Außer Atem

15. Januar 2023. Unter dem Eindruck des globalen Wettrüstens entstand das Stück von Hans Henny Jahnn 1959 und verknüpft atomare Endzeitstimmung mit Generationskonflikten. Davon ließe sich so einiges in die Gegenwart übertragen, aber Rieke Süßkow entscheidet sich für die Abstraktion.

Von Leopold Lippert

15. Januar 2023. Einatmen. Ausatmen. Der einfachste Rhythmus, den es gibt, und der wohl grundlegendste Lebensprozess. Und nichts Geringeres als das Leben als solches steht zur Disposition in Hans Henny Jahnns 1959 entstandenem Stück "Der staubige Regenbogen (Die Trümmer des Gewissens)", das unter dem Eindruck des Wettrüstens atomare Endzeitstimmung mit Wissenschaftshybris, eugenischen Dystopien und Generationenkonflikten verknüpft. Jahnns apokalyptische Theatervision kommt dabei erstaunlich heutig daher und bietet trotz unterschiedlicher Katastrophengemengelage genügend politische Anknüpfungspunkte zum Hier und Jetzt.

Zeugung eines Stoffungetüms

Doch Welthaltigkeit ist nicht Rieke Süßkows Sache. Ihre Inszenierung von "Der staubige Regenbogen" am Staatstheater Mainz ist eine abstrakte und formal strenge Atemübung von achtzig Minuten, ein hochrhythmisches Keuchen und Stöhnen, das nach einem beinahe statischen Eröffnungstableau immer mehr an Tempo gewinnt, bevor es sein postorgasmisch abruptes Ende findet. Atemluft ist dabei auch das primäre Bühnenmedium (Bühne: Mirjam Stängl), denn sie bläst nach und nach ein rosalila Stoffungetüm auf, dessen Wölbungen und Tentakel die ganze Bühne einnehmen, ja die ganze Bühne sind. Aus dem sich entfaltenden Gebilde räkeln sich zehn Schauspieler:innen, die allerlei (nicht immer rosalila) Fundusklamotten und Perücken über ihre hautengen Jumpsuits gestreift haben, ihre Körper von stilisierten Pestbeulen verformt (Kostüme: Sabrina Bosshard).

Entrückte Körperutopie

Sie sprechen in Mikroports, damit man ihr Atmen gut hören kann, und sie sprechen selbstverständlich denaturalisiert, gehaucht, und mit immer ein wenig zu weit aufgerissenen Augen. Punktiert und rhythmisiert werden die meist kurzen Dialogsequenzen von Sounds aus der Zeichentrickfilmkiste (Musik: Philipp Christoph Mayer), Xylophonsignations, die die Comichaftigkeit des Sprechens noch unterstreichen. Die zehn Rollen sind nicht immer genderkonform besetzt, aber da die Figuren im Laufe der Inszenierung ohnehin nur schemenhaft Gestalt annehmen, hält sich der verfremdende Effekt in Grenzen. Stattdessen entsteht der Eindruck einer seltsam entrückten (möglicherweise feministischen) Körperutopie, in der Nähe- und Distanzverhältnisse im Takt angeordnet, umgeordnet, neu geordnet werden und dabei weder Figurenpsychologie noch Plotentwicklung zu folgen scheinen. Das ist schön anzusehen, aber wer den Text nicht vorher gelesen hat, wird lange brauchen, um aus diesen Körpern Protagonist:innen und Beziehungs- oder gar Begehrensgeflechte zu entschlüsseln.

StaubigeRegenbogen3 1000 AndreasEtterKunstfiguren: der Atomforscher (Andrea Quirbach) und der Politiker (Leandra Enders) © Andreas Etter

Dabei hätte "Der staubige Regenbogen" einiges an Dramatik aufzubieten: der geläuterte Atomforscher Jakob Chervat (Andrea Quirbach), der erst selbstsicher verkündet, "Ich würde von jeder Unregelmäßigkeit wissen", aber dann doch erfahren muss, dass 8.000 Menschen bei einem durch seine Experimente ausgelösten Unfall ums Leben gekommen sind; seine umsichtige Frau Jeanne (Max Kurth), die ein radioaktives "Nichtwesen" zur Welt bringt und es erstickt, um es vor eugenischen Experimenten zu bewahren; der Sohn Elia (David T. Meyer), der an Haarausfall leidet und mit jungen Freund:innen einen "Bund der Schwachen" gründet, auf Zärtlichkeit statt Alpha-Männlichkeit bauend; der entführte und missbrauchte Indigene Tiripa, der auf die koloniale Grundlage der atomaren Technomoderne verweist; das unausgesprochene homoerotische Begehren, das sich durch mehrere Beziehungsgeflechte zieht; und schließlich der finale Tyrannenmord an dem gewissenlosen Politiker Sarkis (Leandra Enders).

Letzte-Generation-Bonmots

Von Jahnns Konflikten bleiben in Süßkows Inszenierung nur Bruchstücke übrig, denn die Regisseurin baut den Text radikal um, reiht Szenenfragmente aneinander, die teilweise parallel geführt und manchmal auch kausal unlogisch angeordnet sind. So ganz ohne dramaturgischen Bogen kann man sich zwar an der Aktualität von Letzte-Generation-Bonmots erfreuen ("Wir sind ja die ersten, die sich anders einrichten müssen als die 10.000 Generationen vor uns!", heißt es an einer Stelle etwa), sucht aber vergeblich nach einer intellektuellen Haltung, die die Inszenierung dem sechzig Jahre alten Stück gegenüber einnimmt. Und so erschöpft sich die Auseinandersetzung mit der kommenden Katastrophe in formalästhetischem Luftholen auf der rosalila Hüpfburg. So lange bis eben alle außer Atem sind.

Der staubige Regenbogen (Die Trümmer des Gewissens)
Von Hans Henny Jahnn
In einer Fassung von Rieke Süßkow
Regie: Rieke Süßkow, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüme: Sabrina Bosshard, Musik: Philipp Christoph Mayer, Licht: Carolin Seel, Dramaturgie: Jörg Vorhaben.
Mit: Lisa Eder, Leandra Enders, Antonia Jungwirth, Holger Kraft, Max Kurth, David T. Meyer, Henner Momann, Sabah Qalo, Andrea Quirbach, Richard Zapf.
Premiere am 14. Januar 2023
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

Rieke Süßkow husche kursorisch durch den Stoff, schreibt Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (15.1.2022). "Zu sehen ist eine Art Echo, ein Nachhall, der Jahnns langjähriges Ringen mit dem Stoff nicht auslotet, aber die Aktualität erfasst und außerdem trotz einer kuriosen Ausgangslage doch ins Erzählen kommt." Das glänzende Spiel präsentiere bei aller Atemtechnik, Rhythmisierung und auch Statik nach und nach Leute aus Fleisch und Blut. "Scheinwerfer leuchten die aus dem Halbdunkel scharf hervortretenden Szenen flott aus, die Musik von Philipp Christoph Mayer begleitet die Bewegungen wie im Trickfilm. Das hat Pfiff und führt freilich zu mehr Gekicher, als es den letzten Tagen der Menschheit entspricht."

Als Zuschauer werde einem der Zugang zu Jahnns Gedankenwelt sehr erschwert. Man findet keinen Ankerpunkt in einem Bühnengeschehen, das durch seine formstrenge Ästhetik zunächst durchaus beeindruckt, schreibt Johanna Dupré von der Allgemeinen Zeitung (16.1.2023). All das sei äußerst präzise inszeniert und die Produktion entwickle eine starke, künstlerische Expressivität. Jedoch: "Letztlich jedoch läuft all dieses Kunstwollen und inszenatorische Können ins Leere, weil Süßkow als Regisseurin zu sehr in ihrem eigenen Kopf verschwindet." Die mit viel Anspruch und Aufwand geschaffene Bühnenkunst sei vor allem eins: ermüdend.

"Alles irgendwie gleichzeitig, alles wie ein riesiger Redebrei ohne Akzent oder ein Moment des Aufhorchens. Das Pathos des Textes: verschenkt, seine Drastik: reduziert auf ein distanziertes Spiel der Darstellerinnen und Darsteller. Entstanden ist ein zähes Szenen- und Texttableau, wo doch eigentlich existenzielle Krisen und Abgründe, kurzum: die gesamte dystopische Energie unser aller Mark erschüttern könnte", schreibt Björn Hayer von der taz (16.1.2023). "Gewahr werden wir einzig eines leeren Kosmos, so gefühlsarm und bizarr, dass selbst bei der monströsen Kulisse kaum mehr als ein fader Eindruck des Schauerlichen übrig bleibt."

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