Die Rache der Sardinen

29. Dezember 2022. In Michael Frayns Klassiker geht es um eine Theatertruppe, die daran verzweifelt, eine Komödie auf die Bühne zu bringen. Hätten sie nur Anne Lenk als Regisseurin gehabt! Sie ringt der Farce zum Abschluss dieses Jahres sogar noch etwas Hoffnung ab.

Von Jan Fischer

29. Dezember 2022. Es gibt Sätze, die münden in Katastrophen. "Wir betrachten einfach die Premiere als Generalprobe" ist so einer, aber was will man auch machen, so kurz nach Mitternacht, wenn in der Hauptprobe gar nichts klappt.

Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn", von Anne Lenk in Hannover inszeniert, schildert den Versuch, eine Komödie namens "Wenn das Finanzamt zweimal klingelt" auf die Bühne zu bringen. In rohem, gelblichem Holz mit Herstelleraufdruck mühen sich im ersten Akt die Darsteller:innen ab, Stück und Regisseur gerecht zu werden – so ganz rund läuft das nicht, es gibt Texthänger, langatmige Diskussionen zur Motivation der Figuren, Auf- und Abgänge der Klipp-Klapp-Komödie funktionieren nicht und die Türen klemmen sowieso und müssen erst mal vom Inspizienten repariert werden.

Und immer die Liebe

Außerdem steht ein für die Vision des Regisseurs offenbar irrsinnig wichtiger Teller mit Sardinen nie da, wo er stehen soll. Besser wird es nicht dadurch, dass es im Ensemble komplexe Liebesvielecke gibt und ein Darsteller – halb taub und alkoholkrank, aber sonst ganz cool – verspätet auftaucht. Und das ist nur der erste Akt. Sowohl von "Wenn das Finanzamt zweimal klingelt" als auch von "Der nackte Wahnsinn".

Im zweiten Akt gibt es denselben ersten Akt noch einmal zu sehen, nur dieses Mal während die Darsteller:innen auf ihre Einsätze warten, immer mal wieder auf die Bühne gehen, sich aber hauptsächlich streiten, mit Äxten bedrohen, aussteigen wollen, sich gegenseitig eine Flasche Gin wegnehmen, sich missverständlich Blumen überreichen oder weiter ihre Liebesdramen ausfechten. Der dritte Akt zeigt dann den ersten Akt erneut – nur dieses Mal nachdem die Inszenierung schon viel zu lange gelaufen ist. Das Bühnenbild und Ensemble sind deutlich heruntergerockt, überall zeigen sich Verfallserscheinungen, mittlerweile ist alles egal, Requisiten fehlen, Türklinken fallen ab und die Sardinen liegen auf dem Boden, wo ständig jemand auf ihnen ausrutscht.

Tragischer Quatsch

Kurz: "Der nackte Wahnsinn" ist Schabernack, der mit Theaterbildern spielt, der egoman-libidinöse Regisseure, eilende Regieassistentinnen, eitle und dem persönlichen Drama zugeneigte Schauspieler:innen auftreten lässt. Es ist eine Farce, die genau das sein möchte und nicht versucht, sich vor ihrem eigenen Blödsinn zu verstecken, weder in den überbordend bunten Kostümen mit hohen Plastikstirnen noch im gnadenlos hochgeregelten Spiel der Darsteller:innen. Die es allerdings schaffen, dass die Inszenierung nie in beliebigen Quatsch abdriftet. Im Gegenteil: In all diesen überdrehten Figuren versteckt sich auch etwas individuell Tragisches, all das Destruktive, das ihnen innewohnt, bringen sie mit auf die Bühne.

DER NACKTE WAHNSINN von Michael Frayn mit Florence Adjidome, Hanna Eichel, Nikolai Gemel, Philippe Goos, Max Koch, Miriam Maertens, Viktoria Miknevich, Nils Rovira-Muñoz, Hajo TuschyREGIE Anne Lenk BÜHNE Judith Oswald KOSTÜME Sibylle WallumIn Hannover geht es drunter und drüber © Kerstin Schomburg

All die nicht funktionierenden Einsätze, Requisiten, all dieses kaputte Theater ist durchgetaktet und – choreographiert, so dass die Missgeschicke wie ein Metronom dahinticken. Gerade und vor allem der zweite Akt, der größtenteils stumm absolviert wird, da er während der Vorstellung auf der Rückseite der Bühne spielt, ist fein getimter Slapstick. Jeder der drei Teile überbietet den vorhergehenden noch an Absurdität.

Lachen als Überlebensstrategie

Anne Lenk hat den 40 Jahre alten Text behutsam aktualisiert – die Regieassistentin ist nicht mehr ganz so treudoof, einige der Figuren sind nach Ikea-Möbeln umbenannt, ein paar Textpassagen sind etwas an die Gegenwart angeglichen, vor allem aber liefert Hajo Tuschy als Inspizient vor dem dritten Akt noch eine kleine Stand-Up-Comedy-Nummer ab, die ein wenig am Tagesgeschehen kratzt, bevor sie in eine Interpretation von "I will survive" umschwankt. Zu einem großen Teil aber bleibt Frayns Text intakt – gerade auch, weil er stark durchstrukturiert ist. Lenks Fassung schafft es, diese Chaosstruktur auf die Bühne in Hannover zu bringen, auch wenn der Text trotz der Aktualisierungen leicht staubig wirkt. Die grellbunten Kostüme, der Spaß an der Freude und die Präzision des gehobenen Blödsinns machen den Staub wett.

 

Der nackte Wahnsinn
von Michael Frayn
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Carolina Bigge, Dramaturgie: Nora Khuon
Mit: Florence Adjidome, Hanna Eichel, Nikolai Gemel, Philippe Goos, Max Koch, Miriam Maertens, Viktoria Miknevich, Nils Rovira-Muñoz, Hajo Tuschy
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

https://staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Kann "die etwas abgegriffene Harmlosigkeit eines solchen Slapstick-Humors", wie er Michael Frayns Stück eignet, auch heutzutage noch funktionieren? Das sei die "bange Frage dieses Theaterabends", schreibt Christoph Weissermel in der FAZ (31.12.22).  Und findet, man müsse vor und nach der Pause jeweils eine andere Antwort darauf geben: "War der Abend vor der Pause allzu erwartbar, werden die zuvor aufgebauten Erwartungen nun umso subversiver unterlaufen. Fast fugenartig werden die Einsätze und Dialoge der Schauspieler verschoben, das Chaos wirkt nicht mehr bloß behauptet, das affektierte Spiel des ersten Aktes ist einer natürlichen Entnervtheit der Schauspieler gewichen, die großartig doppelbödige Karikaturen ihrer selbst abliefern."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Der nackte Wahnsinn, Hannover: Freude Bernhard Bock 2022-12-29 10:42
Das Stück bereitet ganz viel Freude! Zuschauen und Lachen ohne Ende! Insbesondere sind auch die Schauspieler überragend! Jan Fischers Kritik stimme ich voll zu!
#2 Der nackte Wahnsinn, Hannover: Macht LustLuchino Visconti 2022-12-29 22:04
Das macht sofort Lust auf einen Theaterbesuch! Großartige Idee, diesen Klassiker des Theaterirrsinns auf den Spielplan gesetzt zu haben! Und davon, dass die Schauspieler damit auch viel Freude haben, ist auszugehen.

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