Drei Lulus für eine Baustelle

von Michael Laages

Hannover, 17. Januar 2009. So viel Baustelle ist selten. Aus den entlegenen Ecken eines abgetakelten, zum Abbruch fast schon frei gegebenen Varietés scheinen die Mitarbeiter für diesen Abend ihre ganz speziellen Handwerkszeuge hervor gekramt zu haben, um mal auszuprobieren, ob das noch geht: Saxophon spielen zum Beispiel.

Diese Bruchbude von Alissa Kolbusch haben ein paar sonderbare Künstler zum Aufnahmestudio umgemodelt; mit den Stimmen der Akteurinnen und Akteure (und dem schier grenzenlosen Erfindungsreichtum eines Geräuschemachers) entsteht gerade so etwas wie ein Hörspiel. Womöglich ist es aber auch der Soundtrack für einen Film – und wenn es nach dem jungen Mann mit der wilden Künstler-Mähne ginge, der da immer wieder in die Kommerz-Routine des Studio-Regisseurs herein platzt und offenbar auf einem Diktiergerät Sounds und Stimmen für eigene Kompositionen sammelt, dann entstünde in diesem Studio vielleicht etwas ganz Neues, etwas hyper-super-toll Modernes, etwas Noch-nie-da-Gewesenes: eine Oper vielleicht. Der junge Mann jedenfalls, vom Studio-Regisseur wie vom Vater und Finanzier immer wieder ausgebremst (denn: the show must go on, und zwar ohne all diese Kunst-Spinnerei!), sieht dem realen Komponisten Alban Berg ein wenig ähnlich.

Entdeckungsreise pur

Schon wer aus blanker Neugier (und ohne immer alles schon vorher zu kennen) ins Theater geht, kommt an diesem Abend im hannoverschen Schauspielhaus für ziemlich lange Zeit aus dem Staunen nicht heraus. "Lulu" ist in der Fassung des ungarischstämmigen Regisseurs David Marton vor allem dies: Abenteuer und Entdeckungsreise pur. Wer sich darüber hinaus noch einigermaßen auskennt mit Frank Wedekinds über hundert Jahre alter "Monstretragödie" um die mythisch-ewige Kindfrau Lulu, und vielleicht obendrein sogar mit der Oper zum Stück, die der Arnold-Schönberg-Schüler Alban Berg schon nicht mehr fertig stellen konnte, weil er 1935 starb, der staunt doppelt und dreifach – weil Marton ganz nebenbei nachweist, wie klug und sinnvoll es war, dass sich ausgerechnet dieser Komponist mit ausgerechnet diesem Drama künstlerisch auseinandergesetzt hat.

Unlängst war ihm das ja in Berlin bereits mit einer anderen Berg-Oper gelungen: mit "Wozzeck", die Marton auf engstem Raum mit dem literarischen Vorbild durchschoss, der mörderisch großen Verlierer-Ballade von Georg Büchner. Auch mit anderem musikalischen Material ist Marton ähnlich umgegangen, immer auf der Suche nach einem neuen Typus des musikalischen Theaters – aber besonders grandios scheinen ihm diese Forschungen dort zu gelingen, wo Theater-Text und Opern-Klang ohnehin in besonders enger Beziehung stehen.

Charme des Experiments

Hier tut sich dann nämlich in den jeweiligen Aufführungen (und jetzt bei "Lulu" in Hannover so unüberseh- und -hörbar wie nie) die Baustelle in der Baustelle auf – wo die Feinarbeit für Marton und zwei musikalische Spezial-Handwerker beginnt, den hochvirtuosen Pianisten Jan Czajkowski (der in der Aufführung den Klavier-Auszug spielt) und "Sir Henry", den an der Berliner Volksbühne zu beträchtlicher Einzigartigkeit herangewachsenen Klang-Tüftler aus Kanada (er zaubert später Teile des Orchesters aus dem Computer). Wedekinds Text wird mit Bergs Libretto-Passagen verschnitten; und also natürlich auch mit der Musik.

Im Zusammenklang beider setzt sich nun aber eben nicht nur das eine oder das andere durch, sondern eins ist die gesteigerte, die erregtere, die in jeder Hinsicht bereicherte Form des anderen. Und Martons Monteure behalten auf Dauer den Charme des Experiments bei – Lulus Mord am Liebhaber Schöning lässt der allgegenwärtige Studio-Regisseur immerhin gleich dreimal probieren, einmal mit ein bisschen mehr kommoder Filmmusik "wie von Hans Zimmer", dem deutschen Süßholz-Komponisten in Hollywood – sehr komisch.

Lulu, Lulu und Lulu

Geradezu logisch muss es in diesem Zusammenhang wirken, dass Lulu selbst gleich dreifach auftritt: Lilith Stangenberg als Spielerin, Yuka Yanagihara mit aller stimmlichen Disposition für Bergs Partitur und Koloratur und Yelena Kuljic als wunderlicher Zwitter der Künste (sie war auch schon Wozzecks Marie), die obendrein noch eine der hinreißendsten Jazz-Stimmen der aktuellen Szene besitzt. So kann sie Lulus Leidensgeschichte in der amerikanischen Ur-Version von Hildegard Knefs Song "Wenn das alles ist" erzählen, ohne viel mehr Worte machen zu müssen; so kann sie die Lead-Stimme übernehmen im "Blee-Blop-Blues" von "Manhattan Transfer", mit dem Marton das Problem des 4. "Lulu"-Aktes (die Flucht nach Paris und noch weiter) höchst elegant löst.

In diesem parallelen Jazz-Ton, dem Ton der Alban-Berg-Zeit, swingen auch die hannoverschen Schauspieler mit: Matthias Neukirch als Alt-Hippie Schigolch (mit Saxophon), Ben Höppner als Casti-Piani (und Studio-Regisseur mit Strom-Gitarre), Holger Bülow als Maler Schwarz und Gräfin Geschwitz, selbst Peter Knaack, der ansonsten als immens explosiver Schöning zur zentralen Spiel-Figur wird. Christian Friedel als Sohn Alwa (und Komponist Berg mit Diktaphon) kann ohnehin prächtig singen; und mit Thorbjörn Björnsson, der zu Anfang der Geräuschemacher ist, stößt immer wieder ein Bariton von beträchtlichem Furor dazu: für alle gesungenen Männer-Parts.

Auch im Ensemble siegt das Prinzip Abenteuer: Was die alles können! Auch wer gerade wer ist, und von wem: von Wedekind oder Berg – auch das bleibt angenehm unklar. Als nach zwei Stunden auch das "Lulu"-Finale (vermutlich aus der Nach-Komposition von Friedrich Cerha, der das Berg-Fragment Ende der 70er Jahre vervollständigte) ein bisschen wie angeklebt den Schlusspunkt setzt, atmet die Baustelle durch. Alles an dieser Wedekind-und-Berg-Hütte passt, es wackelt wenig und hat viel Luft. Das neue Opernhaus steht.


Lulu
nach Frank Wedekind und Alban Berg
Regie: David Marton, Bühne und Kostüme: Alissa Kolbusch, musikalische Bearbeitung (und an Flügel und Keyboards): Jan Czajkowski, Sir Henry, Dramaturgie: Beate Heine. Mit Yelena Kuljic, Lilith Stangenberg und Yuka Yanagihara; Matthias Neukirch, Peter Knaack, Christian Friedel, Holger Bülow, Thorbjörn Björnsson und Ben Höppner.

www.schauspielhannover.de

 

Wir sahen David Martons "Wozzeck" im November 2007 im Rahmen der Opernzeit-Zeitopern an der Volksbühne.

 

Kritikenrundschau

Für Katrin Bettina Müller von der taz (20.1.2009) ist das Setting, ein "heruntergekommes Tonstudio für Hörspielaufnahmen, Filmsynchronisationen und hysterische Szenen im Off", "die ideale Kulisse" für die "Lulu"-Version Martons, der für eine seiner "funkelnden Fragmentierungen von dem, was einmal große Oper war", wieder ein "Team genialer Crossover-Artisten" um sich geschart hat. Die bleibe einerseits nah bei Wedekind und Berg und erzähle andererseits "eine Geschichte von Vamp und Kindsbraut im Kino und anderen populären Medien" und sei "immer auch ein Making of Lulu". Die dreifache Lulu sei "bei dieser Projektionsfülle" "nur logisch". Ihr Paradoxon, "um so weniger fassbar zu sein, je mehr sie geformt wird", gerate dabei in eine Endlosschleife. Nicht nur das "macht Sinn", sondern auch das "Neben- und Ineinander" von Alban Berg und Jazz: Marton gehe "mit beiden Ebenen illustrierend um, mit Berg die Künstlereinsamkeit und das Ringen im gesellschaftlichen Abseits skizzierend, mit dem Jazz den Glamour und die Dekadenz, durch die Lulu sich bewegt".

"Großartig", "frech", "voller Überraschungen" findet Siegfried Barth in der Hannoveranischen Zeitung Neuen Presse (19.1.2009) David Martons Inszenierung. Die Musik von Berg hinüber zu Modernem gleitend könne "explodieren, als ob beim Bohren plötzlich Öl sprudelt". Jan Czajkowski und Sir Henry demonstrierten "wie dramatisch Zwölftonmusik don­nern und krachen kann, wenn man das nur will." Wenn Schauspieler Zwölftonmu­sik singen, sei das nicht immer per­fekt, "aber oft leidenschaftlich". Wie überhaupt "nicht Perfektion, aber Leiden­schaft" den ganzen Abend auszeichne. "Man mag Martons Methode musikalische Willkür nennen. Aber die gehört wohl auch zu diesem hochkreativen Spiel."

Auf NDR Kultur bemerkt Jan Ehlert: Marton inszeniere "außerordentlich intensiv", mit "wenigen Atempausen für die Zuschauer" und getrieben von einer "ausdruckstark kommentierenden" Musik, die so "treffsicher" komponiert sei, dass die immer wieder "aufschimmernde" Originalmusik von Alban Berg sich übergangslos einfüge.  Eine "hervorragende musikalische Bearbeitung" von Jan Czajkowski, der man "die Freude am Experimentieren" anhöre.

 

 
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