Himmelfahrt nach unten

von Simone Kaempf

Berlin, 7. Januar 2009. Das große Pappstück wird ineinander gefaltet, zwei Arbeiter ziehen Schrauben an, und schon wird die Karosserie nach vorne geschoben: mit einem großen Blumenbouquet als Kühlerfigur. "Wagen Nummer eins feiert Hochzeit", moderiert der Fertigungsleiter auf der Hinterbühne des Hebbel am Ufer. Hochzeit heißt hier, dass sich Fahrgestell und Karosse vereinen.

Während des kleinen Festakts wird das Lenkrad in die Karrosserie gesteckt, derweil eine der Besucher-Führerinnen liebevoll die Kühler-Kurven abwedelt. "Car body" würden die Amerikaner dazu sagen. So ein Auto ist ja tatsächlich irgendwie auch ein Körper: Stoßstange und Scheinwerfer ergeben ein Gesicht, agressiv zähnefletschend oder nett lächelnd. Dieses Pappauto-Gesicht ist jedenfalls der freundliche Kindchen-Schema-Typ.

Ungebremst durchs Leben

Dass der Traum vom gesellschaftlichen Fortschritt mal von so einer Blechschachtel erfüllt werden sollte, hat jetzt, wo dem Automobil Sprit und Spirit ausgehen, etwas besonders Anachronistisches. Dabei soll die Szene an diesem Abend ja auch etwas von der allmählichen Perfektionierung und Verfeinerung der Fertigungsmethoden demonstrieren, von einer Baukunst, die allmächtige Beweglichkeit anstrebt, die eine Illusion von Freiheit vormacht, und den Menschen ungebremst durchs Leben bringt.

"Auto" heißt der Abend von Gesine Danckwart, in den viel Recherchematerial und viele Gedanken zur Mobilität eingeflossen sind. Und auch viel metaphorische Beladung des Automobils. Dessen von Menschen geschaffene Kraft schlägt ja immer wieder mächtig auf ihn selbst zurück – und das schon lange bevor Finanz- und Rohölkrise so ungut zusammentrafen.

Im Filmintro, mit dem der Abend im HAU 1 auf einer Videoleinwand beginnt, schafft es das Auto anfangs noch, sich in die Lüfte zu schwingen. Auf einer Spritztour fährt man durch eine virtuelle Computerlandschaft aus Wegen, Wiesen und Bergen. Vom Schritt über Pferdegalopp bis zum Achterbahngefühl wird das Tempo schneller. Dann hebt das Auto tatsächlich ab gen Himmel und die Schwerkraft scheint überwunden. Aber als sei da ein Ikarus zu hoch geflogen, folgt bald der Absturz ins Meer.

Die drei Schauspieler, die jetzt auf die Bühne kommen, fühlen sich auch nicht gerade wie auf Wolke sieben. Die eine (Caroline Peters) sieht zwar den Fortschritt in sich angelegt, findet sich aber nicht mehr zu reparieren. Auto ist, wenn es läuft, referiert sie diskursgesättigt. Die andere (Mariel Jana Supka) will endlich "dieses Auto im Kopf" loswerden. Und Arnd Klawitter als Dritter lässt zwar ein kleines Auto vor einem Foto durch die Park Avenue cruisen, klagt aber, dass am Ende niemand mehr da ist, wenn man selbst immer weg ist.

Identitätssuche und Besichtigungstour

Das Auto ist in der Krise, der Mensch ist es auch. Die Sehnsucht nach Selbstbewegung aber ist geblieben – das erzählt Gesine Danckwart in diesen Szenen sehr schön. Und doch verliert der Abend immer mehr an Fahrt, wenn sich die Schauspieler dann als Führer entpuppen, die das Publikum durch die Produktionsanlage leiten sollen. Die Hinterbühne teilt sich dafür nun in Fertigungshalle und Showroom. Im Rang gibt es ein Oberservationdeck, auf das man während der Besichtigungstour geführt wird – und das man ratlos wieder verlässt. In Zeiten der designten Autostadt, in der man seinen Neuwagen direkt am Band abholen kann, mag Autoproduktion auch eine Inszenierung sein. Aber so auf die Bühne transferiert ergibt das keinen Erkenntnisgewinn.

Noch schlimmer aber, dass die Schauspieler als Führer der Besichtigungstour in selbstreflexive Exkurse verfallen, dass auch das Theater eine Fertigungsstätte sei, in der getaktet gearbeitet wird und kontinuierliche Verbesserungsprozesse ablaufen. Die Identitätssuche, um die es hier im Grunde ja geht, verläuft sich im diffusen Gemurmel von Krise, Krise, Krise und kann auch mit dem dritten und als letztes produzierten Wagen des Abends nicht mehr gutgemacht werden. Zum Song "Turn the car on" wird die Karosse gewendet, hochgeklappt und dann nahtlos in einen Unfall verwickelt, der sein Dach zerdrückt. Das Auto wird zum Wrack, aber man weiß nicht, wer Unfallopfer und wer der Unfallfahrer ist. Dabei hatte sich Caroline Peters eben noch kräftig auf dem Fahrersitz geschüttelt und nach Erlösung verlangt.

Das hochneurotische Verhältnis zwischen Mensch und Auto stand eindeutig Pate für den Abend, das Ergebnis ist einfach eine Spur zu nett ausgefallen. Wo der aggressive Autofetischismus einst die Schnittstelle zwischen der Beschleunigung des Alltags und einer radikal sich verändernden Weltwahrnehmung war, herrscht jetzt milde Abschieds-Stimmung. Wie werden wir verreisen? fragt Arnd Klawitter einmal kurz. Werden wir sicher, möchte man ihn trösten. Aber Benzin ist dann nicht mehr der Treibstoff im Tank, und man muss sich endlich damit abfinden, dass Autos keine Flügel wachsen.


Auto
Text und Regie: Gesine Danckwart, Bühne: Doris Dziersk, Kostüme: York Landgraf, Mitarbeit Kostüme: Shirley Will, Video: Victor Morales.
Mit: Caroline Peters, Mariel Jana Supka, Arnd Klawitter, Andreas Keßler, Martin Unger, Sabine Krien.

www.hebbel-am-ufer.de


Mehr Gesine Danckwart? Zuletzt inszenierte die Dramatikerin und Regisseurin im April 2008 in den Berliner Sophiensaelen ihr Stück Ping Pan Tales.

 

Kritikenrundschau

Hartmut Krug meint auf Deutschlandfunk (8.1.2009), dass die Produktion "Auto" im Berliner Hebbel-Theater von "müder Nettigkeit statt von analytischer Genauigkeit" sei, und nur gelegentlich sei sie wenigstens amüsant. Es gebe bei der Autorin und Regissuerin Gesine Danckwart "weder Psychologie noch Geschichten, sondern nur Gedankensplitter und Gerede über Realität. Doch die gewählte große Form der Bespielung des gesamten Hauses, erschlägt die dünnen Texte und die sparsame szenische Aktion. Wenn die drei Präsentatoren auch noch Parallelen zwischen Auto- und Theaterproduktion behaupten und das Theater mit seinen einzelnen Bauteilen zum Autowerk erklären, verharmlost sich der kaum anderthalb Stunden lange Abend zum Schmunzel-Kabarett." Die "schmale Aussage" des Abends habe man früh begriffen: "Das Auto als Fetisch und Symbol für unbegrenzte Beweglichkeit ist vom Absturz bedroht."

Was Gesine Danckwart "eigentlich mit ihrer theatralischen Exkursion zeigen oder beweisen will", wird Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen (9.1.2009) nicht klar. "Zugegeben", schreibt er, manchmal sei Danckwarts "Auto" "ein bisschen komisch und gelegentlich ein wenig neckisch und anekdotisch. Aber irgendetwas Neues erfahren wir nicht, weder über die Abgründe der Auto-Gesellschaft noch über die Gründe, warum das Auto Gegenstand künstlerischer Anstrengungen sein soll." Und so bedauert er die Schauspieler, die sich redlich mit hirnrissigen Worthülsen mühten.

 
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