbert Mayer von der Presse (19.12.2022). Etwas mechanisch sei der Ablauf. "Die Muster der Darstellung (sagen wir auch: Macken) wiederholen sich bis zur Ermüdung. Zumindest der Beginn packt – rasante Szenenwechsel mit Licht und Schatten, begünstigt vom durchdachten Bühnenbild Stefan Hageneiers." Bereits vor der Pause aber drohe der Tollerei der Saft auszugehen. "Was hat gefehlt? Wärme. Und der Zauber der vieldeutigen Sprache im Original. Die von mehreren Köchen und Köchinnen erneuerte deutsche Fassung von Jürgen Gosch wirkt doch etwas roh und simpel. Man flüchtet in Gags, die schließlich eben ermüden."

"Was Shakespeare zart andeutet, Rollenmehrdeutigkeit und erotische Anziehungskräfte jenseits der Geschlechterpole, vermittelt Lanik mitdem Holzhammer. Was sein könnte, wird überdeutlich zur Schau gestellt", bemängelt Thomas Götz in der Kleinen Zeitung (19.12.2022). In Stefan Hageneiers wunderbar schlichtem Bühnenbild gelängen trotzdem dichte Szenen. "Der Erfolg des Abends verdankt sich den Schauspielerinnen und Akteuren."

Am besten funktionierten die Szenen, in denen schlicht auf Herzschmerz gesetzt werde, schreibt Petra Paterno von der Wiener Zeitung (20.12.2022). "Aber das Burgtheater darf natürlich nicht hollywoodesk werden. Sobald zu viel Gemüt ins Spiel kommt, steigt Regisseurin Lanik auf die Bremse. Bloß keine Kitschorgie veranstalten. Allerdings: Was bleibt dann vom Stück? Mit der Rahmenhandlung, eine Verballhornung des Schäferstücks, einem damals beliebten Genre, kann ein heutiges Publikum kaum mehr etwas anfangen." Lanik weiche auf queere Konstellationen aus, die die Kritikerin nicht überzeugen: "Modernisierte Rollenzuschreibungen, deren künstlerischer Mehrwert jedoch fraglich bleibt." Überhaupt fehle es der Inszenierung an Rhythmus.

"Sucht man schon im Shakespeare-Original nach einer durchgehenden, stringenten Handlung eher vergebens, sollte man jenes Begehr bei dieser Inszenierung besser gleich aufgeben und sich von den zahlreichen heiteren Szenen unterhalten lassen", schreibt Martin Lhotzky von der FAZ (21.12.2022). Ein besonderes Lob vergibt der Kritiker an Musiker Oskar Haag.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Wie es euch gefällt, Wien: Wäre ich eine FrauJeroen Versteele 2022-12-18 11:55
Sehr geehrte Frau Hift,

Vielen Dank für die Kritik und die interessanten Gedanken. Eine zentrale Sache möchte ich gerne richtigstellen. Bei der gestrigen Premiere hat Rosalinde in ihrem Epilog nicht gesagt "Wäre ich eine Frau, würde ich jeden von Ihnen küssen...", sondern "Ich würde jeden und jede von Ihnen küssen", genau um die unnötige Gedankenakrobatik zu vermeiden, die sie kritisieren. Diese Textänderung war tatsächlich eine Last-Minute-Entscheidung, sie ist nicht in die Textfassung aufgenommen, auf die Sie sich vermutlich beziehen.

Auch ist die angegebene Stückdauer falsch, sie liegt bei 2:45 inkl. Pause (nicht 3:10).

Herzliche Grüße,
Jeroen Versteele (Dramaturg)

(Lieber Jeroen Versteele,

vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die Aufführungsdauer korrigiert.
Herzliche Grüße aus der Redaktion!)
#2 Wie es euch gefällt, Wien: Antwort der KritikerinGabi Hift 2022-12-18 20:37
Lieber Jeroen Versteele, 

Ich war sicher, dass Nina Siewert den Epilog so gesprochen hat, wie er im Text stand, aber ich habe mich wohl geirrt. Ich habe das Ende der Kritik geändert. Das “Problem” mit dem Epilog bleibt aber trotzdem, dass die von Shakespeare erteilte Erlaubnis zu erotischen Phantasien ganz und gar nicht zur Spielweise von Nina Siewert passt. Umso besser aber zum Auftreten von Oskar Haag, der ja im durchsichtigen Negligé die Blicke auf seinen Körper herausfordert. Und der ist ja nicht nur “keine Frau”, er ist auch kein Mann, sondern, ganz wie bei Shakespeare damals, ein junger, sehr junger Knabe. Er ist minderjährig. Die verliebten Blicke, die ihm seine gleichaltrigen Fans bei seinen Konzerten zuwerfen, sind vermutlich sehr verschieden von denen des “gewöhnlichen” Burgtheaterpublikums. Die Aufführung fordert hier einen Voyeurismus heraus, den sie sich im “Theaterteil” auf Schärfste verbittet. Ich finde nicht, dass die beiden Welten sich mühelos verbinden. Im Gegenteil, als Zuschauerin springe ich innerlich hin und her und das Theater klopft meinen Teeniegirl-Phantasien ständig auf die Finger. Diese der Aufführung inhärente Widersprüchlichkeit finde ich aber durchaus interessant. Es ist ein mutiger Ansatz, ich hoffe, das kommt durch die Änderung nun besser heraus.  
#3 Wie es euch gefällt, Wien: Dank für die AnpassungJeroen Versteele 2022-12-19 15:18
Liebe Frau Hift,

Es ist wirklich toll, dass Sie die Kritik angepasst haben. Vielen Dank!
Danke auch für die weiterführenden Gedanken, die in den Kern des Stückes führen.

Beste Grüße,
Jeroen Versteele
#4 Wie es euch gefällt, Wien: ProjektionsflächeMichael Bremer 2022-12-29 22:41
Wie schon in den Untertönen einer der Kritiken angedeutet, besteht diese Inszenierung zu 30 Prozent aus einem Konzert des jungen Sängers Oskar Haag, von dem ich, wie wahrscheinlich einige Besucher des Hauses auch, heuer zum ersten Mal gehört habe.

Dazu ist der Text, den die Schauspieler darbieten, durch mehrere Köche – namentlich in den Dialogen – seiner Poesie und seiner Kraft derart beraubt, dass er nicht nur sehr verstümmelt und unispiriert daherkommt, sondern sich außerdem auch nur schlecht wehren kann, als bloßer Ideengeber für eingestreute Gags ausgebeutet zu werden (ein Cowboy rutscht von einem rosa Einhorn und riecht am Schwanz – „Hier stinkt es.“ usw.).

Aber zurück zum Grundsätzlichen: Wer möchte eigentlich ins Theater gehen, um die Song-Revue eines jugendlichen Indie-Pop-Stars zu sehen? (der 16 oder schon 17 jährige Oskar Haag wirkt auf der Bühne übrigens sehr sympathisch, das ist nicht das Problem.)

Geht man nicht dorthin, um Shakespeare zu sehen? Um sich von den Worten, den Figuren, oder auch von Dingen, die (nicht) zu sehen sind, berühren, verzaubern und verwandeln – oder sich zumindest von all dem überraschen zu lassen? Und um die unvergleichliche Tiefe und den Humor von Shakespeare in Verbindung mit großartigen Schauspielleistungen und atmosphärischen Regieeinfällen in einer vielschichtigen visuellen und intellektuellen Qualität zu erleben?

Hier jedoch werden vor allem wie in einer Art Nummernoper meist auf witzig oder bizarr gehaltene, mässig komische Shakespeare-Fingerübungen geboten, in dessen Mittelpunkt ein rosa Einhorn und der Sänger Oskar Haag stehen, der in so gut wie jeder jeder Szene mit einem Song dazutritt. Dazu wird formal immer wieder ein rosa-roter Vorhang auf- oder zugezogen, der auf das wohl berühmteste Zitat des Stückes verweisen möchte, das dann auch wirklich kommt („aha, die Welt ist eine Bühne“).

Im Gegesatz zu Shakespeare jedoch, der tatsächlich die Welt auf der Bühne anzubieten hat, begleitet Haag seine Songs mit lediglich einer handvoll Gittarrengriffen, mit denen er immer wieder denselben melancholischen Sound produziert. Dazu kommt, dass die englischen Texte selbst von Native-Speakern nicht immer zu verstehen sind (meine Begleitern bestätigte mir dies).
In dieser Weise passt die Kombination natürlich ganz und gar nicht. Denn Musikperformance (von z.B. ca. 25 Minuten Dauer vor der Pause!) ist nur sehr bedingt geeignet, die Tiefe und Schönheit des Stückes zu beleuchten, zu bereichern oder sogar den Blick auf ein farbenfroheres, viel größeres Tableau zu öffnen.

Das Ganze hat meinem Empfinden nach aber zumindest konzeptionell gutes Schultheaterniveau. Ihm wäre wirklich zu wünschen, auf einer Tournee von Schule zu Schule Jugendliche für die Bühne zu gewinnen. Ich musste jedoch bei der gesehene Aufführung (am 25.12.) leider mit ansehen, wie die ca. 30 Leute, die mit mir im oberen Rang des Burgtheaters saßen, teils noch vor der Pause einer nach dem anderen gegangen sind.

Wer in dieser Melange dennoch etwas Ernsthaftes oder Heiteres zu den durchaus im Stück vorhandenen Diskursen „Liebe und Identität“, „Verkleidung und Verwandlung“, „Auftreten und Verstecken“ oder meinetwegen auch „fluiden Geschlechterrollen“ entdecken möchte – oder anders: wer Theater in der Hauptsache als reine Projektionsfläche für Diskurse versteht, dem wünsche ich einen schönen Revue-Abend - in hoffentlich nicht ebenfalls halbleeren Sitzreihen.

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