Das Haus mit vielen Talenten

von Esther Boldt

Essen, Dezember 2008. Zum Tanzen braucht es keine Bühne. Selbst wenn man sich im Moskauer Bolshoi-Theater befindet. Genauer: In dessen Keller, in den Igor Stromajer und sein Kompagnon Brane Zormann 2002 eingestiegen sind, um dort einen ebenso hingebungsvollen wie anarchischen Tanz aufzuführen. Fast tausend Zuschauer verfolgten dieses Tänzchen live übers Internet, ebenso wie andere Performances von "ballettikka internettikka". Wenn die beiden slowenischen Künstler sich legal oder illegal Zutritt zu Baustellen, Firmen- oder eben Theatergebäuden verschaffen, um dort zu performen, changieren ihre Projekte zwischen Netzkunst, Performance und Guerilla-Taktik.

Letztlich geht es ihren kleinen Interventionen aber auch darum, was Menschen miteinander verbindet – etwa die fragile und zugleich intime Verbindung aus dem Keller eines Moskauer Theaters an jeden beliebigen Bildschirm der Welt. Begegnen konnte man Stromajer in diesem Jahr auf PACT Zollverein in Essen, wo er sein Internetballett vorstellte. Als Künstler, der sich zwischen alle Sparten setzt, Performance mit einer Prise Raumbesetzung und Illegalität kombiniert und via Technologie Verbindungen zur Welt sucht, passt er gut hierhin.

Denn auch PACT erkundet Handlungsräume und ihre Grenzen, arbeitet an der Durchlässigkeit künstlerischer Gattungen und befragt künstlerische Taktiken auf ihren gesellschaftlichen Mehrwert. Bewegung, und mit ihr auch der Tanz, wird hier als Forschungsmethode begriffen und Vorträge wie der Stromajers im Rahmen des jährlichen Symposiums "imPACT" dafür genutzt, die Denkräume über das, was Performance und Tanz sein können, zu erweitern.

Einst ein Waschhaus für 3000 Kohlebergarbeiter

Mit vollem Namen heißt das Haus "Performing Arts Choreografisches Zentrum NRW Tanzlandschaft Ruhr", und man darf unterstellen, dass seine Abkürzung nicht zufällig mit dem Wort "Pakt" gleichklingt, ist das Knüpfen von Netzwerken und langfristigen Kooperationen hier doch zentral. Und die Analogien mit "ballettikka internettikka" gehen noch weiter, denn die Geschichte von PACT begann mit einer Hausbesetzung.

Mitte der 1990er Jahre bespielten freie Tänzer das heruntergekommene Gebäude und erkannten das Potenzial der ehemaligen Waschkaue der Zeche Zollverein. Hier haben sich einmal 3000 Bergbauarbeiter pro Tag den Kohlestaub vom Leib geduscht, darauf verweisen immer noch die weiß gefliesten Wände der Kaue inklusive Seifenschalen, in denen – es wird die Liebe zum Detail gepflegt – tatsächlich Seifenstücke liegen. An der Decke der großen Bühne sind noch Zahlenreihen lesbar, dort wurden tagsüber die Kleider hinaufgezogen und aufbewahrt.

Heute, so der künstlerische Leiter Stefan Hilterhaus, ist der Kleiderbügel noch immer für eine Metapher gut: für den Wechsel. Ein Strukturwandel von der Industrielandschaft des 19. Jahrhunderts zur hochtechnologisierten Dienstleistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Ein wichtiger Impuls hierfür war die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) Emscher Park 1989-99, die sich für die Gebäudeerhaltung einsetzte, "und damit auch für Bewusstseins- und Geschichtserhaltung", so der gebürtige Essener Hilterhaus.

Alte Fördertürme, junge Birken und neue Kreative

Die Umnutzung der industriellen Komplexe wurde zu einer wichtigen Frage. Ihre Antwort hieß "Kultur", auch auf der 1986 geschlossenen Zeche Zollverein. 2001 wurde sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, heute arbeiten auf dem pittoresken Gelände zwischen Fördertürmen, Kokerei und jungen Birken Grafiker,  PR-Berater und Ingenieure. Dafür, dass es in diesem Freilichtmuseum der Industriekultur, das als "Zentrum der Kreativwirtschaft" für sich wirbt, nicht allzu idyllisch wird, sorgt die Nachbarschaft, denn direkt neben der Zeche liegt der soziale Brennpunkt Essen-Katernberg. Die Geschichte dieses Stadtteils und der Zeche sind eng miteinander verknüpft, und die hohe Arbeitslosenquote hier ist ein Hinweis darauf, dass der Strukturwandel noch lange nicht restlos vollzogen ist.

Zwischen den aufpolierten alten Stahlgerüsten und den grauen Katernberger Häuserblocks steht der zweigeschossige Backsteinbau der ehemaligen Waschkaue. Schon in den 1990er Jahren engagierte sich Stefan Hilterhaus, damals als freier Tänzer und Choreograf tätig, für den Ort. Zeitgleich formierte sich die Kultur Ruhr GmbH, eine Initiative des Landes NRW, regionale Kulturmittel zu bündeln. Man trug Hilterhaus die Konzeption und Leitung der "Tanzlandschaft Ruhr" an, einem zunächst auf zwei Jahre begrenzten Projekt.

Gastspiele, Ausbildung, Eigenproduktionen

Das Tanzlandschaft-Konzept kam dem heutigen PACT-Programm schon sehr nah. "Von vorne herein sollte es Fort- und Weiterbildung geben, Symposien sowie Produktionsförderung für Künstler", sagt Hilterhaus. Auf PACT werden etablierte und junge Künstler gefördert, Workshops, Symposien und Residenzen organisiert und  künstlerische Arbeiten auf der Grenze von Tanz und Performance produziert und präsentiert – beispielsweise ist Laurent Chétouanes "Bildbeschreibung nach Heiner Müller" hier entstanden, die jüngst beim Festival "favoriten 08 – Theaterzwang" ausgezeichnet wurde. Die britische Performancegruppe Forced Entertainment, die belgische Needcompany und die Choreografin Meg Stuart sind regelmäßig zu Gast.

Entstanden ist das Haus letztlich aus der Zusammenlegung zweier Institutionen unter dem Dach der Waschkaue, des 2000 begründeten "Choreografischen Zentrums NRW" – recht kurz von Susanne Linke geleitet – und der "Tanzlandschaft". Stefan Hilterhaus wurde nach Linkes Weggang aufgefordert, ein Gesamtkonzept zu entwickeln. Geschäftsführer ist seither Dirk Hesse, der, nach dem Jahresetat des Hauses befragt, zu einer kniffligen Rechnung ausholt.

Infrastruktur und Personal werden von der Stadt Essen, dem Land NRW und der Kultur Ruhr GmbH gefördert, die 2008 gemeinsam rund 725 000 Euro in den Säckel packten. Die fehlenden 20 Prozent zur Kostendeckung der Institution wurden, vor allem durch Einnahmen aus Ticketverkauf und Vermietungen, selbst erwirtschaftet. Die Förderung der künstlerischen Arbeit kommt von der Kultur Ruhr GmbH und beträgt 440 000 Euro pro Jahr. "Hier wird mit spitzer Feder gerechnet", bestätigt Hilterhaus.

Strahlkraft weit übers Ruhrgebiet

Dass das Low-Budget-Projekt seine Strahlkraft entwickeln konnte, ist wohl in erster Linie seiner durchdachten Konzeption und dem engagierten Team zu verdanken. Schlagkräftige Zahlen belegen die Bedeutung des Hauses als internationale Produktionsstätte: Pro Jahr gibt es rund 600 Gastspiele von PACT-Produktionen in über 20 Ländern.

Wenn Stefan Hilterhaus die Kaue als "sehr talentiertes Haus" bezeichnet, ist das kein Scherz, sondern ziemlich treffend, denn die weiten, hellen und flexibel nutzbaren Räume ermöglichen vieles. Bei Symposien wie den "Explorationen" werden hier ganze Wochenenden verbracht. Vierzig bis sechzig Künstler, Wissenschaftler, Studierende und Pädagogen bevölkern dann die Kaue, hören sich Vorträge an, nehmen an Workshops teil und finden sich zum gemeinsamen Essen im Foyer ein.

Das Symposium ist Teil des 2006 gestarteten "Tanzplans Essen 2010", einem Projekt im Rahmen des "Tanzplans Deutschland" der Kulturstiftung des Bundes. Stefan Hilterhaus und Projektleiterin Isabel Pflug interessieren sich besonders dafür, wie man die künstlerische Ausbildung im Besonderen und Lernprozesse im Allgemeinen neu erkunden, vielleicht sogar neu erfinden kann. "Mich beschäftigt", so Pflug, "warum Lernen in unserer Gesellschaft so problematisiert ist und häufig eher mit Frust als mit Lust besetzt ist. Bei den Explorationen dagegen soll ein Raum entstehen, in dem lustvoll gefragt, gelernt, verworfen und diskutiert wird."

Förderung von Neuem, nicht Reproduktion des Bewährten

Ohnehin geht das Denken strikt vorwärts auf PACT, hier soll Platz für Entdeckungen und neue Erfahrungen eingeräumt werden, nicht für die Reproduktion von Bekanntem und Bewährtem. "Es geht wirklich um die Förderung der Kunst als Form, als Formgebung, als Behauptung", so Hilterhaus, "wir sind nicht darauf bedacht, etwas zu bedienen oder aufzugreifen, das es schon gibt. Dinge zu tun, die es noch nicht gibt, ist das Grundprinzip unserer Arbeit. Wir haben den Auftrag, in Kunst zu investieren, zu produzieren und nicht nur einzukaufen. Und ich finde es total spannend, nicht zu wissen, was dabei herauskommt."

Die Überschreitung der eigenen professionellen Grenzen, die vielberufene Interdisziplinarität ist auch hier Thema – "Wir wollen den vergleichsweise kleinen Tanz- und Performancebereich mit anderen Wissensbereichen zusammenbringen und ihn so gesellschaftlich verorten. Etwa, indem man die Bedeutung von Körperräumen für die Architektur auslotet." Oder indem man junge Tänzer, bildende Künstler und Medienkünstler zusammenbringt, so geschehen beim achttägigen Hochschulaustausch "Agora" 2007.

Auch wenn diese Grenzüberschreitungen nicht frei von Reibung sind, entstehen langfristige Kooperationen – beispielsweise organisierten Studierende der Frankfurter Städelschule und des Londoner Goldsmiths College nach der "Agora" gemeinsame Ausstellungen in beiden Städten. So bewegt sich das windschnittige Essener Haus auf zahlreichen Spielplätzen und -bühnen, nimmt eine neugierig suchende und forschende Haltung ein und bringt Menschen unterschiedlichster Profession zusammen, um die Welt zu befragen. Das macht es zu einem hochspannenden Ort und lässt es als Investition in die Zukunft erscheinen.

 

www.pact-zollverein.de

 

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