Pubertätspuppen auf Plateau

von Sarah Heppekausen

Mülheim, 15. Januar 2009. Die äußere Handlung schildert Törleß gleich zu Beginn aus der Sicht eines auktorialen Erzählers. Laut durchs Mikrofon. Damit es auch jeder mitbekommt. Geht es Regisseur Albrecht Hirche im weiteren Verlauf doch gewiss nicht um eine stringente Wiedergabe des Musil'schen Romans.

Wer weder die literarische Vorlage gelesen, noch am Anfang genau zugehört hat, wird es wahrscheinlich nicht leicht haben, in der Mülheimer Inszenierung die ursprüngliche Geschichte zu erkennen. Denn Hirches "Verwirrungen des Zöglings Törleß", für die er nicht – wie der jüngst mit dem Faust-Theaterpreis ausgezeichnete Kristo Šagor am Hamburger Schauspielhaus – Thomas Birkmeiers Adaption verwendet hat, sondern seine eigene, stellen sich als ein grotesker Abend zwischen Travestie-Show und Karikaturen-Kabinett heraus.

Masken ihrer selbst

Auf wackeligen Füßen stehen die vier pubertierenden Internatsschüler: Sie stolzieren auf extrem hohen Plateau-Schuhen über die Bühne. Bei Törleß glitzern sie sogar: "Die sind von meinen Eltern". Ihre Kadetten-Uniform besteht aus Trainingsjacken unter karierten Anzügen, dazu eine schwarze Kappe. Mit ihren Perücken, den schwarz geschminkten Augen und den rot gemalten Lippen haben Törleß, Beineberg, Reiting und Basini ein puppenhaftes Aussehen, wie Masken ihrer selbst.

Sie marschieren im Gleichschritt, fechten oder rennen, und dabei bekommt jede ihrer Bewegungen einen parodistischen Zug. Und das liegt nicht nur an den hohen Schuhen. Jede Geste, jede Haltung wird an diesem Abend zu einer Nummer. Sogar das gleichmäßige Atmen beim Schlafen wird von einer Handbewegung begleitet.

Das wird auf die Dauer anstrengend, macht manchmal aber Sinn. Wie bei Beineberg: Sich windende Bewegungen, verdrehende Gliedmaßen und eine verkrümmte Wirbelsäule stellt sich Törleß bei Musil vor, wenn er an den Körper seines fanatischen Schulkameraden denkt. Mirco Monshausen zeigt genau das. Und in seinen stierenden Augen ist der mordlüsterne Wahnsinn zu lesen.

Dem Helden die Show stehlen

Auch Andreas Potulski als tyrannischer Reiting gibt alles: Er spricht in allen Tonlagen, vom vorpubertären Sopran bis zum tiefen Bass. Und springt am Ende sogar in den sexy Klamotten der Hure Božena über die Bühne. Sein Reiting ist nicht weniger durchgeknallt als Beineberg, da können sich die beiden auch gleich als "Schatz" anreden. Hirche zeigt nicht in ihrer Realitätsnähe bedrohlich wirkende Jugendliche, sondern die skurrilen, durch etliche Gedankenschleifen gewundenen Kopfgeburten des Jungen Törleß. Und damit stehlen sie diesem die Show und der Held Musils verliert an Tiefe.

Zum Glück lässt der Regisseur Törleß diese eine Szene vorne am Bühnenrand: Basini (Nils Lange), der von Reiting und Beineberg für Machtspielereien gedemütigt, misshandelt und sexuell missbraucht wird, soll Törleß nun genau erzählen, wie die beiden ihn gequält haben. Denn Törleß, ein stiller Mitwisser, der sich im Ernstfall auch mal die Augen zuhält oder über den Schein der Lampe philosophiert, ist doch gleichzeitig erregt. Hier kann der herausragende Marco Leibnitz endlich die zermürbende Zerrissenheit des ständig Suchenden, des sich selbst, die Philosophie, die Mathematik und das Problem der Macht in Frage Stellenden zeigen. "Wieso konntest du stehlen?" Törleß will nicht weniger als die menschliche Seele ergründen. Auch auf die Gefahr hin, dass er zu weinen anfängt.

Grölen mit Rammstein

Aber er wird gestört. Gabriella Weber, die zuvor noch als Božena die Jungen verführt und Törleß mit reichlich zusätzlichem Text und wahrsagerischen Fähigkeiten unterhalten hat, schleicht im Privat-Outfit über die Bühne. Will sie die Probe nicht stören? Und entpuppt sich Törleß, dem Basini einen Stuhl, Wasser und den Text gebracht hat, am Ende gar als Regisseur des ganzen Spektakels? Weil Musil seinen Roman schließlich auch aus dessen Perspektive erzählt hat?

Dann wirft Božena (oder wer auch immer sie jetzt ist) ihm auch noch an den Kopf, dass Mathieu Carrière in Schlöndorffs Musil-Verfilmung ein viel besserer Törleß gewesen sei. Und Beineberg im Božena-Kostüm grölt zu Rammstein: "Du bist das schönste Kind". Während im Hintergrund immer noch die Videoleinwand eine vorüberziehende, trostlose Landschaft zeigt. Der Abend ist endgültig aus den Fugen geraten. Das überwiegend junge Premieren-Publikum lacht. Und das Zitieren der äußeren Handlung vom Anfang stellt sich als Regieanweisung heraus.

 

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
nach dem Roman von Robert Musil
Regie, Bühne, Kostüme: Albrecht Hirche, Dramaturgie: Sven Schlötcke.
Mit: Marco Leibnitz, Nils Lange, Mirco Monshausen, Andreas Potulski, Gabriella Weber.

www.theater-an-der-ruhr.de

 

Von Albrecht Hirche sahen wir außerdem die Kleist-Bearbeitung Hermanns Schlacht und Der Fremde nach Camus.

 

Kritikenrundschau

"Ein schnelles Stück für junge Sehgewohnheiten von ästhetischer Machart", schreibt Margitta Ulbricht von der Mülheimer Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (17.1.2009) (online zu lesen auf Der Westen.) Für die Kritikerin beweist Albrecht Hirche mit seiner Inszenierung ("eine Reise (...) bis in die dunklen Abgründe des Seins. Macht und Sex, Selbstbehauptung und Unterwerfung, psychische und physische Gewalt spielen dabei eine Rolle – bis zur Folter"), dass Musils Roman auch hundert Jahre nach Erscheinen noch Gültigkeit besitzt. Auch die Schauspieler haben ihrer Ansicht nach "eindrucksvoll ihr Bestes" gegeben. Ein Abend, der, obwohl für Jugendliche in Zusammenarbeit mit Mülheimer Schulen, auf Grund des komplexen Stoffes und seiner "geistig-sinnlichen Bewusstwerdung" auch Erwachsenen zu denken gebe.

Für den weniger begeisterten Klaus Stübler von den Mülheimer Ruhrnachrichten (17.1.2009) erscheint der Roman für die Bühne "als ein Gedankenexperiment dieses Törleß" bearbeitet worden zu sein. Jedenfalls interessiere sich Albrecht Hirche nicht so sehr für die "äußere Handlung um Mobbing und Gewalt unter Jugendlichen". Stattdessen konzentriere sich die Aufführung eher auf die "innere Handlung" des unbeteiligt-beteiligten Törleß, der dem Eindruck des Kritikers zufolge "hinter der empirischen Wirklichkeit ein dunkles, verborgenes Sein erspürt und die Seelen der Mitschüler zu ergründen sucht". Es scheint, Stübler hat diese Lesart nicht besonders eingeleuchtet, und man ahnt: er befürchtet Relevanzverlust für den Stoff.

 
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