Lieblinge 2023

19. Januar 2023. Das 16. virtuelle nachtkritik-Theatertreffen 2023 ist entschieden! Die Leser:innen von nachtkritik.de haben aus den 38 Vorschlägen der nachtkritik-Autor:innen ein Tableau aus zehn Inszenierungen gewählt. Insgesamt stimmten 7236 Wähler:innen ab und vergaben 10356 Stimmen.

Das Ergebnis

19. Januar 2023. Unter den Favoriten des Publikums sind die Stückentwicklungen und neuen Stoffe in der Überzahl. Künstlerkollektive wie Futur 3 aus Köln und Darum aus Wien erscheinen auf dem Tableau neben jüngeren Theatermacher:innen wie Luise Voigt oder Joana und Aljoscha Tischkau und Alten Meistern wie Regie-Magier Robert Wilson oder Bochums Schauspielhausintendant Johan Simons. Und die Passionsspiele Oberammergau, die nur alle zehn Jahre staffinden (und das schon seit 1634), werden in unserer Leser:innenwahl noch einmal gewürdigt.

Das ist das Publikumsergebnis mit den zehn favorisierten Inszenierungen in alphabetischer Reihenfolge (mit den Begründungen unserer Autor:innen für ihre Nominierung).

 

Alkestis von Euripides
Regie: Johan Simons
Schauspielhaus Bochum
Premiere am 11. September 2022
{slider=title="Begründung der Nominierung" open="false"}Zum Totlachen! Zum Heulen! Doppeldeutigkeit ist das Prinzip von "Alkestis". Johan Simons liest "Alkestis" als Komödie. Aber mit Widerhaken. Schluckt man die Komödie, wird man in etwas ganz anderes hereingezogen: heiter und illusionslos traurig. (Gerhard Preußer){/sliders}

 

Buntes Republik von Ulf Dietrich und Manfred Langner
Regie: Ulf Dietrich
Theater Trier
Premiere am 2. Oktober 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed}Man sollte es kaum glauben, aber es ist noch da: Theater fast wie in alten Zeiten! Das Haus voll (mit den 400 erlaubten Gästen), Bombenstimmung auf und vor der Bühne, permanent Szenenapplaus und zum Schluss ausgelassener Jubel. Regisseur Ulf Dietrich hat die 1960er-Jahre-Revue zusammen mit Intendant Manfred Langner verfasst. Schamlos haben die beiden Klischee an Klischee genäht und die Stereotypen zum dramaturgischen System erhoben. Als "Unterhaltungsstück mit Musik in Schwarz-Weiß" funktioniert das prächtig, wobei dem "Schwarz-Weiß" eine Doppeldeutigkeit innewohnt, die aus Gründen des Überraschungseffekts nicht verraten werden soll. Schwarz-weiß sind auf jeden Fall auch die Charaktere: entweder total spießig oder revolutionär, verklemmt oder zügellos, Mann oder Frau. "Genderfluid" – so'n Tüddelkram kam in den Sechzigern jedenfalls nicht in die Tüte (von denen im Verlauf des Abends immerhin einige gequalmt werden). (Rainer Nolden){/sliders}

 

Dämonen von Boris Nikitin, Sebastian Nübling & Ensemble
Regie: Boris Nikitin, Sebastian Nübling
Theater Basel
Premiere am 26. Mai 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed}Von Null auf 100 war diese Produktion Stadtgespräch – und riss an jeder Aufführung das Publikum nach der über dreistündigen Performance zu standing ovations hin: Eine Jugendbande hetzt durch die Stadt, eine Kamera überträgt ihre Wutausbrüche, Sponti-Aktionen, düsteren Einsichten und ihren positiven Energieüberschuss live ins Basler Schauspielhaus auf Großleinwand. Das Ensemble und mit ihnen die Regisseure Boris Nikitin und Sebastian Nübling haben den Ton einer Jugend erwischt, die sich von Leistungsdruck, Perfektionszwang und Moral massiv bedrängt fühlt, sich vor jeder Illusion fürchtet und eigentlich glauben will. (Claude Bühler)

Sie sind 12 Sekunden voraus. So lange dauert es, bis das Signal unterm Atlantik in den amerikanischen Serverpark geleitet, wieder zurückgeschickt wird und per Internet auf der großen Leinwand im Basler Schauspielhaus landet. Kaum hat Elif Karci das klar gemacht, geht sie forschen Schrittes aus dem Theater, die Kamera hinter ihr her. Es wird drei Stunden und 35 Minuten dauern, bis sie wieder zurück ist. In dieser Zeit jagt sie mit der Gruppe junger Schauspieler:innen durch die Stadt. Immer gefolgt von der Kamera, die ihre Bilder auf die Leinwand sendet. Es ist eine Parforcetour, immer live. Es geht um Leben und Tod, Schmerz und Verlust, um die Realität, ihre Wahrnehmung und ihr Fehlen, um Erinnerungen, um die Welt als Wille und Vorstellung und Fake. Ein Bild einer Gruppe junger Leute, ein Bild einer Stadt. Wütend, laut, rotzig, frech. Beeindruckend. (Valeria Heintges){/sliders}

 

Der Meister und Margarita nach Michail Bulgakow
Regie: Luise Voigt
Deutsches Nationaltheater Weimar
Premiere am 7. Oktober 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed}Ein kluger, farbenfroher, rasanter Geschichts-Comic in einem spektakulären Bühnenbild. Ein sich verausgabendes Ensemble, eine feingeistige, sehr genau choreografierte Arbeit voller knapper Andeutungen, Zeichen und Signale, die wirkungsvoller als explizite Aktualisierungen ins Heute weisen. (Matthias Schmidt) {/sliders}

 

Die Revolution läßt ihre Kinder verhungern von Futur3
Regie: André Erlen
Schauspiel Köln | Orangerie Theater Köln
Premiere am 12. November 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed}An und für sich wäre die Schließung einer historischen Bildungslücke – der Holodomor, Massenmord durch Hunger an der ukrainischen Bevölkerung in den 1930er-Jahren – schon Grund genug, die ukrainisch-deutsche Koproduktion "Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern" zu schätzen. Doch der Abend öffnet noch viel größere Perspektiven auf Geschichte, die Mitschuld des Westens und den heutigen Ukrainekrieg, der auf einmal wie eine düstere Doppelung erscheint. Ein wichtiger, beeindruckender Abend, der in mediale Fakten historische und poetische Tiefe bringt. (Dorothea Marcus){/sliders}

   

Dorian von Darryl Pinckney nach Motiven von Oscar Wilde
Regie: Robert Wilson
Düsseldorfer Schauspielhaus
Premiere am 10. Juni 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed} "Nur Hohlköpfe urteilen nicht nach dem Äußeren", so Oscar Wilde. In diesen Zeiten, da es (zu) viel um Politik und Moral geht, tut es ganz gut, einen Theaterabend zu feiern, der sich rigoros auf die Oberfläche kapriziert; auf einen formidablen Verwandlungs- und Gesangskünstler (Christian Friedel), einen großartigen Regisseur und Designer (Robert Wilson), Kostümbildner (Jacques Reynaud), einen Texter (Darryl Pinckney), der seine berühmte Vorlage (Wilde) zwar nicht ignoriert, aber doch lässig und souverän sich aneignet. Schließlich auf ein Publikum (Düsseldorf), das nach den Mühen der Pandemie im Theater lachen und staunen will. (Martin Krumbholz){/sliders}

 

Heimweh von Darum
Regie: Victoria Halper, Kai Krösche
WUK Wien
Premiere am 29. November 2022{slider=Begründung der Nominierung|closed}Vier lange Stunden, drei verschiedene Versuche und offene Enden überall - die performative Installation HEIMWEH lädt ganz bestimmt nicht zur Illusion ein, ihr Thema wäre eines, mit dem irgendwie "fertig" geworden werden könnte. Die psychische und physische Gewalt gegen Schutzbefohlene wird mit Bagatellisierung, Bürokratisierung oder Ästhetisierung fortgeschrieben. Im Begehen der Installation schreibe ich mit und bekomme unter die Haut geschrieben: Die Gewalt muss enden. (Theresa Luise Gindlstrasser) {/sliders}

 

Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus
Regie: Christian Stückl
Passionstheater Oberammergau
Premiere am 14. Mai 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed}Die diesjährigen Passionsspiele Oberammergau haben nicht nur das Publikum, sondern auch ästhetisch wie konzeptionell überzeugt. Die Spiele haben sich ihrer großen Tradition gestellt, entschieden mit deren Antisemitismus gebrochen und gleichzeitig die Bühnensprache früherer Inszenierungen beeindruckend aktualisiert. (Kai Bremer) {/sliders}

  Welt überfüllt von Anna Gmeyner
Regie: Thomas Ladwig
Theater Oberhausen
Premiere am 30. September 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed}Die Uraufführung des Stückes "Welt überfüllt" (1929) von Anna Gmeyner in der Regie von Thomas Ladwig ist nicht nur ein später Triumph über die Nationalsozialisten, die eine erfolgreiche jüdisch-deutsche Theater- und Drehbuchautorin um ihre Karriere brachten. Sie ist ein Glücksfall, denn dieses Stück über das Schicksal kleiner Leute zur Zeit der Weltwirtschaftskrise berührt uns; wir teilen ihre existenziellen Sorgen und Zukunftsängste und erliegen dem Reiz von Gmeyners ganz spezieller, ironischer, durch und durch humanistischer Erzählweise. Ladwigs Inszenierung mit einem inspirierten Ensemble auf einer wunderbar gestalteten Treppenbühne bringt dieses wiederentdeckte Theaterjuwel zum Glänzen. (Karin Yeşilada) {/sliders}


YoBro Maya Roettger Fungi Phuong Tran Minh u  

YO BRO von und mit Joana und Aljoscha Tischkau
Frankfurt/Bockenheimer Depot – Koproduktion Schauspiel Frankfurt, Tanzhaus NRW und Künstlerhaus Mousonturm im Rahmen des Festivals Politik im Freien Theater.
Premiere am 24. September 2022
{slider=Begründung der Nominierung|closed}Die Choreografin und Performerin Joana Tischkau und ihr Zwillingsbruder Aljoscha Tischkau erzählen die Geschichte ihres Aufwachsens als Schwarze Kinder in der Bundesrepublik der 1990er Jahre, indem sie sich in rasantem Tempo durch das Fernsehprogramm ihrer Jugend zappen und nach-spielen, wie hier Familie und Zugehörigkeit kulturell definiert und popkulturell auserzählt wurden. Wie bereits in "Playblack", Joana Tischkaus furioser Performance über die Wahrnehmung und Inszenierung Schwarzer Körper in der Popkultur, wird auch hier komplett playback gespielt und gesungen. Gemeinsam mit acht Darsteller:innen werden unter anderem "Alf", das "Familien-Duell", die Jackson 5 und die Kelly Family re-enactet und subversiv gegengelesen: ein kraftvoller, mitreißender Abend. (Esther Boldt)

In der Produktion YO BRO beschäftigt sich Choreografin und Tänzerin Joana Tischkau gemeinsam mit ihrem Bruder Aljoscha Tischkau mit rassistischen Strukturen in 'mixed race'-Familien. Für ihre autoethnografische Theaterarbeit eignen sie sich im ästhetischen Modus der queeren Parodie Szenen von Familien-Sitcoms, TV-Shows und Musikvideos aus den neunziger Jahren an (wie “Bill Cosby Show“, “Alf“, “Familienduell“, Auftritte der Kelly Family oder von Michael & Janet Jackson). Auf diese Weise offenbart sich nicht nur die epistemische Gewalt der weißen, von Diskriminierungen durchzogenen Medienlandschaft, sondern es ist auch eine intensive, zuweilen schmerzhafte, emotionale Erinnerungsreise für unsere Generation der Mitte der achtziger Jahre Geborenen, die in YO BRO eingeladen ist, neu auf die eigene Mediensozialisation und ihre identitätskonstituierenden Effekte zu blicken. (Theresa Schütz) {/sliders}




Hier
die 38 Nominierungen, aus denen in diesem Jahr gewählt werden konnte.

Kommentare  
nachtkritik-Theatertreffen: Rekord
Wenn man zumindest zehn Jahre zurück geht, ist das ja ein Rekord: 7236 Wähler! Herzlichen Glückwunsch an die.
nachtkritik-Theatertreffen: Vorpandemie-Niveau
@1. Wir haben uns gar nicht getraut, es laut zu sagen. Umso schöner, dass es aufgefallen ist. Ja, die Theater sind wieder gut gefüllt und nachtkritik.de auch. Herzlich, Christian Rakow (aus dem Orga-Team des nachtkritik-Theatertreffens)
nachtkritik-Theatertreffen: Ohne Berlin!
Wir Berliner, die wir uns für den Nabel der Welt haben, sind in unserem provinziellen Theaterdenken nicht vertreten. Wie spannend es doch ist, wie sich das TT und das Nachtkritik TT voneinander unterscheiden können. Ich fände es spannend, weiß aber nicht, wie es umgesetzt werden könnte, wenn es eine freie Wahl geben könnte, wo jeder seine top ten formuliert und das in etwas Schriftliches mit Diagrammen überführt wird.
nachtkritik-Theatertreffen: Überragend
Wirklich überragend, aber nicht zur Auswahl (weil Kinder- und Jugendtheater?) ist "Generation One" vom Schauspielhaus Hamburg. Ein irrsinnig intensives Format. Berührend. Bemerkenswert!
Berliner Theatertreffen: Dauert noch
@4 das dauert noch ein paar Jahr bis sie hier soweit sind, dass so etwas beachtet wird
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