Ein raffinierter Naturalist

von Andreas Klaeui

Paris, 9. Januar 2009. Wozu ist es gut, ein Star zu sein, wenn nicht dafür? Zu sagen: Nein, ich bin noch nicht bereit, wir verschieben die Premiere. Thomas Bernhards "Minetti" mit Michel Piccoli in der Titelrolle hätte am 9. Dezember im Théâtre Vidy-Lausanne herauskommen sollen. Es sei mehr Zeit für Proben notwendig geworden, teilte das Theater kurz vor dem Termin mit – und die Premiere fand nun einen Monat später am ersten Tourneeort statt, im Théâtre National de la Colline in Paris. Lausanne hat das Nachsehen (im wörtlichen Sinn), da steht Piccolis "Minetti" nun erst im April auf dem Spielplan.

Das Stück ist im Grunde ja auch nichts als ein monströser Monolog. Thomas Bernhard hat ihn für den Schauspieler Bernhard Minetti geschrieben; 1976 war die Uraufführung (in der Regie von Claus Peymann in Stuttgart, und damals wollte Bernhard noch, dass nie jemand anderer die Rolle spielen sollte).

Die Kunst, die Komödie, der Tod

Minetti im Text ist ein abgehalfterter Schauspieler, in der Halle eines Hotels in Oostende wartet er auf den Schauspieldirektor von Flensburg, da soll er noch einmal den Lear spielen, "in der Maske von Ensor", seinem Fetisch, den er immer bei sich hat (James Ensor, dem belgischen Masken-Maler, sei er einst in diesem Hotel begegnet, er lebte in Oostende). Auch war er einst selbst Schauspieldirektor, in Lübeck, bevor er sich "endgültig der klassischen Literatur verweigert" hat und man ihn vom Theater vertrieb: "Alle diese am Meer gelegenen Städte stinken", hält er fest, "aber in Lübeck stinkt es am mitleidlosesten".

Nun kommt er aus Dinkelsbühl ("wenn Sie wissen / wo das ist meine Dame"), was für französische Zungen fast nicht zu artikulieren ist; da wintert er seit dreißig Jahren Kraut ein und flicht Zwiebelzöpfe. Es schneit in Oostende, es ist Silvester, Minetti wartet. Natürlich kommt der Schauspieldirektor aus Flensburg nicht, am Ende wird Minetti die Learmaske überziehen und sich im Sturm draußen einschneien lassen, aber im Warten redet er nun, schwadroniert, schimpft: über die Vergangenheit, die Kunst, die Komödie und die Tragödie, die Welt und den Tod.

Es sind die Bernhard-Themen und die Bernhard-Tiraden – und sie beziehen ihre Spannung hier ganz stark aus der Dialektik von Vorführung und Vorführendem, von Stillestehen, Vergangensein, Nachhängen, die auf der Bühne doch nur Futter sind für einen Schauspielkünstler, der durchaus noch lebt, überhaupt nicht zur Ruhe gekommen ist und lieber an zukünftige als an vergangene Möglichkeiten denkt. "Monstres sacrés" sind (waren) beide, Bernhard Minetti wie jetzt Michel Piccoli – der, nebenbei, mit seinen dreiundachtzig Jahren zwölf Jahre älter ist als Minetti seinerzeit bei der Premiere. Vor der Premiere meinte Piccoli trocken, es wäre natürlich schön, mit "Minetti" als Schauspieler aufzuhören. Nur würde ihn dies in seiner Zukunftsplanung doch ein wenig einschränken.

Shakespeare – J'expire – Ich erlösche

Die Aufführung war ja auch mehr als Spaß gedacht. Vor zwei Jahren spielte Piccoli in André Engels Regie den Lear, die Fortsetzung war also nichts als folgerichtig. Und wie jeder gute Spaß wird sie mit großem Ernst betrieben. Michel Piccoli ist kein Darsteller der Larmoyanz oder der Sentimentalität. Er ist auch kein Verwandlungsschauspieler – er bleibt Piccoli. Er ist kein "Geisterkopf", wie ihn Thomas Bernhard in Minetti gesehen hat, er ist ein Filmschauspieler. Ein Naturalist, ein Darsteller der kleinen Raffinessen, der Nuancen, der vielsagenden, aber immer auch zurückhaltenden, dezenten, fast diskreten Gesten, einer, der, den Blick nach innen gerichtet, immer auch Distance und eine elegante Ironie beibehält. Er kneift die Augen zusammen, er lässt die Worte auf der Zunge kreisen, wie einen alten Wein. Einen gut gelagerten, starken alten Wein: der anfangs zwar noch eine Spur spröde wirkt, einen konzentrationsschwachen Moment lang gar Angst macht, er könnte brechen, doch dann immer runder wird und immer mehr großartige Facetten entfaltet.

Der samtrote Theatervorhang hebt sich auf der Bühne von Nicki Rieti über einem Grandhotel von abgelebtem Glanz, der Glitterbuchstabengirlande "Bonne Anne" fehlt ein "é", der Weihnachtsbaum in der Ecke ist schon lang erloschen. Impéccable aber ist der Service, und wenn Michel Piccoli der Text ausgeht, ist der Concierge (Gilles Kneusé) auch damit diskret zur Hand. Unscheinbar kommt Piccoli herein, ein kleines Schütteln von Hut und Mantel, fast schüchtern stellt er sich vor: "Minetti". Immerzu scheint er sich und seine Kunst zu entschuldigen in dieser ersten Szene, und jedes Mal, wenn er "Shakespeare" sagt, tönt es auch wie "J’expire", ich erlösche.

Verführerisches Leuchten

Fahrig, mit trippelnden Schritten, halben Bewegungen spielt Piccoli dies, mit brüchiger Stimme, die dann aber auch ungnädig werden kann und barsch und dezidiert – so hart, dass die Dame mit der Affenmaske, die da ähnlich furios trinkt wie Minetti redet (Evelyne Didi), im Schreck ihren Champagner überm Kanapee verschüttet. Und in der dritten Szene, gegenüber dem jungen Mädchen (Julie-Marie Parmentier), wird er wieder ganz weich und elastisch, ein verführerisches Leuchten in den nun ungemein lebhaften Augen. – Großartig ist das anzuschauen.

André Engel gibt ihm Raum, dem Schauspieler und seinen Worten, und zeigt mit beiläufigen, aber klaren Setzungen das Skandalon, das dieser Künstler, das die Kunst schlechthin für die Gesellschaft darstellt. Exakt in der Mitte der Bühne steht die ganze Zeit anstößig und unverrückbar, unantastbar der Koffer mit Ensors Maske – und will ihn jemand wegtragen, zieht er ein Minetti'sches Zorngewitter auf sich. Das Hotel-Publikum, eine maskierte und deformierte, verzwergte Gesellschaft, kann darüber nur indigniert den Kopf schütteln. Aber Minetti harrt aus und lässt sich nicht beirren. Und nach eineinhalb Stunden berauschenden Genusses ist die Flasche ausgetrunken. Was bleibt, ist Bodensatz. Kein Ende im Sturm, kein finales Schneeverwehen – André Engel lässt dieses Nachspiel weg. Statt dessen lässt er Minetti in der Hotelbar ausharren. Nachdenklich sitzt er auf seinem famosen Koffer. Da wartet er nun und horcht – in die Zukunft.

 

Minetti
von Thomas Bernhard
Texte français: Claude Porcell
Regie: André Engel, Bühne: Nicki Rieti, Licht: André Diot, Kostüme: Chantal de la Coste-Messelière. Mit: Evelyne Didi, Gilles Kneusé, Arnaud Lechien, Julie-Marie Parmentier, Michel Piccoli

Theâtre Vidy-Lausanne
Théâtre National de la Colline


Mehr Thomas Bernhard, dessen Todestag sich 2009 zum zwanzigsten Mal jährt? Am Wiener Burgtheater versuchte sich Anfang Januar Nicolas Brieger an der schwarzen Komödie Der Schein trügt. Im Sommer 2008 inszenierte Thomas Langhoff in München Am Ziel mit Cornelia Froboess.

Kritikenrundschau

Thomas Bernhards Protagonisten bestünden "immer nur allein aus Kunst und Theater, umgeben von einigen, in der Regel stummen, aber von Wirklichkeit strotzenden Figuren. Diese Wirklichkeit braucht das realistische Dekor, die realistische Inszenierung", meint Eberhard Spreng auf Deutschlandfunk (11.1.2009). Folgerichtig habe Nicki Rieti, der Bühnenbildner der Produktion "Minetti" am Pariser Théâtre de la Colline, ein Hotelfoyer gebaut. In der Regie von André Engels spiele Michel Piccoli den Minetti "als greises Kind, das mit großen Augen verständnislos in die Welt" blicke. "Stellenweise meditativ, wie ein verhaltenes Parlando klingen einige der Passagen, und ein wenig hat sich in Michel Piccolis Spiel am Abend der Premiere die Angst vor Stück und Text gemischt". So offenbare sich aber auch "ein Aspekt des Stücks, das Bernhard hätte gefallen können: der darstellende Künstler in seiner Urangst, am eigenen Handwerk zu scheitern."

Es sei nicht angenehm "dem betagten Piccoli (…) beim Zernuscheln des Textes" zuzuschauen, meint Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (12.1.2009), es sei "aber "auch nicht speziell unangenehm (was zu Bernhard besser passte), sondern bloss langweilig". Ohnehin sei "Minetti" trotz der Anhäufung komischer Absurditäten, nicht Thomas Bernhards bestes Stück. Und Piccolis Gestaltungsphantasie reiche nicht aus, "um ohne Antagonisten seine Rolle aufzubauen und durchzukonstruieren", er entbehre "von Anfang an jenes irritierenden Verrücktheitsgrades, der Bernhard-Figuren sonst flackern lässt". Piccolis "altväterliches Gehabe widerspiegele weder Katastrophe noch Wahnsinn" – und das sei das Hauptproblem.

Joseph Hanimann meint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.1.2009), Michel Piccoli treffe mit seinem "Kunststammeln" genau "den Ton, der in den Lücken der Monologe all das Ungesagte einer verstummten Künstlerlaufbahn mithören lässt". Dabei sei "alles Extravagante, Demonstrative, silvesterhaft Verschneite in der Minetti-Figur" hier "auf deren menschliche Normalmaße heruntergeholt. Piccolis ausladende Gestik endet immer wieder als Handbewegung vor dem Mund, als gälte es, zu groß angelegte Worte kleinzukneten". So werde der Minetti zum "Sozialfall des Künstlertums. Das kann eigentlich nur schiefgehen". Doch dank Michel Piccolis "Gespür fürs Kleingedruckte und Kleingespielte ist das Unwahrscheinliche aber geglückt, mag der Schauspieler auch über ein paar feine Sinnschwellen von Claude Porcells Textübersetzung hinwegstolpern".

"Flach, unentschieden, manchmal geradezu ärgerlich harmlos" findet Renate Klett in der tageszeitung (17.1.2009) André Engels Inszenierung. Michel Piccoli spiele seine Rolle "ganz weich, ganz verletzlich und traurig, mit zarten, kleinen Gesten und einem wundersam staunenden Kinderlächeln". Das sei zwar anrührend, bewegend, manchmal sentimental. Aber Thomas Bernhard sei das nicht. Denn Regisseur und Schauspieler kümmerte weder Stück noch "Kunstgewalttäter". Beidem trieben sie den Wahnsinn aus. Was für Klett bleibt, ist "ein höflicher alter Herr, der sein Leben lang Pech hatte, nicht ein Tyrann, der Gift und Galle spuckt." Das könne man so machen, nur sei Bernhard ohne Bernhard-Furor, ohne rechthaberischen Dünkel und wühlende Wut einfach nicht sehr interessant.

 

 
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