Altherrenjause mit Nagelfeile

von Eva Maria Klinger

Wien, 3. Januar 2009. Die Erregungen um Thomas Bernhards Stücke, um deren testamentarisch verfügtes Aufführungsverbot in Österreich und um die Aufhebung dieses Verbots sind Geschichte. Die Proteste wichen der Wertschätzung. Als gehütetes Kleinod werden zynische Sentenzen und Monstrositäten im rhythmisch fließenden Text längst in der Schatzkammer österreichischer Dichtkunst bewahrt. Kein Entsetzen mehr, nur Heiterkeit verbreitet sich, Glück allenthalben, wenn eine Aufführung gelingt, was selten geworden ist.

Als Minetti noch im Schlafanzug kroch

Das Bernhardsche Figurenarsenal lebt in Hyper-Realismus. Die Empörung über nichtigste Alltäglichkeiten schraubt sich in furioser Künstlichkeit hoch, die kleinsten Missgeschicke lösen totale Verzweiflung aus, das Scheitern an den eigenen Ansprüchen ist zwar tragisch, aber unendlich lächerlich. Vor 25 Jahren hat Claus Peymann "Der Schein trügt" in Bochum uraufgeführt. Ein Gastspiel in Wien wurde mit einer standing ovation gefeiert, die nicht nur den Schauspielern Bernhard Minetti und Traugott Buhre galt, sondern auch Peymanns bevorstehendem Burgtheater-Engagement.

Die Skurrilität, die schrullige Verstiegenheit, der absurde Witz, mit dem Minetti diesen schlaffen alten Mann in langen Unterhosen antrieb, bleiben ein Meilenstein. Karl und Robert, zwei ausgediente Darstellungskünstler, treffen einander jeden Dienstag bei Karl, dem einstigen Teller-Jongleur und jeden Donnerstag bei Robert, dem ehemaligen Provinz-Schauspieler. Sie sind keine besessenen Ungeheuer wie andere Bernhard-Schöpfungen, sie sind Seiltänzer, Sonderlinge.

Schräge Tisch- und Stuhlbeine

Widerwillig halten sie die wöchentlichen Termine ein, weil die Nichteinhaltung die völlige Isolation bedeuten würde. Aber der Schein, dass ihre Zusammenkunft sie zusammenführt, trügt. Die versuchte Annäherung mündet in Entfernung. Sie sind "Selbstgesprächskünstler" geworden, wenn man davon absieht, dass Karl mit seinem angeblich halbblinden Kanarienvogel spricht.

Die Dialoge mutieren zu Selbstgesprächen, Rechtfertigungen, Selbsttäuschungen. Warum hat die kürzlich verstorbene Mathilde das Wochenendhaus nicht ihrem Lebensgefährten Karl, sondern dessen Halbbruder Robert vermacht? So oft er diese quälende Frage auch stellen mag, Karl findet bis zuletzt keine Antwort.

Nicolas Brieger ist kein Regisseur, der einen Text auf die Spitze zu treiben vermag. Somit fehlt der Unternehmung jener Wahnwitz, der das Mittelmaß dieser beider  Existenzen lächerlich machen könnte. Das Absurde reduziert sich auf schräge Tisch- und Stuhlbeine. Natürlich ist die Bühne des Burgtheaters viel zu groß für das Zwei-Personenstück. Warum auch muss es dort stattfinden?

Weniger wendige Artisten, wenig Unermessliches

Mathias Fischer-Dieskau hat mit schwarzlila Wänden die Bühne zugebaut, hinter einer erhöhten Kinoleinwand-ähnlichen Öffnung liegt im zweiten Akt Roberts Wohnung, eine Art Guckkastenbühne, denn Robert war Schauspieler. Das hätten wir fast vergessen. Ohne den geschliffen scharfen Zugriff eines Regisseurs erleben wir eben nur eine gemütliche Jause im Alterssitz.

Martin Schwab ist ein Schmerzensmann, ein liebenswerter, vom Schicksal Gebeutelter. Knieweich und gekrümmt schleppt er sich über die Bühne. Sein Karl leidet an den Versäumnissen seines Lebens, an den nicht erreichten Erfolgen (nur ein einziges Mal konnte er statt der üblichen 21 Teller 23 jonglieren), er leidet an seiner Altersschwäche, er leidet unter Mathildes Ableben.

Nur dann und wann, wenn er seine Verzweiflung ins Unermessliche steigert, wenn er sich ausweglos dem gleichförmigen, dennoch erschöpfenden Alltag ausgeliefert sieht, wenn seine Resignation kämpferischer Bitterkeit weicht, wird die große Tragik des kleinen Lebens komisch. Michael König hat als Halb-Bruder Robert den kleineren Part. Pampig und herablassend lässt er die Dienstag- und Donnerstag-Treffen über sich ergehen, ein eitler, allzu gelangweilter Provinzschauspieler. Angesichts solcher Unvollkommenheit war das von Thomas Bernhard einst verfügte Aufführungsverbot ein weiser Entschluss.

Der Schein trügt
von Thomas Bernhard
Regie: Nicolas Brieger, Bühne: Mathias Fischer-Dieskau, Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Britta Kampert. Mit: Martin Schwab, Michael König.

www.burgtheater.at


Mehr Thomas Bernhard? Oliver Reese hat im Oktober 2008 Ritter, Dene, Voss am Deutschen Theater Berlin inszeniert. Am Ziel kam im Juni 2008 in München zur Premiere unter der Regie von Thomas Langhoff. Und anlässlich der Salzburger Festspiele hat Autor Bernd Noack in einem Essay das Verhältnis zwischen Stadt und Schriftsteller beleuchtet.

 

Kritikenrundschau

Von "der großen Show, die Bernhard mittels vorgeschraubter Tiefsinnigkeit gerne zu verstecken trachtete", sei "nur mehr punktuell etwas zu spüren", klagt Margarete Affenzeller im Standard (5.1.2009) über die Wiener Neuinszenierung von Thomas Bernhards "Der Schein trügt" in Nicolas Briegers Regie, wobei die Rezensentin nicht zuletzt den "Vergleich zu den Uraufführungsdarstellern Bernhard Minetti und Traugott Buhre anno 1983" im Hinterkopf hat. "Die oft mit barocken Kompositionsprinzipien verglichene Technik Bernhards, unnachgiebig und in steigender Intensität kategorische Behauptungen aufzustellen", leiere in Briegers Inszenierung aus: "Die Kurzatmigkeit der Sätze, oft nur nachgeworfene Fragmente des bereits Gesagten, behandelt Brieger als lange und vor allem gleichatmige Listen. Ihre Kapazität geht dadurch verloren. Martin Schwab kann davon nur wenig gutmachen."

In der Presse (5.1.2009) lobt Norbert Mayer die Darsteller: Martin Schwab spiele sein Solo "großartig, es fordert seine ganze Kunst". Und Michael König beherrsche "den Übergang von reiner Eitelkeit zur absoluten Verlorenheit, sein Spiel ergänzt das auffälligere von Schwab ideal." Doch die Darstellung des Verfalls sei "auch anstrengend für den Zuschauer". Und der Regisseur Nicolas Brieger habe "die Tiraden getreu, aber doch zu verhalten inszeniert".

"Nicolas Brieger inszeniert diesen Text für zwei alte Theaterhasen und einen Kanarienvogel im Burgtheater sehr brav vom Blatt", schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.1.2009). Kaum eine Zeile sei  gestrichen, nur Roberts Anspielung auf Bernhard Minetti, der zusammen mit Traugott Buhre in der Uraufführung unter Claus Peymann in Bochum 1984 den Karl verkörperte, fehlt. "Das wie bei Bernhard gewohnt recht derbe Sprachspiel steht und fällt mit den beiden Darstellern." Martin Schwab als Karl überzeuge "erst im Zusammenspiel mit Michael König". Man glaube Schwab, dass er als degoutant empfindet, die Lesebrille, durch die er Voltaire liest, auch zum Nägelschneiden benützen zu müssen, "aber seinem Karl glaubt man das nicht wirklich". König gebe vom ersten Augenblick an einen genervten Robert. Er "rollt er mit den Augen, wenn Karl seine endlosen Monologtiraden vom Stapel lässt, greift lieber zu einem Buch, statt zuzuhören, wendet sich einmal gar zum Gehen, bleibt aber, weil er das lästige Geschwister doch für sein einsames Leben braucht. Da blüht dann auch Schwab richtig auf, ein großartiger Ensemblespieler, aber als Einzelkämpfer in diesem Stück wirkt er ein bisschen hilflos."

 
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