Drama in Endlosschleife

7. Januar 2023. Fatih Akin hat einen ungewöhnlichen Film über den NSU gedreht: Sein Werk orientiert sich an einem Anschlag des rechtsradikalen Terrortrios, erzählt aber von einem Duo, das freigesprochen wird – und von der Hinterbliebenen zweier Opfer. Frederik Leberle bringt es in einer Theaterfassung von Armin Petras auf die Bühne.

Von Andreas Thamm

7. Januar 2023. Ein schwarzer Kubus kann vieles sein auf einer Theaterbühne. Ein Tisch natürlich oder ein Sofa. Wenn ein zweiter, ein kleinerer, daneben gestellt wird, werden Särge daraus. Einer für den Vater und einer für den Sohn. Das Bühnenbild in der Beerdigungsszene von Armin Petras' Version von "Aus dem Nichts" nach Fatih Akins Filmdrehbuch in Coburg ist sicherlich der stärkste, erschütterndste Einfall der Inszenierung von Frederik Leberle.

Fatih Akin hat ein Drehbuch über den NSU geschrieben, ohne den NSU zu verfilmen. Der Tathergang orientiert sich an einem Anschlag des rechtsradikalen Terrortrios in der Kölner Keupstraße, erzählt aber von einem Duo, einem Paar, das freigesprochen wird. Und von Katja, der Frau und Mutter von Nuri und Rocco, die bei dem Anschlag ums Leben kamen, und die am Ende suizidale Selbstjustiz übt.

Permanente Extremsituation

Armin Petras' Theaterfassung von "Aus dem Nichts" feierte bereits 2019 in Bremen Uraufführung. Sie ist sehr nah am Film, was die Frage aufwirft, die auch der Abend in Coburg nicht beantworten kann: Warum eigentlich eine Theaterfassung von einem Film, der seine Qualität nicht aus einem wendungsreichen, überraschenden Drehbuch bezieht, sondern vielmehr aus der stilsicheren Umsetzung mit einer herausragenden Hauptdarstellerin Diane Kruger, an der sich die folgenden Theater-Katjas unweigerlich scheiternd messen lassen müssen?

In Coburg muss Marina Schmitz diese Rolle schultern. Katja ist auf der weißen, in die breite gezogenen Bühnensituation von Anfang an Verhören ausgesetzt. Sei es im Gespräch mit der kühlen Anwältin, sei es im Aufeinandertreffen mit Hauptkommissar Fischer. Sie muss sich in eine widerborstige Verteidigungshaltung begeben. Die Erzählung ist anfangs nicht chronologisch, die Szenen gehen fließend ineinander über. Ein vermummter Polizist sagt, er dürfe gar nichts sagen, aber: "Der Laden ist ausgebrannt." Das Publikum hat aber bereits verstanden, die Extremsituation ist permanent da, die Frau hat ihre Familie verloren.

Aus dem Nichts1 805 Annemone Taake uFast alles bleibt Behauptung in Frederik Leberles Inszenierung, hier mit Kerstin Hänel, die Katjas Schwiegermutter ebenso wie ihre Anwältin spielt © Annemone Taake

Wie im Film steht ihr die ausgerechnet schwangere Freundin Birgit zur Seite. Eine, die wenigstens da ist, wenn man niemanden da haben will. Die zu wissen glaubt, so eine Druckwelle töte schnell, das sei besser als nach drei, vier Chemos vor sich hinzusiechen. Warum sie ausgerechnet über Chemos so lange schwadroniert – es scheint mit ihrem Beruf zu tun zu haben, spielt aber sonst auch keine Rolle mehr. Ähnlich, als Katjas Anwältin plötzlich, nach Tränen pressend, hervorbringt, sie selbst habe Tochter und Mann verloren, ein Autounfall. Um zu einer plötzlichen Reflexion übers Tempolimit anzuheben, die unplausibel hineingeschrieben wirkt. "Klingt crazy", sagt Katja. Kann man wohl sagen.

Der Moment der Beerdigung von Nuri und Rocco ist in Akins Film ein schockierender Moment. Auch Petras' Fassung hat ihre stärksten Sätze aus dem Drehbuch. Da steht die Schwiegermutter am Vorhang, der die Bühne nach hinten begrenzt, und wendet sich noch einmal der leise schniefenden Katja zu. "Weißt du, wenn du besser aufgepasst hättest, würde mein Enkel noch leben." Der Satz hört sich aufgesagt an, wie vom Prompter abgelesen. Geschnieft wird unverändert dezent.

Unermessliche Trauer, spürbares Anrennen

Zwischen Schniefen und Schreien liegen oft nur wenige Sätze. Hauptkommissar Fischer platzt quasi in das Begräbnis. Er will wissen, ob Nuri nach dem Knast wirklich aufgehört habe mit den Drogen und woher sie so viel Geld hatten. Ein Racheakt liege nahe, die türkische, die kurdische Mafia… "Es ist zu offensichtlich!", brüllt Katja den schauspielerischen Lichtblick des Abends Nils Liebscher an. Dass das Nazis waren, meint sie. Aber man wüsste zu gerne, warum das für sie, die Figur, im Gegensatz zum Publikum, das die Wahrheit aus den Nachrichten kennt, so offensichtlich ist in diesem Moment.

Die Trauer, die Verzweiflung ist unermesslich. Leider fehlen Marina Schmitz die Instrumente, um - aus dem eigenen Spiel heraus oder inszenatorisch - die permanente Ausnahmesituation glaubhaft zu übermitteln. Es ist ein Anrennen spürbar, ein Bemühen, aus dem heraus es nur selten gelingt, eine echte Emotion zu übertragen. Fast alles bleibt Behauptung, wo sich der Ansatz der Regie nach realistischer Darstellung streckt.

Aus dem Nichts3 805 Annemone Taake uAuftritt in Anglerweste: Niklaus Scheibli in Frederik Leberles Inszenierung © Annemone Taake 

Zwischen den Szenen, die im weiteren Verlauf vom Prozess erzählen, den Nebenklägerin Katja verlieren wird, werden Montagen zu Popmusik auf den Vorhang projiziert. Szenen türkischen Lebens in Deutschland zu Portisheads effektvoller Waber-Tristesse. Und dann aber auch der echte NSU, Anders Breivik, Nazidemos zu, ausgerechnet, Marilyn Manson. Zum Schluss gar kinderhaft offensichtlich Leni Reifenstahls Athleten und die bekannten Köpfe der AfD zu – wer hätte es erraten? – Rammstein-Riffs. Man reibt sich Augen und Ohren. Es wirkt ein wenig verzweifelt, wie Leberle in diesen Zwischenmomenten nach dem Effekt giert, den das reine Spiel nicht herzustellen vermag. Er tut dies leider mit den erstbesten Mitteln.

Bürgerliche Publikumsbestätigung

Wenn es den Film schon gibt, an dem man sich abarbeiten kann, steht die Inszenierung einer zweiten Fassung vor der umso größeren Herausforderung, den Zuschauenden etwas mitzugeben. Einen Gedanken, eine Erkenntnis, einen Zusammenhang, eine Legitimation für den Aufwand, der auf und hinter der Bühne betrieben wird. Fragen immerhin wirft Leberles „Aus dem Nichts“-Inszenierung durchaus auf. Warum zum Beispiel tritt der Vater des Beschuldigten in einer Anglerweste vor Gericht auf? Weil er die Materialien zum Bombenbau bei der Gartenarbeit fand? Und warum muss Juliane Schwabe die griechische Zeugin wie eine karikaturhafte 90er-Jahre-Comedy-Ausländerin sprechen lassen: "Habe gebracht mit Gastebuch"?

Der Abend ist kurz, nicht kurzweilig. Der letzte Teil des Films, die spektakuläre Selbstjustiz, findet nicht statt. Das Stück endet mit Catchphrases, die die Schauspieler:innen durcheinander wiederholen - und dann noch einmal von vorn. Das deutsche Drama endet nicht, es hängt in einer Endlosschleife. Das Publikum darf sich bestätigt fühlen in der bürgerlichen Haltung, mit der es das Theater betrat – oder ein bisschen auch unterfordert.

 

Aus dem Nichts
von Armin Petras nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin
Regie: Frederik Leberle, Bühne, Kostüme, Video: Frank Albert, Lichtregie: Klaus Bröck, Dramaturgie: Fabian Appelshäuser, Victor Pohl
Mit: Marina Schmitz, Kerstin Hänel, Juliane Schwabe, Florian Graf, Nils Liebscher, Niklaus Scheibli
Premiere am 6. Januar 2023
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.landestheater-coburg.de

 

Kritikenrundschau

Ein "Kammerspiel mit Sogwirkung" hat Jochen Berger vom Coburger Tageblatt (9.1.2023) gesehen. Frederik Leberles Regie "stellt Fragen, statt moralisierend mit dem Zeigefinger Schuldige zu markieren", schreibt der Kritiker. "Atmosphärisch dicht in ihrer kühlen Strenge: die Ausstattung Frank Alberts, zu der auch dokumentarische Videos gehören. In harten Schnitten verdichten diese Videos die Themen Gewalt, Fremdenhass und Terror."

"Die Inszenierung rückt die Emotionen und Konflikte der Betroffenen in den Fokus, zeigt auch die innere Zerrissenheit der Figuren", berichtet Dieter Ungelenk in der Neuen Presse (9.1.2023). "Die Wendung zum Rachedrama", die der Film nimmt, "geht die Coburger Inszenierung nicht mit: Frederik Leberle lässt diese intensive Theaterstunde mit einem Anstoß zum Nachdenken ausklingen. Lang anhaltender Premierenapplaus würdigt eine packende Inszenierung und das eindringliche Spiel des gesamten Ensembles."

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