Leise, kühn und abenteuerlustig

21. Dezember 2022. Der Regisseur Stefan Bachmann wird neuer Direktor des Wiener Burgtheaters. Er kommt aus Köln, wo er sich mit der ewigen Sanierung des Schauspielhauses herumschlagen musste und derweil abseits des Zentrums ein kraftvolles Ensemble- und Ortsrecherchetheater aufbaute. In Wien wird die Herausforderung nicht geringer.

Von Andreas Wilink

21. Dezember 2022. Stefan Bachmann also. Neuer Direktor des größten Schauspielhauses Österreichs und Europas. Ab 2024. Ein Schweizer an der Burg. Aus Köln berufen, in einem langwierigen Findungsprozess, auf den Posten, den der scheidende Intendant Martin Kušej gestern mit einem eher geräuschvollen Adé quittierte.

Ein feste Burg... Endlich ein Haus mitten in der Stadt, solide gegründet, kein Behelfsheim. Ganz gewiss lässt sich nicht von Desertation sprechen, eher von Durchhaltevermögen, wenn Stefan Bachmann das Schauspiel Köln aufgibt. Mehr noch die Kölner Verhältnisse: Provisorien, sich vergaloppierender Amtsschimmel, Baulöcher, gerissene Termine, Peinlichkeiten wie die Neuberufung eines nachfolgenden Schauspiel-Intendanten, die nach ein paar Tagen bereits vom Tisch war und Bachmann in die Verlängerung brachte. Dass der Kandidat Carl Philip von Maldeghem weiter in Salzburg wirkt, während Bachmann nun 2024 nach Wien wechselt, ohne wohl noch die Heimkehr des Schauspielhauses an den Offenbachplatz zu erleben, ist eine pikante Petitesse am Rande.

Revolte von unten und Weltenbummelei

Der 1966 in Zürich geborene Bachmann wird nach einem Studium der Geisteswissenschaften Mitbegründer des Theaters Affekt in Berlin – "Die Revolte von unten" nennt Günther Rühle im dritten Band seiner Theater-Geschichte die Entwicklung, die nach der Wende einsetzt und das etablierte Stadttheatersystem mit neuen Kräften versorgt. Bald inszeniert er unter anderem in Bonn, Hamburg, Wien, kommt 1998 als jüngster Schauspieldirektor im deutschsprachigen Raum (mit Lars-Ole Walburg) nach Basel und hebt das Haus zum "Theater des Jahres" hinauf, um im Anschluss daran zunächst mit Frau, der Schauspielerin Melanie Kretschmann, und Kind – planlos ohne festes Ziel und zeitliche Frist – auf Weltreise zu gehen. Anschließend arbeitet er wieder eine ganze Weile als Regisseur frei.

Bachmann ist ein Treuer, blickt man auf seine bislang beinahe zehnjährige Kölner Bilanz. Viele Namen des Teams, mit dem er 2013 das alles andere als ärmliche Erbe von Karin Beier (die man durchaus auch für Wien auf dem Zettel gehabt hätte) antrat, finden sich heute noch auf dem Spielplan seines Theaters. Die Regisseure Rafael Sanchez und Moritz Sostmann etwa, Mitarbeiter wie Thomas Jonigk – nunmehr Chefdramaturg und Bachmanns Stellvertreter und seit drei Jahrzehnten mit ihm verbunden, Schauspieler*innen wie Bruno Cathomas, Marek Harloff oder Jörg Ratjen, die Kölner Instanz Martin Reinke, Yvon Jansen oder Katharina Schmalenberg. Robert Borgmann, Frank Castorf, Ersan Mondtag sind mehrfache Wiederkehrer nach Köln. Bachmann hat Instinkt dafür, woher der Wind weht, ohne sein Mäntelchen immer in die entsprechende Richtung zu hängen.

Jedermann stirbt 560 GeorgSoulekBurgtheater uStefan Bachmanns letzte Inszenierung am Wiener Burgtheater: "Jedermann stirbt" von Ferdinand Schmalz 2018 © Georg Soulek / Burgtheater

Eine Position blieb die Beschäftigung mit Stoffen, die die Stadt betroffen und getroffen haben und die ein gesellschaftliches Klima untersuchen: Beispielhaft steht dafür Nuran David Calis und "Die Lücke" von 2014 (sowie "Die Lücke 2.0") über den Nagelbombenanschlag auf der Kölner Keupstraße, dokumentiert und inszeniert mit Bewohner*innen und Angehörigen, die die rechte Bluttat erlitten haben. Durchaus imponierend zu nennen ist seine Leistung, das Carlswerk in Köln-Mülheim von einem Ausweichquartier zu einem eigenständigen Kulturstandort für das Theater und die Stadt etabliert zu haben. Allein schon der Ort signalisiert: keine Schaubühne der Repräsentanz.

Dass er in Köln mit der Romanbearbeitung von Ayn Rands philosophischer Konstruktion "Der Streik" begann, lässt sich verstehen als Interesse für Utopien unter radikalen Prämissen und kritisch-reflektierte Auseinandersetzung mit Ideologien und Lebenshaltungen. Ein Jahrzehnt weiter haben sich Konflikte verschärft – sie müssen an dieser Stelle nicht länglich aufgezählt werden. Anwürfe des Spiegel aus dem Jahr 2018 wegen Mobbing an seinem Haus und der exponierten Stellung seiner Frau im Kölner Ensemble hat Bachmann souverän und unbeschadet überstanden. Die endlose Geschichte um die (inzwischen neun Jahre verzögerte) Sanierung des Schauspielhauses in der Innenstadt hat er – eben durch die Profilierung der Ausweichspielstätte – glücklich gewendet.

Die zweite Hofburg

Jetzt also Wien. Wo das Burgtheater in der nationalen Wahrnehmung gewissermassen die zweite Hofburg ist. Die Ansprüche sind unermesslich, die Realitäten steinern. Die Burgtheateraffäre der Jahre ab 2013 warf einen breiten Schatten auf das glanzvolle Haus; es folgte ein konsolidierendes Interim unter Karin Bergmann. Mit Martin Kušej blieb der erhoffte große Wurf aus; der Intendant rieb sich politisch, durchstand die langen Corona-Auszeiten. Jetzt geht er nach nur fünf Jahren, unverlängert. Die Zuschauerzahlen sind (wie an vielen Orten nach den Pandemie-Jahren) rückläufig. Bachmann wird das Feuer neu entfachen müssen.

Als Regisseur ist er jemand zwischen geschärftem Kunstsinn, politischem Gespür, Neigung zum Populärmythischen und zu ironischer Zuspitzung, die gelegentlich gefährdet ist, ins Banale und in geschmackliche Verirrungen abzurutschen. Er kann mit weit ausholender Gebärde sinnprächtig eine Bühne füllen. Arbeiten wie seine amüsant knallige Hamburger Uraufführung von Rainald Goetz’ "Jeff Koons" (1999), Paul Claudels "Der seidene Schuh", der neben Basel auch bei Gerards Mortiers Ruhrtriennale 2003 seinen Auftritt bekam, Daniel Kehlmanns Bilderbogen "Tyll" (2018) oder 2021 als Kooperation zwischen Düsseldorf und Köln wiederum von Goetz "Reich des Todes", intelligent und passioniert erfasst, belegen dies. Fünfmal war Bachmann zum Berliner Theatertreffen eingeladen, zuletzt mit einem düster funkelnden "Graf Öderland" aus Basel.

Den Ernst nicht gepachtet

Von 1986 an hat schon ein Theatermann – und Nicht-Österreicher – vorgemacht, dass die direkte Linie von einer nordrheinwestfälischen Premium-Bühne an die Wiener Burg der kürzeste Weg zum Erfolg sein und er am Universitätsring und darüber hinaus blendend erhellende Theatererfahrungen bereiten und zumuten kann. Claus Peymann war's, aus Bochum eingeritten.

Im Vorwort zu seinem ersten Kölner Programmbuch schrieb Bachmann über einen Intendanten, den er "Er" nannte, zu dem er jedoch offenbar autobiografische Beziehungen unterhält, er sei "leise, kühn und abenteuerlustig". Stefan Bachmanns charmante Geschmeidigkeit, bürgerliche Beweglichkeit und schweizerische Gewissenhaftigkeit könnten es in Wien richten. Dass das Burgtheater, wie es bei Thomas Bernhard in "Heldenplatz" heißt, "sozusagen darunter leidet, dass es den Ernst gepachtet hat", steht bei Bachmann wiederum nicht zu befürchten.

 

Wilink Andreas c MarkusFegerAndreas Wilink, 1957 in Bocholt geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Der in Düsseldorf lebende Kulturjournalist, Theater- und Filmkritiker war seit den achtziger Jahren Redakteur der Westdeutschen Zeitung und wechselte dann zur Süddeutschen Zeitung. 2003 hat er das NRW-Magazin kultur.west mitbegründet und bis 2018 geleitet. Als Autor schreibt er u.a. für nachtkritik.de. Für die Berliner Festspiele hat er als Juror sechs Jahre lang die Auswahl des Berliner Theatertreffens mitbestimmt.

© Foto: Markus Feger

 

Mehr zu Stefan Bachmann finden Sie im Lexikoneintrag.

 

Medienschau

"Kusej ist ein hervorragender Regisseur, und die Qualität vieler seiner Arbeiten übertrifft jene seines Nachfolgers Stefan Bachmann", schreibt Stefan Hilpold im Standard (21.12.2022). "Dieser bewies allerdings bereits bei seinem ersten Auftreten, dass es bei einem Theaterdirektor um viel mehr geht als nur darum, auf der Bühne zu überzeugen - besonders in einer Zeit, in der Teamfähigkeit unumgänglich und die Skepsis gegenüber Hierarchien riesig ist." Über beides scheine Bachmann weit mehr zu verfügen als sein in Inszenierungen alle Abstufungen von Schwarz und Grau
durchdeklinierender Vorgänger. "Bei seinem ersten Auftreten vermittelte der ab Herbst 2024 amtierende neue Burgtheaterdirektor alles, was für einen Neuanfang notwendig ist: Enthusiasmus, Ideen, Humor - und eine Portion Selbstkritik."

"Als Regisseur ist Bachmann nicht unbedingt progressiv, aber bildstark, konsequent und ein Garant für feines, exakt gearbeitetes Schauspielertheater", so Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (21.12.2022). Für das Burgtheater brauche man jemanden mit Intendanzerfahrung, jemanden, der sich mit dem nötigen Standing und Selbstbewusstsein auf dem Minenfeld, das dieses österreichische Nationaltheater umgibt, sicher zu bewegen weiß. "Stefan Bachmann ist einer, dem man das zutraut."

"Bachmann ist eine gute Wahl", findet auch Wolfgang Höbel im Spiegel (21.12.2022). "Während Kušej als eher konservativer, textbegeisterter Theatermacher bekannt geworden ist, hat sich Bachmann von Beginn seiner Karriere an mit offeneren Spielweisen und oft zeitgenössischen Spielvorlagen hervorgetan." Zwar sei es "ein wenig unfair", dass Kušej von der Politikerin Mayer inmitten seiner ersten, lange von Corona eingeschränkten Amtszeit abgesägt werde – seine bisherige künstlerische Bilanz sei nicht glänzend, aber keineswegs mies. Allerdings habe sich Kušej innerhalb und außerhalb seines Hauses den Ruf eingehandelt, ein einigermaßen ruppiger Theaterleiter zu sein.

"Eine solide Wahl", meint hingegen Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.12.2022). Der 1966 in Zürich geborene Bachmann sei im Betrieb als besonnener Mann be­kannt. "Er gehört nicht in die Riege international bekannter Namen wie Thomas Ostermeier oder Barrie Kosky, die ebenfalls als Nachfolger gehandelt wurden, aber hat einen Ruf als zuverlässiger Theatermacher mit einer langen Karriere am Stadttheater."

"Eine gute Nachricht für das Wiener Publikum - aber auch für den Theatermacher, der damit in die höchste Liga der Theatermacher gehoben wird", so wertet Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (21.12.2022) Bachmanns Berufung, die einen Karrierehöhepunkt bedeute. "Immerhin handelt es sich um das grösste deutschsprachige Theater und um eines der ältesten in Europa überhaupt." Es stehe nicht nur für österreichischen Nationalstolz, sondern als Bastion theatraler Tradition, aber mehr noch als Spielstätte, in der Qualitätsstandards gesetzt werden sollen. "Dass Stefan Bachmann diesem Anspruch künstlerisch gerecht werden kann, dürfte niemand bezweifeln."

"Man kann dem gereiften Intendanten und Regisseur zutrauen, dass er nicht nur Wasser predigt, um gegenüber dem Ensemble am Wein zu nippen", schreibt Ronald Pohl im Standard (21.12.2022) zu den einstigen Mobbingvorwürfen gegen Bachmann in Köln. "Die Nachdenklichkeit, um den Burgtheater-Bediensteten ein guter Hausvater zu werden, besitzt er inzwischen sehr wohl."

"Ein Neuanfang zu mehr Geschlechtergerechtigkeit, Di­versität, eine Antwort auf den Strukturwandel, den die Branche gerade durchlebt, ist diese Berufung nicht", kommentiert Uwe Mattheiss in der taz (21.12.2022). Erstaunlich sei, wie sehr sich die Profile des alten und neuen Direktors glichen. Martin Kušej (61) und Stefan Bachmann (56) gehören einer Generation an, haben als Regisseure im Stadttheatersystem ihren Weg gemacht. "Mit ihnen verbindet sich eher das, was am Theater, wie man es kannte, technisch gut war, nicht unbedingt die inhaltliche Zukunft. Sie stehen für ein traditionelles Führungsmodell, die Machtfülle der regieführenden Intendanten. Etwas, das als Modell in der Debatte um Macht und Abhängigkeiten im Theaterbetrieb in die Diskussion geraten ist."

Auf der Pressekonferenz habe sich Bachmann "als eloquenter Macher" geziegt, schreibt Jakob Hayner in der Welt (21.12.2022): "Gut angepasst, kein Claus Peymann jedenfalls." Er wolle ein "lernender Burgtheater-Direktor" sein. Das Signal sei deutlich: "Durch offene und transparente Kommunikation sollen die Probleme der Vergangenheit nicht die der Zukunft werden."

Kommentare

Kommentare  
#1 Kommentar Bachmann: Tendenziell gute BilanzHeiner 2022-12-21 15:37
Als treuer Kölner Theatergänger fällt mein Fazit zu Herrn Bachmann tendenziell ( aber eben auch nicht uneingeschränkt) positiv aus.
Sehr gut ist seine Intendanz; ein gutes Ensemble und die Zugkraft, viele gute Gast-RegisseurInnen an den Rhein zu holen: Mondtag, Castorf, Karabulut, etc.. Seine Leistungen als Regisseur fand ich meistens eher mittelmäßig (letzter unrühmlicher Beweis: Nathan)
Wie dem auch sein, ich wünsche ihm für die gigantische Aufgabe alles Gute. Aber bis dahin ist ja noch was (z.B. heute Abend Phaedra).
#2 Bachmann an die Burg: Dem Pech entkommst du nichtLuchino Visconti 2022-12-22 03:09
Der Verweis auf Peymann ist absolut zutreffend. Was ihm für seine Burg-Direktion half: Er liebte Wien und verstand die Stadt, die Menschen und deren Eigenarten gut. Wer das nicht tut, muss in Wien gar nicht erst anfangen und wird in der Stadt schon zum Frühstück verspeist.
Insgesamt ist die Art, wie in Wien mit Kušej umgegangen wurde, sicher nicht ganz fair oder gar freundlich zu nennen. Zuletzt gab es unappetitliche mediale Spielchen mit angeblichen oder doch nicht zutreffenden Namen, die es Gerüchten zufolge in die letzte Entscheidungsrunde der von den Grünen nominierten Staatssekretärin Mayer geschafft hätten. Barrie Kosky wurde da ebenso genannt wie Thomas Ostermeier, Marie Rötzer oder Anna Bergmann. Kušej war angeblich auch darunter, aber eventuell wollte ihn die Kulturbürokratie nur in falscher Sicherheit wiegen.
Vermutlich kennt der noch knapp vor einer Wahl von einem sozialdemokratischen Kulturminister engagierte Kušej Wien und die Wiener mindestens so gut wie Peymann, aber womöglich hat er - obwohl genuiner Österreicher - weniger geschmeidig, vielmehr rigoroser agiert als der Norddeutsche Peymann, was ihm übel genommen wurde. Jedenfalls hat er einige sehr gute Schauspieler nach Wien (mit)gebracht und auch das an sinnlichen Genüssen interessierte Wiener Publikum nicht mit Postdramatik und anderen Elementen deutschen Humors konfrontiert.
Sein internationaler Ansatz war absolut richtig. Übrigens: Einem anderen Burg-Chef, der ähnlich dachte und gefeierte europäische Größen wie Barrault, Hall, Krejča, Ronconi oder Strehler an der Burg inszenieren ließ, waren ebenfalls nur fünf Amtsjahre gegönnt (Gerhard Klingenberg, 1971-1976).
Nach 13 Jahren überwiegend sehr glücklicher Burg-Direktion wurde Peymann kalt erwischt. Sehr überraschend wurde er von einem sozialdemokratischen Bundeskanzler, der nebenbei auch als Kulturminister dilettierte, nicht weiter verlängert und Klaus aka Nikolaus Bachler zum Nachfolger berufen. Fazit: In Wien kannst du Glück haben, wieviel du willst - dem Pech entkommst du dennoch nicht.
#3 Bachmann an die Burg: Wenig Zeit für ProfilbildungS. 2022-12-22 12:39
Stefan Bachmann hat in Köln (mindestens) vier Spielzeiten gebraucht, um ein erkennbares Profil aufzubauen. Soviel Zeit wird er in Wien nicht bekommen.
#4 Bachmann an die Burg: Im Wiener SpektrumSusanne Peschina 2022-12-22 15:58
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Peymann brauchte keine Zeit für Profilbildung, der hatte Profil, Charisma und eine unverwechselbare Regiehandschrift. Und weltweit beachtete Erfolge.

Ich meine nicht, dass da ein oder zwei Jahre mehr, Profil geben können. Bachmann hat ja schon in Wien inszeniert, seine Inszenierungen waren nicht schlecht, aber im Wiener Spektrum auch keine außergewöhnlichen Arbeiten.

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