Postkoitale Bekenntnisse

von Brigitta Niederhauser

Bern, 30. Dezember 2008. Wenn zu guter Letzt die ausgestopfte Wildsau auf der Bühne einen Salto mortale hinlegen würde, das Putschauto enterte und mit Blaulicht davonraste, so würde das einen nicht weiter verwundern. Denn in den hundert Minuten zuvor hat die junge Regisseurin Antje Thoms so hemmungslos die Trick- und Gag-Kiste geplündert, dass nicht einmal mehr Augenschließen hilft, um in Lola Arias' verstörenden Text einzutauchen, in dieses Niemandsland der Verlorenen, wo Tod und Liebe eins und im Russischen Roulette jene die Verlierer sind, die lebend davon kommen.

Paranoia der Liebe

In der Trilogie "Revolvertraum/ Striptease/die Liebe ist ein Heckenschütze" der  32-Jährigen argentinischen Autorin kommt die Liebe als Himmelsmacht und so verheerend wie eine Atombombe daher. An halluzinatorische Fieberträume erinnern Lola Arias' Geschichten, aus einer nicht allzu fernen Zukunft, in der nichts mehr funktioniert und mit dem Ausfall von Strom und Wasser auch die Konventionen samt Selbstbetrug abhanden kommen. Ohne große Worte werden die Konturen der Realität genauso aufgelöst wie jene der Angst und der Träume, und in den postkoitalen Bekenntnissen verschwimmem vollends die Grenzen zum Andern.

Wie heftig diese Auflösungserscheinungen sind, zeigt gleich im ersten Teil "Revolvertraum" der Entschluss der 16-Jährigen, die im Bett ihres Liebhabers Nr. 46 von der Liebe übermannt wird. "Ich habe eine Idee: ich werde auf dich schiessen. Wenn es ein Traum ist, wache ich auf; ich werde dir den Traum erzählen und wir werden darüber lachen. Wenn ich nicht aufwache, werde ich mir den Revolver in den Mund stecken und noch einmal abdrücken." Den Revolver, den der Mann seiner jungen Geliebten überlässt, hat er einst der Mutter seines Kindes geschenkt.

Arias' Intensität im Angesicht des Todes

Dieser Liebhaber ist von Beruf Schauspieler, mit einer Vorliebe für die Figur des Don Juan; er verbindet die Geschichten der Trilogie. Am Telefon mit der Ex weidet er sich an der Vergänglichkeit und der Endgültigkeit, und später ist er zusammen mit anderen Desperados dazu verdammt, in seinem langjährigen Alptraum aufzuwachen. Wie er und seine 16-Jährige Liebste sich im Dunkeln einer Liebe stellen, mit der beide nicht gerechnet haben, ist die stärkste Nummer der Trilogie, die vor allem durch ihre suggestiven Stimmungen überzeugt. Schlafwandlerisch sicher skizziert Lola Arias, der eine grosse Zukunft als Theatermacherin prophezeit wird, in ihren virtuose Etüden eine Liebe, deren Intensität sich nur im Angesicht des Todes aushalten lässt. "Verliebte sind wie Spielsüchtige, sie können nicht aufhören, bis sie nicht alles verloren haben, und selbst dann spielen sie weiter", heißt es einmal. 

Eine ultimative Sicht, die in der deutschsprachigen Erstaufführung des Berner Stadttheaters in den Vidmarhallen aber dem Publikum nicht zugemutet wird. Denn Antje Thoms tunkt den fragilen Stoff in viel grellen Klamauk, und die sechs Schauspieler und Schauspielerinnen werden nonstop angehalten sich aufzuführen, als gälte es, eine drittklassige Broadway-Truppe zu persiflieren.

Boxkampf, Showtrubel, zuviel Treiben 

"Die Liebe ist ein Boxkampf, die Liebe ist Schauspielerei, die Liebe ist ein Krieg, die Liebe ist ein Heckenschütze, die Liebe ist mein Name, die Liebe ist ein tödlicher Unfall" – das alles will auf der Bühne handfest inszeniert werden. Ein Spagat hier, ein Boxkampf dort, und vom Jahrmarktstrubel angesteckt wird auch der Keyboarder, der erst mit Leonard Cohens "The end of love" eine durchaus passende Tonspur ins blaue Nichts der tödlichen Sehnsüchte legt, dann aber immer stärker als Alleinunterhalter aufdreht.

Je lauter und hemmungsloser auf den Putz gehauen wird, desto lächerlicher werden die Figuren und umso bemühter wirkt ihre Show. Dem Treiben widersetzt sich nur die Organisatorin des russischen Roulettes, ein kleines rothaariges Mädchen, gespielt von einer Elfjährigen, der es mit ihrem fast trotzigen Ernst stellenweise gelingt, zu Lola Airas' Text vorzudringen. "Liebe ist ein Striptease", sagt die Stripperin einmal, die sich auch nach der einzigen Kugel im Revolver sehnt. "Aber du ziehst nicht nur die Kleider aus, sondern du reisst dir auch die Organe aus dem Leib, das Herz, das Gehirn, der Magen." Einen Metzger mit blutiger Schürze auf die Bühne zu bemühen, darauf hat Antje Thoms wenigsten verzichtet.

 

Revolver-Traum/Striptease/Die Liebe ist ein Heckenschütze
von Lola Arias. Deutsche Übersetzung: Margit Schmohl
Regie: Antje Thoms, Dramaturgie: Matthias Heid, Bühne: Romy Springsguth, Musik: Michael  Frei, Licht: Reto Dietrich. Mit: Hentriette Cejpek, Sebastian Edtbauer, Sabine Martin, Ella Sägesser, Andri Schenardi, Milva Stark, Stefano Wenk.

www.stadttheaterbern.ch

 

Mehr lesen? Die argentinische Uraufführung der Trilogie war 2007 beim Steirischen Herbst in Graz zu Gast. Lola Arias und Stefan Kaegi von Rimini-Protokoll entwickelten gemeinsam ihr umjubeltes Polizistenprojekt SOKO São Paulo, das im Winter 2007 beim Münchner Spielart Festival zu sehen war. Im Sommer 2008 realisierten sie in Lausanne ihr Stück Airport Kids.

 

 
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