Love Changes Everything

28. Januar 2023. Was hilft, wenn die Aussichten düster sind? Vielleicht: positives Denken. Bonn Park hat zusammen mit Ben Roessler mal wieder ein Muscial geschrieben, verneigt sich diesmal  vor der RomCom à la "Tatsächlich... Liebe" und dreht in Arielles Unterwasserwelt die Wohlfühldusche auf.

Von Martin Jost

28. Januar 2023. Dieses Stück ist so hell und warm und bunt, dass uns der Kontrast zum Rest der Kunst ins Auge sticht. Es stimmt ja, was Autor und Regisseur Bonn Park in einem Interview mit der Münchner Abendzeitung sagt: Überall herrschen Erzählungen vor, nach denen alles immer schlimmer wird. Davon wird es schon mal nicht besser. Filme und Serien handeln von Krieg, Endzeit oder Serienmorden und das Theater will uns auch bloß noch zum Nachdenken bringen. Wann ist uns eigentlich die letzte warmherzige Liebeskomödie über den Weg gelaufen?

Wenn der Premierminister verschläft

In den Nullerjahren war das, da hatte das Genre einen Lauf. In gefühlt zwei Drittel spielte Hugh Grant die Hauptrolle. Vincent Sauers Figur in "Alles ist aus, aber wir haben ja uns (Unterwasser)" heißt denn auch Hugh, ist frisch gewählte Premierministerin (wie Hugh Grants Figur in "Tatsächlich… Liebe" von 2003) und flucht regelmäßig "Boggers!" – ebenfalls wie in "Tatsächlich… Liebe". Das nicht eben wertschätzende Frauenbild des Filmklassikers aktualisiert "Alles ist aus …" sprachlich durch die konsequente Nutzung von generischem Femininum und weiblichen Pronomen.

Hugh hat verschlafen, ausgerechnet an ihrem ersten Tag im Amt. Fast noch schlimmer: Sie hat total ihren ersten Staatsbesuch vergessen. Ein förmliches Bankett zu organisieren bleibt keine Zeit, denn da kommt schon Kaiserin Li (Henriette Nagel) auf einem Seepferdchen angeritten. Zum Glück haben Hughs Eltern (Max Poerting als Mum, Luise Deborah Daberkow als Dad) gekocht und der diplomatische Termin kann am Familientisch stattfinden. Das Problem ist nur, dass Hugh vom ersten Blick an in Li verschossen ist und sich auch nicht mehr davon erholt.

Allesistaus Ensemble 805 ArnoDeclair uUnterwasser-Musical trifft RomCom: Das Volkstheater-Ensemble © Arno Declair

Der Untertitel des Abends lautet "Romcom" und das ist eine im Englischen ganz geläufige Abkürzung für "Romantic Comedy". "Alles ist aus, aber wir haben ja uns (Unterwasser)" ist erklärtermaßen keine Persiflage. Vielmehr handelt es sich um eine völlig ernst gemeinte Hommage an das Romcom-Genre. Die reichlich vorhandene Ironie dient nicht der Distanzierung, sondern gehört zur Reverenz wie zur Vorlage.

Es lebe der Kitsch!

Genau wie der Kitsch. Laura Kirsts Bühne ist ein pastellbunter Traum à la "Arielle die Meerjungfrau" mit Muscheln, Marmorstatuen und Showtreppen. Leonie Falkes Kostüme verwandeln die Schauspieler:innen in schillernde Regenbogenfische. Ben Roesslers Musik sorgt für einen Filmsoundtrack und begleitet immer mal wieder eine Musicalnummer. Die vierköpfige Band ist durchgängig auf der Bühne und hat nie lange Pause.

Auch an den Standardsituationen des Genres arbeitet Bonn Park sich ab: Die Vorstellung des ungeklärten Beziehungsstatus bei den peinlichen Eltern ("Was hat sie denn jetzt, unser Sohn?"); die stotternden Liebesbekenntnisse; das Reparieren aller Missverständnisse am Flughafen, kurz bevor die Geliebte für immer abgereist wäre. Sowie das retardierende Moment, wenn es so aussieht, als kämen die Liebenden doch nicht zusammen. Die Kaiserin ist der Meinung, die kulturellen Unterschiede zwischen ihr und Hugh wären zu groß. Doch Hugh spürt überraschend, dass es auch ihr Kraft gibt, unter Leuten zu sein statt auf der Suche nach sich selbst. Haben sie doch eine gemeinsame Zukunft?

Schade, dass diese Figurenentwicklung ausgerechnet in langatmigen Monologen versteckt ist. In den langen Sprechakten glänzen witzige Sprachbilder ("Du bist die Stärke des Pastawassers, du machst alles cremig") zwischen doppelt und dreifach ausgewalzten Aussagen. Wo ist jetzt die Musik, wenn es eigentlich einen Song braucht?

Positives Denken hilft

Abgesehen von diesen Längen gegen Ende holt das Ensemble alles aus dem Text. Einige Witze lesen sich cringe auf dem Papier, sorgen auf der Bühne aber verdient für Lacher. Wir können bezeugen, dass selbst die Souffleuse, neben der wir sitzen, ein paar Mal laut lacht, obwohl sie von Berufs wegen die Pointen eigentlich vorher kennt. Die Spielfreude, ja Aufgedrehtheit, mit der das Ensemble singt (musikalische Leitung: Sonja Lachenmayr), tanzt (Choreografie: Johanna Heusser) und spricht, gehört zur Helligkeit des Theaterabends.

Allesistaus LiobaKippe VincentSauer AnneStein LukasDarnstadt 805 ArnoDeclair uSpätestens am Flughafen müssen die Gefühle raus: Lioba Kippe, Julian Gutmann, Anne Stein, Lukas Darnstädt © Arno Declair

Düsternis und Pessimismus sind durchaus Themen im Stück. Einerseits werden die Meermenschen von einer geheimnisvollen Schuppenkrankheit bedroht. Andererseits weisen das Radio und die diplomatischen Gespräche zwischen Kaiserin und Premierministerin darauf hin, dass es auch unter dem Meer Kriege, Gewalt und Katastrophen gibt.

Die Figuren blenden sie aus und fahren gut damit. Bei Bonn Park steht die Romantic Comedy nicht für Realitätsflucht, sondern ist eine Tankstelle für gute Laune. Eine These: Positives Denken hilft uns mit größerer Wahrscheinlichkeit durch Krisen als selbsterfüllende Prophezeiungen und verkopftes Theater. Der letzte Satz des Abends bleibt elliptisch: "Manchmal, wenn man an die Zukunft denkt und glaubt, dass sie gut wird, dann …"

Alles ist aus, aber wir haben ja uns (Unterwasser)
Eine Romcom von Bonn Park und Ben Roessler
Regie: Bonn Park, Komposition: Ben Roessler, Bühne: Laura Kirst, Kostüme: Leonie Falke, Musikalische Leitung: Sonja Lachenmayr, Choreografie: Johanna Heusser, Dramaturgie: Bastian Boß, Licht: Björn Gerum, Korrepetition: Elisabeth Thöni.
Mit: Vincent Sauer, Anne Stein, Julian Gutmann, Lukas Darnstädt, Lioba Kippe, Max Poerting, Luise Deborah Daberkow, Henriette Nagel; Musiker:innen: Sonja Lachenmayr, Nino Stübinger, Patrick Stapleton, Akari Nomizu.
Premiere am 27. Januar 2023
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

muenchner-volkstheater.de

Offenlegung: Der Autor ist im Hauptberuf Angestellter der Münchner Volkshochschule GmbH, die mit der Landeshauptstadt München dieselbe Gesellschafterin hat wie die Münchner Volkstheater GmbH.

Kritikenrundschau

Dystopien kommen bei Bonn Park daher "wie ein süßes Lutschbonbon, an dessen bitteren Kern man eigentlich erst nach Ende der Aufführung gelangt, im Nachdenken darüber", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (online 29. Januar 2023). So schleiche sich das Fiese ganz unscheinbar in die mit ihren rosa Gefühlen beschäftigte Unterwasserwelt. "Da ist es, das politische Diskurstheater, das aber gar nicht so wirkt, weil es kein Ausrufezeichen hat, sondern den Zynismus der Welt freundlich ausbreitet, die Zuschauenden ihn untergejubelt kriegen", resümiert der Kritiker erfreut.

"Theater kann Spaß machen und trotzdem tief tauchen", hält Anne Fritsch in der Abendzeitung (30.1.2023) fest. Das pastellfarbene Idyll sei von Anfang an trügerisch. Der Autor spiele mit Schatten, Klängen, Assoziationen, jonglier mit Zitaten und schaffe knallbunte Bilder für die Zerstörung unseres Planeten. Schwerelos wechsle das Ensemble zwischen Naivität und Weitblick, zwischen Dystopie und Utopie. Das große Talent von Bonn Park sei es, "die Schrecken der Wirklichkeit in fantastische Szenarien zu überführen und den Finger in die Wunden unserer Zeit zu legen".

"Auf bizarre Art und Weise dekliniert Parks Stück die emotionstriefende Story anhand aktueller Gefühlslagen durch. Es geht um die Einsamkeit des Individuums, Selbstsorge, Achtsamkeit und das Bei-sich-Sein in einer Welt voll äußerer Erwartungen", schreibt Dorte Lena Eilers von nd-DerTag (5.2.2023). "Sehnsucht, Hoffnung, Weltflucht – tatsächlich könnte man Bonn Parks Personal als moderne Tschechow-Figuren begreifen, die sich statt auf einem Landgut in der Unterwasserwelt des Metaverse versammelt haben, um nicht allein zu sein, bis das von allem ablenken wollende Geplänkel wie bei Tschechow durchbrochen wird von erschütterndem Schweigen."

 

Kommentar schreiben