Kein Spiel auf hoher See

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. Januar 2009. Kant auf dem falschen Dampfer. Ein Glück nur, dass auch Sunnyi Melles dabei war. Sie war Rettung in des Zuschauers Sehnot. "Immanuel Kant" spielt auf einem Schiff. Der Philosoph gleichen Namens befindet sich auf der Überfahrt nach New York. Dort soll er von der Columbia-Universität geehrt und von seinem Glaukom geheilt werden, "das Augenlicht / für das Licht der Vernunft".

Der Denker-Star mit dem Grünen Star; Kant im falschen Jahrhundert, außer Zeit und Königsberg; der blinde Seher, der Amerika das Licht der Vernunft bringen soll, wenn nicht mit der Fackel der Aufklärung, so doch immerhin mit den Lampions vom Captain's Dinner; der misanthropische Philosoph mit dem Papagei als einzigem Vertrauten, der kategorisch "Imperativ, Imperativ, Imperativ" krächzt – Thomas Bernhards Stück ist befrachtet mit Chiffren und Metaphern, von der satirischen wie von der bloß kalauernden Sorte.

Und am Ende löst es sich in einer Pointe der leichtesten Art. Ein Knall, und die Luft ist raus aus dem abendfüllend aufgeblasenen Erwartungsballon: Bei der Schiffslandung wartet tatsächlich eine Delegation auf Kant, aber nicht von der Columbia-Universität, sondern "Ärzte und Pfleger eines New Yorker Irrenhauses".

Ruppig angerissene Fäden

Volker Hintermeier hat auf die Zürcher Pfauenbühne ein schön schaukelndes Schiffsdeck gebaut, das hat Seegang nach vorne und hinten, links und rechts; zugleich ist es ein Huis-clos, rundum abgeschlossen, Luft und Licht der Außenwelt dringen einzig durch Bullaugen und Lüftungsschlitze in den himmelfarbenen Wänden ein. Aha, denkt man: ein Verwirr- und Verschiebe-Spiel der Ebenen und der Wahrnehmungen. Ein tolles Bühnenbild, ein schönes Spielangebot an die Regie (Matthias Hartmann) – die darauf jedoch nicht weiter eingeht.

Worauf will sie aber eingehen? Schwer auszumachen. Ein bisschen unlustiger Slapstick, ein paar ruppig angerissene Fäden, die nirgendwo hinführen (so erstarren etwa alle in der ersten Szene, sobald Kant spricht, in der zweiten haben sie es schon wieder vergessen – und warum das eine, warum das andere, weiß man nicht), ein gleichgültiger Protagonist und nichts, an dem er sich entwickeln könnte.

Bar jeden Abgrunds

"Immanuel Kant" ist einer dieser Bernhard-Monologe, in denen sich um den Titelhelden komplementäre und kontrastierende Figuren gruppieren, und natürlich steht und fällt alles mit dem Hauptdarsteller und seiner Inszenierung. Michael Maertens ist als Kant sehr schnell auf eine monotone Wellenlänge eingeschwungen, spannend ist das nicht.

Sein Kant ist nicht tragisch und nicht komisch und schon gar nicht tragikomisch, er ist ein Buchhalter des Pathetischen, ein Tartuffe mit infantilen Herrschergesten. Er schnieft und schneidet auf, er kräht lauthals wie ein altkluges Kind – es bleibt immer dasselbe, und es ist viel zu glatt, zu klein, zu eng, um mitzureißen, bar jeden Abgrunds. Entsetzlich, ja, aber nicht im Bernhard'schen Sinn.

Sololäufer und Millionärrin

Die Inszenierung hilft ihm nicht. Sie beschränkt sich auf Arrangements, stilvolle Kleider (Su Bühler), macht aus einem Diener einen Bruder (Dramaturgie: Klaus Missbach) und lässt im Übrigen die Schauspieler ihre Sololäufe ziehen. Hans-Michael Rehberg ist ein schöner Kardinal, Karin Pfammatter eine beflissene Gattin, Traugott Buhre ein brummiger Admiral in Bernhard-Originaltonlage. Naja – viel ausrichten können sie mit ihren Zweiminutenauftritten nicht.

Erst mit Sunnyi Melles als Millionärin, oder "Millionärrin", wie Kant sie anspricht, sieht ein halbes Bild lang alles anders aus. Da lebt eine Figur auf, zeigt in kurzer Zeit ein ozeanisches Wellen- und Wogenspiel der unterschiedlichen Ebenen und Emotionen. Sunnyi Melles treibt jede Replik in den Höchstgrad ihrer Absurdität, und lässt dabei doch auch immer die eisige Grundströmung erkennen, die unter den Bernhard-Worten durchzieht.

Sie ist umwerfend, wenn sie sich in Leonardo-Di Caprio-Pose über die Reling reckt (auch "Titanic"-Chiffren würde Bernhards Text ja anbieten), triumphal nonchalant erzählt sie von ihrem Proletariergatten, der an der Luxusluft zugrunde ging, mit hinreißender Arglosigkeit fragt sie Kant: "Wo kann man denn Ihre Bücher kaufen?" – Da macht der Abend ein paar Minuten wirklich Spaß. Aber die muss man sich hart ersitzen.

 

Immanuel Kant
von Thomas Bernhard (Schweizer Erstaufführung)
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Su Bühler
Mit: Traugott Buhre, Marcus Burkhard, Marcus Kiepe, Michael Maertens, Sunnyi Melles, Wolfgang Michael, Karin Pfammatter, Michael Ransburg, Hans-Michael Rehberg, Fritz Schediwy, Siggi Schwientek

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu Matthias Hartmann? In Zürich sahen wir im Oktober 2008 die Uraufführung von Justine del Cortes Sex, im Dezember 2007 Molières Tartuffe und im September des gleichen Jahres Sophokles' Ödipus.

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.1.) schreibt Gerhard Stadelmaier über die "Zürcher Wiederhervorholung": Bernhard habe mit "Immanuel Kant" die "Symbolkomödie der sarkastischen Zurücknahme all dessen" geschrieben, "was Aufklärung und Fortschritt dem Menschen an Autonomie und Freiheit geschenkt zu haben glauben." Heute, stoßseufzt Stadlmaier, würden einen "im allgemeinen Strudel notorisch gewordener Unvernunft ja auch mehr wieder die Tagseiten der Vernunft interessieren", weil: "die Nachtseiten haben wir langsam so ziemlich durch." Wieso also noch "Immanuel Kant"? fragt der Kritiker und antwortet nicht. Matthias Hartmann nehme "den Irrenwitz, den man nur für die Verkleidung dieser Komödie hielt", schlicht beim Wort. "Michael Maertens als Wahn-Kant haut mit dem Stock in die Luft, als kommandiere er jetzt nur noch seinen Wahnsinn". Er spiele "mit der Laune aggressiver, chancenloser Verzweiflung in einer Art Existenz-Stakkato". Der Spielort: Eine "Narrenschiffszelle als Kursalon. Alle spielen darin mit, so, wie Kant, Spielmeister seines Wahns, sie haben will." Wo Maertens der "große düstere Irre" sei, ist Sunnyi Melles die "strahlende, leuchtende Irre". "Überschäumend und selbstgenießerisch und losgelöst" spiele Melles "die Quintessenz dieser Inszenierung, die das Narr- und Irrsein nicht beklagt und kritisiert, sondern es witzig und achselzuckend gelöst feiert".

Barbara Villiger Heilig beschwert sich in der Neuen Zürcher Zeitung (19.1.) ein bisschen, wie lange es dauert bis die Inszenierung in Fahrt komme. Hartmann habe dem Stück "den ironischen Zahn" gezogen. "Die Genrebezeichnung «Komödie»" übersetze er "etwas gar problemlos in Gags und Slapsticks". Der Kant im Stück personifiziere "Bernhards Ringen mit der Philosophie"; und dass zur Ankunft in New York "eine Delegation von Psychiatriepersonal aufwartet, sollte kein billiger Scherz sein, sondern bitterer Ernst: Für Vernunft findet sich laut Bernhard kein Platz im Irrenhaus der Welt". Aber der "Fast-Alles-Könner" Michael Maertens finde "den Ton diesmal nicht". Er recke "die dicken Brillengläser gen Himmel" und erkläre "mit plärrendem Organ" das Universum. "Vor allem aber tyrannisiert Maertens' Kant seine Umgebung nicht wirklich: Sie verfällt in Apathie". "Kant verlangt eine Kümmelsuppe ohne Kümmel, Hartmann serviert eine Bernhardkomödie ohne Bernhard. Bis dann glücklicherweise Sunnyi Melles die Sache auf Touren bringt." Die "schüttet Champagner in sich hinein oder auf den Boden, wobei sie ihrer ins Hysterische wachsenden Begeisterung – Donauwalzer, Luxusdampfer, Amerika, Kunst, Philosophie, Immanuel Kant! – mit kehliger Stimme und konvulsivem Lachen raumgreifend Ausdruck verschafft." Ganz zuletzt tauche noch ein "Gala-Ensemble" auf. Und die Herren Rehberg, Schediwy und Buhre nützten „ihren kurzen Auftritt, um zu zeigen, was kleine Rollen können.“

Auf der website des Zürcher Tages-Anzeigers (19.1.) schreibt Peter Müller recht milde über die Schweizer Erstaufführung der Bernhard-Komödie: "Thomas Bernhards Kant ist ein Ekel." Und Michael Maertens "reckt gockelhaft Kinn und Zeigefinger, beschwert sich pathetisch übers Wetter, verzerrt schmerzlich den Mund", er artikuliere scharf, "mit sinnschwangeren Pausen, schwadroniert von Tod und Untergang". Und trotzdem, auch Müller bemängelt es, dauere es "etwas lange, bis die Polemik in Fahrt kommt". Kant sei keiner "von Bernhards grossen Grantlern. Er bleibt harmlos und wenig komisch". Erst wenn die "wunderbare" Sunnyi Melles "langbeinig im schwarzen Dessous, mit Napoleon-Hut über die schwankenden Bretter" stöckelt, gerieten Hartmann und mit ihm das Publikum "in Stimmung".

Auch Wien schaut gespannt nach Zürich. Bald tritt Matthias Hartmann am Burgtheater seine Intendanz an. In der Wiener Presse (19.1.) schreibt Norbert Mayer: Matthias Hartmann gelänge trotz Geschwätzigkeit des Stückes "eine kluge Inszenierung". Eine "große Metapher" zeige Hartmann zu Beginn seiner Inszenierung. Auf einem zarten Schleier, der als Leinwand diene, "wogt es minutenlang in Schwarz-Weiß wie Rauch oder wie das Wasser einer Welle am Heck": "das Leben fließt vorbei (...) Öd und leer das Meer. Die Welt ist ein Irrenhaus, ein Papagei ist sein Prophet." Der Text, "wiewohl hoch musikalisch", wirke 30 Jahre nach seiner Uraufführung "wie eine verspätete, etwas geschwätzige Variante des absurden Theaters". Dennoch überzeuge die Aufführung vor allem durch "zwei Protagonisten, die den Abend zu einem glanzvollen machen. Besser als Michael Maertens und Sunnyi Melles kann man diese Karikatur eines Philosophen und einer Millionärin wohl kaum spielen." Maertens ziehe "alle Register beim Erzeugen dieser Kunstfigur". Er sei "heimtückisch, hilflos, besserwisserisch, voll Liebe zum Vogel und voll Hass auf Amerika – mühelos stimmt er diese Zustände auf den Text ab." Alles sei Karikatur, heißt es im Text. Am besten beherrsche Melles diesen Leitspruch, eine "begnadete Komödiantin", habe sie "das abgründig Komische an Bernhard nicht nur begriffen", sondern setze es auch "traumwandlerisch" um. "Selbst billige Gags gelingen ihr", sie spiele "alle an die Wand".

"Wenn es darauf ankommt, ist Hartmann ein Meister der elaborierten Langeweile auf dem Theater", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (20.1.). Bernhards "Kant", dem "zum Erfolgsstück die ganz große Suada" auf Österreich, alte Nazis, die bundesdeutsche Provinz oder das Theaterleben fehle, stelle die Frage, "wie das Denken nach Amerika kam. Und beantwortet sie auch: gar nicht". Wo der Autor, für den "Amerika nur eine Metapher der Geistlosigkeit" sei, nie so konkret werde, "wie es heute nötig wäre", enthalte sich Hartmann "jeder persönlichen Anteilnahme", belasse den Text "in einem blank gewienerten Theatermuseum, in welchem er die in solchen Rollen naturgemäß brillierende Sunnyi Melles als euphorische Schnapsdrossel und Michael Maertens als hysterischen Misanthropen sich selbst ausstellen lässt".

 

 

 

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