Postmoderne Nummernrevue

von Dirk Pilz

Bergen/Norwegen, 4. Juni 2007. Kurz vor Schluss kommt dann doch noch Hamlets Monolog. Sein oder Nichtsein. Der Schauspieler Zsolt Nagy hockt unter den Zuschauern und mampft stumme Laute. Er verzerrt das Gesicht, quält sich einzelne Sätze ab, bis die Mitspieler ihm den Text abnehmen. Dann springt Nagy auf, hält sich den Kopf und singt: "May be, I'm crazy." Also ein Verrückter?

Eher ein Schauspieler, der Gepeinigt-Sein spielt, ohne zum Gepeinigten zu werden. Einer, der seine inneren Zustände als gestische Zitate vorführt, der nie ist, was er scheint. Sein oder Nichtsein ist hier keine Frage, sondern Ansichtssache. Hamlet ist auch Ophelia, Ophelia ist auch Claudius und Claudius ist auch Zsolt Nagy. Je nachdem. Im Hauptsatz spricht Hamlet, im Nebensatz schon Ophelia.

Laborversuch mit Goethe, Ginsberg und Hamlet 

Der ungarische Regisseur Árpád Schilling hat mit seiner Kretakör genannten Truppe Shakespeares berühmteste Tragödie in 39 Einzelszenen aufgelöst. Es ist ein Schauspiel-Experiment, "hamlet.ws" genannt. Ein Laborversuch über die Haltbarkeit von Figuren jenseits fester Rollen- und Geschlechterzuschreibungen. Falls damit erwiesen werden sollte, dass man für den Nachvollzug der Geschichte lediglich drei Schauspieler, den Text und keine Requisite braucht (neben Zsolt Nagy spielen József Gyabronka und Roland Rába), ist diese Versuchsanordnung gelungen: Der knapp zweistündige Abend weiß Hamlets Fall durchaus sinnfällig, auch lust- und humorvoll zu erzählen. Er nimmt den Text als Spiel- und Assoziationsball, mischt hier ein bisschen Goethe, dort Allen Ginsberg unter und verwandelt die Vorlage in reines Zuhör-und Schaustelldrama.

Das Publikum sitzt im Quadrat um eine sehr kleine Freifläche, muss einzelne Textpassagen (auf norwegisch) vorlesen, wird von den Schau-Stellern (auf ungarisch) mit Handschlag begrüßt und immer wieder direkt angespielt. Am Schluss etwa, wenn Hamlet und Laertes sich umbringen, werden die Besucher streng ermahnt, die Augen zu schließen, um dann einen mit Mundgeräuschen produzierten Fechtkampf zu hören. Er endet (wir haben die Augen wieder geöffnet) mit einem Massenmord an den Zuschauern. Zum Spaß freilich. Denn jede Szene, jede Spielweise und Sinn-Anordnung gilt bloß momentweise, wird sofort wieder zurückgenommen, ins Gegenteil gewendet und ironisch gekontert. Nichts gilt für immer, alles ist ein Ausprobieren. Entsprechend ist hier "der Rest" kein "Schweigen", sondern ein fetziger Rap. Hamlet, eine postmoderne Nummern-Revue.

Sinn im Fußnotenformat

Das Problem ist nur: Man hat den Dreh dieser Dramaturgie schnell raus. Das Experiment führt immer wieder auf sich selbst zurück, beweist also, was es vorausgesetzt hat: die Dekonstruktionsfähigkeit des "Hamlet". Gemessen an Shakespeares Text wird damit Sinn allenfalls im Fußnotenformat produziert. Womöglich ist Schilling nicht radikal genug, indem er es letztlich nicht wagt, den "Hamlet" anzutasten, sondern ihn bloß formell umspielt. Das erstaunt bei diesem Regisseur, der sonst so beherzt auf Stücke zugreift. Mit seiner Inszenierung der "Möwe" beispielsweise. Auch sie war, wie "hamlet.ws", bei den "Nordiske Impulser" in Bergen zu sehen.

Für das wichtigste skandinavische, seit 55 Jahren existierende Theater- und Musik-Festival ist das typisch, seitdem vor zwei Jahren Per Boye Hansen die Festivalleitung übernahm. Ihm geht es weniger darum, lauter zweifelsfrei gelungene Arbeiten zu präsentieren (sollte es diese Zweifelsfreiheit überhaupt geben), sondern die Auseinandersetzung zu suchen. Es gibt hier gut besuchte Kritiker-Streitgespräche, es gibt bewusst auf Provokation zielende Gastspiele wie Calixto Bieitos Mozart-Inszenierung "Entführung aus dem Serail" von der Berliner Komischen Oper, es gibt Uraufführungen wie diejenige des neuen Jon Fosse-Stückes ("Eg er Vinden"/"Ich bin der Wind") und Auftrags-Inszenierung wie "Die Maßnahme" (hier unsere nachtkritik), deren Gelingen nicht planbar ist.

Bergen ist ein finanziell bestens ausgestatteter Festival-Ort, der den viel beschworenen Mut beweist. Bietos Nackt- und Gewalt-Mozart hat auch in Norwegen die Boulevard-Blätter erregt ("Wozu sollten wir das brauchen?" schrieb eine der Zeitungen.) Hansen lässt sich davon nicht anfechten: "Keiner muss sich eine Karte kaufen, jeder kann gehen, wenn es ihm nicht gefällt", antwortete er der erregten Presse. Die Gelassenheit speist sich aus dem Erfolg. "Die Maßnahme" etwa wurde sowohl von der lokalen und überregionalen Landespresse als auch dem Publikum gefeiert – und viel diskutiert. Die Kretakör-Gastspiele übrigens genauso.

 

hamlet.ws
nach William Shakespeare
Übersetzung: Ádám Nádasdy, mit Texten von William Blake, Georg Büchner, Eminem, Allen Ginsberg, Johann Wolfgang Goethe, Attila József, János Pilinszky. Bibelzitate aus dem "Buch der Richter"
Regie: Àrpád Schilling, Musik: Ernő Zoltán Rubik.
Mit: József Gyabronka, Zsolt Nagy, Roland Rába.

www.hamlet.kretakor.com
http://www.fib.no

 

 
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