Phänomenologie eines sozialen Zustands

von Jürgen Reuß

Freiburg, 23. Januar 2009. "Wir stecken mitten in einer Krise […], weil wir als Kollektiv versäumt haben, harte Entscheidungen zu treffen und diese Nation auf die neue Zeit vorzubereiten", sagte Barack Obama in seiner Antrittsrede. Das Theater Freiburg nimmt dieses Zitat nicht nur als Motto für seine jüngste Premiere, die "Bettleroper", sondern hat es mit diesem Schauspiel bereits umgesetzt.

Denn bevor Obama seine Rede überhaupt gehalten hat, haben sich sechs Schauspieler sechs Wochen lang mit Armut als der kommenden Leitkultur beschäftigt und ihre Erfahrungen unter der Regie von Christoph Frick und mit Hilfe von Freiburger Expertinnen und Experten – Hartz 4-Empfänger, Bauwagenbesitzer, (ehemalige) Bettler und Flaschensammler – zu einem "musikalischen Training" für die neue Zeit gebündelt. Die Popmusikerin aus der Hamburger Schule, Bernadette La Hengst, besorgte den passenden Soundtrack und formte aus den Armutsexperten einen Bettlerchor.

Volksküche Theater
Eine solche andere Form der Theaterarbeit sorgt am Premierenabend auch gleich für eine andere Atmosphäre. Heißt es sonst eher: Drinnen nur Bürgerkultur, Armut bitte draußen lassen, sind heute Obdachlose und Flaschensammler die Gastgeber. Sie weisen den Weg und helfen den Zuschauern ihre Plätze zu finden. Das heißt, das mit "Drinnen nur Bürgerkultur", wäre für das Freiburger Theater unter Intendantin Barbara Mundel eine unfaire Beschreibung.

Seit ihrem Amtsantritt versucht ihr Team beständig, die üblichen Grenzen des Theaters zu verschieben. Es inszeniert in umliegenden Dörfern, mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten oder stellt ein Roma-Theaterprojekt auf die Beine. Das hat auch eine Verschiebung im Premierenpublikum zur Folge. Zur Bettleroper mischen sich weitere Armutsexperten und Bernadette-La-Hengst-Fans unter die üblichen Gesichter.

Das Tisch-Stuhl-Ensemble der Bühne (Clarissa Herbst) wirkt wie eine Mischung aus letztem Abendmahl, Schulungszimmer und Volksküche. Bernadette La Hengst schrammelt auf der Gitarre, ein Experte trommelt unglaublich cool auf dem Schlagzeug. Die Bühne sortiert sich, vordere Stuhlreihe die Schauspieler, hintere Reihe der Bettlerchor. Es folgt zunächst die Anklage gegen die professionellen Geldverbrenner aus der Banken- und Politbranche. Der erste Song rollt an: "Wo kriegen sie die Millionen her? Vom Staat. Und wer hat den gewählt? Das ist doch unser Geld."

Musikalische Leitfäden fürs kommende Prekariat
Dann wird das Expertenwissen ausgebreitet: Wie bettelt man erfolgreich, wo bekommt man eine Suppe, wo Kleidung, wo ein Bett? Welche Formulare muss man ausfüllen, welche Fragen stellen die da? Kann ich als Student auch Hartz 4 bekommen, ist Kindergeld Einkommen? All das wird mal als Verwaltungslitanei, mal als Interview, mal im Vier-Augen-Gespräch mit dem Publikum, mal hinausgeschrien, mal hingebrabbelt serviert. Im Hintergrund wird ein Chili con carne zubereitet, zu dem das Publikum nach der Vorstellung auf der Bühne eingeladen wird.

Zwischendurch immer wieder ein La-Hengst-Song, ein musikalischer Leitfaden fürs kommende Prekariat mit Titeln wie "Mitleid", "Abstieg", "Grundeinkommen Liebe", "Flaschenfolk", "Angst als Antrieb" oder "Avantgarde Bettler". Ein peppiger Abend, der auf unterhaltsame Weise einen Reiseführer der Armut für Freiburg erstellt und die Erodierung des Selbstwerts in der Hartz 4- Verwaltungsmühle fühlbar macht. Ein Abend, der funktioniert, weil die Laiendarsteller als Phänomenologen eines sozialen Zustands auftreten und sich nicht als individuelle Freaks exhibitionieren müssen.

Und weil sie dafür, dass sie ihre Gesichter, in denen mehr Geschichten zu lesen sind, als an diesem Abend erzählt werden, öffentlich machen, von den Schauspielern dadurch etwas zurückbekommen, dass diese hinter ihren Rollen hervorkommen, Persönliches preisgeben und sich im wahrsten Sinne des Wortes nackt auf die Straße wagen. Ein stimmiger Abschluss also, dass auch dem Publikum im zweiten Teil des Abends Gelegenheit gegeben wurde, selbst das bisschen Mut aufzubringen, sich mit allen Akteuren gemeinsam an den Tisch zu setzen.


Bettleroper
Ein Schauspiel mit Musik von Bernadette La Hengst
Regie: Christoph Frick, Bühne und Kostüme: Clarissa Herbst, Musik: Bernadette La Hengst, Dramaturgie: Carolin Hochleichter.
Mit: Frank Albrecht, André Benndorff, Anna Böger, Nicola Fritzen, Bettina Grahs, Melanie Lüninghöner. Bettlerchor: Christine-Sophie Arnold, Falko Gottsberg-Jakobs, Uli Herrmann, Dietrun Jochim, Jeannette Joseph, Georg Kaiser, Johanna Krause, Sonja Seelig, Hannes Moritz, Thomas Seifert und Wolfgang Steidel.

www.theater.freiburg.de
www.lahengst.com


Zuletzt war nachtkritik.de im November 2008 in Freiburg bei Dea Lohers afghanischem Monolog Land ohne Worte und in Teil II von Sebastian Nüblings Familienforschung Mütter. Väter. Kinder.

 

Kritikenrundschau

An die Tradition der "Dreigroschenoper" knüpfe Frick/La Hengsts "Bettleroper" an und übertrage sie auf die deutschen Umstände im Jahr 2009, schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (26.1.2009). Das seien nicht zuletzt bürokratische Umstände. Genau festgelegt sei, was einem Hartz-IV-Empfänger an Waren, Bekleidung, Wohnung und Hygiene zusteht. "Im Vortrag der sechs Schauspieler (...) verwandeln sich diese Listen in einen ironischen Kommentar zum Armutsbericht der Bundesregierung." Kann man mit Politikerphrasen, Expertengeschwurbel und Amtsdeutsch eine Aufführung bestreiten? Und Betroffene auf die Bühne stellen, ohne sie dem Voyeurismus anheim zugeben? "Man kann", antwortet Schulte sich selbst, "wenn der Abend so leicht, so spielerisch, so witzig und so nüchtern 'unbetroffen' daherkommt wie dieser." Auch die Schauspieler lassen bloßes Rollenspiel hinter sich, denken laut darüber nach, auf was sie verzichten würden, wenn sie müssten. "Wobei man natürlich nie weiß, ob das alles stimmt: Die Inszenierung definiert als Inszenierung einen fiktionalen Rahmen." Fazit: "Ärmer leben: Die Freiburger "Bettleroper" zeigt, wie das gehen kann", und La Hengsts Kompositionen führen "geradezu aufopferungs-, aber durchaus lustvoll vor, wie minimale sagen wir Hartz-IV-Rockmusik klingt."

Weniger revuehaft sah Annette Hoffmann (taz, 26.1.2009) den Abend. "Christoph Frick zwingt die Zuschauer, genauer hinzusehen, die Bedürftigen einmal nicht als Verkörperungen der eigenen Abstiegsängste wahrzunehmen, sondern die Gesichter, die jeweiligen Eigenarten, aber auch ihr Potenzial zu erkennen." Von den konkreten Lebensgeschichten erfahre man dabei eher am Rande, die Vorlage von John Gays "Beggar's Opera" diene als "ästhetische Form, die Distanz schafft". Ähnlich würden die Lieder von Bernadette La Hengst eher verallgemeinern. "Viel Staatstragendes" sei von den sechs Schauspielern zu hören, die an der vorderen Reihe an Tischen Platz genommen haben, während die Laien hinten sitzen. "Seit Barbara Mundel 2006 die Leitung des Theaters Freiburg übernahm, wird auf seinen Bühnen viel diskutiert (...) ein Hauch sozialer Utopie weht durch das Theater, auch in Christoph Fricks Inszenierung, die mit viel guter Laune zu einem neuen Miteinander auffordert." Und doch sei das Theater keine politische Anstalt, sondern allenfalls Anstifter. "Es bleibt ein Ungenügen zurück, schlicht, weil die sozialen Probleme nicht gelöst sind."

 
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